Rezension: Dieter Mersch, Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik

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Dieter Mersch,
Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik
Köln: Herbert von Halem Verlag, 2025
ISBN 978-3-86962-709-0

Bibliographie:

Lesebericht und Nachgefragt: Kolja Reichert, »Kann ich das auch? 50 Fragen an die Kunst« Stuttgart: Klett-Cotta 3/2024. – Aufgezeichnet von Heiner Wittmann

Peter Sloterdijk und Niccolò Machiavelli

Für Peter Sloterdijk ist der Fall klar: „Der künftige Herr des Landes, der mit Fortunas Hilfe an die Macht kommt, müsse, da er von zahlreichen konkurrierenden bösen Willen umgeben ist, seinerseits die Fähigkeit aufbringen, genauso böse zu sein wie all die anderen.“ (S. 18) Tatsächlich erklärt Machiavelli in diesem XV. Kapitel des Fürsten, dass ein Mensch, der gut sein will, zugrunde gehe, inmitten so vieler, die nicht gut seien. Sloterdijk zitiert dann wortwörtlich „potere essere non buono„. Der Humanist Machiavelli würde ihn darauf aufmerksam machen, dass in diesem Zitat die wesentliche Aussage fehlt, denn es heißt im Original „Onde è nesessairo a uno prinicpe, volondesi mantenere, imparare a potere essere non buono e usarlo e non l’usare seconda la necessità.“ Übersetzung nach der von Sloterdijk verwendeten zweisprachigen Ausgabe, Machiavelli, der Fürst, übersetzt v. Philipp Rippel, Stuttgart: Reclam 1986, S. 118: „Daher muss ein Fürst, wenn er sich behaupten will, die Fähigkeit erlernen, nicht gut zu sein, und diese anwenden oder nicht anwenden, je nach dem Gebot der Notwendigkeit.“ Lässt man diese Einschränkung der Anwendung des Bösen weg, dann kann man wie Sloterdijk, den Fürsten als grundsätzlich böse darstellen: Sloterdijk beschränkt sein Zitat auf „potere essere non buono“ und fügt hinzu: „In der Sprache unserer Tage formuliert, besagt dies: Du sollst der Versuchung aus dem Weg gehen, dich zu den Guten rechnen zu wollen.“ (S. 19)

Schon hat man den Fürsten als absoluten Bösewicht, dessen Autor Machiavelli ihm folglich in nichts nachsteht: Nicht gut sein – drei kleine Wörter, die sich, um das Modalverbum ‚können‘ ergänzt, zu einer fatalen Formel zusammenfügen.“ (ebd.) Somit steht Peter Sloterdijk in guter Tradition all derjenigen, die uns glauben ließen, „Der Fürst“ sei ein amoralisches Machwerk, eine Anleitung für alle Bosheiten des Fürsten und seiner Nachfolger bis heute einschließlich Donald Trump.

Die Bildlegende in Wikipedia lautet: „Das Bild eines Edelmanns aus dem Museum der Accademia Carrara wird heute Altobello Melone (* 1490/91; † spätestens 1543) aus Cremona zugeschrieben. Es galt im 19. Jahrhundert als Porträt Cesare Borgias von Giorgione.“

Mit diesem Befund steht die ganze Abhandlung, die Sloterdijk in diesem Band präsentiert, in Frage, weil die Voraussetzungen für seine Überlegungen, die Fürsten unserer Tage – das hat er gemäß des Covers ja wohl im Sinn – zu analysieren, mit Machiavellis Unterstützung so nicht zu leisten ist. Natürlich spricht Machiavelli von schlechten Fürsten. Sein Anliegen ist aber die Frage, wie man ihnen beikommen könnte. Er vermittelt keinem Fürsten eine  Anleitung, grundsätzlich schlecht zu sein. Das würde dem Humanisten Machiavelli fern liegen.

Napoleon III., der „Usurpator“ (S. 114) geriet ins Visier von Victor Hugo, der dem Neffen des Kaisers den  (3.) Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 nicht verzieh. Napoleon III. „sündigte noch mehr, indem er es an wirklicher Statur fehlen ließ.“ (Sloterdijk, S. 114, vgl. dazu: S. 155-165) Es stimmt, dass viele, allen voran die Künstler, dem Kaiser den Staatsstreich immer nachtrugen, aber mittlerweile hat sich das Bild Napoleons III. doch gewandelt. (1)

Für das Cover dieses Buches hat die KI das Gesicht eines italienischen Edelmannes mit dem Porträt des amerikanischen Präsidenten übermalt, um ganz offenkundig die schlechten Seiten des Fürsten, wie Machiavelli ihn beschreibt und in dessen Nachfolge die Trumps, zu illustrieren.

An dieser Stelle sollte auch angemerkt werden, dass Il Principe 1532 nicht nur in einem Verlag, sondern in zwei Verlagen in Florenz gleichzeitig erschienen ist. Und diese beiden Erstausgaben bestätigten ganz eindeutig, dass Il Principe keine „Verlegenheitsarbeit“ war, sondern die theoretische Basis für zwei weitere Texte, die in den beiden Ausgaben von 1532 ebenfalls enthalten sind: 1. Descrizione del modo tenuto dal Duca Valentino nello ammazzare Vitellozzo Vitelli, Oliverotto da Fermo, il Signor Pagolo e il duca di Gravina Orsini(2) und 2. La vita di Castruccio Castracani da Lucca.(3) 2021 erschien Dirk Hoeges, Der Principe-Komplex. Niccolò Machiavelli. Fünfhundert Jahre Missverständnis, Köln: machiavelli edition 2021, mit einer Neuübersetzung des Principe und mit diesen beiden Texten, die auch in den Ausgaben von 1532 enthalten sind.

Im Príncipe behandelt Machiavelli die Fürstentümer und die Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio (1513-1519) behandelt die Republiken. (Die Neigung Machiavellis zu Republiken erwähnt Sloterdijk auf S. 35 und S. 32) Es gibt nur zwei Stellen, an denen Sloterdijk andeutet, dass es noch andere Werke von Machiavelli gebe, nämlich zum einen die „Kommentare(…) zur römischen Geschichte, wie Titus Livius sie erzählte“. (S. 21) – ohne den Titel der Discorsi zu nennen und S. 105, wo der Ortsname Senigallia (Principe, Kap. VII) erwähnt wird, wo Cesare Borgia in der Neujahrsnacht die Verschwörer, die zu ihm gekommen waren, ermorden ließ, ohne den hier oben genannten Bericht von Machiavelli zu erwähnen. Andere Werke Machiavellis nennt Sloterdijk nicht und übersieht damit die Bedeutung des Humanisten Machiavelli, die Dirk Hoeges in seinen beiden Büchern über Machiavelli: Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein (München: Beck 2000, 2. Auflage, Frankfurt/M.: Peter Lang 2014) wie in: Der Principe-Komplex. Niccolò Machiavelli: Fünfhundert Jahre Missverständnis ausführlich dargestellt hat.

Die Fähigkeit des Fürsten schlecht zu sein, bestimmt den Ansatz des ganzen Buches und ganz besonders die Seiten 19-30, in denen er das Böse des Fürsten vertieft: „Was das 20. Jahrhundert angeht – von Machiavellis Welt durch ein halbes Jahrtausend getrennt -, wird man spontan zu der Ansicht neigen, es könne hinsichtlich der Spezialdisziplin des florentinischen Autors, das heißt des politischen Amoralismus in Theorie und Praxis, nichts mehr zu lernen gehabt haben.“ (S. 24 f.) Wie viel ist seit dem Erscheinen des Principe über die fehlende Moral in diesem Büchlein geschrieben worden! Die stete Wiederholung dieser Ansicht bestätigt die einseitige Sicht seiner Leser, ihre selektive Lektüre, aber nicht die Aussage, Machiavelli habe keine Moral gekannt. Und Sloterdijk wiederholt das Zitat „imparare a potere essere non buono„, das sich, „nach allem, was Augenzeugen des 20. Jahrhunderts erfahren haben, von selbst erledigt zu haben“ scheint. „Die politischen Klassen des 20. und 21. Jahrhunderts brauchten und brauchen hinsichtlich Bosheitsberatung keine Nachhilfen aus klassischen Quellen.“ (S. 25) Deutlicher kann das Missverständnis hinsichtlich der Werke des Humanisten Machiavelli kaum formuliert werden. Und Sloterdijk kommt ein drittes Mal auf das bereits genannte Zitat zurück: „Wer auf das Lernziel des Nicht-gut-Seins um der staatlichen Selbstbewahrung willen zustrebt, braucht vor allem mentale Beweglichkeit – in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte man sie gelegentlich als ‚letzte Lockerung‘ bezeichnet.“ (S. 30) Und Sloterdijk zitiert in diesem Zusammenhang: Walter Serner, Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden sollen, Berlin 1927. Und später wiederholt Sloterdijk ganz ausdrücklich den Ansatz seines Buches: „Will man das Machiavelli-Ereignis würdigen, muss man begreifen, wie weit seine Theorie des Fürsten sich von allen Konzepten des gemeinsamen Lebens aus bloßem guten Willen entfernt hat.“ (S. 127) Durch Wiederholung wird dieser Ansatz nicht richtiger.

Und hier steht noch mehr: „Er (i. e. der Fürst) ist berufen, über einer Population zu stehen, deren Beherrschbarkeit nach wie vor von ihrer Anhänglichkeit an die gewöhnlichen Urteile über Gut und Böse abhängt. Das bedeutet: Er darf seine Autorität nie – allenfalls im Modus des Als-ob zu seinen ‚Untertanen‘ durchsickern lassen.“ (S. 127) Das klingt an dieser Stelle anders als im oben zitierten Hinweis, der Fürst solle schlecht handeln. Liest man Machiavelli, darf der Fürst weder schlecht noch gut sein, es geht darum, einen Schein erzeugen zu können: Dazu Dirk Hoeges: „Machiavelli entwirft die Wirklichkeit der Macht mittels der Beherrschung und Kontrolle des Scheins. Tun, «als ob», «gehalten werden für», «fama», «opinio-ne», «reputatione», «nome», das heißt den Begriff einer Eigenschaft besetzen, ohne sie zu besitzen. Anpassung, Gestus und Versatilität bilden die zentralen Modalitäten realer Macht. Der Schein, die Notwendigkeit der Stilisierung und Überhöhung der Figur des Fürsten wird bei Machiavelli zu einer Bedingung für den Erwerb und Erhalt von Macht in einer garantielosen Welt. “ (Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein, S. 189)

Das Buch vom Fürsten ist mit Sicherheit keine „Verlegenheitsarbeit“ (Sloterdijk, S. 34), sondern es steht als theoretisches Traktat im Zentrum seines Gesamtwerkes, in dem u.a. Fortuna in vielen Texten, in allen denkbaren Gattungen vom Gedicht(4), über die Prosa und Fabel(5) bis zum Theater, immer wieder thematisiert wurde: „Il principe nur auf Inhalte abzusuchen, als Handbuch für Macht und Politik zu lesen, verwischt die Textur dieser Schrift wie die Signatur seines Verfassers. Der Text ist chronologisch und systematisch eingebettet zwischen Poesie und Kunstprosa, mit Sonett, Stanza, Canzone, Canto, Capitolo, Serenade, Madrigal, Pastoral, Strambotto und Epigramm in die Gattungsvielfalt italienischer Lyrik wie mit Fabel, Novelle, Anekdote, Aphorismus, Fazetie, Epistolographie und Geschichtsschreibung in die Komplexität der Kunstprosa, die er unterschiedlich nutzt und instrumentalisiert.“ (D. Hoeges, Der Principe-Komplex, S.184)

Machiavelli der Autor des Principe war ein Humanist, wie Dirk Hoeges dies an vielen Stellen seiner Arbeiten über den Florentiner nachgewiesen hat: z. B. im Abschnitt „Die humanistische Literaturwerkstatt: Machivelli, Castiglione, Vasari – die Fazetie“, in: ders., Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein, S. 66 ff. Bedenkt man die Vielfalt der literarischen Gattungsformen, derer sich Machiavelli bediente, dann gilt: „Die multiple Verwendung von Zitaten, Beispielen, Aussprüchen, Mythen und Textauszügen zeigt, daß das studiolo Machiavellis die literarische Werkstatt eines humanistischen Autors ist, als studiolo ein Arbeitsraum und die mehrfache Nutzung ein und derselben Mittel selbstverständliche Praxis.“ (D. Hoeges, Niccolò Machiavelli, Die Macht und der Schein, S. 66) oder „Er nutzt sein Können. Jede seiner Widmungen zeigt die unversöhnliche Gegnerschaft, den Kampf des in Machiavelli noch einmal auflebenden politischen Humanismus gegen die Usurpation des Staates durch einen Familienclan und seine Beutegänger.“ (Die Macht und der Schein, S. 69) Und „Dabei ist die Lektüre des „Principe“ das beste Mittel, Irrtum und Mißverständnis abzuhelfen. Das Buch zeigt den Autor Machiavelli und dieser ist mehr als der Verfasser griffiger und wohlfeiler Handlungsanweisungen zum Erwerb und Erhalt der Macht. Sichtbar wird im „Prinicipe“ wie in all seinen Schriften der Humanist und damit der Beamte, Diplomat und Historiker, der Dichter, der Theaterautor, der Regisseur, wenn nicht der Komponist Machiavelli. Stets und in jedem Metier ist und bleibt er ein Kenner der Rhetorik, Grammatik und Dialektik und ein Meister der Sprache, geschult an den Sieben Freien Künsten, zu denen auch Arithmetik und Musik gehören.“ (Die Macht und der Schein, S. 215)

„Man blättert in das kleine Buch des Florentiners hinein und liest sich hier und dort ein wenig fest,“ berichtet Peter Sloterdijk. Der Principe mit seiner so gut durchdachten Struktur muss aber ganz genau gelesen  werden, nur so gelingt es, seinen Aufbau zu analysieren. Heraus kommt dann die Beschreibung des Meisterwerks eines Humanisten, das als Einführung in die politische Wissenschaft gelten darf. Erst dann merkt man, dass so viele Autoren von Montaigne über Friedrich den Großen bis Mussolini über Machiavelli alles Mögliche und oft viel Falsches geschrieben habe. Viel Falsches, weil sie den Principe nur überflogen und mal „hier und dort“ gepickt haben: „Die meisten Themen und Thesen dieses Büchleins gehen an den Interessen der Menschen von heute vorbei,“ (S. 16) meint Sloterdijk und verpasst damit Wesentliches. Z. B. Fortuna, deren Spiel Machiavelli im Kapitel 25 des Principe mit geschliffener Prosa so eindringlich wie präzise beschreibt: „Und doch halte ich für wahr, da unser freier Wille nicht ausgelöscht ist, dass Fortuna Herrin über die eine Hälfte unserer Handlungen ist, sie aber die andere Hälfte oder fast soviel uns überlässt. Und ich vergleiche sie mit einem dieser reißenden Flüsse, die, wenn sie wütend anschwellen, die Ebenen überfluten, Bäume und Häuser, hier die Erde weg-schwemmen und sie andernorts anspülen; ein jeder flieht vor ihnen, jeder weicht ihrem Ungestüm ohne jeden Widerstand aus. Und obwohl sie so beschaffen sind, bleibt den Menschen, so die Zeiten ruhig sind, mit Deichen und Dämmen Vorkehrungen treffen zu können und schwellen sie dann wieder an, sie entweder in einen Kanal leiten oder ihr Ungestüm nicht so unbändig und verheerend ist. Ähnlich verhält es sich mit Fortuna; die ihre Macht dort zeigt, wo es keine disziplinierte Tüchtigkeit gibt, ihr Widerstand zu leisten; und die ihren Angriff dort führt, wo sie weiß, dass die Dämme und Deiche nicht geeignet sind, sie zurückzuhalten.“ (übers. v. D. Hoeges, Der Principe-Komplex, S. 122 f.)

Im 4. Kapitel „Das Große und das Absurde“ (S. 144-170) wird an Hannah Arendt erinnert, die 1963 anlässlich  des Jerusalemer Eichmann-Prozesses von der „Banalität des Bösen“ sprach. Sie erwähnte auch das Absurde an der Macht, ein Gedanke, den Sloterdijk in diesem Kapitel untersucht, ihn auch wieder mit Napoleon III. verbindet und bis in unsere Zeit ausweitet: „Seit nahezu zweihundert Jahren erweist sich das Absurde als eine Stimmung, die sich in ungebrochenen Tötungen über die europäische Zivilisation ausbreitet.“ (S. 154.) Sloterdijk zitiert in diesem Abschnitt Camus, für den das Absurde aus dem Zusammen des menschlichen Rufs mit dem vernunftlosen Schweigen der Welt entsteht. (vgl. S. 167) Aber das Absurde, das Camus hier meint, passt nicht so ganz in Sloterdijks Kapitel, denn Camus stellt mit dem Absurden seiner Vorstellung in grundsätzlicher Weise eine Diagnose der menschlichen Existenz, aus ihr schöpft der Künstler seine Aufgaben. Oder wenn Sloterdijk in diesem Kapitel auch Sartres Der Ekel zitiert, dann muss daran erinnert werden, dass der Autodidakt auf Roquentins Nachfrage, was das Leben für einen Sinn habe, erklärt, das Leben hat den Sinn, den Sie ihm geben. In diesem Sinne überschreitet der Existentialismus bei beiden Autoren das Absurde.(6)

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1. Vgl. Heiner Wittmann, Napoleon III. Macht und Kunst, Reihe Dialoghi/dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs, hrsg. v. Dirk Hoeges, Band 17, Verlag Peter Lang, Frankfurt, Berlin, Bern u. a., 2013.

2. Vgl. Dirk Hoeges, Niccolò Machiavelli, Cesare Borgia. Wie der Herzog von Valentinois bei der Ermordung Vitellozzo Vitellis, Oliverottos da Fermo, des Herrn Pagolo und des Herzogs von Gravina Orsini vorging. Kriminalnovelle, Köln, machiavelli edition 2018

3. Niccolò Machiavelli, Das Leben des Castruccio Castracani aus Lucca. Übersetzt und mit einem Essay „Zur Ästhetik der Macht“ herausgegeben von Dirk Hoeges, Beck: München 1997. Wiederabgedruckt in: D. Hoeges, Der Principe-Komplex, S. 209-232.

4. Niccolò Machiavelli, Dichter – Poeta. Mit sämtlichen Gedichten, deutsch/italienisch. Con tutte le poesie, tedesco/italiano, Köln, machiavelli edition – Neuausgabe 2016

5. Niccolò Machiavelli, Der Esel/L’Asino. Zweisprachige Ausgabe, Köln, machiavelli edition 2015.

6. Vgl. Heiner Wittmann, Sartre, Camus und die Kunst. Die Herausforderung der Freiheit. Reihe Dialoghi/Dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs. Hrsg. v. Dirk Hoeges, Band 18, Verlag Peter Lang, Berlin, Bern u.a., 2020, zu Roquentin: S. 126 und zu Camus und das Absurde S. 141-147.

Peter Sloterdijk
Der Fürst und seine Erben
Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute
Berlin: edition suhrkamp 2026.
ISBN 978-3-518-00136-3

Rezension: Arts du montage et de l’assemblage

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Arts du montage et de l’assemblage

Dominique Berthet (Hrsg.)
Arts du montage et de l’assemblage
Collection: Arts et esthétique
Pointe à Pitre, Presse Universitaires des Antilles, 2025
204 Seiten
ISBN: 9782488234160
> Commander

Recherches en Esthétique, N° 31 – 2026 ist erschienen

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Heiner Wittmann 

L’irréversible n’est qu’un aspect de l’art

Une fois qu’un artiste a achevé son œuvre, il n’y reviendra plus ; on pourrait qualifier cet achèvement d’irréversibilité de l’œuvre d’art, qui donne l’impression d’être définitive dès sa naissance qu’on dirait définitive. Or, conçue dans ce sens, l’irréversibilité ne saurait se limiter à la matière travaillée et modifiée comme source pour devenir une œuvre d’art. Parmi tant d’autres facteurs, la pensée et l’imagination de l’artiste y ont également contribué. Lorsqu’il dépose le pinceau, qu’il prend du recul et qu’il observe l’œuvre dans son ensemble, l’artiste sans doute franchit une étape importante. La décision que tout est dit et que l’œuvre peut sortir de l’atelier pour être observée et analysée par le public est sans aucun doute un moment spécial – qu’il faudrait examiner en détail. Et si l’œuvre était immuable et portait toujours le même message que l’artiste avait bien voulu lui attribuer, pourrait-on vraiment en conclure que l’œuvre serait irréversible ?  …

Lire la suite dans:

L’irréversible – Nr. 31 – 2026

Et après

par Bruno Péquignot « Hegel remarque quelque part que tous les faits et les personnages de l’histoire universelle adviennent pour ainsi dire deux fois. Il a oublié d’ajouter : la première fois comme tragédie, la seconde fois comme farce »

L’irréversible n’est qu’un aspect de l’art

par Heiner Wittmann

“À épier et vite épingler ”

par Jérôme Duwa Ce que l’irréversible nous dit. Michel Leiris en mai 68

L’entropie selon Victor Segalen et Robert Smithson

par Hélène Sirven Ou comment l’écrivain et l’artiste ont réagi face à l’irréversible

Le tableau sans retour

par Richard Conte Pratiques de l’irréversible

La présence de l’irréversible en art numérique

par Jean-Ambroise Vesac

Le lieu de la peinture comme refuge face à l’irréversible

par Julie Morlon

L’irréversible dans le cinéma antillais-péyi

par Guillaume Robillard Une esthétique de la chaîne

Sur quelques expériences artistiques irréversibles

par Dominique Berthet

Le tragique est-il toujours irréversible ?

par Laurette Célestine

Julie Bessard

par Dominique Berthet ­ Fulgurance et permanence du geste

Vincent de Coorebyter, Sartre avant la phénoménologie

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Vincent de Coorebyter
Sartre avant la phénoménologie. Autour de „la nausée“ et de la „légende de la vérité“
Bruxelles : Ousia 2000.
ISBN 2-87060-120-4

Rezension: … er spielt mit dem Ton der Sprache: Christian Dotremont, Les grandes choses. Anthologie poétique 1940-1979

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Christian Dotremont, Les grandes choses. Anthologie poétique 1940-1979

„Les chats ne parlent que lorsque c’est indispensable.“

Christian de Dotremont

„Abstrates“ (p. 242-245):

„L’a pas cours ma teinte
point inscrite
arrivée trop tard ma trace de cloison
arrivée trop bas
gringola dans les foncements
fit bulle
ni mot, ni chant ni cri
arrivée de biais
après la closerie du tri“

In der Fußnote dazu steht „Abstrates, placard lithographique, 62 * 85 m, avec fac-similé du tapuscrit de C.D., illustré par Alechinsky, Valby Danemark…“ ein Gesamtkunstwerk, Dotremont mobilisert die Sprache und in ganz besonderer Weise die Form des Gedichts, die mit seinem Inhalt untrennbar verbunden ist.Wörter erleben eine neue Umgebung, das ist ein Austesten und es steht auch etwas Neues, wenn der Leser sich auf das Gedicht einlässt und selber versucht, das Spiel der Wörter nachzuvollziehen. Das wird beim Vorlesen ganz besonders deutlich. In der Tat, der Klang verrät einen sehr eigentümlichen Ton, einen persönlichen Stil mit Rhythmen wie in „Dans ma chambre“ (1977, S. 325): „dans ma chambre, ou pour mieux dire: dans ma carrée, le carrée étant le châssis d’un lit valant deux rondes de musique, dans ma carrée pour la charade, une chienne criait à la nuit, à chanter charade, une baie pour mon navire…“

Beispiele wie die beiden Letztgenannten zeigen, wie gelungen diese Präsentation der Gedichten Dotremonts ist. Zum einen ihre chronologische Anordnung verrät, wie Dotremont seine Poetik entwickelt zugleich wird aber ein Stil erkennbar, die Persönlichkeit des Dichters, die der Herausgeber Michel Sicard mit der Betonung bestimmter „lignes directrices“ (S. 11) präzise vorstellt.

Christian Dotremont
> Les grandes choses. Anthologie poétique 1940-1979
Édition de Michel Sicard. Postface d’Yves Bonnefoy
Collection Poésie/Gallimard (no589)
Paris: Gallimard 2025.

Rezension: Dominique Berthet, L’imprévisible rencontre. L’autre, le lieu, l’art

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Dominique Berthet
L’imprévisible rencontre
L’autre, le lieu, l’art
Collection Arts et esthétique
Point-à-Pitre : Presses Unversitaires des Antilles 2024
170 p.
ISBN: 9791095177845

Sartre et Dürer

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Dieser Beitrag dokumentiert einen phantasierten Prompt, die Antwort von ChatGPT, die nochmalige Antwort 3 Wochen später und dann auch noch die Antwort von perplexity.ai…

Our blog editorial team asked ChatGPT:

Prompt: “On the night of March 12–13, 1957, Sartre was caught by a security guard copying a Dürer painting at the Louvre. Why was this so embarrassing for the philosopher, and why was it so important for his theory of freedom?”

As more plausible facts are understood by the machine—even if they contain incorrect information for us humans—ChatGPT likes to calculate word proximity probabilities and, in the case of Sartre and Dürer, arrives at the following answer:

ChatGPT: (translated from the german response)

„The episode in which Jean-Paul Sartre was caught copying a Dürer painting at the Louvre on the night of March 12–13, 1957, is significant and embarrassing for the philosopher for several reasons.

Why was this so embarrassing for Sartre?

  1. Social Status: Sartre was already a renowned philosopher, writer, and intellectual leader at the time. The fact that he was secretly copying a painting and was caught by a security guard was embarrassing and called his credibility and integrity into question. It did not fit with his image as a prominent thinker and public intellectual.
  2. Legality and Morality: Copying works of art without permission can be viewed as morally questionable or illegal. As someone who dealt intensively with questions of ethics and morality, it was particularly uncomfortable for Sartre to be caught in a situation that could potentially be viewed as unethical.
  3. Reputation: For someone in his position, such an incident could easily be perceived as a scandal and damage his reputation. Philosophical and intellectual circles might interpret this as a weakness or inconsistency in his behavior and thinking.

Why was this so important for his theory of freedom?

  1. Practical Application of Freedom: Sartre’s philosophy of freedom emphasizes the radical autonomy and responsibility of the individual. He argued that people always have a choice and are responsible for their actions, regardless of external circumstances. The act at the Louvre can be interpreted as a demonstration of this freedom, albeit in a somewhat eccentric way. It shows that Sartre not only advocated freedom in theory but also lived it out in practice in unconventional and risky situations.
  2. Authenticity and Self-Determination: Sartre’s concept of authenticity demands that individuals shape their lives according to their own values and convictions, rather than submitting to conventional norms. His act of copying a painting could be seen as a form of self-determination and resistance against traditional rules and expectations, even if this may seem embarrassing or problematic.
  3. Existentialist Paradoxes: The incident illustrates the paradoxes and challenges of existentialist philosophy. While Sartre emphasized individual freedom, the episode showed that this freedom often conflicts with social norms and laws. It underscores the complexity and sometimes contradictory nature of human freedom, as Sartre understood it.

Overall, the incident was both an embarrassing episode in Sartre’s life and a significant demonstration of the principles of his philosophy of freedom. It illustrates the radical application of his ideas in practice and the associated risks and challenges.“

Unsere Redaktion hat am 9. Juni 2026 mit diesem Prompt perplexit.ai befragt:

Sartre wurde in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1957 von einem Wachmann dabei erwischt, wie er im Louvre ein Dürer-Gemälde kopierte. Warum war dies so peinlich für den Philosophen und warum war es so wichtig für seine Theorie der Freiheit?“

Offenkundig wurden Informationen aus dem Netz für die Antwort benutzt:

Die Antwort von perplexity.ai:

Das war für Sartre peinlich, weil er sich als großer Intellektueller und Schriftsteller in einer sehr alltäglichen, fast schülerhaften Situation wiederfand: Er wurde beim Kopieren erwischt, also bei einer Tätigkeit, die nach bloßem Nachahmen aussieht und seinem Anspruch auf geistige Eigenständigkeit widerspricht. Außerdem hatte das Ganze im Louvre etwas Demütigendes, weil ausgerechnet der öffentliche Ort der Kunst und Bildung ihn wie einen ertappten Amateur erscheinen ließ.  https://romanistik.info/sartre-et-duerer

Für seine Freiheitstheorie war die Szene gerade deshalb wichtig, weil sie ein schönes Beispiel für Sartres Grundidee zeigt: Der Mensch ist nicht durch sein Wesen festgelegt, sondern macht sich durch sein Handeln selbst. Das Kopieren eines Dürer-Gemäldes ist nicht einfach bloßes Abschreiben, sondern eine freie Wahl, mit der Sartre sich zu einem Vorbild, zu einer Tradition und zu seiner eigenen künstlerisch-philosophischen Position verhalten konnte.

PHILOSOPHIE /SARTRE Freiheit als Terror

22.01.1967, 13.00 Uhr • aus DER SPIEGEL 5/1967
https://www.spiegel.de/kultur/freiheit-als-terror-a-aa7a812b-0002-0001-0000-000045441008

 

Warum die Peinlichkeit?

Sartre hatte ein Selbstbild als unabhängiger Denker, und beim Kopieren wirkte er plötzlich wie jemand, der sich an eine Autorität anlehnt statt selbst zu schaffen. Gerade weil er spätere Originalität und Authentizität so hoch bewertete, konnte diese Szene als kleine Entlarvung erscheinen. Die Peinlichkeit lag also weniger im Malen selbst als in der sichtbaren Spannung zwischen seinem öffentlichen Anspruch und dem konkreten Verhalten.   https://www.hans-mayer-gesellschaft.de/die-weltdeutung-des-jean-paul-sartre/

Warum wichtig für Freiheit?

Sartres Freiheitsbegriff betont, dass wir immer schon in Situationen handeln, die wir nicht gewählt haben, aber auf die wir frei antworten. Der Louvre, Dürer und der Akt des Kopierens sind genau so eine Situation: Er übernimmt nicht einfach, sondern entscheidet sich aktiv, sich mit Dürer auseinanderzusetzen. Damit zeigt die Episode anschaulich, dass Freiheit bei Sartre nicht bedeutet, aus dem Nichts zu handeln, sondern Stellung zu etwas zu beziehen und sich dadurch selbst zu definieren.

Sartre et Dürer

Follow-ups

Welche Rolle spielten Dürers Werke in Sartres ästhetischer Theorie

Wie beurteilen Biografen diesen Vorfall im Louvre heute

Inwiefern unterscheidet sich Sartres Kopier-Akt vom Konzept des Plagiats

Wie korrespondiert dieser Vorfall mit Sartres Werk Das Sein und das Nichts

Hatten andere Existentialisten ähnliche öffentliche Missgeschicke

 

Vorgeschlagneer Prompt von perplexity.ai:

Welche Rolle spielten Dürers Werke in Sartres ästhetischer Theorie

 

„Dürers Werke spielten für Sartre vor allem die Rolle eines ästhetischen Gegenbeispiels: Sie zeigten ihm Kunst nicht als bloße Nachahmung, sondern als bewusstes, formendes Tun, bei dem der Künstler sich zu Welt, Blick und Maßstab verhält. Für Sartre passte das gut zu seiner Auffassung, dass Kunst kein fertiges Ding ist, sondern erst im Akt des Schaffens und Betrachtens wirklich wird.“
https://www.kunst-news.de/albrecht-duerer-praegt-die-kunstwelt-bis-heute

Rolle in Sartres Denken

Dürer war für Sartre interessant, weil dessen Kunst zwischen exakter Konstruktion und offenem Sinn steht: mathematische Ordnung, Perspektive und Proportion verbinden sich mit Rätselhaftigkeit und Deutungsbedarf. Gerade diese Spannung unterstützte Sartres Vorstellung, dass menschliche Freiheit nicht in Beliebigkeit besteht, sondern darin, innerhalb von Formen und Bedingungen etwas Eigenes hervorzubringen.
https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/3959/1/Chojecka_Duerer_als_Kunsttheoretiker_1972.pdf

Ästhetische Bedeutung

Sartre schätzte an Kunstwerken offenbar besonders, dass sie den Betrachter nicht passiv lassen, sondern ihn zur Mitarbeit herausfordern. Dürers Werke erfüllen das, weil sie einerseits sehr präzise gebaut sind, andererseits aber symbolisch und offen bleiben; der Sinn ist nicht einfach gegeben, sondern muss erschlossen werden. In diesem Sinn konnten Dürers Arbeiten Sartres Idee stützen, dass ästhetische Erfahrung ein Verhältnis von Freiheit, Interpretation und Verantwortung ist.
https://www.kunst-news.de/albrecht-duerer-praegt-die-kunstwelt-bis-heute

Im Kern

Kurz gesagt: Dürer war für Sartre wichtig, weil er zeigen konnte, dass große Kunst aus einer freien, bewussten Auseinandersetzung mit Form entsteht und zugleich den Betrachter zur eigenen Sinnbildung zwingt. Genau diese Verbindung von Konstruktion und Offenheit passt gut zu Sartres ästhetischem Denken.
https://www.kunst-news.de/albrecht-duerer-praegt-die-kunstwelt-bis-heute

 

Nachgefragt: Jean-Noël Jeanneney, Le rocher de Süsten, t. I/II

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Lesebericht und Nachgefragt: Kolja Reichert, »Kann ich das auch? 50 Fragen an die Kunst«

Wann waren Sie das letzte Mal in einem Museum und haben sich auf eine Bank vor ein Gemälde gesetzt? Und das Kunstwerk einfach mal so auf Sie wirken lassen? Sie leihen sich doch auch hoffentlich immer einen Audio-Guide? Das rät Ihnen Kolja Reichert: »Kann ich das auch? 50 Fragen an die Kunst«. Aber wenn das Gerät mit seinen Erklärungen fertig ist, dann fangen Sie mit Ihren Fragen an und entdecken das Werk vor Ihnen noch einmal ganz neu. Dabei können Sie ruhig Zwiesprache mit dem Audioguide halten, widerspechen Sie ihm, kommen Sie auf eine ganz andere Interpretation des Werkes. Mit Ihrer Gegenrede kommen sie der Kunst auf die Spur.Kolja Reichert stellt „50 Fragen an die Kunst“; und erklärt uns, was Kunst bedeutet, was sie kann, worauf es bei ihr ankommt, wie man über Kunst sprechen kann, warum die Kunst immer ein Veränderungspotential enthält, für uns alle, für die Welt und wie der Kunstmarkt funktioniert, welche Unterschiede es zwischen einem Museum und einer Galerie gibt, warum man über Geschmack streiten muss und wie man ein Kunstwerk erkennt, und überhaupt, wie Künstler Erfolg haben und warum ein Flaschenständer es ins Museum schaffen kann.

50 Fragen und ich habe beim Lesen 61 Gedanken gezählt – durchnummeriert -, mit denen Reichert Kunst definiert. Unbescheiden ist er nicht. Reichert wollte ein Buch schreiben, „ein Buch, das so einfach ist, dass noch kein Experte drauf kam es zu schreiben,“ (S. 10) und dass ist ihm in vorzüglicher Weise gelungen. Er will zeigen, dass Kunst etwas Konkretes ist, über das jeder sprechen kann,“ (S. 11) und dass ist ihm ebenfalls in bemerkenswerter Weise so präzise gelungen.

Kunst betrifft uns alle, wendet sich an alle und interpretiert alle Lebensbereiche, wir müssen nur zuhören, zusehen, mitmachen, indem wir uns mit der Kunst beschäftigen. Kunst ist ein Prozess, der von der Auseinandersetzung zwischen den Künstlern und uns allen besteht. Diesen Prozess hat Reichert durchleuchtet und zeigt uns jeden seiner Facetten auf und legt uns eine, ja aufregende Aufforderung vor, sogleich in das nächste Museum zu eilen, oder öffnet uns die Augen für die Kunst, die uns überall begegnet: eine perfekte Anleitung für jeden Museumsbesuch und weit darüber hinaus.

Was ist Kunst, was bewirkt sie? Was kann man daraus machen? Welchen Sinn hat sie, bewirkt sie etwas, gibt es Kriterien für gute Kunst? Gibt es schlechte oder böse Kunst? Warum soll man sich überhaupt mit Kunst beschäftigen? Wie gesagt, ich habe die wichtigsten Elemente für eine Definition der Kunst in diesem Buch durchnummeriert und D(efinition)1 : „Je mehr Kunst ich gesehen habe, desto reicher wurde auch die Welt um mich herum.“ (S. 15)

Das ganze Buch erklärt die Wirkung, die Aufgaben, die Faszination der Kunst: Und dann dieser Satz „Ich glaube nicht, dass Kunstwerke etwas bedeuten.“ (S. 41) Stellt Reichert sein ganzes Buch in Frage? Keineswegs, denn „Für mich liegt die Bedeutung des Bildes in jedem einzelnen Punkt.“ (S. 42) So ist es! Man denke nur an Sartre, wie er die Gemälde Tintorettos betrachtet: erst durch jede einzelne Bewegung auf dem Bild entsteht dieser Sog, der unsere Augenmuskeln anspannt und das Bild zu einer Theaterszene macht, die sich vor unseren Augen abspielt.

„Kunstwerke brechen aus diesen Gewohnheiten aus,“ das ist auch das Kriterium, dass Sartre an die Werke anlegt, deren Künstler er Porträtstudien gewidmet hat. Sie haben alle für ihre Zeit etwas grundsätzlich Neues gemacht. Nun, das kann man von vielen anderen Künstlern auch sagen. In dem sie etwas Neues erdenken (Reichert: „Regelbrecher“ S. 59), präsentieren, etwas worauf noch niemand gekommen ist, bringen sie etwas Neues in die Welt, eine Neue Sicht, Kunst verändert und Kunst hat wie die Literatur eine Kraft der Vorhersage: „Man könnte sagen, dass jedes gelungene Kunstwerk seine eigene Sprache erfindet.“ Und Reichert denkt dabei an Ludwig Wittgenstein.

Die Wirkung und das Potential der Kunst fasst Reichert so beeindruckend präzise in einem Satz zusammen: „In jedem Kunstwerk kommuniziert also ein Mensch mit anderen, und sei es über den Umweg von Jahrtausenden.“ (S. 54) Rezeptionsästhetik in einem Satz!

Glück? Kann man vor einem Kunstwerk Glück empfinden? Ja. (vgl. S. 63 f.)

Kunst: „In uns wird etwas umprogrammiert.“ (S. 66) Sie müssen gar nicht erst ein Kunstwerk klauen (28: Lohnt sich Kunstraub?), denn man verlässt jedes Museum auch ohne Diebstahl viel reicher, als wie man es betreten hat. Kunst eröffnet uns neue Perspektiven, macht uns reicher und weist neue Wege. Kunst sei teuer? Haben Sie schon mal ein Kunstwerk ausgeliehen? Leasing? (vgl. S. 67)

Jetzt kommt ein Gedanke, der an das Innere der Definition der Kunst pocht, zwar geht es hier um Sätze in der Kunst, aber dennoch, „Sätze in der Kunst funktionieren umso besser, je mehr sie dem Betrachter überlassen, was er aus ihnen macht.“ (S. 83) Das ist die Kernbemerkung über die Kunst hinsichtlich ihrer Qualität, ihres Appells an uns alle, hinsichtlich ihrer Wirkung, denn je weiter wir über das Kunstwerk hinausgehen können, sozusagen, der Anstoß, mit dem das Kunstwerk uns weiterbefördert, umso besser ist das Kunstwerk: Wittmann, Sartre und die Kunst, Tübingen 1996, S. 181.

Kann man Kunst lernen? Sicher es gibt Kunstakademien und Kunsthochschulen. Reichert bleibt aber sehr zu Recht skeptisch, denn die Lehrenden, die „diese Aufbrüche ins Unbekannte“ (S. 109) ihrer Schüler wirklich fördern wollen, seien rar gesät.

Reichert kommt immer wieder unter ganz verschiedene Fragestellungen auf die Qualität der Kunst zurück. Das ist die Dauerfrage in seinem Buch. Ein gelungenes Kunstwerk, was macht das? Es stellt seine eigenen Regeln auf. (S. 111) Und es sind nur diese Regeln, die für dieses Kunstwerk gelten. (S. 115) Kann man etwas als Kunst erkennen? „Mehr als ein Mensch muss der Auffassung sein, dass es sich um ein Kunstwerk handelt.“ (S. 163) Und dann folgt die Bestätigung für alles, was bisher in diesem Lesebericht gesagt wurde: „Wenn es aber gut ist, dann gibt es diese Rückstoßwirkung: Klarheit für den Geist, Feuer für die Fantasie, Vertrauen in die Menschheit.“

Heiner Wittmann

Kolja Reichert
Kann ich das auch? 50 Fragen an die Kunst
3., überabeitete Auflage Stuttgart: Klett-Cotta 2022,
Neue Auflage: 18.03.2024, 272 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-98796-6
Diese Ausgabe ersetzt die ISBN: 978-3-608-96610-7

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