Rezension: Hans Mayer, in: Revue germanique internationale 3/2021

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Hans Mayer, in: Revue germanique internationale 3/2021

Heiner Wittmann
> www.hans-mayer-gesellschaft.de

> Hans Mayer, in: Revue germanique internationale 3/2021.

Rezension: Paul Schaffrath, Nebel von Avignon. Provence-Krimi

Die Wartezeit auf die schon lange geplante Reise in die Provence kann am besten mit einem Provence-Krimi  > Der Nebel von Avignon von Paul Schaffrath, der durch andere Krimis im Verlag CMZ bekanntgeworden ist, verkürzt werden.

Der Kriminalhauptkommissar Krüger aus Bonn fährt mit seiner Freundin Carmen zum Erholung in die Provence. Endlich mal ausspannen, aber er hat vergessen, seine berufliche Neugier zu Hause zu lassen und als beide in Maulaucène Schüsse hören, ist der Urlaub schon vorbei.

Krüger kann es nicht lassen und schaut sich den Tatort an, wird dabei von einem Untersuchungsrichter überrascht, der sich auch schon für den Fall interessiert. Sie stellen sich einander vor und der Richter akzeptiert die Begleitung von Krüger, der sich als kompetenter Gesprächspartner für die Überlegungen erweist, mit denen der Fall zu durchdenken ist. Es geht um verfeindete Brüder, einen Weinhändler – der seinem ersten Auftritt aber schon im Rotwein ertrunken ist – und dubiose Immobilienhaie.

Es wird mit jedem Kapitel komplizierter und Krüger fühlt sich inoffiziell mit dem Fall betraut. Er beobachtet die Methoden des französischen Polizei und des Richters, würde manches gerne anders machen. Dann taucht noch Kriminalhauptkommissar Markus Schneider ebenfalls aus Bonn auf, der auch nicht dienstlich vor Ort ist, sondern der, weil erholungsbedürftig, einen Tapetenwechsel genießen soll. Dass er sogleich eine Affäre beginnt, war nicht vorgesehen. Als seine neue Freundin Élodie auch noch in den Fall verwickelt wird und Polizeischutz braucht, wird die Geschichte immer komplizierter. Bald landet Schneider mit einem Schulterduchschuss im Krankenhaus, was aber seinen Ermittlungswillen nur erst anstachelt.

Krügers Aktionen und die Ermittlungen des Richters ergänzen sich einander, dadurch wird die Spannung nur noch gesteigert, weil der häufige Perspektivwechsel immer wieder neue Überraschungen bereithält. Die Spannungen, die es manchmal zwischen dem Kommissar und dem Richter gibt; deutsch-französische Missverständnisse oder Empfindlichkeiten gibt es bei den beiden und auch beim Kommissar und seiner Geliebten, wobei die Gegensätze nicht unüberwindbar erschienen, aber gerade durch ihren Vergleich, ihre Begegnung miteinander zu einer gemeinsamen neuen Lösung finden.

Dass der Kommissar im Urlaub aktiv wird, bekommt sogleich durch die Zustimmung des Richters den Segen der Behörden. Wie der Fall wohl ausgegangen würde, hätte sich die beiden Kommissare aus Deutschland nicht eingemischt?

Zufälle spielen auch eine Rolle. Und Krüger erinnert sich an seine Weineinkäufe beim einem Bonner Händler… Und Carmen macht nur zögernd mit, bedauert den de facto abgebrochenen Urlaub und vermutet bei dieser Gemengelage, zwei Brüder, keine Eltern, Schießereien, ein kaputter Tanklaster, ein schweigsamer Weinhändler – das soll nur ein Fall ein Glaub ich nicht.” (S. 117)

Viele Orte werden besucht und beschrieben und Schaffrath kennt die Provence sehr gut und kann ganz nebenbei von den Dörfern erzählen, zwischen denen die Fall sich ereignet. Spannung pur. Die Ermittler wie die Leser werden durch unerwartete Vorkommnisse wie auch Verfolgungsjagden überrascht, aber den Kommissaren und dem Richter gelingt es,  die losen Fäden elegant zusammenzuknüpfen.

Paul Schaffrath
> Der Nebel von Avignon
Provence-Krimi
304 Seiten, Paperback
ISBN 978-3-87062-280-0

Rezension: Anke Feuchter, Geschichte vom Verlieren, Suchen und Finden

 Anke Feuchter, Geschichte vom Verlieren, Suchen und FindenSpannende Geschichten beginnen oft mit Zufällen. Kleine Begebenheiten, denen man zuerst kaum eine besondere Bedeutung zumisst, die sich dann im Nachhinein doch als sehr richtungweisend herausstellen. Diese > Geschichte vom Verlieren, Suchen und Finden beginnt auch mit einem Erlebnis, das sich ganz zufällig, eigentlich nur so nebenbei ereignet.

An einer Haltestelle in Mannheim liegt eine Pariser Metrokarte auf dem Boden. Nun, das kommt nicht so oft vor, denkt sich Katrin Beller, hebt die Karte auf und findet auf ihr eine Telefonnummer, die mit 33 beginnt, eine Nummer in Frankreich. Zögern scheint nicht ihre Sache zu sein. Da die Haltestelle sich ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs befindet, dauert es nur ein paar Minuten, bis sie im ICE sitzt, der um 21 Uhr im Gare de l’Est ankommt.

Sie wählt die Nummer, auf der Metrokarte, ob sie an einen hübschen Pariser denkt… eine Stimme meldet sich, sie legt erschreckt wieder auf. Als Colette sie zurückruft und sie einlädt, nehmen die Dinge ihren Lauf. Es ist eine spannend geschriebene Geschichte vor dem Hintergrund der deutsch-französischen Beziehungen, vom Beginn des Krieges 1940, über die Résistance bis zur Aussöhnung zwischen Franzosen und Deutschen mit allen ihren Hindernissen und Erfolgen. Zwischen den Zeilen wird deutlich, wie intensiv die persönlichen Verbindungen aller Art, Bekanntschaften, Beziehungen, Freundschaften, Liebschaften, Fernbeziehungen und Ehen die Zivilgesellschaften in Frankreich und Deutschland prägen. Und welchen großen Anteil die Geschichte mit ihren individuellen Schicksalen daran hat; das ist es was Anke Feuchter in ihrem Roman uns vermittelt.

Zufälle spielen immer eine Rolle, aber sie treten in den Hintergrund, sowie Gefühle, Empfindlichkeiten beiderseits des Rheins mit ins Spiel kommen. Warum ist Colette aus Heidelberg, damals, vor vielen Jahren praktisch geflohen? Warum erzählt sie so ungerne von Johannes ? Und Katrin fährt am folgenden Wochenende wieder nach Paris. Matthieu hat sie eingeladen. Bahnt sich da was an? Colette scheint besorgt zu sein…

Entscheidende Moment werden hier in diesem Roman oft von wirklichen Zufällen gestaltet, so seltsam, dass sie statt vom Zufall vielleicht eher doch vom Leben geschrieben worden sind, und es vielleicht doch manche Hinweise auf die Biographie der Autorin gibt? Und wenn schon, die Geschichte selbst ist wunderbar erzählt, und das Dorf La Grande cour wird auch durch einen Zufall entdeckt. Beim Besuch der alten verlassenen Häuser entdecken die Freunde, Dokumente und versteckte Briefe, die die Gelegenheit bieten, ein düsteres Kapitel der deutsch-französischen Geschichte, Besatzung und Résistance, in den Roman mit einzubeziehen. Es geht auch hier wieder um individuelle Schicksale bei deren Aufhellung auch wieder merkwürdige Zufälle Pate stehen.

Deutsche und französische Gewohnheiten reiben sich hier aneinander aber ganz in dem Sinne, dass zwischen ihnen Neues entsteht oder gar zukunftsweisend wiederentdeckt werden kann. Alle Paare finden hier unter ganz unterschiedlichen Umständen zusammen, und alle Beteiligten machen mit und ändern ihr Leben.

Die perfekte Sommerlektüre, wenn Sie bald wieder im Zug nach Frankreich sitzen.

Anke Feuchter,
> Geschichte vom Verlieren, Suchen und Finden
Stuttgart: Schilastika-Verlag 2020
ISBN 978-3-947233-31-1

Rezension: Patrice Gueniffey: Napoléon et de Gaulle. Deux héros français

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1. Vgl. dazu auf dem Frankreich-Blog > Wir eröffnen das Napoleon-Jahr 2021: Patrice Gueniffey antwortet auf unsere Fragen zu Bonaparte 22. März 2021

2. Vgl. dazu  auf dem Frankreich-Blog> Hörensagen: “Das Europa der Vaterländer”

Rezension: Karin Westerwelle, Baudelaire und Paris. Flüchtige Gegenwart und Phantasmagorie

In einigen Tagen jährt sich zum zweihundertsten Mal der Geburtstag von Charles Baudelaire (9. April 1821 – 31. August 1867). Eine gute Gelegenheit, mit der Rezension des Bandes von Karin Westerwelle, > Baudelaire und Paris. Flüchtige Gegenwart und Phantasmagorie an das Werk des Dichters der Fleurs du mal (1857) zu erinnern.

Die Darstellung von Karin Westerwelle ist mit 567 Seiten wirklich sehr umfangreich, in diesem Fall gibt es allerdings einige Gründe dafür. Vielleicht hätte das Buch auch einen anderen Titel verdient, denn es enthält eine Kultur-, Wirtschafts- und Soziologiegeschichte der Zeit Baudelaires, von der Restauration über die Julimonarchie bis zum Zweiten Kaiserreich und nicht nur nebenbei werden die Werke Baudelaires ausführlich analysiert.

Die Kapitel Stadt als soziologisches Gefüge, die Hauptstadt Paris, das Geld, die Moderne, die Malerei (Kapitel über Baudelaire und Manet), die Tableaux parisiens, Rêve parisien, machen aus diesem Buch einen schwergewichtigen Beitrag zur Kulturwissenschaft. Wenn auch die Analysen der Werke Baudelaires gerade auch im Zusammenhang mit den hier bereits genannten Kapitelüberschriften überzeugen, so wird es im Vorfeld der Publikation sicher auch die Überlegung gegeben haben, zwei Bände aus diesem Manuskript zu machen: Die Stadt der Moderne im 19. Jahrhundert. Kunst, Soziologie und Wirtschaft (AT) und Charles Baudelaire mit dem aktuellen Untertitel. Die Autorin legt das Manuskript in einem Band vor und die Lektüre dieses Bandes erläutert alle Argumente, die dafür sprechen.

Charles Baudelaire ist der Dichter der Moderne, die ästhetische Konzeption seiner Dichtung ensteht in Paris und in der steten Auseinandersetzung mit allen Aspekten der Großstadt, die sich gerade zur Zeit Baudelaires in einem so immensen Umfang gewandelt hat. Baudelaire war Zeitzeuge, als die Moderne in die Stadt einzieht, sie prägt, aber auch wie die Möglichkeiten der Hauptstadt Paris, der Begriff der Moderne in jeder seiner Facetten so reichhaltig geprägt hat. Baudelaires Werke gehen weit über eine dichterische Empfindsamkeit hinaus, er protokolliert diesen Einzug der Modern in die Stadt in seinen Gedichten, in seinen Prosawerken und in seinen Rezensionen über Kunstwerke wie in seinen anderen Untersuchungen zur Kunst. Diese enge Verbindung zu seiner Stadt rechtfertigt die nur augenscheinlich parallele Analyse der Stadt und Baudelaires Werk, beide verweisen untrennbar aufeinander: “Mit Hilfe der Phantasmagorie entwirft Baudelaire in seiner Dichtung eine neue Deutung des städtischen Raums und begründet ein neues Verhältnis des Menschen zum Unsichtbaren.” (S. 19)

Die Stadt als Erfahrungswelt hat sich Baudelaire wie kaum ein anderer Dichter seiner Zeit als Dandy und Flaneur ohne festen Wohnsitz (vgl. S. 56 ff.) angeeignet. Seine Kritiken zu allen Äußerungen der Pariser Kunstszene waren nicht nur Berichte, sondern drücken auch seine ganze Leidenschaft aus, die Kunst von offizieller Beeinflussung zu lösen: vgl. S. 60 f. Seine eigene Verteidigung der Fleurs du mal gegenüber der Justiz, dass nur die Einheit aller Gedichte der ganzen Sammlung den ihr zugeschriebenen Sinn, nämlich der Warnung vor Morallosigkeit, bewahren kann, war ein Ansinnen, dass die Justiz nicht verstehen konnte und wollte. Seine Ausführungen im Salon 1859 über die Fotografie sind ebenfalls keine bloßen Kritiken, sondern sie sind stilprägend, wie seine Bemerkungen zu seinem Porträtphoto aus der Linse Etienne Carjats 1863: S. 62 f. und vgl dazu: S. 71 ff.

Paris prägt seine Bewohner und sie prägen die Stadt: aus diesem Wechselverhältnis entstehen Monde und demi-monde mit allen ihren Bewegungsformen jeder Art. Als Beispiel sei hier genannt, wie Karin Westerwelle Baudelaires Gedicht Confession auf die Darstellung der Pariser Nachtlandschaft hin untersucht: S. 96-98 und dabei zeigt,  wie beeindruckend es Baudelaire mit wenigen Worten gelingt, das nächtliche Paris vorzuführen. Ebenso gehört das Paris der Geschwindigkeit zu der neuen Moderne, die Baudelaire in Le Peintre de la vie moderne festgehalten hat. Mit Feingefühl untersucht Westerwelle alle Aspekte der Moderne bei Baudelaire und arbeitet ebenfalls heraus, dass dieser kein Vertreter des Fortschrittsgedankens war; für Baudelaire galt nur, was dem Individuum hinsichtlich seiner Entwicklung zugute kam: vgl. S. 113. Daraus folgen Überlegungen zum Dichter und seinem Publikum, vgl. S. 146 ff, mit einer Interpretation des ersten Gedichts der Fleurs du mal “Au lecteur”: vgl. S. 148-158, mit der Westerwelle die Zielgruppe Baudelaires definiert.

Das 3. Kapitel gehört wie eingangs angedeutet in den rein kulturwissenschaftlichen Teil der vorliegenden Darstellung mit der historischen Entwicklung von Paris vom 16. Jahrhundert bis Haussmann und den Weltausstellungen: S. 184-283. Aber auch dieses Kapitel enthält bemerkenswerte Gedichtinterpretationen wir “La Cygne”: “Comme je traversais le nouveau Carrousel”, S. 218-237, womit hier der Erkenntnisgewinn aus der Verbindung zwischen Gedichtanlyse und kulturhistorischer Darstellung gelungen demonstriert wird.

“Die Regeln des Geldes” werden in einem 4. Kapitel erläutert, ist doch “Die Frage, wie sich das Verhältnis von Literatur und ökonomischen Wert, in der bürgerlichen Epoche bestimmt (…) für Baudelaire zentral:”(S. 293) Comment payer ses dettes quand on a du génie, eine Gebrauchsanweisung, in der er an die Geschäftsgebaren Balzacs “Literat und Ökonom” (S. 297) erinnert. Geldsorgen waren ein ständiger Begleiter Baudelaires – ein Leben in strengem Kontrast zu der frugalen (offiziellen) Kunstförderung im Zweiten Kaiserreich stand, von der zunächst nicht profitieren wollte, 1857 machte er aber doch eine Eingabe und erhielt eine Unterstützung für seine Poe-Übersetzungen.

Le peintre de la vie moderne ist eine ganz zentrale Schrift im Werk von Baudelaire. Anhand der Werke von Constantin Guys erläutert Baudelaire die ästhetische Darstellung der Moderne. Eine Gelegenheit für Karin Westerwelle den Zusammenhang von Zeichnung und Kommentar wie auch die Künstlerfiguren im städtischen Raum näher zu untersuchen (S. 363 ff.), zu denen auch der Dandy, S. 368 ff. gehört.

Die Begegnung zwischen Baudelaire und Éduard Manet führt zum Erscheinen des Dichters auf dem Bild La Musique au jardin des Tuileries (1862): S. 410-418: hier gelingt es der Autroin  die Beziehung zwischen der Literatur und der Kulturwissenschaft um die Dimension der Kunstbetrachtung zu ergänzen, war es der ziemlich unbekannte Dichter, der mit dazu beitrug, dass die Kritik dieses Bild nur sehr reserviert aufnahm?

Die Tableaux parisiens benötigen ohne Zweifel zu ihrem Verständnis und Einordnung einen kulturhistorischen Hintergrund, den die Autorin in den vorhergehenden Kapiteln bereitgestellt hat: Das 7. Kapitel untersucht den “Reflexionsgehalt” und die Gattung der Tableaux parisiens. Westerwelle vergleicht die Tableaux mit anderen Gesamtdarstellungen der Stadt Paris und gewinnt so Klarheit über die Eigenheiten der Tableaux, die man heute als Alleinstellungsmerkmale bezeichnet. Gerade in diesen Passagen der Darstellung von Westerwelle wird deutlich, wie gut es ihr gelingt, den Leser zu erneuten Lektüre von Baudelaire anzuregen.

Die Interpretation von Rêve parisien (1860) im letzten Kapitel rechtfertigt den Untertitel dieser Untersuchung Flüchtige Gegenwart und Phantasmagorie. Realität, Traum und Fiktion gehen ineinander über und beweisen wie meisterhaft Baudelaire die Form des Gedichts beherrscht.

Erschöpfend behandelt auch dieses Buch trotz seines Umfangs das Werk Baudelaires keinesfalls. Die besondere Vielfalt seines Werkes erlaubt immer neue Perspektiven, je nachdem welchen Aspekt man betonen möchte. Die Bezüge zur Kunst, die besondere Stellung der Form in seinem Gesamtwerk, die Bezüge seiner Werke untereinander, die Beziehungen Baudelaires zu der Kunstwelt seiner Epoche, seine prekäre wirtschaftliche Lage zugleich aber auch seine Unabhängigkeit, als Voraussetzung für den Erfolg seines künstlerischen Schaffens: Westerwelle weist hier der künftigen Forschung interessante Wege. Sie selber hat zum 200. Geburtstag von Charles Baudelaire vor allem seinen stilbildenden Einfluss auf die ästhetische Interpretation der aufziehenden Moderne und die Folgen für den Kunstbetrieb in der Hauptstadt mit großem Einfühlungsvermögen gewürdigt.

Karin Westerwelle, > Baudelaire und Paris. Flüchtige Gegenwart und Phantasmagorie, Paderborn, Brill/Wilhelm Fink 2020.

ISBN: 978-3-8467-5977-6

Rezension: Patrice Gueniffey, Bonaparte – 1769-1802

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Patrice Gueniffey
> Bonaparte – 1769-1802
Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer, Tobias Scheffel und Claudia Steinitz
Berlin, Suhrkamp 2017
Gebunden, 1296 Seiten
ISBN: 978-3-518-42597-8

Die ganze Sendung:

> Le Point des idées du vendredi 8 janvier 2021 – LCI

Un manuel de photographie: Michel Sicard & Mojgan Moslehi, Temps interférentiel dans la photographie

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Rezension: Walburga Hülk, Der Rausch der Jahre. Als Paris die Moderne erfand

In > Der Rausch der Jahre erzählt die Siegener Professorin für Romanistik Walburga Hülk, wie das Zweite Kaiserreich mit dem lange unterschätzten Kaiser Napoleon III., dem Neffen Napoleons I., und der Hilfe vieler Getreuer Paris in die Moderne führte. Allein der Umbau von Paris, den er Georges-Eugène Baron Haussmann (1809-1891) anvertraute, rechtfertigt den Untertitel des vorliegenden Bandes: > Als Paris die Moderne erfand.

Sicher, das Zweite Kaiserreich von 1852-1870 hatte seinen Ursprung in einem vornehmlich von den Künstlern und Schriftstellern wie Victor Hugo so beklagten 3. Staatsstreich des 1. Präsidenten der französischen II. Republik. Edmond und Jules de Goncourt beginnen ihr Tagebuch im Dezember 1851 und zeigen sich sogleich verschnupft, weil es vom Staatsstreich so wenig zu sehen gab. Rein in die Hosen, runter auf die Straße und die Gaffer haben nichts mehr zu gucken, das ärgert sie maßlos. Ihre Kollegen Gustave Flaubert, Charles Baudelaire als Kunstkritiker (S. 106-117 ***, S. 151-156) wie auch George Sand haben größte Mühe, sich mit dem neuen Regime zu arrangieren. Jeder von ihnen, jeder Künstler entwickelt seine eigene Strategie um zu überleben. Flaubert schreibt den modernen Roman (Sartre): Madame Bovary. Mœurs de Province (1857) (Cf. S. 141 ff). Die Maler wie Gustave Courbet, Manet und Monet wie auch Winterhalter (cf. S. 101-104) kreieren neue Kunststile oder arbeiten direkt für das Regme und bereiten so dem Kaiserreich eine große Bühne. Alle voran setzt Jacques Offenbach (cf. S. 118-120, S. 192-196) das Fest des Zweiten Kaiserreichs in Noten und feiert, neben Niederlagen, immer neue Triumphe und wird sein musikalischer Botschafter in Europa und sogar in Übersee. In allen Kapiteln erinnert Walburga Hülk zu Recht an den Widerstand der Künstler, aber sie zeigt auch, wie das Regime die ungeheuer vielfältige Kunstproduktion zu seinem eigenen Vorteil und Ruhm zu nutzen verstand. Es wird deutlich, dass die Geschichte des Zweiten Kaiserreichs ohne die Kunst und die Literatur nicht erzählt werden kann.

Die Wut von Victor Hugo auf den Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 und damit auf  “Napoléon le Petit” war grenzenlos. Er reiste ins Exil ab, dann auf eine Kanalinsel und sollte erst nach dem Sturz Napoleons III. wieder nach Paris kommen. “Napoléon le Petit” ist mit seiner anschwellenden Empörungsrhetorik der erste Aufschrei der modernen Mediengesellschaft.” (S. 41)

Hülk zeigt wie 1853: “Projektemacherei und Fortschritt first”, die Moderne planvoll und zielgerichtet in Szene gesetzt wird. Vielleicht waren die Künstler mit ihrer Kritik und ihrer Schmollerei doch nicht so auf der Höhe der Zeit, da das Regime ihnen zunächst davon zu eilen schien. Aber schnell wird deutlich, dass die Medienlandschaft sich schnell auf die neue Zeit einstellen kann, neue Presseformen kreiert, das Feuilleton erlebt einen ungeheuren Aufstieg. Hülk resümiert das Aufbruchsambiente so wunderbar mit der Überschrift: “Sex in the City. Bohème zwischen Hedonismus und Start-up.” Der Umbau von Paris wird begonnen, einige außenpolitische Abenteuer wie Algerien und der Krimkrieg kommen hinzu: Frankreich steht mitten auf der Weltbühne. 1855 ist Weltausstellung in Paris und alle Welt reist dort hin.

“Mit dem Fortschritt veränderte sich auch die Arbeitswelt,” (S. 95) Hülk hat auch die sozialen Fragen im Blick, die Probleme derjenigen, denen der so rasante Umbau von Paris, Staat und Gesellschaft nicht so gut bekam. Flaubert ärgert sich über stumpfsinnige Arbeiten, die die Menschheit verblöden und ist mit seiner Einschätzung ganz in der Nähe von Friedrich Engels (cf. S. 95 f).

Lolou der Stammhalter des Kaisers wurde am 12. Juni 1856 geboren. Zwei Tage später wird er in Notre-Dame getauft: (Cf. 129-132). Was für ein Fest! Hülka erzählt hier die strahlenden Sonnenseiten des Regimes, denen sogleich mit den Prozessen gegen Schriftsteller einige Schattenseiten folgen. Großer Schaden entsteht für sie nicht, die Steigerung ihrer Bekanntschaft wird dem Absatz ihrer Bücher nur nützen.

“Immer schneller, immer größer, immer mehr” (S. 156). Die Moderne steigert die Intensität des Lebensgefühls, Beschleunigung allerorten. Und der Kaiser hat seine Schriften wie “Les idées napoléoniennes” nicht vergessen und leitet 1859 eine vorsichtige Liberalisierung des Regimes ein (S. 233 f).

“Gala und Bohème” (S. 235-267) wird von den Erfolgen der Schriftsteller und Künstler begleitet, kommentiert, gefördert und inszeniert. Der Salon der Maler ist immer ein Großereignis, das das Verhältnis von Kunst und Politik vorführt. Die Kommission lehnt nicht nur wegen der Menge viele Bilder ab, die Künstler sind erbost und erhalten auf einmal Protektion vom Kaiser, der befiehlt die ausgesonderten Werke extra zu zeigen: Le Salon des Réfusés.

1867 ist wieder Weltausstellung in Paris: Kein Besucher kann sich vorstellen, dass nur vier Jahre später das Fest plötzlich vorbei sein wird. Das Regime geht im Deutsch-Französischen Krieg unter, aber Arthur Rimbaud (1854-1891) büchst noch während des Krieges mit der Eisenbahn nach Paris aus. 1872 lernt er Stéphane Mallarmé (1842-1898) kennen, beide stehen für einen erneuten bemerkenswerten Modernisierungsschub der Literatur, der so ohne das Zweite Kaiserreich vielleicht gar nicht denkbar war.

Walburga Hülk hat mit ihrer Geschichte von Paris im Zweiten Kaiserreich auch eine Literatur- und Kunstgeschichte der besonderen Art vorgelegt. Ihr Buch ist eine Anleitung dafür, die Tagebücher der Brüder Goncourt, die Romane von Flaubert und George Sand und Victor Hugo wiederzulesen und dabei ihre so bemerkenswerte Modernität wiederzuentdecken. Es ist diese Modernität, deren Ursprünge im Verhältnis, ja im Wettbewerb zwischen Kunst und Politik zu suchen sind. Trotz der Zensur entwickelten sich so viele Kunstformen gleichzeitig, gelangten trotz der gerade wegen ihrer Kritik am Regime zu so großer Blüte. Und das Regime? Woher kam sein Erfolg? Welche Rolle spielte dabei der Kaiser selbst? Nach der Lektüre dieses Buches entsteht doch der Eindruck, dass das Regime nicht nur von den Künsten profitierte sondern auch in gewisser Weise den Weg zu weisen wusste.

Walburga Hülk
> Der Rausch der Jahre. Als Paris die Moderne erfand
ISBN: 978-3-455-00637-7
416 Seiten
Hamburg Hoffmann und Campe 2019

Das Taschenbuch erscheint am 05.05.2021,
ISBN 978-3-455-01071-8

Rezension: Jean-Noël Jeanneney, Le Rocher de Süsten. Mémoires, 1942-1982

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Rezension: Philippe Wampfler, Digitales Schreiben

Iin der Flut der Veröffentlichungen zum Unterricht mit digitalen Medien gibt es jetzt eine richtig gute Praxis-Anleitung: Philippe Wampfler, Lehrer, Dozent für Fachdidaktik Deutsch und Referent in Zürich hat für Reclam > Digitales Schreiben. Blogs & Co. im Unterricht Reclam Bildung und Unterricht verfasst und damit eine gelungene Anleitung im Sinne einer kleinen aber präzisen Fachdidaktik zum Einsatz digitaler Medien im Deutschuntericht, die natürlich auf für die Vermittlung anderer Sprachen gilt, vorgelegt.

Allein schon die Einleitung Digitales Schreiben (S. 11-23) zeigt einen Horizont auf, der heute noch nicht so recht praktiziert wird, aber auch schon nicht mehr bloß Zukunftsmusik ist. Er macht Lust darauf, seine Vorschläge im Unterricht auszuprobieren. Dann geht es in Detail Schreibdidaktische Aspekte des digitalen Schreibens: S. 24-44. Schreiben als Prozess, interaktionsorientiertes Schreiben, Materialgestütztes oder kollaboratives Schrieben – für alle diese Formen hätten wir auch viele Augaben:> Beiträge mit Aufgaben für Schüler/innen (www.france-blog.info).

Seien Sie mutig und legen sie los: Digitale Schreibprojekte konzipieren: S. 45-63: Das ist schon bemerkenswert, wieviele Anregungen Wampfler auf knappem Raum Ihnen hier vorlegt einschließlich der Ratschläge, wie Digitale Schreibprojekte zu bewerten sind.

Darf ich das? Geht das? Wie geht das? Also folgen rechtliche und technische Voraussetzungen. Knapp und präzise.

Der Band enthält auch viele Links zu Schreibprogrammen. Gucken sie nach, die kennen sie sicherlich noch nicht alle: Und Schrieben mit einfachen Programmen und erst später formatieren. So steht das Schreiben im Vordergrund der Aufmerksamkeit, die vielen verwirrenden Funktionen von WORD brauchen wir dazu nicht.

Ab S. 68 werden Typologien digitaler Schreibumgebungen vorgestellt: Blogs, Messenger, Chats, etc. Wikis und Wikipedia gehören auch mit dazu. Man spürt förmlich die vielfältigen Erfahrungen des Autors, der hier über seine Unterrichtspraxis schreibt. Alles ausprobiert und für gut befunden, möchte man hinzufügen. Unser Augenmerk fällt auf Blogs: S. 69-78. Wampfler erklärt erst einmal, wo dieses Kofferwort herkommt und skizziert dann eine Unterrichtseinheit, mit ihr erinnert er mich an einen unserer Praktikantin, der einmal einen Beitrag auf meinem Blog auf Fehler prüfen sollte und drei Tage später nebenbei erzählte, er habe jetzt auch einen Literaturblog. Schreiben und die ganze Welt könnte es jetzt lesen. Das ist cool und für Schüler/innen ein echter Motivationsschub.

Kollaborative Schreibumgebungen eröffnen diese neuen Horizonte für den Sprachunterricht, S. 78-92. Wieder mit der Skizze einer Unterrichtseinheit: hier gewinnen auch Referendare sehr wertvolle Anregungen für ihre Unterrichtsentwürfe. Wikis und Wikipedia bekommen auch eine eigene Unterrichtseinheit.

Das gestellte Thema Schreiben mit digitaler Unterstützung wird mit diesem Buch sachgemäß und in der Praxis bestens anwendbar beschrieben. Wenn Sie diese Ratschläge und Anleitungen von Philippe Wampfler umsetzen, werden sie Ihre Schüler/innen eine neue Dimension von Unterricht vorführen.

Philippe Wampfler
> Digitales Schreiben. Blogs & Co. im Unterricht
Reclam Bildung und Unterricht
Stuttgart 2020
131 S. 11 Abb.
ISBN: 978-3-15-014029-1

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