Die Presse in Frankreich und Deutschland miteinander vergleichen

Valérie Robert,
La presse en France et en Allemagne.
Une comparaison des systèmes suivie
d’un lexique allemand-français de la presse,
Les fondamentaux de la Sorbonne Nouvelle,
Paris: Presse Sorbonne Nouvelle, 2011.
183 S. ISBN: 978-2-87854-564-7

Ein Blick in das Schaufenster des Verlags Sorbonne Nouvelle. Ein Zufallsfund! Das Buch von > Valérie Robert mit einem Vergleich der Presse in Frankreich und Deutschland ist ein sehr nützliches Arbeitsinstrument für weitere Untersuchungen.

Sie beginnt mit vergleichenden statistischen Angaben für die Nutzung aller Pressemedien in Deutschland und Frankreich aus und bezieht dabei andere europäische Länder ein, um die Größenordnungen zu verdeutlichen. Die Deutschen lesen mit durchschnittlich 40 Minuten täglich 10 Minuten länger in Tageszeitungen. Die Internetnutzer liegen mit einem Anteil von 79 % und 80 % an der Gesamtbevölkerung in beiden Ländern nahezu gleich auf.

Dann untersucht Valérie Robert den Status der Presse und die Rolle des Staates, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Presse sowie die Verkaufsbedingungen der Presse beiden Ländern. Das Kapitel über die Eigentumsverhältnisse und die Konzentration im Pressewesen zeigt große Unterschiede. In Frankreich teilen sich 10 Unternehmen rund dreiviertel des Marktes für Tageszeitungen, während in Deutschland neun Unternehmensgruppen etwas mehr als ein Viertel des Marktes für Tageszeitungen beherrschen.

Besonders interessant ist ihr Kapitel über die Tagespresse, in dem sie auch den Absatz der BILD-Zeitung in Deutschland untersucht und die Frage nachgeht, warum eine Bild-Zeitung in Frankreich nicht möglich ist. (S. 100 ff.) Weitere Themen sind die Nachrichtenmagazine, ein Kapitel über die Reaktionen angesichts der Wirtschaftskrise.

Ihre beiden Kapitel über die Online-Presse und zu einer Soziologie des Journalismus in Frankreich und Deutschland dürften bei Studenten und Forschern, die sich mit den deutsch-französischen Beziehungen beschäftigen, auf besondere Aufmerksamkeit stoßen. Mit den Kenntnissen, die Valérie Robert hier vermittelt, gelingt es ihr, echtes Interesse für den Einstieg in diese Themen zu erzeugen. Ihr Buch enthält mehr als nur eine Vergleichende Medienkunde, Robert schärft den Blick für die Verhältnisse beim Nachbarn, sie präsentiert so implizit auch eine Anleitung, wie man die Nachrichtenaufbereitung > in den verschiedenen Medien beiderseits des Rheins vergleichen könnte. Ihr Leser wird sich schnell darüber im klaren werden, dass nicht nur die Meldungen oder Kommentare als solches in den verschiedenen Medien miteinander verglichen werden sollten, sondern dass eine Vielzahl anderer Aspekte wie die Definition des Berufs des Journalisten, journalistische Praktiken oder auch die Struktur der Medien, sie nennt es die „Structuration du champ journalistique“ (S. 153-157) bei solchen Analysen und Vergleichen zu berücksichtigen sind.

Ihre Arbeit präsentiert sich für ein Handbuch für deutsch-französische Forscher, genauso wie eine Art Vademekum für Studenten, die bei den Medien des Nachbarn ein Praktikum machen können, wie auch als eine willkommene Referenz für Grundlagen vergleichender Arbeiten und als Inspirationsquelle für Studenten, die auf Themensuche im Bereich der Medien in Frankreich und Deutschland sind.

Man lernt am meisten über das eigene Land, wenn man es von außen im Vergleich mit anderen Ländern betrachtet. Dies gilt besonders für Frankreich und Deutschland (> Alfred Grosser), die sich so nahe sind, und dennoch bei genauerer Betrachtung besonders in den Medien so große Unterschiede bei den Lesegewohnheiten, auf dem Zeitungsmarkt und besonders im Verhältnis zum Staat aufweisen.

In beiden Ländern gibt es ähnliche Tendenzen zur fortschreitenden Digitalisierung auch in den Medien und besonders im Pressewesen. Beide Länder sind im Umbruch, es gibt ähnliche Antworten aber oft mit unterschiedlichen Ergebnissen. Die neuen Herausforderungen auf dem Gebiet der Werbung könnten in beiden Ländern zu noch mehr Konzentration im Pressewesen führen.

Ein Abkürzungsverzeichnis und ein „Lexique allemand-français de la presse“ ergänzen diesen Band.

Valérie Robert ist in der Universität Sorbonne Nouvelle Maitre de Conférence im Département : Etudes Germaniques. Sie ist auch zuständig für den Studiengang > Master professionnel „Formation à la pratique du journalisme européen“ (parcours allemand).

Heiner Wittmann
> Valérie Robert sur le site d’actualité des médias erwanngaucher.com
Entretien mené par Erwann Gaucher le 21/02/2012

 

Web 2.0 in der Schule

Will Richardson

Wikis, Blogs und Podcasts.
Neue und nützliche Werkzeuge für den Unterricht

übers. v. E. und J. Ohnacker
Überlingen: TibiaPress 2011
ISBN: 978-3-935254-17-5

Mit der Übersetzung der 3. Auflage des Bandes von Will Richardson, der 2010 in den USA erschienen ist, liegt jetzt ein nützliches Buch vor, dass alle Perspektiven von Web 2.0 für Schule und Unterricht umfassend vorstellt. Naturgemäß werden viele amerikanische Beispiele gezeigt, und die deutschen Übersetzer haben auch deutsche Beispiele aufgenommen und verweisen auf ihre Website für das Buch, (nach
http://bit.ly/hRQ7zg – nach „bit“ fehlt im Buch, S. 11, ein Punkt) wo der Leser weitere deutsche Beispiele finden kann.
Kann man mit Web 2.0 besser lernen? darf man sich fragen, wenn man dieses Buch aufschlägt. Im ersten Kapitel wird ein Überblick über das interaktive Web angeboten. Der Abschnitt „Soziales Lernen“ verheimlicht nicht „die Kluft zwischen Lehrern und Schülern“, die „durch das interaktive Web eher noch“ größer wird. (S. 25) Folglich ist dieses Buch auch eine Anleitung für Lehrer, ein Ansporn, sich mit den neuen Möglichkeiten des Web zu beschäftigen, die im Abschnitt Werkzeugkasten (S. 28 f.) kurz uns prägnant aufgezählt werden. Weblogs, Wikis, Twitter, Podcasts und soziale Netzweiten sind Hilfsmittel für den Unterricht, sie werden den Lehrer nicht von seinen Hauptaufgaben, nämlich der Vermittlung von Stoff und der Anleitung der Schüler abhalten. Damit wird hier zumindest indirekt die Frage nach dem Erfolg des selbständigen Lernens gestellt. Erst kürzlich hat Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit. Wie lernen gelingt auf die Notwendigkeit des Frontalunterrichts hingewiesen.
Im 2. Kapitel wird die pädagogische Theorie und Praxis von Weblogs vorgestellt. Die Anwendungsmöglichkeiten von Weblogs im Unterricht (S. 68 f.) zeigen die ganze Vielfalt von Blogs in der Schule. Aber gerade in dieser Vielfalt geht einer der Kernaspekte eines Blogs ein wenig unter. Arbeiten viele an einem Blog mit, wird er nur selten eine Seele bekommen. Viele zusammen können nur den gewünschten Erfolg erzielen, wenn eine verantwortliche Hand, die Inhalte ordnet und zusammenführt. Nebenbei vermittelt der Autor in diesem Kapitel auch wichtige Hinweise auf die Medienkunde: Schüler müssen lernen, Quellen zu bewerten und sich nicht auf die erstbeste Quelle zu verlassen. Im 3. Kapitel geht es um den Einstieg in eigene Weblogs. Richtig: Klein anfangen (S. 79). In Deutschland gibt es schon eine von Unterrichts- und Schulblogs (S. 91-94).
Ganz andere Möglichkeiten bieten Wikis. Die vielen Adressen, die in diesem Kapitel angeboten werden, müssten auf einer Website angezeigt werden, damit dieses Kapitel leichter durchgearbeitet werden kann. Wikipedia wird manchen Schüler hilflos machen und ihn überfordern. Die Textmenge mancher Einträge ist kaum zu bewältigen und in ihrer Komplexität für den Unterricht nicht geeignet. Man darf auch kritisch fragen, ob manche Wikipedia-Artikel gar ein Ausgangspunkt (S.101) für weitere Recherchen der Schüler sein können. Ganz andere Möglichkeiten ergeben sich mit eigenen Wikis, in denen Unterrichtsergebnisse von den Schülern dokumentiert werden: Liste der Schulwikis: S. 115.
Die Nutzung von RSS-Feeds (S. 117-132) ist schon höheres Web 2.0 und wird in diesem Buch sehr einleuchtend beschrieben dürfte aber erst zum Zuge kommen, wenn Lehrer und Schüler sich mit Blogs mehr vertraut gemacht haben.
Kapitel 6 stellt das soziale Web vor: Gemeinsam lernen: „Die kollektive Konstruktion von Wissen durch alle, die bereit sind, dazu beizutragen, verändert gleichzeitig unsere Definition von Lehren und lernen auf allen Ebenen.“ Ds ist eine charmante Umschreibung für die Informationsflut, die ein soziales Netzwerk wie Facebook mit sich bringt. Das Lernen an sich wird dadurch überhaupt nicht verändert. Ohne Anleitung, ohne die Vorgabe von Inhalten und Methoden sind Schüler im Mitmachnetz verloren. Schon in den traditionellen Suchmaschinen, die auf ihrer Homepage nur eine karge Eingabezeile, hinter der sich das WWW versteckt, anbieten, müssen Schüler erst lernen sich zu orientieren. Zu leicht werden mit Twitter und Wikipedia die Grenzen zwischen bloßem Informationen und tatsächlichem Wissen verwischt. Auf S. 134 wird der Unterschied von komplexen Netzwerken und dem herkömmlichen Unterricht erläutert. Nein, im Unterricht findet die Arbeit des Schülers nicht „meist isoliert“ statt. Es kann dazu kommen, wenn der Unterricht sich nur auf den Frontaleinsatz des Lehrers beschränkt. Unterschiedliche Sozialformen schaffen aber ein Netzwerk in der Klasse, das in seiner Wirkung nicht unterschätzt werden darf. Web 2.0 ist ein Hilfsmittel aber nicht ein Ersatz für alle Unterrichtsformen, wie es hier anklingt. In diesem Sinn sind Flickr, Podcasts, Videos, Screencasts und Livestreams (Linkliste S. 191) eher „Behälter“ für Unterrichtsinhalte aber kein Ersatz für Unterricht.

Soziale Netzwerke wie Facebook und Ning werden im 9. Kapitel vorgestellt. Dem Autor sind die Dummheiten bewußt, die mit diesen Diensten angestellt werden können. Er tritt aber doch dafür ein, dass diese Netzwerke auch im Unterricht thematisiert werden sollten.

Kapitel 10 und der Epilog diskutieren die „Neue[n] Perspektiven für den Unterricht“: „Niemand kann ernsthaft in Frage stellen, dass sich das Internet weiterhin und mit rasender Geschwindigkeit zur umfassendsten Informationsquelle der Geschichte entwickeln wird.“ (S. 215) In der Tat, die Vielfalt der sich rasch im Umfang vergrößernden Inhalte ist bemerkenswert. Aber die Unterstützung des Internets bei der Abfassung einer Hausarbeit, eines Referates hält sich in Grenzen. Mit Hilfe des Internets kann man kein Buch über Camus schreiben. Keinen Roman von Balzac analysieren. Und die Versuchung, ein Referat über die deutsch-französischen Beziehungen mit Versatzstücken aus dem WWW zu füttern, ist größer, als der tatsächliche Erkentnnisgewinn. „…bei der Schaffung von Inhalten [wird] zunehmend gemeinschaftlich gearbeitet“ (S. 215). Mit Recht sagt der Autor nicht, dass gemeinschaftlich gelernt wird. Trotz aller Errungenschaften wird auch künftig individuell gelernt werden. Und Die Beschaffung von Inhalten ist und bleibt wohl auch eine individuelle Leistung, da das Lesen keine Gemeinschaftsaufgabe werden kann. Die Gretchenfrage lautet daher, ob Wissen durch „soziale Prozesse geschaffen und erworben wird“ (S. 216) Natürlich und ohne Zweifel eröffnet das Web 2.0 mit seinen schon jetzt völlig unübersehbaren Angeboten ein riesiges Betätigungsfeld, für das aber Schüler auch künftig eine Anleitung benötigen werden. Diese Anleitung kann und muss ihnen die Schule vermitteln. Den Horizont für die Vielfalt der Angebote und Inhalte im WWW erwerben sie nicht im Netz selber, sondern durch Lehrer, die ihnen diese Welt öffnen.
Die „Bedeutenden Veränderungen“ (S. 218-226): Open Content. Lernen soll durch einen Unterricht nach dem Open-Source-Prinzip ersetzt werden. S. o., dahinter verbirgt sich ein Ruf nach gemeinschaftlichem utopischen Lernen. Lesen und Lernen kann man dem einzelnen Schüler nicht abnehmen.
Der Band ist wegen der vielen Hinweise auf Webprojekte jeder Art im Unterricht und in der Schule eine gelungene Einführung in das Thema „Web 2.0 im Unterricht“. Der Band ist auch gelungen, weil er er einen interessanten Diskussionsbeitrag zum Nutzen von Web 2.0 in der Schule mitliefert. Manchmal überwiegt hier die Begeisterung für die neuen Möglichkeiten.

 

Heiner Wittmann

Sartres Literaturtheorie: Appeler un chat un chat. Bibliographie

Appeler un chat un chat. Sartre et les lettres.
Über Sartre, Qu’est-ce que la littérature? Paris 1948.
Vortrag anläßlich des jährlichen Treffens der Groupe d’études sartriennes, Sorbonne, Paris

Erschien im Jahrbuch der Sartre-Gesellschaft:
Appeler un chat un chat. Sartre et les lettres, in: Sartre et Knopp, Peter / von Wroblewsky, Vincent (Hrsg.), Carnets Jean Paul Sartre. Reisende ohne Fahrschein, Reihe: Jahrbücher der Sartre-Gesellschaft e.V. – Band 3, Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2012, S. 191-198.

Heiner Wittmann > Sartre and Camus in Aesthetics

Bibliographie zum Aufsatz: Appeler un chat un chat. Sartre et les lettres:
Jean-Paul Sartre, Bibliographie im Bild Jean-Paul Sartre, Werkbibliographie
Liens Internet

Baier, L., Sartres Schreibseligkeit, dans : Merkur 415, Klett-Cotta, Stuttgart 1983 (197-201).
— Was wird Literatur?, Wespennest, Wien 1993.

Bauer, G. H., Sartre and the Artist, University of Chicao Press, Chicago 1969.
En français: Sartre et l’artiste, trad. p. S. Astier-Vezon, Jepublie 2008.

Béja, A., Au-delà de l’engagement : la transfiguration du politique par la fiction,
in: tracés. Revue des sciences humaines, octobre 2006, p. 85-96.

Bridet, G., De Sartre à Houellebecq. La remise en cause de l’universalisme de la littérature française, dans : Etudes sartriennes, Dialectique et littérature avec des equisses inédites de la Critique de la Raison dialectique, éd. F. Caeymaex, G. Cormann, B. Denis, Paris, 2005, p. 283-305.

Contat, M., Sartre Jean-Paul, 1905-1980, dans : Dictionnaire des philosophes (éd. D. Huisman), t. II, Presses universitaires de France, Paris 1984 (2298-2309).
—:  (éd.), Pourquoi et comment Sartre a écrit „Les Mots“. Genèse d’une autobiographie, Presses universitaires de France, Paris 1996.

Denis, B., Littérature et engagement : de Pascal à Sartre, Paris: Seuil 2010.
— Les fins de la littérature. Apories et contradictions de l’histoire littéraire sartrienne
http://www.fabula.org/atelier.php?Les_fins_de_la_littérature
— Retards de Sartre, dans : Etudes sartriennes. Dialectique et littérature avec des equisses inédites de la Critique de la Raison dialectique, éd. F. Caeymaex, G. Cormann, B. Denis, Paris, 2005, p. 189-209.

Knee, P., Sartre et la prais littéraire , in: Laval théologique et philosophique, vol. 39, n° 1, 1983, p. 69-92. id.erudit.org/iderudit/400006ar

König, T. (éd.), Sartres Flaubert lesen. Essays zu „Der Idiot der Familie“, Rowohlt, Reinbek/Hambourg, 1980.
— (éd.), Sartre. Ein Kongreß, Rowohlt, Reinbek/Hambourg, 1988.
— Nachwort, dans : Sartre, Mallarmés Engagement. Mallarmé (1842-1898), (éd. et traduit par T. König), Rowohlt, Reinbek/Hambourg 1983, (197-214).

Mayer, H., Anmerkungen zu Sartre, Neske, Pfullingen 1972.
Lecarme, J, La théorie de la littérature selon Sartre et selon Blanchot, dans: Études sartriennes. Dialectique et littérature avec des equisses inédites de la Critique de la Raison dialectique, éd. F. Caeymaex, G. Cormann, B. Denis, Paris, 2005, p. 211-229.

Michelers, D., Röttgers, B, In Freiheit leben – Jean Paul Sartre und seine Zeit.
ISBN : 3-455-30420-6 Inhalt : 1 CD, 55 Minuten, 8-seitiges Booklet Hoffmann und Campe

Rossum, W. van, Sich verschreiben. Jean-Paul Sartre., 1939-1953, Fischer, Francfort/M., 1990.

Winock, M., Sartre s’est-il toujours trompé ?,
dans: www.diplomatie.gouv.fr/fr/IMG/pdf/0203-Winock-FR-5.pdf

Wittmann, H., L’Intellectuel est un suspect, dans : R. E. Zimmermann, (éd), Sartre. Jahrbuch Eins, Westfälisches Dampfboot, Münster 1991 (66-84).
— L’esthétique de Sartre. Artistes et intellectuels, traduit de l’allemand par N. Weitemeier et J. Yacar, Paris: Éditions L’Harmattan (Collection L’ouverture philosophique), 2001.
ISBN: 2-7475-0849-8

Sites Internet

  www.sartre-ges.fr
  www.sartre-gesellschaft.de

  Rezeptionsästhetik – Wikipedia
 
Théories de la réception et de la lecture selon l’école de Constance – Wikipédia

  Open access
  Heidelberger Appell –   Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte

Muss man das Urheberrecht beschränken?

Wir brauchen ein europäisches Urheberrecht, auf das wir uns verlassen können.

Romanistik 2.0. – Das Mitmach-Internet und die Wissenschaft

 

Die Bildschirm-Gesellschaft

Divina Frau-Meigs,
Penser la société de l’écran.
Dispositifs et usages
Les fondamentaux de la Sorbonne Nouvelle,
Paris: Presse Sorbonne Nouvelle, 2011.
141 S. ISBN: 978-2-87854-512-8

Noch ein Blick in das > Schaufenster des Verlags Sorbonne Nouvelle. Ein weiterer Zufallsfund! Das Buch von > Divina Frau-Meigs mit einer grundsätzlichen Untersuchung des kleinen leuchtenden Rechtecks, das uns seit einigen Jahren in allen möglichen Größen ständig in unserem Gesichtsfeld auftaucht, bunte flackernden Bilder, viel Grafik und meist wenig Text zeigt und ständig unsere Daten haben will. „Inoffensif en apparence, il détient pourtant le potentiel descriptif de détroner durablement la culture textuelle de la culture visuelle,“ steht auf dem Klappentext dieses Buches und Frau-Meigs meint nichts anderes als die immer ärgerlichere Entwicklung jedes Webangebots, ob es zu Hause oder mobil unterwegs gelesen wird. Außer den gewünschten Texten gibt es immer viele Grafiken und eine Bilderflut, die mit dem gesuchten Text nichts zu haben, aber ständig unserer Aufmerksamkeit erheischen wollen.

Frau-Maigs beginnt mit einer historischen Darstellung und zeigt die Entwicklung vom Fernseher zum Computerbildschirm und demonstriert dabei die Eigenheiten, die das Medium hinsichtlich der Bilddarstellung für sich reklamiert.

Das Thema des zweiten Kapitel ist die Unterwerfung des Bildschirms unter die Konsumzwänge. Daraus entwickelt sie geschickt das dritte Kapitel „Imachiner une techno-logique – mit Lumanns Worten, > Das Medium ist die Massage. Im vierten Kapitel vertieft sie diese Ansätze und erläutert die Bildersprache, die der Bildschirm provoziert. Im fünften Kapitel analysiert sie die Auswirkungen auf die Zuschauer: Du citoyen au netoyen. (S. 111) oder De l’ouvrier au metayer (S.115). Ihre Anmerkungen zu > Blogs und Bloggern (der Autor dieser Zeilen ist auch einer) sind knapp, bündig und genau zutreffend. Blogs werden von den Medien imitiert. Frau-Meigs weiß aber auch, dass zum Beispiel bei Blogs die Technik weniger eine Veränderung der politischen Kultur bewirkt, sondern vor allem die Praxis der journalistischen Arbeit modifizieren wird.

Im Kern enthält ihr Buch alle Themen, die auch in den Schulen zu einem Fach Medienkunde gehören müssten, die die Autorin in ihrer Schlussbemerkung (S. 128) mit Nachdruck fordert. Früher lasen die S-Bahn-Reisenden ihre Zeitung, heute haben sie einen Knopf im Ohr und wischen mit dem Finger dauernd oft gelangweilt über die Oberfläche ihres Smartphones und lassen sich wie vor dem Fernseher mit Inhalten aller Art berieseln. Immer neue Apps werden geladen, die Kommunikation wird durch die Gewöhnung an SMS auf einige schnelle Bemerkungen reduziert.

Frau-Maigs nüchterne Art, die Geschichte und eine Art Phänomenologie des kleinen Bildschirms zu präsentieren, der sich zwischen uns und die Lebensrealität geschoben hat, ist sehr lesenwert, aber auch ein wenig nüchtern geschrieben. Sie hat auch die virtuelle Welt im Blick, auch wenn deren Gefahren und Abgründe nicht zum Thema ihres Buches gehören.

Das Kapitel „Navigation et posture interactive sur les réseaux“ (S. 101-104) ist beispielhaft für ihre Unterschung, die sich hier u.a. auf sozile Netzwerke wie Facebook, wozu Frau-Meigs sich auch im > Nouvel Observateur geäußert hat, konzentriert. Im interaktiven Modus wird der Bildschirm zum Vermittler und das Bld bekommt eine neue sehr komplexe Rolle: „Cette interaction ne relève pas d’une simple manipulation de scripts et de schèmes, mais au contraire d’une morphogenèse, qui s’ancre entre communication et corporéité, entre méditation et commutation.“ (S. 103) Dieser Ansatz geht weit aber weit über Frau-Meigs hier vorliegende Untersuchung hinaus. Eine erschöpfende Darstellung dieser Frage ist von ihr auch nicht beabsichtigt, aber sie weist die Richtung, und es lohnt sich, Kapitel 4 und 5 besonders genau zu lesen. Autoren künftiger Untersuchungen, zum Beispiel über die sozialen Netzwerke wie > Facebook finden in diesem Buch systematische Grundlagen für ihre Forschungen. Facebook erzieht seine Teilnehmer zu allen möglichen Aktivitäten und lässt sie nebenbei ein wenig kommunizieren, nur damit sie noch mehr persönliche Daten in das Werbesparschwein von Facebook schütten. „La médiatisation a révélé la dimenscion contrôlante et enveloppante de la représenation à l’écran et son impact sur la preformance et l’engagement du sujet,“ (S. 105) schreibt Frau-Meigs. Klar und präzise. Man wollte kommunizieren, mal eben so, aber man wid sofort auf dem öffentlichen virtuellen Platz gezerrt, kontrolliert, kann sowieso nur das machen, was alle anderen auch machen, ein Ausbrechen ist gar nicht vorgesehen und so kann Frau Meigs auch auf den Unterschied zwischen „usage planifié et usage effectif“ (ib.) hinwiesen. Früher bewirkte der TV-Schirm was in uns, und alle hatten sich gewünscht, endlich auch einmal aktiv werden zu können, statt immer nur gelangweilt vor dem Kasten sitzen zu müssen. Heute ist eigenes Engagement nur mit eigenen Websites und Blogs o.ä. möglich, alle anderen Web 2.0 Angebote spielen mit uns und unseren Daten. Die Gefahr, dass sich die Daten verselbstständigen und woanders wieder auftauchen, wird immer größer. Das Einrichten eines Facebook-Profils spricht Bände: Man richtet nicht ein, man schließt in einem neuen Profil aus, was Facebook default-mäßig alles mit unseren Daten machen will: „… l’utilisateur sent qu’il est guidé par une intentionnalité incarné par un autre sujet,“ bestätigt Frau-Meigs ohne Umschweife und beweist damit, dass die nüchterne wissenschaftliche Analyse eben doch immer um Kern des Problems vordringt.

Eine Bibliographe und eine Sitographie ergänzen ihr Buch.

> Divina Frau-Meigs ist Professorin für Anglistik an der Universität Sorbonne.

Heiner Wittmann
> Valérie Robert sur le site d’actualité des médias erwanngaucher.com
Entretien mené par Erwann Gaucher le 21/02/2012

Der Streit zwischen Sartre und Camus

Sartre and Camus. A Historic Confrontation.
Ed. and translated by David A. Sprintzen and Adrian van den Hoven, Humanity Books, an imprint of Prometheus Books, New York 2003. ISBN 1-59102-157-X

In diesem Band wird der Streit, der 1952 zwischen Camus und Sartre durch die in den Temps modernes erschienene Rezension von Camus‘ L’homme révolté (1951) durch Francis Jeanson ausgelöst wurde, dokumentiert und untersucht. Die Rezension beantwortete Camus mit einem Brief an Sartre „Monsieur le Directeur…“, der im Folgeheft der Temps modernes veröffentlicht wurde, und den Sartre seinerseits mit einem Brief an Camus „Mon cher Camus…“ beantwortete. Jeanson schrieb einen weiteren Artikel „Pour tout vous dire“ und Camus verfaßte eine Verteidigung seines Buches L’homme révolté, die erst 1965 veröffentlicht wurde. Diese Texte sind hier übersetzt worden. Sie werden von Aufsätzen der Autoren dieses Bandes begleitet, in denen die Konfrontation zwischen Sartre und Camus, die zum Bruch ihrer Freundschaft führte, dargestellt wird: „From Friendship to Rivals.“ W. L. McBride und J. C. Isaac untersuchen dann den Streit aus der heutigen Perspektive.

Weiterlesen

Un voyage au Maroc (I)

Université Sidi Mohamed Ben Abdellah
Faculté des Lettres des Sciences Humaines
UFR. DESA: ‚interprétation, Compréhension et Traduction en philosophie, littérature et théologie‘.
UFR. Doctorat: ‚Herméneutique en philosophie, littérature et Théologie‘.
Dhar Mehraz
Fès, Maroc
Heiner Wittmann, Conférence
Esthétique et liberté. Jean-Paul Sartre
Jeudi, 26 octobre 2006                     
Lieu: Salle des conférences de la faculté des Lettres

Liens internet:

Sartre Ausstellung der Nationalbibliothek, Paris, 2005.
Tintoretto et ses peintures dans la Schuola di San Rocco

Bibliographie: (un choix)
Sartre, M. Sicard, Penser l’art. Entretien, in: Obliques n° 24/25, Sartre et les arts (éd. M. Sicard), Editions Borderie, Nyons 1981, p. 16.
Id., L’Idiot de la famille. La vie de Gustave Flaubert de 1821 à 1857, t. I, Paris 1988.
Id., Critique de la Raison dialectique précédé de Questions de méthode (éd. A. Elkaïm-Sartre), t. I, Théorie des ensembles pratiques, Paris 21985, t. II (inachevé) L’intelligibilité de l’Histoire, Paris 1985
Id., L’être et le néant, Essai d’ontologie phénoménologique, Paris 1943.
Id., La nausée, Paris 1938.
Id., Qu’est-ce que la littérature?, Paris 1948.
Id., L’existentialisme est un humanisme, Paris, 1970
Id., Le séquestré de Venise, dans: Situations, IV, Portrait, Paris 1964 (291-346).
Id., Saint Georges et le dragon, dans: Situations, IX, Mélanges, Paris 1972. (202-226)
Id., Sartre, Saint Marc et son double. Le Séquestré de Venise. Inédit, dans: Obliques 24/25, Sartre et les
arts (éd. M. Sicard), Nyons 1981 (171-202)
Id., Rencontre avec Jean-Paul Sartre [Interview par G. d’Aubarède], dans: Les Nouvelles littéraires, Paris 1er
fév. 1951.
Id., [Interview mit J. Chancel], dans: Chancel, Radioscopie, t. III. Paris 1973
Jaspers, K., Psychopathologie générale, traduit d’après la 3e édition par A. Kastler et J. Mendousse, Paris 1928.
Salzmann, Y., Sartre et l’authenticité. Vers une éthique de la bienveillance réciproque, Genève 2000.
Krischel, R., Jacopo Tintoretto. Das Sklavenwunder. Bildwelt und Weltbild, Frankfurt/M. 1994.


Workshop   >>  S.v.p. lisez la version française de cette page.

Jeudi, 26 octobre, 16 h et vendredi, 27 octobre, 10 h
Lieu: Salle des conférences de la faculté des Lettres

1. Albert Camus et la responsabilité de l’artiste
2. Jean-Paul Sartre. Engagement et responsabilité de l’écrivain

Lieu: Salle des conférences de la faculté des Lettres

Bibliographie :

Camus, A., Discours de Suède, 1957
Le Prix Nobel, 1957, Website de la Nobel Fondation
 Nobelpreisrede Le texte du discours d’Albert Camus

Sartre, J.-P., Qu’est-ce la littérature ? 1947
Sartre Ausstellung der Nationalbibliothek, Paris, 2005.

Wittmann, H., L’esthétique de Sartre, Artistes et intellectuels, L’Harmattan, Paris 2002.


Conférence
Albert Camus                          La Conférence a été prononcée en langue française.
L’art et la morale

Lundi, 28 octobre 2006, 10.00
Lieu: Salle des conférences de la faculté des Lettres

Bibliographie:

A. Camus, Carnets II, janvier 1942 – mars 1951, Paris 1964.
Id., L’étranger, in: id., Théâtre, romans, nouvelles, hg. von R. Quilliot, Paris 1962, p. 1123 – 1212.
Id., Le Mythe de Sisyphe, in: Essais.
Id., Essai sur la musique, in: P. Viallaneix. Le premier Camus suivi de „Écrits de jeunesse
d’Albert Camus
„, Cahiers Albert Camus 2, Paris 1973.
Id., Sous le signe de la liberté, in : L’Express, 8. 10. 1955, in: Cahiers Albert Camus, 6, Albert Camus,
l’éditorialiste à l’Express, mai 1955 – Février 1956
, Gallimard, Paris 1987.
Id. L’homme révolté, In: id., Essais.
Id., L’envers et l’endroit (Préface), in : id., Essais, éd. R. Quilliot, L. Fauçon, Gallimard, Paris, 1965
Id., Discours de Suède. Discours du 10 décembre 1957, in: id., Essais, op. cit., p. 1069-1075

Jeanson, F., Albert Camus ou l’âme révoltée, in: Les Temps modernes 79, Paris 1952, p. 2070-2090.
Camus, Révolte et servitude, in: id., Essais, op. cit., p. 754-774.
Sartre, J.-P., Réponse à Albert Camus, in: id., Situations, IV, Portraits, Paris 1964, p. 90-125.
Todd, O., Albert Cams. Une vie, Paris 1996.
Wittmann, H., Albert Camus. Kunst und Moral, Frankfurt/ M.

Le Prix Nobel, 1957, Website de la Nobel Fondation
 Nobelpreisrede Le texte du discours d’Albert Camus


Goethe Institut, Rabat, 1. November 2006, 16 Uhr

Heiner Wittmann
Die Kunst ist ein Appell an die Freiheit        
Der Vortrag wird in deutscher Sprache gehalten.
Friedrich Schiller und Jean-Paul Sartre       

„Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit,“ schrieb Friedrich Schiller und Jean-Paul Sartre verstand die Kunst als einen Appell an die Freiheit. Beide teilten die Überzeugung, daß die Kunst als Garant der Freiheit den Ideologien, jeder Unterdrückung und somit auch der Politik immer überlegen ist. Beide lebten in unterschiedlichen Epochen und beide wiesen mit ihren eignen Werken auf den unauflöslichen Zusammenhang zwischen der Freiheit und der Kunst hin. Beide hinterlassen eine Art gemeinsames Vermächtnis, das auch heute noch die Verpflichtung der Künstler und Intellektuellen gegenüber der Kunst beschreibt.

Vortrag (Auszug) > Heiner Wittmann
Veranstaltungen im Goethe-Institut von Rabat

Internet-Seiten zu diesem Thema:

Friedrich Schiller Zeittafel
 Schiller-Jahr 2005
 Materialien, Texte, Aufsätze, Artikel zum Schillerr-Jahr 2005

Das unter Schiller-Dossier des Goethe Instituts www.goethe.de/kue/lit/prj/fsc/deindex.htm dokumentiert u. a. die 2001 gehaltene Marbacher Schillerrede „Goethe und das Recht“ der Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, und die Auftakt-Veranstaltung zum Schiller-Jahr im Forum Goethe-Institut: „Friedrich Schiller 2005 – Gedanken zur Freiheit“, mit Rüdiger Safranski, Ulrich Raulff und Jutta Limbach.

Schiller in Detmold. Eine Ausstellung der Lippischen Landesbibliothek zum 200. Todestag des Klassikers
www.llb-detmold.de > Ausstellungen, Schiller 2005.

W. van Rossum: Die Mutter der großen Dinge Über die Bedingungen der Leidenschaft bei Schiller und
Sartre, Zeitreisen, Deutschlandfunk, 4.5.2005: www.dradio.de/dkultur/sendungen/zeitreisen/373291/

www.wissen-im-netz.info/literatur
Werke und Briefe von Goethe und Schiller, Website von Jürgen Kühnle

Deutschen Literaturarchivs Marbach.
Friedrich Schiller Gutenberg-Projekt: Biographie, Werke
Schiller auf dem Wege zu seiner Antrittsvorlesung in das Griesbachhaus

Hans Rott, Alle andere Dinge müssen; der Mensch ist das Wesen, welches will
Anmerkungen zu Schillers Philosophie des Geistes *.pdf
Professor Rott, Universität Regensburg.
Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste
Freie Universität Berlin, FB Geschichts- u. Kulturwissenschaften, Sonderforschungsbereich 626

Literatur ohne Politik? Geht das gut?

Prof. Dr. Gunther Nickel, der beim Deutschen Literaturfonds in Darmstadt für Gutachten und Projekte zuständig ist (ARD: „Pro Jahr wandern rund 300 Manuskripte deutscher Autoren über seinen Schreibtisch. Außerdem lehrt Nickel als Professor an der Universität Mainz Neuere Deutsche Literaturgeschichte,“) hat im September 2010 in einem ARD-Interview unter der Überschrift > Wie viel Politik sollen Literaten wagen? * zu der Frage, Wie viel Politik sollen Literaten wagen? Stellung genommen. Anlass für dieses Interview war die Befürchtung, die Günter Grass im „Spiegel“ vertreten hatte, „ein Beitrag junger Literaten zur Entwicklung der Demokratie drohe aktuell abzureißen“.

Der erste Satz der Antwort von Gunther Nickel schreckt auf: „Ich weiß nicht, warum sich ausgerechnet Autoren politisch einmischen sollen und nicht auch andere Berufsgruppen – zum Beispiel Metzger, Schuster oder Juristen.“ Und der zweite Satz ebenfalls: „Das mag vielleicht daran liegen, dass Herr Grass meint, die Affinität zum Wort würde Schriftsteller in die Lage versetzen, in politischen Bereichen ein profunderes Urteil zu fällen. Aber das ist ja nicht der Fall.“ Ein Germanistikprofessor spricht Autoren politische Stellungnahmen, politischen Einfluß ab? Folgt man ihm, dürfen Autoren gar keine politischen Ansichten oder Meinungen vertreten? Was ist denn das für ein Literaturbegriff? Gunther Nickel sagt auch noch Erstaunlicheres: „Wenn ich beispielsweise in der aktuellen Debatte über Migration, Bildungspolitik und den Missbrauch des Sozialstaates, die Thilo Sarrazin angestoßen hat, mitreden will, dann nützt mir meine Sprachkompetenz allein gar nichts.“ Folgt man Gunther Nickel, dann würde die Literatur gar keine Funktion, keine gesellschaftliche Relevanz, keine Wirkung und keinen politischen Einfluss haben. Vielleicht ist das Ansichtssache, und der Interviewte hat mit Sicherheit nicht die programmatische Schrift von Jean-Paul Sartre, Was ist Literatur? im Sinn, wenn er auf diese Weise antwortet, und man könnte es dabei bewenden lassen. Aber da Professor Nickel für Gutachten im Deutschen Literaturfonds zuständig ist und im Rahmen dieser Aufgabe Gutachten über literarische Texte verfasst, muß man doch viel genauer hinsehen.

In der gleichen Antwort präzisiert Nickel seinen Standpunkt und bringt ihn auf den Punkt: „Dass Autoren, wie alle Bürger, eine politische Haltung entwickeln sollten, das ist schon ganz recht. Aber das sollten sie als Privatpersonen tun. Das Politische steht mit den besonderen Anforderungen, die an sie als Verfasser von literarischen Texten gestellt werden, in gar keinem Zusammenhang.“ – Das kann man und muß man zugunsten aller Autoren, die sich mit ihren Werken für die Analyse von Geschichte, der Gesellschaft und Politik einsetzen, mit Entschiedenheit zurückweisen. Machiavelli, Montaigne, Pascal, Molière, Rousseau, Voltaire, Condorcet, Goethe, Schlegel, Schiller, Chateaubriand, Balzac, Stendhal, Flaubert, Zola, Sartre, Camus und viele andere hätten keine Zeile geschrieben , wenn sie zu politischen Fragen keine Stellung hätten beziehen dürfen. Politische und gesellschaftliche Visionen werden nicht oder nur selten von Politikern entwickelt. Sie werden vornehmlich von Intellektuellen und Literaten aufgrund ihrer Analysen erdacht. Sie sind es, die mit ihren Werken gesellschaftliche Entwicklungen antizipieren können. Der Versuch, ihnen diese Fähigkeit abzusprechen, offenbart ein sehr merkwürdiges Literaturverständnis.

Und Nickel fügt hinzu: „Wenn sich Autoren als politische Repräsentanten begreifen, dann ist die Frage zu klären, wer sie denn eigentlich dafür gewählt hat. Wir leben schließlich in einer Demokratie, in der wir durch politische Repräsentanten vertreten werden.“ Das ist nicht das Problem der Literaten, sondern ihr Glück. Niemand hat ihnen ein Mandat gegeben (s. Sartre, Plaidoyer pour les intellectuels, in: ders. Situation, VIII. Autour du mai 68 , Paris 1972), 1) und die meisten von ihnen werden sich hüten, ein solches Mandat wahrzunehmen. Als Intellektuelle sind sie in erster Linie unabhängig und frei, nur so können sie schreiben. Sartre und Camus, in diesem Punkt sind sich beide trotz ihrer politischen Auseinandersetzungen einig. Aber Nickel sagt noch mehr: „Dass Schriftsteller wie Grass hier so eine herausragende Rolle spielen wollen, vermag ich überhaupt nicht zu akzeptieren.“ Es geht nicht um die Rolle, die der Autor spielen will, es geht um das, was er schreibt. Ihm einen politischen oder gesellschaftlichen Einfluß absprechen zu wollen, heißt ihn zu vereinnahmen, ihm seine künstlerische Freiheit und seine Unabhängigkeit nehmen zu wollen. Das verbirgt sich hinter dem Angriff auf die Literatur, denn so müssen die Worte Nickel gewertet werden.

Und Nickel fragt: „Was qualifiziert sie (i.e. die Literaten W.) denn dazu, im politischen Bereich mehr sagen und etwas lauter sagen zu dürfen, als jeder andere Bürger?“ Und jetzt kommt eine kleine Einschränkung, die aber Nickel auch nicht rettet: „Das, was Herr Grass als Forderung stellt, ist für mich nur unter einer Voraussetzung plausibel: Nämlich dann, wenn es sich nicht als Forderung an die Schriftsteller als Schriftsteller und nicht mit dem Hintergedanken einer Exponierung der Schriftsteller zu so einer Art politischem Sprachrohr jenseits irgendwelcher Legitimationsinstanzen verstehen lässt.“ Der Autor darf also nicht in den Verdacht kommen, irgendeine politische Richtung zu unterstützen? Die Verabsolutierung der Politik, der Nickel hier das Wort redet, erklärt, warum er den politischen Einfluß von Autoren nicht verstehen will und ihn ablehnt. Die Politik umfasst alle Organisationsformen eines Gemeinwesens, sie bestimmt damit aber nicht die Inhalte. Eine solche Definition wird hier naturgemäß sehr verkürzt vorgetragen; ihr Inhalt wird aber dennoch verständlich. Mit anderen Worten: Das Nachdenken über und die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse beeinflusst die Politik aber nicht umgekehrt.

Und Nickel sagt noch mehr: „Und an diesem Modell des Dichters (im vorhergehenden Satz erwähnt Nickel Schiller, W.), des Verkünders von Wahrheit gegenüber der Obrigkeit, orientiert sich Herr Grass noch immer. Das ist aber ein Modell, das meiner Meinung nach schon im 20. Jahrhundert nicht mehr funktioniert hat und im 21. Jahrhundert erst recht nicht. Diese Art von Privilegierung des Künstlers, die im 19. Jahrhundert geradezu kunstreligiöse Züge annahm, die sollte eigentlich wirklich vorbei sein.“ Nein, sie ist nicht vorbei. Jeder Versuch, dies zu behaupten, nimmt den Schriftstellern von heute ihre fundamentale Freiheit, überhaupt schreiben zu können.

Nickel: „Es hindert Autoren nichts daran, sich schlau zu machen, Kenntnisse zu erwerben in einem Bereich, der politisch relevant ist. Aber das ist für sie dieselbe Arbeit wie für jeden anderen Menschen, da nutzt ihnen ihr Status als Autor erst mal gar nichts.“ Das stimmt nicht. Ein Schriftsteller geht mit Sachverhalten, Analysen anders um als z.B. ein Journalist, der für das Tagesgeschäft recherchiert. Von Fall zu Fall dürfte die Recherche so mancher Autoren dem kurzlebigen Tagesgeschäft weit überlegen sein. Das ist nun einmal so. Und jetzt geht es doch ans Eingemachte, wenn Gunther Nickel seine Vision der Literatur wie folgt zusammenfasst: „Und dann könnten sie (i. e. die Autoren., W.) versuchen, das, was sie recherchiert haben, zum Gegenstand eines literarischen Textes zu machen. Aber Maßstab des literarischen Textes wäre dann doch nicht die politische Meinung, die dort vertreten wird, sondern die Art und Weise, in der sie gestaltet ist. Das ist ja das literarische Kriterium und nichts anderes.“ Das ist nicht ganz falsch. Die Form eines Textes ist ein wichtiges literarisches Kriterium, das stimmt. Aber es ist gerade die Form, die die Werke der Autoren allen anderen kurzlebigen Textformen, die im politischen Alltag verfasst werden, so überlegen, viel kompetenter, viel politisch einflussreicher und treffsicherer macht.

Und nach dem Interview wird der Leser auf der Internetseite der ARD, wo das Interview mit Professor Nickel veröffentlicht wird, aufgefordert, seine Meinung zu hinterlassen: “ Warum sollte sich Literaten zu gesellschaftlichen Themen äußern beziehungsweise nicht äußern?“ Nochmal. Literatur ist immer eine Äußerung zu politischen und gesellschaftlichen Fragen, deshalb ist diese Frage falsch gestellt. Es gibt keine literarischen Texte, die politische Enthaltsamkeit üben. Oder sie sind völlig wertfrei und wollen ohne jede Bedeutung daherkommen. Literatur setzt sich aus Wörtern zusammen, und sowie eine Sache benannt ist, bekommt oder empfindet der Leser eine bestimmte Einstellung zu ihr.

Heiner Wittmann

* Möglicherweise führt der Link bald ins Leere, weil die Sender oft Ihre Seiten ändern und Beiträge wieder löschen.

1. Vgl. dazu auch: D. Hoeges, Beantwortung der Frage: Was ist Gegenaufklärung? (II.) Nationalintellektuelle, Postmoderne und die Preisgabe der Menschen- und Bürgerrechte, in: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte , Bd. 1/2, Heidelberg 1997 (105-122).

Auf nach Paris!

GEO spezial
Paris Nr. 4 August/September 2010

Sie wissen schon alles über Paris? Und überhaupt Sie haben sowieso längst Ihre vertrauten Gewohnheiten in Paris? Und vielleicht würden Sie dieses Heft im Zeitschriftenladen nicht angucken, weil Hefte mit Fernreisezielen daneben liegen. Dachte ich zuerst auch. Aber betrachtet man die Themenvielfalt dieses Heftes, dann merkt man schnell, dass der Redakteur dieses Heftes, Michael Stührenberg, hier seine Paris-Kenntnisse auf lehrreiche und unterhaltsame Weise zugleich vermittelt. Doch der Reihe nach.

Den Eiffelturm kennt jeder, aber die Aufnahmen von Stéphane Compoint, der mit Hilfe einer ferngesteuerten Kamera an einem Helium-Ballon seine Fotos zum Beitrag über das Wahrzeichen von Paris geliefert hat, hat noch nicht jeder gesehen. 60 Tonnen Farbe werden zur Zeit auf dem Gerüst des Turms verteilt, um ihn wieder für mehrere Jahre vor den Wetterkapriolen zu schützen. Geo war mit dabei und hat die Arbeiter in windiger Höhe beobachtet. Man bekommt wieder richtig Vorfreude darauf, bald wieder auf den Turm zu steigen. – 397 Souvenirläden gibt es in der Stadt, und in einem der Arrondissements der Stadt gibt es nur einen. – Paris ist teuer und in den letzten Jahren immer teurer geworden, das stimmt. Aber der Gang abends um und über die erleuchteten Seine-Inseln ist immer noch kostenlos. Gehen Sie mal an einem Sommerabend auf den Pont des Arts: Foto: S. 32 f. Katharina Peters hat noch viel mehr ausprobiert. Folgen Sie ihren Vorschlägen auf S. 39, und Sie erleben mehr von der Stadt als bei einer teuren Stadtrundfahrt.

Michael Stührenberg nimmt uns in einige ausgewählte Museen mit. Kennen Sie die schon alle? Das Musée Carnavalet? Oder waren Sie schon mal im Maison de Balzac? Und Stührenberg verrät ihnen anschließend die besten Baguette-Adressen in Paris. – Am besten hat mir der Artikel über die Pariserinnen und ihre Fotos gefallen: Baudouin hat die Fotos gemacht und Hans-Heinrich Ziemann hat die Pariserinnen befragt.

Ulrich Fichtner fragt, ob das Klischee stimmt? Ist Paris die Stadt der Liebe? Der SPIEGEL-Rerporter hat sich an vielen Orten in Paris umgesehen: Ein richtiger Mini-Stadtführer auf drei Seiten. Sebastian Kretz hat einige Luxushotels der Stadt besucht. Und die Zahl der Luxushotels wird weiter zunehmen. Zum Trost für uns alle, die wir immer nur draußen daran vorbeischlendern, hat Kretz auf Seite 80 fünf schöne Hotels für unter 150 Eur/Nacht für uns notiert. Michael Stührenberg begleitet uns auch in die Banlieues: eine ganz andere Stadt mit ihren eigenen Problemen tut sich dort auf. Nicolai Ouroussoff zeigt uns die neuesten Architektur-Ideen, die auf Wunsch des Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy in Einklang mit dem Grand Paris, der Metropole der Zukunft, gebracht werden sollen.

Waren Sie schon mal in den Buttes Chaumont? Lou hat sich in den Kopf gesetzt, dass man dort mit den Bäumen reden kann. – Wie vermeidet man das ewige Schlangestehen? Rafael, Orlando, Stan und Tom Waldeck erklären Ihnen, wie man das vermeiden kann und trotzdem zu seinem Ziel kommt. Das Reise- und Service-Dossier im Anhang bringt alle Paris-Reisenden, ob sie nun zum 30. oder zum ersten Mal in die Hauptstadt reisen, hier auf den neuesten Stand: Der Serviceteil ist nach Quartiers geordnet, so müssen Sie ihre vertrauten Wege nicht verlassen und entdecken trotzdem viele neue Adressen, vorausgesetzt, Sie vergessen nicht, das Heft vor Ihrer nächsten Reise einzupacken. Heft und Fahrkarte für den TGV oder den Thalys nach Paris kaufen, und nach drei oder vier Stunden kommen Sie an und sind mit diesem Heft auf angenehmste Weise auf ihren Ausflug nach Paris vorbereitet.

Mein Tipp für einen Paris-Abend: Sollte Sie mal zufällig abends alleine in Paris sein:

Gehen Sie in die La Hune, so heißt die Buchhandlung zwischen dem Café Les deux Magots und dem Flore, die bis Mitternacht geöffnet ist, kaufen Sie sich ein Buch, das Sie immer schon mal habn wollten oder ein ganz neues, bestellen Sie im Deux Magots ein Glas mit einem guten Rotwein: Il est servi. / Es ist angerichtet heißt dieses Foto.

Leider zitieren die Autoren dieses Heftes meinen Frankreich-Blog nicht. Nicht schlimm. Sie kennen ihn jetzt ja: Juni 2010 in Paris oder Fin août: un week-end à Paris.

Geo-Spezial: Paris Nr. 4 August/September 2010

Heiner Wittmann

Georges Brassens und seine frühen Lieder

Im Verlag Nachlese Radebeul ist ein Band mit den frühen Liedern einschließlich ihrer deutschen Nachdichtungen aus der Feder von Ralf Tauchmann unter dem Titel Der starke Tobak des Monsieur Brassens erschienen. Kaum war das Buch hier angekommen, habe ich es mir am Schreibtisch bequem gemacht und eine CD von Brassens aufgelegt

Das Vorwort berichtet über Brassens Kindheit in Sète und erinnert an die allgegenwärtige Präsenz der Musik und die von Generation zu Genration vererbten Lieder. Er kommt ins Collège Paul-Valéry in Sète, dort begegnet er seinem Lehrer Alphonse Bonnafé, dem es gelingt dem jungen Georges die Dichtkunst näherzubringen und einen prägenden Einfluss auf den Schüler auszuüben. Eine erste wenn auch flüchtige Bekanntschaft mit der Polizei endet glimplich und die erwartete zusätzliche Bestrafung durch den Vater kommt nicht: „Willst Du was essen?“ fragt sein Vater stattdessen. Es folgt eien erste Reise nach Paris, der Kriegsausbruch, Arbeitsdienst in Basdorf. Im März 1944 gelingt es ihm, in Paris unterzutauchen. Er schreibt Artikel und Lieder und 1952 kommt sein Erfolg: “ Letztlich ist es die Kraft seiner anarchistisch angehauchten, tabubrechenden Texte, die ihm 1952 zum Durchbruch verhelfen.“ (S. 29). Diese Ausgabe enthält Lieder der Jahre 1952 bis 1950 und jetzt erinnere ich mich wieder daran, wie präsent die Dichtung in Brassens‘ Werk ist. Wie gut er die Gedichte von Baudelaire, Verlaine, Rimbaud und vielen anderen kannte.

Im Anhang seines Buches stehen Anmerkungen zu ausgewählten Liedern. Hier zeigt Tauchmann seine profunde Kenntnisse des Brassenschen Œuvres.

Die Übertragungen vermitteln den Spaß, die Lieder auch auf Französisch zu lesen und man merkt wie nach ihrer Lektüre beim Zuhören das Verstehen des französischen Textes immer leichter fällt. Wie schon mal > woanders gesagt, Französisch ist nicht schwer, und mit wenigen > Grundkenntnissen kann man diese zweisprachige Ausgabe zur Hand nehmen und spielend leicht mehr französische Begriffe und Redewendungen lernen. Und nebenbei erinnert Ralf Tauchmann mit gutem Recht an so manches vergessene Lied von Georges Brassens.

Heiner Wittmann
40 Lieder französisch-deutsch
NachLese Radebeul
September 2010
228 Seiten Paperback
ISBN: 978-3-9814895-0-7

Albert Camus und die Kunst

Albert Camus et le monde de l'art

Elisabeth Cazenave,
Albert Camus et le monde de l’art
Préface de Philippe Lejeune
140 illustrations couleur
Atelier Fol’Fer éditions
Co-édition Association Abd-El-Tif, Anet 2009.

Elisabeth Cazenave hat mit ihrem Band Albert Camus et le monde de l’Art (1913-1960) ein livre-témoin vorgelegt. Sie erinnert an die zahlreichen Künstler, denen Camus immer wieder begegnet ist und denen er – das ist diesem Band leicht zu entnehmen – grundlegende Inspirationen für sein Werk verdankt. Auch 50 Jahre nach seinem Tod werden immer noch Bücher und Aufsätze geschrieben, deren Autoren sich immer noch auf eine Analyse des Absurden und der Revolte beschränken, ohne die Kunst im Werk von Albert Camus in den Blick zu nehmen: „L’art et la révolte sont confondus chez Camus dans la recherche d’une unité universelle, ses amis partagent la même enquête.“ (S. 67) schreibt E. Cazenave.

Die vielen Abbildungen von Werken der Künstler, mit denen Camus freundschaftlich verbunden war, und von denen einige, wie Pierre-Eugène Clairin für Noces, auch die Illustrationen für seine Bücher geliefert haben, machen aus diesem Buch ein beeindruckendes Zeugnis für die enge Verbindung von Kunst und Literatur in seinem Werk. Nach einer kurzen biographischen Einleitung folgen Kapitel über das Mittelmeer mit Abschnitten über Tipasa und Djemila, die Villa Abd-El-Tif, in der von 1907-1962 87 Künstler gearbeitet haben und über Realtität und Mythos. La Maison de la culture, das 1936 in Algier gegründet wurde, zusammen mit dem Theater (1936-1939) und dann die Berichte über das journalistische Engagement von Camus illustrieren sehr nachhaltig seinen Hinweis auf die Kunst, so, wie er ihn in seiner Nobelpreisrede formuliert hat: Die Kunst gehört nicht dem einzelnen Künstler, sie muss sich an alle richten.

Im Anhang dieses Buches werden über sechzig Künstler von Maurice Adrey (18-99-1950) über Sauveur Galliéro (1914-1963), Richard Maguet (1896-1940) bis Marie Viton (avant 1900-1950) mit ihren Beziehungen zu Camus vorgestellt.

Nach der Lektüre dieses Bandes darf man sich zu Recht fragen, wieso die Bedeutung und die Tragweite der Kunst im Werk von Camus so lange unterbewertet oder gar übersehen wurde? Es ist der Autorin dieses Bandes in eindrucksvoller Weise gelungen, die in diesem Band versammelten Abbildungen von Kunstwerken keinesfalls als bloße Illustrationen vorzulegen, auch nicht immer wieder das Absurde als Lebensanschauung Camus‘ endlos zu wiederholen, sondern es nur als eine Diagnose zu erwähnen, nach der man sich wieder der Handlung und damit auch der Kunst als ein Mittel die Welt zu beschreiben zuwendet. Das Buch erscheint zum richtigen Zeitpunkt, ist es doch eine sehr treffende Ergänzung für viele Biographien Camus, die die Tragweite der Kunst, in Le mythe de Sisyphe, in La peste oder in L’homme révolté nicht ihrer Bedeutung entsprechend wahrnehmen. In seiner Nobelpreisrede hat Camus die Kunst unmißverständlich in das Zentrum seines Werkes gerückt. Er hat sich allerdings auch in ihr gegen den Mißbrauch der Ideologien verwahrt.

Man darf aber doch anmerken, dass Jean-Paul Sartre in diesem Band nicht erwähnt wird. Bedenkt man sein sehr ausgeprägtes Interesse für die Kunst, z. B. seine Rezension des L’étranger und an die Freundschaft, die beide bis zu ihrem Streit verbunden hat, so wie den Nachruf den Sartre im Januar 1960 formuliert hat, hätte er in diesem Band nicht fehlen dürfen. Er und Camus haben sich mit ihrem Gesamtwerk für die unaufhebbare Verbindung von Kunst und Freiheit eingesetzt. In bezug auf Camus ist die Kunst in seinem Werk von vielen Autoren nicht erkannt worden. Wird sie berücksichtigt, kann der eigentliche Gehalt und die Bedeutung seines Werks besser verstanden werden. Sartres La Nausée ist nur im Rahmen seiner anderen philosophischen Werke zu verstehen, L’étranger hingegen ist selbst ein Kunstwerk, das die Autonomie der Kunst auf eine sehr nachhaltige Weise illustriert. In diesem Sinn öffnet E. Cazenave neue Perspektiven zum Verständnis seines Werkes.

Heiner Wittmann

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