Rezension: I.-M. D’Aprile u.a. (Hg.), Ressourcen der Aufklärung, 50 Probebohrungen ins 18. Jahrhundert, Göttingen: Wallstein-Verlag 2025

I.-M. D’Aprile u.a. (Hg.), Ressourcen der Aufklärung2025 haben Iwan-Michelangelo D’Aprile, Annette Meyer und Vanessa de Senarclens einen bemerkenswerten Band mit „50 Probebohrungen ins 18. Jahrhundert“ unter dem Titel > Ressourcen der Aufklärung vorgelegt. Eine Pflichtlektüre für alle Studenten, die sich in irgendeiner Art und Weise mit dem Zeitalter der Aufklärung beschäftigen. Allen 50 Autoren ist es bestens gelungen, weit mehr als nur 50 Aspekte der Aufklärung von der Literatur, über die Philosophie, die Religion, der Buchdruckkunst unter allen ihren Aspekten, Gesellschaftskritik, Kunst, Musik, Dichtung, Ökologie, Menschenrechte, Naturschutz, Geschichte, Gesundheit und Naturwissenschaften aufzudecken.

Jeder Interessent wird sicherlich die Aufsätze zu seinem Fachgebiet lesen, aber das ganze Buch verführt ständig zum Weiterlesen und allen 50 Autorinnen und Autoren ist es gemeinsam gelungen, eine Kulturgeschichte der Aufklärung zu verfassen, mit der leicht gezeigt werden kann, dass das Herausgreifen einzelner Aspekte der Epoche ihr kaum gerecht werden kann. Es ist die gemeinsame Leistung aller 50 Beiträgerinnen und Beiträger das Zeitalter der Aufklärung bis in die hintersten Ecken sorgfältig ausgeleuchtet zu haben.

Einige Beiträge sollen hier das Prinzip dieses Bandes zeigen. Die Auswahl scheint auf den ersten Blick zufällig, bei näherem Hinsehen ist die Abfolge der Beiträge sehr wohl aufeinander abgestimmt und es ergibt sich selbstverständlich eine Auffächerung der Epoche der Aufklärung, ganz so wie eine einzelne Monographie gar nicht imstande wäre sie vorzutragen. Jeder Beitrag ist zwischen 5-10 Seiten lang und jeder fordert nicht nur indirekt zum Weiterlesen auf.

Den Auftakt macht Richard Bourke mit einer Überlegung über die Antwort auf Kants Frage Was ist Aufklärung? (1784), die zu einem „Prozess de intellektuellen Befreiung“ (S. 19) führt. Sein Artikel wird durch eine Reihe genauso grundlegender Beobachtungen ergänzt, wie z. B. im Beitrag von Gideon Stiening, der „Zureichende GRÜNDE“ anhand von Gottfried Wilhelm Leibnizens „Theodizee“ untersucht, eines der „meistgelesenen Bücher(…) des 18. Jahrhunderts.“ (S. 152) Es geht dabei um „das ‚Principium rationis sufficientis‘ als Fundament der Aufklärung“, wie es im Untertitel heißt. Das Zeitalter der Aufklärung wurde auch durch die Rezensenten befördert. Alexander Košenina „Die Epoche der KRITIKER“ hat diesen Aspekt mit wertvollen Anregungen zum Weiterforschen untersucht. Der Beitrag von Achim Vesper „SELBSTDENKEN vor Kant“ gehört auch dazu.

Stephanie Stockhorst erinnert an die Wertheimer Bibel von Johann-Lorenz Schmidt (1702-1749). Daniel Fulda hat sich mit Hans Fürstenberg und seinen Buchsammlungen beschäftigt. Barbara Vinken berichtet über die Marquise de Merreuil, die zur größten Libertine des Jahrhunderts wird: Choderlos de Laclos hat ihr in den „Liaisons dangereuses“ eine unvergleichliches Denkmal gesetzt. Sylke Kaufmann weist auf die Erfolge von Johnna Dorothea Sysang und ihre „Karriere als KÜNSTLERIN“ hin.

Dazu kommt dann Bezug zur Gegenwart, so wie auch andere Aufsätze das Erbe der Aufklärung aus heutiger Perspektive evaluieren. Vanessa de Senarclens nennt ihre spannenden Parallelen zwischen der Tagebüchern von Victor Klemperer (1933-1945) und der Aufklärung „Exil im 18. Jahrhundert“. Wolfgang Schmale vergleicht das Zeitalter der Aufklärung mit dem des Digitalzeitalters, das uns neue Ketten anlegt und uns mit „Künstlicher Intelligenz“ wahre Wunderdinge vorgaukeln will, viel Hype um nichts.

Vincenzo Ferrone Hat den Titel seines Beitrags geschickt formuliert: „Das MENSCHENRECHT der Aufklärung. Viel mehr als ein bloße Bilanz, eine Verpflichtung.“ „Naturschutz anno 1761“ präsentiert uns Jana Kittelmann. „ÖKOLOGISCHE AUFKLÄRUNG“ von Corinne Pelluchon gehört auch dazu.

Manche glauben ja, man finde alles im Internet, wie der so geschickte schnelle Griff zum Handy das immer wieder belegen soll. Weit gefehlt. Christian Filips hat einen Archivbesuch bei der gesungenen Aufklärung unternommen: „Denkende NOTEN“.

Anita Hosseini zeigt uns, was uns heute das Bild von Nicolas de Largillière (zugeschrieben) mit der Ankunft der persischen Gesandten in Versailles 1715 über das neue heranbrechende Zeitalter verraten kann. Jeder Buchleser wird den Artikel von Carlos Spoerhase „Ressource DRUCKBOGEN“ mit großer Aufmerksamkeit lesen. Sein Aufsatz gehört in die Reihe derjenigen, die den Prozess der Aufklärung mittels der Medien beleuchten. Dazu zählt auch die Literaturgeschichte: Nicholas Cronk stellt die Oxforder Voltaire-Edition (1968-2022) vor. „Voltaire als GEGENGIFT“ lautet die Überschrift von Antoine Liltis Beitrag zu „Julien Bendas Vorwort zum ‚Dictionnaire philosophique‘ von 1963. Albrecht Schönes Beitrag „Unser LEHRER Lichtenberg“ ist ein gelungener Ansporn, Lichtenberg endlich wieder zu lesen. Schöne Urteilt über des Mathematikers Lichtenbergs prinzipielle Gewohnheit, Dinge anzuzweifeln: „Es geht da auch gar nicht nur um reine Mathematik in dem Sinn, dass überhaupt alles einfach Behauptete und Geglaubte, Eingefahrene und Gängige, ungeprüft Fortgesetzte und gedankenlos Weitergewurschelte ins Säurebad des Zweifels gehört. “ (S. 207)

Viele Artikel demonstrieren die Aufklärung aus einem historischen Blickwinkel: „RADIKALITÄT in Handschriften“: „Die Marchand-Manusktipte und die klandestine Aufklärung“ von Margaret C.Jabok. Oder den Austausch zwischen den Mächtigen und den Literaten… wer war wohl mächtiger? Christiane Mervaud: „Asthetische REGIERUNGSBERATUNG“ „Der Friedrich II. gewidmete Artikel „Arts, Beaux-Arts“ in der ‚Questins sur l’Encyclopédie‘ von Voltaire.

Hans-Jürgen Lüsebrink zeigt mit seinem Beitrag „ENZYKLOPÄDISMUS, Wissenskritik“ die „Transkulturalität der Aufklärungsbewegung und ihre Aktualität“. Aus Leipzig stammte Christina Marina von Ziegler. Astrid Dröse nennt den Beitrag zu ihrem Wirken. „FRAUEN in Edelmetall. Weibliche Aufklärung als publizistisches Ereignis“. Marin Mulsow erinnert an David Graeber (das Video zur Erinnerung an unser Gespräch am 8. April 2016), der mit seinen Arbeiten eine „Entkolonisierung der Aufklärung“ versuchte. Messan Tossa „Aufklärung und KOLONIALISMUSKRITIK“ vertieft dieses Thema. Meike Wagner verrät in „GESELLIGKEIT in Stiefeln“, wieso Stiefel auf der Bühne ein No-Go sind. Neue Zeiten bringen auch neue Gesundheitsapparate hervor: so das „Trémoussoir“ des Abbé de Saint-Pierre, das Helga Meise beschreibt.

Wo Dunkelheit herrscht, braucht man Licht: „Lesen im Dunkeln“, wie technischer Fortschritt und Leverhalten voneinanderabhängen zeigt Chrstine Haug.

Das Buch schafft ein neues Genre im Rahmen der wissenschaftlichen Literatur, die sich thematisch, wie auch zeitlich in multiperspektivischer Weise einer Epoche nähert: „Epochenstudien“ ? Unsere Redaktion sucht noch ein Wort, eine treffende Bezeichnung, die dem das dem Glanz des Vorhabens des hier besprochenen Buches über die Aufklärung gerecht wird, so dass man mit diesem Genrebegriff z. B. eine ganz ähnlich aufgebaute Studiensammlung z. b. über die französische Revolution vorschlagen könnte. Die hier vor Studien haben den Vorteil, so viele verschieden Aspekte der Aufklärung zu nennen und zugleich ihre Evaluation im Verhältnis zu allen anderen Themen wie auch im Zeitablauf zur Analyse vorzuschlagen.Über allen Beiträgen schwebt aber der unablässige Ansporn, sich die Epoche der Aufklärung als einen großen Aufbruch zu begreifen, der sich schon in den Anfängen selbst evaluierte, korrigierte und ergänzte. Auf diese Weise decken alle Autoren zusammen, die Antriebskräfte dieser Epoche auf, die sie alle in ihren Studien so präzise dokumentiert haben. In diesem Sinne ist diese Studiensammlung manch dicker Monographie überlegen. Vielleicht hätte unsere Redaktion die Artikel anders angeordnet, dann wäre aber der Anreiz zum Entdecken neuer Themen verlorengegangen. Also bleibt es beim uneingeschränkten Lob für alle und alles in diesem Band.

Iwan-Michelangelo D’Aprile, Annette Meyer, Vanessa de Senarclens (Hg.),
> Ressourcen der Aufklärung
50 Probebohrungen ins 18. Jahrhundert
Wallstein-Verlag: Göttingen 2025
434 S., 58 z.T. farb. Abb., geb., Schutzumschlag, 14 x 22,2 cm
ISBN 978-3-8353-5882-9

Festival Rétif de la Bretonne 2026 in Sacy: Un entretien avec Christian Pythieu et la promenade littéraire

french german 

Vendredi 19 juin, samedi 20 juin 2026 : Colloque du Groupe d’Études sartriennnes en Sorbonne

Le prochain colloque du Groupe d’études sartriennes GES, qui se tiendra les 19 et 20 juin 2026 à la Sorbonne, dans l’amphithéâtre Bachelard. Le colloque portera sur les Réflexions sur la question juive et sur le thème „Matière, matérialismes et matérialité“.

Pour télécharger: GES_PROGRAMME-26L’affiche du colloque 2026

GES_PROGRAMME-26
L’entrée dans les locaux de la Sorbonne étant soumise à des contrôles de sécurité, il est impératif de vous inscrire avant le 16 juin 16h, en cliquant sur le lien ci-dessous, si vous ne détenez aucune carte professionnelle ou carte d’étudiant qui vous garantit l’accès au site :

https://evento.univ-paris1.fr/survey/colloque-sartre-amphitheatre-bachelard-hcy21pax

Colloque du Groupe d'Études sartriennnes en Sorbonne - vendredi 19 juin, samedi 20 juin 2026

Auf unserem Frankreich-Blog: Lesebericht: Jean-Paul Sartre, Überlegungen zur Judenfrage

Rezension: Simon Degrave, Une conférence à Berlin

french german 

Rezension: Simon Degrave, Une conférence à Berlin

Simon Degrave
> Une conférence à Berlin
Illustratrations: Anne Gracia
Arles: Portaparole 2025
108 pages
ISBN 978-2-37864-095-8

Rezension: Johanna Lea Korell, Maximilian Irion und Roland Ißler ChatGPT zur Textproduktion und -korrektur im Französischunterricht der Sekundarstufe II

Nachdem unsere Redaktion schon so viel über > KI im Französischunterricht aufgrund der eigenen Unerrichtserfahrung geschrieben hat, war die Neugier auf den Beitrag von Johanna Lea Korell, Maximilian Irion und Roland Ißler sehr groß: > ChatGPT zur Textproduktion und -korrektur im Französischunterricht der Sekundarstufe II – Unterrichtskonzeption und (video-)datenbasierte Befunde zu lernendenseitigen Bearbeitungs- und Reflexionsprozessen, in: > Lebende Sprachen. Zeitschrift für Interlinguale und interkulturelle Kommunikation. Themenheft /Special issue: „Kulturelle Missverständnisse im Spannungsfeld von Literatur und Linguistik“, 2025, Band 70, Heft 2, S. 538-563.

Die Erwartungen an die Segnungen der Künstlichen Intellgenz sind hoch und es ist immer noch nicht ausgemacht, ob sie vor allem von einem Hype, einer Modeerscheinung getragen werden, oder ob sich durch die KI eine signifikante Verbesserung von Lernerfolgen erzielen lassen.

Ähnlich wie bei meinem allerersten Versuch, mit Studenten 1995 das Lernen mit dem Computer zu untersuchen, in dem sie zuerst sich im Internet orientieren sollten und mich fragten, wonach man den suchen könnte, so geht es heute auch den Schülern, die in meinen Klassen Ihre Hausaufgaben von der KI anfertigen ließen und nur in Ausnahmefällen, die eingeübten Verfahren (Prompts) übernahmen und anwendeten. Ihnen fehlte einfach der Horizont, um die Möglichkeiten der KI auszuschöpfen. Der Einsatz von ChatGPT & Co. zielführend als Korrektor mit Lernerfolg einzusetzen, überzeugte sie nicht so recht, vor allem weil dadurch der Zeitaufwand für die Bearbeitung der Aufgabe viel größer wurde. Sie mussten erst erfahren, dass der Lernerfolg im Verhältnis zum Zeitaufwand noch stärker wachsen würde. Diese Beobachtung gilt auch für den Einsatz der KI im Unterricht. Der große Zeitaufwand, der dafür notwendig ist, sprengt jede Stunde, denn in einer Klasse mit 24 Schülern gibt es ein zu großes Ablenkungspotential durch die Vielzahl der Angebote und Verführungen auf dem Tablett. Sinnvoll wird die Arbeit mit der KI eigentlich nur, wenn wirklich jeder Schüler individuell mit der KI arbeiten kann, wobei die Aufgaben so gestellt werden müssen, dass eine Zusammenführung der Ergebnisse zu einem Resultat der Unterrichtsstunde möglich wird.

In dieser Situation kommt der eingangs hier genannte Aufsatz von Johanna Lea Korell, Maximilian Irion und Roland Ißler gerade im richtigen Moment und legt Lehrern sehr nützliche Überlegungen zur KI im Französischunterricht und Anregungen für die schülerzentrierte Anleitung, wie ChatGPT für die Verbesserung der eigenen Textproduktion genutzt werden kann, vor.

Die Autoren haben als Einleitung eine ausgewogene Betrachtung des Forschungsstan des zum KI-untertützten fremdsprachlichen Schreibens verfasst – fügen allerdings hinzu, dass es bisher eher nur bescheidene Ansätze gibt, diesen auch für den Französischunterricht zu untersuchen.  Zugleich wird deutlich, dass die Untersuchungen zu Deutsch und Englisch sich – wenn auch häufiger – oft nur auf einem quantitativ schmalen Grad bewegen. Bemerkenswert sind die grundlegenden theroretischen Anmerkungen zum fremdsprachlichen Schreiben und das dazu gehörige Kompetenzmodell (in Anlehnung an Brommer/Rzeat 2024, s. Literaturverzeichnis).

Aufgrund dieser Vorüberlegungen wird ein Forschungsansatz entwickelt, dessen Methodologie und empirischer Ansatz hier gut begründet wird. Um den Einsatz von ChatGPT in einer Klasse der gymnasialen Oberstufe in Hessen zu evaluieren, wird eine „videographische Unterrichtsbeobachtung“ gewählt und inszeniert, womit eine Vielzahl von Daten gewonnen wird. Zusätzlich werden Bildschirmaufnahmen hergestellt und die Ergebnisse, die Schüler mit ihren Eingaben erzielt haben, aufgezeichnet.

Das Thema der Unterrichts (mindestens -doppel-?) stunde lautet Glamping. Im Unterrichtsgespräch als Einstieg wird der Begriff „Gramping“ in Angrenzung zum „Camping“ geklärt, anschließend lesen die Schüler einen Text zum „Glamping“, fassen ihn zusammen und wenden dann verschiedene Prompts an, um den Wortschatz, den Stil und auch grammatische Fehler zu verbessern. Dabei verfeinern sie nach und nach ihre Prompts und erkennen dabei auch eine gewisse Beschränktheit der KI, die sich aus ihrer Funktionsweise ergibt, die unsere Redaktion als die Suche nach Wortnachbarwahrscheinlichkeiten bezeichnet hat, wie auch aus dem Oxymoron Künstliche Intelligenz ergibt.

Trotz aller Kritik an dem Hype um die KI, können mit dem hier vorgeschlagenen Einsatz der Ki im Unterricht bemerkenswerte Ergebnisse erzielt werden. Den Schülern gelingt es, ihre eigenen Texte mit Hilfe (richtig) gestellter Fragen an die KI zu verbessern, wobei sie die Grenzen der KI, also deren Vorschläge durchaus kritisch betrachten und sogar ablehnen. Sie seien mit den eigenen Texten zufriedener als mit den Vorschlägen der KI. Ein Schüler aus einer der drei Gruppen wird mit diesen Worten zitiert: „Es hat irgendwie nicht so Spaß gemacht im Vergleich zum eigenen Verfassen des Textes. Wir haben uns immer wieder die Ausgaben von der KI durchgelesen und waren eher genervt davon, dann war es wieder viel zu lang, dann zu kurz, dann hat es nicht gepasst. Es war wie mit einem Kind, dem man jeden einzelnen Schritt sagen muss. (G3, S1)“ (S. 556) Den Autoren fiel auf, dass im Unterricht die Schüler auch bei der Arbeit mit ChatGPT immer wieder den Kontakt mit dem Lehrer gesucht haben und sich nicht blindlings auf die Ki verlassen haben.

Die Autoren dieses Beitrags fügen hinzu, dass es sich um eine Lerngruppe mit fortgeschrittener fremdsprachlicher Kompetenz handelte, die bereits einen kritischen Umgang mit KI gewohnt war. Sie regen an, Untersuchungen mit mehr Teilnehmern und „interferenzstatistische Verfahren“ zu nutzen. Aber sie unterstreichen die Auffassung „…die Auswirkungen von KI-Anwendungen scheinen aktuell für den bisher (weniger KI-gestützten) Schreibprozess und das Schreibprodukt am erheblichsten zu sein (vgl. Athanassopoulos et al. 2023).“ (S. 559)

Die Autoreen fassen das Ergebnis so zusammen: Die Schreibzeit verlängert sich durch höhere Anforderungen an Prompting und Metakognition beim KI-gestützten Schreiben. Schreibaufgaben werden neu konzipiert und fokussieren stärker den Schreibprozess, das Prompting sowie die Evaluation von Texten. Der kritische Vergleich eigener und KI-generierter Texte fördert Sprachkompetenz, Reflexion und weiterführende Recherche. Die Rolle der Lehrkraft gewinnt an Bedeutung als Coach und Content-Kurator*in, ohne durch KI ersetzt zu werden.

Das Literaturverzeichnis zu diesem Beitrag S. 560-563 ist sehr nützlich, da in der PDF-Version alle Links zu Online-Angeboten angeklickt werden können.

Wie angedeutet handelt es sich um einen bemerkenswerten Beitrag zur Anwendung der KI im Französischunterricht. Die Autoren wissen, dass seine Tragweite limitiert ist, da hier nur stärkere Lerngruppen berücksichtigt werden.

Schreiben im Französischunterricht ist wichtig und sollte in jeder Stunde (auch bei den Hausaufgaben) unbedingt geübt werden. In Bezug auf die KI sind eine Vielzahl von Szenarien denkbar, bei denen signifikante Lernfortschritte inszeniert werden. Da die KI aufgrund von Wortnachbarwahrscheinlichkeiten funktioniert, ist sie vorzüglich für die Vokabelarbeit geeignet, an die sich dann das Verfassen von Texten anschließen sollte. In diesem Sinne gilt es, zunächst Szenarien (www.franceblog.info) zu entwickeln, wie Schüler in welcher Lernphase die KI am besten einsetzen könnte.

Le rapport sur l’usage du français dans les domaines économique, social et culturel

french german 

Vorgestellt: Alain Riffaud, Le Libraire de Molière

french german 

Alain Riffaud, Le Libraire de Molière

Alain Riffaud
> Le libraire de Molière
Arles: Portaparole Exemplaire Courant – Seconde édition / 472 pages / 68 euros
Broché 17/24,5 cm​

Du même auteur :
> Vercors. L’homme du silence
Arles: Portaparole
132 pages / 14 euros

Rezension: Antoine Compagnon, La littérature, ça paye

french german 

Antoine Compagnon
> La littérature, ça paye
Paris: Les Éditions des Équateurs, 2024
EAN : 9782382847510

Albert Camus oder der glückliche Sisyphos – Albert Camus ou Sisyphe heureux

Willi Jung (Hrsg.)
Albert Camus oder der glückliche Sisyphos –
Albert Camus ou Sisyphe heureux
1. Auflage 2013 > Bestellen
460 Seiten gebunden
ISBN 978-3-8471-0146-8
Bonn University Press bei V&R unipress
Deutschland und Frankreich im wissenschaftlichen Dialog / Le dialogue scientifique franco-allemand – Band 4

> Vorwort  > Inhaltsverzeichnis

Klappentext: „Albert Camus’ Werk wurde weltweit rezipiert und ist nach wie vor von brisanter Aktualität. Eine umfassende Camus-Forschung hat sich dennoch nicht institutionalisieren können.
Die Beiträger des Bandes nehmen Camus’ 100. Geburtstag daher zum Anlass, auf die Vielfalt in dessen Œuvre hinzuweisen, und geben wichtige Impulse für eine intensive Auseinandersetzung mit dem französischen Intellektuellen: Der erste Teil des Bandes beschäftigt sich mit dem Thema Engagement und versammelt Beiträge zu Fragen von Philosophie, Ethik und Politik. Der zweite Teil widmet sich unter der Überschrift Ästhetik dem literarischen Werk Camus’ und dessen Narrativik und Dramatik. Der dritte Teil schließlich untersucht das Verhältnis von Tradition und Moderne und behandelt Fragen der Rezeption und der Intertextualität.“

Rezension: Vincent von Wroblewsky, Vermutlich Deutscher

Diese Geschichte beginnt mit der Geburt ihres Autors in Frankreich. Vincent von Wroblewsky kommt 1939 in Clermont-Ferrand auf die Welt. Seine Eltern waren 1933 nach Frankreich emigriert. Als er 10 Jahre alt ist, kehrt seine Mutter mit ihm und seinem Bruder nach Ostberlin zurück. Von Wroblewsky erlebt die ganze DDR vom Anfang bis zu ihrem Ende mit. Er wird Simultandolmetscher und kann öfters zu internationalen Begegnungen reisen. Er bezeichnet sein Buch als eine „ungehaltene Dankesrede eines zur Freiheit verurteilten, in Frankreich geborenen gottlosen Juden.“ Damit klingt auch Sartre an, dessen Übersetzer und Herausgeber er wird. Traugott König (1934-1991) lädt ihn 1987 zu dem Sartre-Kongress in Frankfurt/Main ein: Nach 1990 bis 2005 wird Wroblewsky sein Nachfolger als Herausgeber der Werke Sartres bei Rowohlt: > Alle Bücher von Vincent von Wroblewsky. 1993 wurde die Sartre-Gesellschaft in Deutschland gegründet und von Wroblewsky wurde ihr Präsident, bis ihn jetzt Jens Bonnemann (Jena) in diesem Amt folgte.

Diese Autobiographie ist auch ein Geschichtsbuch. Zuerst die Nachforschungen zu den Großeltern, dann die Flucht der eigenen Eltern nach Frankreich, der frühe Tod seines Vaters und eine Reihe von glücklichen Umständen und auch Zufällen, die das Überleben seiner Mutter mit ihren beiden Söhnen in Frankreich gesichert haben. Im Kinderheim von Toulouse versuchte die Leiterin Golda Meir, die Familie zur Ausreise nach Israel zu bewegen. Es kam anders. 1950 begann für von Wroblewsky seine Zeit in der DDR. Es musste erst mal sich mit der deutschen Sprache vertraut machen, was ihm bestens gelang, am Schuljahresende war er Diktatbester.

Seine exzellentes Französisch sicherte ihm eine Karriere als Dolmetscher. Im Rahmen dieser Aufgabe gelang es ihm, nach dem Abitur für sieben Wochen nach Vietnam zu reisen. Danach begann sein Studium der Romanistik. Und die 120 Jahr-Feier der Universität bot ihm die Gelegenheit, anlässlich einer Konferenz zum Algerienkrieg zum ersten Mal aus einer Kabine heraus simultan zu dolmetschen.

Für seine Westreisen benötigte er Visa und weil die DDR nicht anerkannt war, musste er beim Alliierten Kontrollrat in Westberlin einen Pass beantragen: PRESUMED GERMAN stand darin. In Italien hörte er am 13. August von der Abriegelung der DDR, wieder so eine Maßnahme wie schon 1957 dachte er sich und konnte noch nicht ahnen, dass die Mauer bis 1989 die deutsche Teilung zementieren würde. Dennoch gelingt es ihm immer wieder, als Dolmetscher ins Ausland und auch nach Frankreich zu reisen, dabei berichtet er vieles über das DDR-Regime. Die Stasi wird auf ihn aufmerksam und beobachtet seine „sogenannten Diskussionsparties“ (S. 101): „Die Stasi überschätzte maßlos meine Gefährlichkeit und meine Willen, Partei und Regierung vom Sockel ihrer macht zu stürzen.“ Studium, Auslandseinsätze und die Diktatur in der DDR, das ist das Beziehungsgeflecht, in dem er sich nun bewegte: Studieren, kritisch denken zu lernen und die Beschlüsse der SED einfach hinzunehmen, ohne viele Fragen zu stellen: „War die von uns erwartete Normalität nicht Schizophrenie? Nein, wir konnten uns nicht vorstellen, wie krank diese Partei und Regierung sein mussten, wie sehr sie um ihre Herrschaft fürchteten, um mit einem riesigen Apparat Feinde zu überführen, die sie sich weitgehend in ihrer Fantasie selbst schufen.“ (S. 102) Glücklicherweise entschied sich die Stasi nach langer Observation, ein „E-Verfahren“ nicht einzuleiten, aber die erhaltenen Unterlagen, die von Wroblewsky nach der Wende einsehen konnte, ermöglichen sehr erhellende Einblicke in die Funktionsweisen des DDR-Regimes.

Auf der Weltfriedenskonferenz in Helsinki 1965 saß dann von Wroblewsky gegenüber von Sartre. Wieder kam es durch einen dummen Zufall nicht zu einem direkten Gespräch mit dem französischen Philosophen. Eine verpasste Chance, notiert von Wroblewsky.

in den Jahren nach dem Studium beschriebt er, wie er immer mal wieder seine Dolmetscherfähigkeiten bei Auslandsreisen einsetzen kann. Und ständig denkt er dabei über sein Verhältnis zur DDR nach: „Meine Naivität lag vermutlich auch darin, dass ich mich nicht hinreichend daran gewöhnt hatte, das Nicht-Normale, das in der DDR das Normale war als das Normale zu betrachten.“ (s. 137) Einer der drei Gutachter seiner Dissertation war der IMS (Inoffizieller Mitarbeiter zur Sicherung und Durchdringung eines Verantwortungsbereiches) „Klee“ (S. 153), als dieser 1984-1986 die DDR-Delegation bei der UNO Menschenrechtskonferenz in Genf leitete, bewarb er sich als Vorsitzender der UN-Menschenrechtskommission, was den Vertreter Israels dazu veranlasste die  NSDAP-Nitgliedsnummer des IMS vorzulesen.

Wroblewsky bekam in Frankreich Kontakt mit dem DST (Direction de surveillance du territoire, der polizeiliche Inlandsnachrichtendienst), der sich für ihn interessierte… wegen dieses Kontakts bekam er dann in der DDR keine Ausreisevisa mehr… wieder ein Hinweis auf die Angst der DDR-Behörden, er könnte ihnen gefährlich werden. Aber man ließ ihn ins sozialistische Ausland reisen, so nach Kuba, wo er an der Revision des Philosophischen Wörterbuchs mehrmals mehrere Wochen mitarbeiten und dabei in dem berühmten Hotel Nacional auf den Spuren von Sartre und de Beauvoir logieren konnte.

In gewisser Form war es auch die Beschäftigung mit den Werken Sartres, seinen Definitionen von Situation, Freiheit, Wahl, Engagement und Verantwortung und Unaufrichtigkeit, die von Wroblewsky nicht nur begleiteten, sondern ihm auch das Überleben in der DDR sicherten. Ohne Zweifel haben oft Zufälle und Glück ihm in entscheidenden Situationen geholfen, aber er hat sich auch ganz bewusst sich für bestimmte Wege entschieden, ist seinen Grundsätzen treu geblieben. Und er hat schnell gelernt, mit dem Regime der DDR so umzugehen, dass er sich seine Freiräume sichern konnte. Und genauso wie die Positionen Sartres ihn beeindruckt haben, so gewann er durch seine Situation in der DDR eine Sichtweise auf Sartre, man denke nur an das Gutachten, dass er 1987 für die SED schrieb, als es um die Frage ging, ob Sartre in der DDR veröffentlicht werden dürfe, die in zu einem exzellenten Kenner seines Gesamtwerkes machte.

Vincent von Wroblewsky
> Vermutlich Deutscher
Gifkendorf: Merlin 2023
239 Seiten
ISBN 978-3-87536-340-1

Biblio/Sitographie:

Sartre Gesellschaft in Deutschland: www.sartre-gesellschaft.de

Alfred Beschart, Jean-Paul Sartre – The Website > www.sartre.ch

Zum Herunterladen im Format *.mp3: > Jean-Paul Sartre zum 40. Todestag. Zur Freiheit verurteilt
Vincent von Wroblewsky im Gespräch mit Simone Miller · Deutschlandfunk Kultur 12.04.2020

Wittmann, H., Lesebericht: Jean-Paul Sartre, Überlegungen zur Judenfrage – www.france-blog.info – 26. November 2019

Sartre im Französischunterricht – 8. Januar 2020

Jean-Paul Sartre (1905-1980) – 15. April 2020

1 2