Peter Sloterdijk und Niccolò Machiavelli

Für Peter Sloterdijk ist der Fall klar: „Der künftige Herr des Landes, der mit Fortunas Hilfe an die Macht kommt, müsse, da er von zahlreichen konkurrierenden bösen Willen umgeben ist, seinerseits die Fähigkeit aufbringen, genauso böse zu sein wie all die anderen.“ (S. 18) Tatsächlich erklärt Machiavelli in diesem XV. Kapitel des Fürsten, dass ein Mensch, der gut sein will, zugrunde gehe, inmitten so vieler, die nicht gut seien. Sloterdijk zitiert dann wortwörtlich „potere essere non buono„. Der Humanist Machiavelli würde ihn darauf aufmerksam machen, dass in diesem Zitat die wesentliche Aussage fehlt, denn es heißt im Original „Onde è nesessairo a uno prinicpe, volondesi mantenere, imparare a potere essere non buono e usarlo e non l’usare seconda la necessità.“ Übersetzung nach der von Sloterdijk verwendeten zweisprachigen Ausgabe, Machiavelli, der Fürst, übersetzt v. Philipp Rippel, Stuttgart: Reclam 1986, S. 118: „Daher muss ein Fürst, wenn er sich behaupten will, die Fähigkeit erlernen, nicht gut zu sein, und diese anwenden oder nicht anwenden, je nach dem Gebot der Notwendigkeit.“ Lässt man diese Einschränkung der Anwendung des Bösen weg, dann kann man wie Sloterdijk, den Fürsten als grundsätzlich böse darstellen: Sloterdijk beschränkt sein Zitat auf „potere essere non buono“ und fügt hinzu: „In der Sprache unserer Tage formuliert, besagt dies: Du sollst der Versuchung aus dem Weg gehen, dich zu den Guten rechnen zu wollen.“ (S. 19)

Schon hat man den Fürsten als absoluten Bösewicht, dessen Autor Machiavelli ihm folglich in nichts nachsteht: Nicht gut sein – drei kleine Wörter, die sich, um das Modalverbum ‚können‘ ergänzt, zu einer fatalen Formel zusammenfügen.“ (ebd.) Somit steht Peter Sloterdijk in guter Tradition all derjenigen, die uns glauben ließen, „Der Fürst“ sei ein amoralisches Machwerk, eine Anleitung für alle Bosheiten des Fürsten und seiner Nachfolger bis heute einschließlich Donald Trump.

Die Bildlegende in Wikipedia lautet: „Das Bild eines Edelmanns aus dem Museum der Accademia Carrara wird heute Altobello Melone (* 1490/91; † spätestens 1543) aus Cremona zugeschrieben. Es galt im 19. Jahrhundert als Porträt Cesare Borgias von Giorgione.“

Mit diesem Befund steht die ganze Abhandlung, die Sloterdijk in diesem Band präsentiert, in Frage, weil die Voraussetzungen für seine Überlegungen, die Fürsten unserer Tage – das hat er gemäß des Covers ja wohl im Sinn – zu analysieren, mit Machiavellis Unterstützung so nicht zu leisten ist. Natürlich spricht Machiavelli von schlechten Fürsten. Sein Anliegen ist aber die Frage, wie man ihnen beikommen könnte. Er vermittelt keinem Fürsten eine  Anleitung, grundsätzlich schlecht zu sein. Das würde dem Humanisten Machiavelli fern liegen.

Napoleon III., der „Usurpator“ (S. 114) geriet ins Visier von Victor Hugo, der dem Neffen des Kaisers den  (3.) Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 nicht verzieh. Napoleon III. „sündigte noch mehr, indem er es an wirklicher Statur fehlen ließ.“ (Sloterdijk, S. 114, vgl. dazu: S. 155-165) Es stimmt, dass viele, allen voran die Künstler, dem Kaiser den Staatsstreich immer nachtrugen, aber mittlerweile hat sich das Bild Napoleons III. doch gewandelt. (1)

Für das Cover dieses Buches hat die KI das Gesicht eines italienischen Edelmannes mit dem Porträt des amerikanischen Präsidenten übermalt, um ganz offenkundig die schlechten Seiten des Fürsten, wie Machiavelli ihn beschreibt und in dessen Nachfolge die Trumps, zu illustrieren.

An dieser Stelle sollte auch angemerkt werden, dass Il Principe 1532 nicht nur in einem Verlag, sondern in zwei Verlagen in Florenz gleichzeitig erschienen ist. Und diese beiden Erstausgaben bestätigten ganz eindeutig, dass Il Principe keine „Verlegenheitsarbeit“ war, sondern die theoretische Basis für zwei weitere Texte, die in den beiden Ausgaben von 1532 ebenfalls enthalten sind: 1. Descrizione del modo tenuto dal Duca Valentino nello ammazzare Vitellozzo Vitelli, Oliverotto da Fermo, il Signor Pagolo e il duca di Gravina Orsini(2) und 2. La vita di Castruccio Castracani da Lucca.(3) 2021 erschien Dirk Hoeges, Der Principe-Komplex. Niccolò Machiavelli. Fünfhundert Jahre Missverständnis, Köln: machiavelli edition 2021, mit einer Neuübersetzung des Principe und mit diesen beiden Texten, die auch in den Ausgaben von 1532 enthalten sind.

Im Príncipe behandelt Machiavelli die Fürstentümer und die Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio (1513-1519) behandelt die Republiken. (Die Neigung Machiavellis zu Republiken erwähnt Sloterdijk auf S. 35 und S. 32) Es gibt nur zwei Stellen, an denen Sloterdijk andeutet, dass es noch andere Werke von Machiavelli gebe, nämlich zum einen die „Kommentare(…) zur römischen Geschichte, wie Titus Livius sie erzählte“. (S. 21) – ohne den Titel der Discorsi zu nennen und S. 105, wo der Ortsname Senigallia (Principe, Kap. VII) erwähnt wird, wo Cesare Borgia in der Neujahrsnacht die Verschwörer, die zu ihm gekommen waren, ermorden ließ, ohne den hier oben genannten Bericht von Machiavelli zu erwähnen. Andere Werke Machiavellis nennt Sloterdijk nicht und übersieht damit die Bedeutung des Humanisten Machiavelli, die Dirk Hoeges in seinen beiden Büchern über Machiavelli: Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein (München: Beck 2000, 2. Auflage, Frankfurt/M.: Peter Lang 2014) wie in: Der Principe-Komplex. Niccolò Machiavelli: Fünfhundert Jahre Missverständnis ausführlich dargestellt hat.

Die Fähigkeit des Fürsten schlecht zu sein, bestimmt den Ansatz des ganzen Buches und ganz besonders die Seiten 19-30, in denen er das Böse des Fürsten vertieft: „Was das 20. Jahrhundert angeht – von Machiavellis Welt durch ein halbes Jahrtausend getrennt -, wird man spontan zu der Ansicht neigen, es könne hinsichtlich der Spezialdisziplin des florentinischen Autors, das heißt des politischen Amoralismus in Theorie und Praxis, nichts mehr zu lernen gehabt haben.“ (S. 24 f.) Wie viel ist seit dem Erscheinen des Principe über die fehlende Moral in diesem Büchlein geschrieben worden! Die stete Wiederholung dieser Ansicht bestätigt die einseitige Sicht seiner Leser, ihre selektive Lektüre, aber nicht die Aussage, Machiavelli habe keine Moral gekannt. Und Sloterdijk wiederholt das Zitat „imparare a potere essere non buono„, das sich, „nach allem, was Augenzeugen des 20. Jahrhunderts erfahren haben, von selbst erledigt zu haben“ scheint. „Die politischen Klassen des 20. und 21. Jahrhunderts brauchten und brauchen hinsichtlich Bosheitsberatung keine Nachhilfen aus klassischen Quellen.“ (S. 25) Deutlicher kann das Missverständnis hinsichtlich der Werke des Humanisten Machiavelli kaum formuliert werden. Und Sloterdijk kommt ein drittes Mal auf das bereits genannte Zitat zurück: „Wer auf das Lernziel des Nicht-gut-Seins um der staatlichen Selbstbewahrung willen zustrebt, braucht vor allem mentale Beweglichkeit – in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte man sie gelegentlich als ‚letzte Lockerung‘ bezeichnet.“ (S. 30) Und Sloterdijk zitiert in diesem Zusammenhang: Walter Serner, Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden sollen, Berlin 1927. Und später wiederholt Sloterdijk ganz ausdrücklich den Ansatz seines Buches: „Will man das Machiavelli-Ereignis würdigen, muss man begreifen, wie weit seine Theorie des Fürsten sich von allen Konzepten des gemeinsamen Lebens aus bloßem guten Willen entfernt hat.“ (S. 127) Durch Wiederholung wird dieser Ansatz nicht richtiger.

Und hier steht noch mehr: „Er (i. e. der Fürst) ist berufen, über einer Population zu stehen, deren Beherrschbarkeit nach wie vor von ihrer Anhänglichkeit an die gewöhnlichen Urteile über Gut und Böse abhängt. Das bedeutet: Er darf seine Autorität nie – allenfalls im Modus des Als-ob zu seinen ‚Untertanen‘ durchsickern lassen.“ (S. 127) Das klingt an dieser Stelle anders als im oben zitierten Hinweis, der Fürst solle schlecht handeln. Liest man Machiavelli, darf der Fürst weder schlecht noch gut sein, es geht darum, einen Schein erzeugen zu können: Dazu Dirk Hoeges: „Machiavelli entwirft die Wirklichkeit der Macht mittels der Beherrschung und Kontrolle des Scheins. Tun, «als ob», «gehalten werden für», «fama», «opinio-ne», «reputatione», «nome», das heißt den Begriff einer Eigenschaft besetzen, ohne sie zu besitzen. Anpassung, Gestus und Versatilität bilden die zentralen Modalitäten realer Macht. Der Schein, die Notwendigkeit der Stilisierung und Überhöhung der Figur des Fürsten wird bei Machiavelli zu einer Bedingung für den Erwerb und Erhalt von Macht in einer garantielosen Welt. “ (Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein, S. 189)

Das Buch vom Fürsten ist mit Sicherheit keine „Verlegenheitsarbeit“ (Sloterdijk, S. 34), sondern es steht als theoretisches Traktat im Zentrum seines Gesamtwerkes, in dem u.a. Fortuna in vielen Texten, in allen denkbaren Gattungen vom Gedicht(4), über die Prosa und Fabel(5) bis zum Theater, immer wieder thematisiert wurde: „Il principe nur auf Inhalte abzusuchen, als Handbuch für Macht und Politik zu lesen, verwischt die Textur dieser Schrift wie die Signatur seines Verfassers. Der Text ist chronologisch und systematisch eingebettet zwischen Poesie und Kunstprosa, mit Sonett, Stanza, Canzone, Canto, Capitolo, Serenade, Madrigal, Pastoral, Strambotto und Epigramm in die Gattungsvielfalt italienischer Lyrik wie mit Fabel, Novelle, Anekdote, Aphorismus, Fazetie, Epistolographie und Geschichtsschreibung in die Komplexität der Kunstprosa, die er unterschiedlich nutzt und instrumentalisiert.“ (D. Hoeges, Der Principe-Komplex, S.184)

Machiavelli der Autor des Principe war ein Humanist, wie Dirk Hoeges dies an vielen Stellen seiner Arbeiten über den Florentiner nachgewiesen hat: z. B. im Abschnitt „Die humanistische Literaturwerkstatt: Machivelli, Castiglione, Vasari – die Fazetie“, in: ders., Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein, S. 66 ff. Bedenkt man die Vielfalt der literarischen Gattungsformen, derer sich Machiavelli bediente, dann gilt: „Die multiple Verwendung von Zitaten, Beispielen, Aussprüchen, Mythen und Textauszügen zeigt, daß das studiolo Machiavellis die literarische Werkstatt eines humanistischen Autors ist, als studiolo ein Arbeitsraum und die mehrfache Nutzung ein und derselben Mittel selbstverständliche Praxis.“ (D. Hoeges, Niccolò Machiavelli, Die Macht und der Schein, S. 66) oder „Er nutzt sein Können. Jede seiner Widmungen zeigt die unversöhnliche Gegnerschaft, den Kampf des in Machiavelli noch einmal auflebenden politischen Humanismus gegen die Usurpation des Staates durch einen Familienclan und seine Beutegänger.“ (Die Macht und der Schein, S. 69) Und „Dabei ist die Lektüre des „Principe“ das beste Mittel, Irrtum und Mißverständnis abzuhelfen. Das Buch zeigt den Autor Machiavelli und dieser ist mehr als der Verfasser griffiger und wohlfeiler Handlungsanweisungen zum Erwerb und Erhalt der Macht. Sichtbar wird im „Prinicipe“ wie in all seinen Schriften der Humanist und damit der Beamte, Diplomat und Historiker, der Dichter, der Theaterautor, der Regisseur, wenn nicht der Komponist Machiavelli. Stets und in jedem Metier ist und bleibt er ein Kenner der Rhetorik, Grammatik und Dialektik und ein Meister der Sprache, geschult an den Sieben Freien Künsten, zu denen auch Arithmetik und Musik gehören.“ (Die Macht und der Schein, S. 215)

„Man blättert in das kleine Buch des Florentiners hinein und liest sich hier und dort ein wenig fest,“ berichtet Peter Sloterdijk. Der Principe mit seiner so gut durchdachten Struktur muss aber ganz genau gelesen  werden, nur so gelingt es, seinen Aufbau zu analysieren. Heraus kommt dann die Beschreibung des Meisterwerks eines Humanisten, das als Einführung in die politische Wissenschaft gelten darf. Erst dann merkt man, dass so viele Autoren von Montaigne über Friedrich den Großen bis Mussolini über Machiavelli alles Mögliche und oft viel Falsches geschrieben habe. Viel Falsches, weil sie den Principe nur überflogen und mal „hier und dort“ gepickt haben: „Die meisten Themen und Thesen dieses Büchleins gehen an den Interessen der Menschen von heute vorbei,“ (S. 16) meint Sloterdijk und verpasst damit Wesentliches. Z. B. Fortuna, deren Spiel Machiavelli im Kapitel 25 des Principe mit geschliffener Prosa so eindringlich wie präzise beschreibt: „Und doch halte ich für wahr, da unser freier Wille nicht ausgelöscht ist, dass Fortuna Herrin über die eine Hälfte unserer Handlungen ist, sie aber die andere Hälfte oder fast soviel uns überlässt. Und ich vergleiche sie mit einem dieser reißenden Flüsse, die, wenn sie wütend anschwellen, die Ebenen überfluten, Bäume und Häuser, hier die Erde weg-schwemmen und sie andernorts anspülen; ein jeder flieht vor ihnen, jeder weicht ihrem Ungestüm ohne jeden Widerstand aus. Und obwohl sie so beschaffen sind, bleibt den Menschen, so die Zeiten ruhig sind, mit Deichen und Dämmen Vorkehrungen treffen zu können und schwellen sie dann wieder an, sie entweder in einen Kanal leiten oder ihr Ungestüm nicht so unbändig und verheerend ist. Ähnlich verhält es sich mit Fortuna; die ihre Macht dort zeigt, wo es keine disziplinierte Tüchtigkeit gibt, ihr Widerstand zu leisten; und die ihren Angriff dort führt, wo sie weiß, dass die Dämme und Deiche nicht geeignet sind, sie zurückzuhalten.“ (übers. v. D. Hoeges, Der Principe-Komplex, S. 122 f.)

Im 4. Kapitel „Das Große und das Absurde“ (S. 144-170) wird an Hannah Arendt erinnert, die 1963 anlässlich  des Jerusalemer Eichmann-Prozesses von der „Banalität des Bösen“ sprach. Sie erwähnte auch das Absurde an der Macht, ein Gedanke, den Sloterdijk in diesem Kapitel untersucht, ihn auch wieder mit Napoleon III. verbindet und bis in unsere Zeit ausweitet: „Seit nahezu zweihundert Jahren erweist sich das Absurde als eine Stimmung, die sich in ungebrochenen Tötungen über die europäische Zivilisation ausbreitet.“ (S. 154.) Sloterdijk zitiert in diesem Abschnitt Camus, für den das Absurde aus dem Zusammen des menschlichen Rufs mit dem vernunftlosen Schweigen der Welt entsteht. (vgl. S. 167) Aber das Absurde, das Camus hier meint, passt nicht so ganz in Sloterdijks Kapitel, denn Camus stellt mit dem Absurden seiner Vorstellung in grundsätzlicher Weise eine Diagnose der menschlichen Existenz, aus ihr schöpft der Künstler seine Aufgaben. Oder wenn Sloterdijk in diesem Kapitel auch Sartres Der Ekel zitiert, dann muss daran erinnert werden, dass der Autodidakt auf Roquentins Nachfrage, was das Leben für einen Sinn habe, erklärt, das Leben hat den Sinn, den Sie ihm geben. In diesem Sinne überschreitet der Existentialismus bei beiden Autoren das Absurde.(6)

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1. Vgl. Heiner Wittmann, Napoleon III. Macht und Kunst, Reihe Dialoghi/dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs, hrsg. v. Dirk Hoeges, Band 17, Verlag Peter Lang, Frankfurt, Berlin, Bern u. a., 2013.

2. Vgl. Dirk Hoeges, Niccolò Machiavelli, Cesare Borgia. Wie der Herzog von Valentinois bei der Ermordung Vitellozzo Vitellis, Oliverottos da Fermo, des Herrn Pagolo und des Herzogs von Gravina Orsini vorging. Kriminalnovelle, Köln, machiavelli edition 2018

3. Niccolò Machiavelli, Das Leben des Castruccio Castracani aus Lucca. Übersetzt und mit einem Essay „Zur Ästhetik der Macht“ herausgegeben von Dirk Hoeges, Beck: München 1997. Wiederabgedruckt in: D. Hoeges, Der Principe-Komplex, S. 209-232.

4. Niccolò Machiavelli, Dichter – Poeta. Mit sämtlichen Gedichten, deutsch/italienisch. Con tutte le poesie, tedesco/italiano, Köln, machiavelli edition – Neuausgabe 2016

5. Niccolò Machiavelli, Der Esel/L’Asino. Zweisprachige Ausgabe, Köln, machiavelli edition 2015.

6. Vgl. Heiner Wittmann, Sartre, Camus und die Kunst. Die Herausforderung der Freiheit. Reihe Dialoghi/Dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs. Hrsg. v. Dirk Hoeges, Band 18, Verlag Peter Lang, Berlin, Bern u.a., 2020, zu Roquentin: S. 126 und zu Camus und das Absurde S. 141-147.

Peter Sloterdijk
Der Fürst und seine Erben
Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute
Berlin: edition suhrkamp 2026.
ISBN 978-3-518-00136-3

Call for papers : Workshop zu Jean-Paul Sartres Cahiers pour une morale: 25.-27. September 2026

Die Sartre-Gesellschaft veranstaltet vom 25.-27.September einen Workshop in Jena. Diesmal geht es Sartres Entwürfe für eine Moralphilosophie.

>Ort: Friedrich-Schiller-Universität in Jena/Carl-Zeißstr. 3, SR 207
Leitung: apl. Prof. Dr. Jens Bonnemann

Für Jean-Paul Sartre ist der Mensch nichts als das, wozu er sich macht, denn die Existenz geht der Essenz voraus. Dies ist die Grundthese, die in sich wie ein roter Faden durch Sartres Hauptwerk Das Sein und das Nichts (1943) zieht. An dessen Ende kündigt er ein Buch über Moral an. An dieser Moral arbeitet Sartre vor allem in den Jahren 1947/48, sie bleibt jedoch unvollendet. Die aus dieser Zeit stammenden Notizhefte im Umfang von ca. 1000 Seiten werden erst posthum 1983 unter dem Titel Cahiers pour une morale und 2005 in deutscher Übersetzung als Entwürfe für eine Moralphilosophie veröffentlicht. …

Die Veranstaltung, zu der es voraussichtlich einen zweiten Teil im März 2027 geben wird, richtet sich an alle Sartre-Interessierte (Studierende, Doktoranden, Habilitanden usw.). Vorkenntnisse sind sehr willkommen, jedoch nicht notwendig.

Bitte weiterlesen: Ankündigung Workshop Cahiers Sep 26 *.pdf

Es wird um verbindliche Anmeldung zum Workshop bis 30. Juni 2026 an Jens Bonnemann, den Präsidenten der Sartre-Gesellschaft, jensbonnemann@gmx.de, gebeten.

Call for Abstracts: North American Sartre Society : 31st Annual Meeting

Die jährliche Konferenz der North American Sartre Society wird vom 23. bis 24.  Oktober 2026 als „Virtual Zoom Conference“stattfinden:

Call for Abstracts – Submission Deadline: May 15, 2026

Theme:  A.I., Virtual Worlds, and Digital Existentialism

The North American Sartre Society invites proposals for our 31st meeting.  Our conference theme is A.I., Virtual Worlds, and Digital Existentialism. We encourage papers that explore existentialism as it relates to A.I., social media, data centers, and virtual worlds. We encourage papers on topics and questions such as:

  • How does artificial intelligence reshape our understanding of selfhood, agency, and responsibility?
  • Can virtual worlds provide authentic forms of meaning, identity, and community, or are they structurally alienating?
  • What does “existence” mean when one’s social, emotional, and creative life is increasingly mediated by A.I. systems and platforms?
  • Do A.I.-generated personas and avatars challenge distinctions between authenticity and bad faith?
  • How should we understand freedom and choice when algorithmic systems increasingly guide behaviors, desires, and commitments?
  • What ethical obligations do creators of A.I. and virtual worlds have toward users’ existential well-being and sense of meaning?

We invite proposals from any area of Sartre studies and from any disciplinary background. In the spirit of Sartre’s eclectic thinking, we encourage proposals that address philosophy, literature, theater, aesthetics, psychology, politics, intellectual history, art, music, and other disciplines. Aiming to foster diverse and pluralistic approaches, we understand Sartre Studies broadly to indicate work in the existentialist tradition, including work emerging from thinkers like Simone de Beauvoir, Maurice Merleau-Ponty, Frantz Fanon, Richard Wright, Angela Davis, Albert Camus, Anna Julia Cooper, Harriet Ann Jacobs, Lewis R. Gordon, Frederick Douglass, Kathryn Sophia Belle, Steve Biko, Naomi Zack, Chabani Manganyi, Emilio Uranga, Jorge Portilla, W.E.B. Du Bois, Aimé Césaire, Keiji Nishitani, Azzedine Haddour, Martin Buber, Hannah Arendt, Martin Heidegger, Gabriel Marcel, Emmanuel Levinas, Sara Ahmed, danielle davis, bell hooks, Kamau Brathwaite, Nathalie Etoke, Achille Mbembe, Suzanne Césaire, James Baldwin and others.

Keynote Speaker: Stefano Guelani

Title: Existential Immersion and Care in Virtual Worlds

Stefano Gualeni is a Full Professor at the Institute of Digital Games, University of Malta. His academic books include Virtual Worlds as Philosophical Tools (Palgrave, 2015), Virtual Existentialism (Palgrave Pivot, 2020, with Daniel Vella), and Fictional Games: A Philosophy of Worldbuilding and Imaginary Play (Bloomsbury, 2023, with Riccardo Fassone). Stefano’s games, essays and philosophical fictions can be found on his webpage at www.gua-le-ni.com

Stefano’s philosophical fictions include The Clouds: An Experiment in Theory-Fiction (Routledge, 2024), What We Owe the Dead (Set Margins‘, 2025), Scholar’s Codex (Tune and Fairweather, 2026), and Errata Corpora (Set Margins‘, forthcoming in 2027)

The submission process:

  • The submission deadline is May 15.
  • We are accepting abstracts of 300-500 words. Reading time for papers is 20-25 minutes.
  • We will accept proposals for both individual papers and panel proposals. Please indicate if you are interested in the teaching existentialism session.
  • English or French is acceptable.
  • Please submit your abstract (or any questions) by email to NASS President, Dane Sawyer, dsawyer@laverne.edu
  • Graduate students are encouraged to submit.
  • All proposals will be forwarded to the program committee for review.

Contact

Hans Mayer „Außenseiter“: Tagung am 19. und 20. September 2025 in Köln

„Die Hans-Mayer-Gesellschaft führt gemeinsam mit Wissenschaftler*innen der Universität Köln, hier vor allem des mit der Lehrkräfteausbildung betrauten Institut für deutsche Sprache Hans-Mayer-Gesellschaftund Literatur 2, eine Tagung zu Hans Mayers „opus magnum“ durch. Wir fragen nach der Aktualität des 1975 erschienen Buches. In den drei Hauptkapiteln schreibt Mayer eine Geschichte von „Leitfiguren der Grenzüberschreitung“, die allein durch ihre Geburt, und nicht erst durch die Entscheidung des Verstandes zu Außenseitern wurden. In „Judith und Dalila“ entwickelt er die Geschichte von Frauen, denen der Gleichheitsstatus durch das Geschlecht versagt wird, in „Sodom“ geht er den Diffamierungen der Homosexuellen nach, die durch ihre „körperlich-seelische Eigenart“ ausgegrenzt wurden, und schließlich untersucht er in „Shylock“, wie den Juden allein durch ihre „Abkunft“ das Recht auf Emanzipation in der Geschichte verwehrt wurde …“ >

Die Tagung findet am 19. und 20. September im EL-DE-Haus / NS-DOK am Appellhofplatz 23-25 in Köln statt.

Hans Mayer äußerte sich in seinem Buch „Außenseiter“ auch ausführlich zu Jean Genet, dem Jean-Paul Sartre 1951 die Untersuchung „Saint genet Komödiant und Märyrer“ widmete. Vgl. H. Wittmann, Sartre, Camus und die Kunst. Die Herausforderung der Freiheit, Reihe Dialoghi/Dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs. Hrsg. v. Dirk Hoeges, Band 18, Verlag Peter Lang, Berlin, Bern u.a., 2020. S.72-79. In einem Vortrag werden die Ansätze von Hans Mayer und Jean-Paul Sartre, die Geschichte des Jean Genet, vom Dieb zum gefeierten Schriftsteller, zu analysieren, miteinander verglichen: H. Wittmann, „… Befreiung über Arbeit und Genie“ – Sartre und Mayer über Jean Genet“ – Samstag, 20. September, 17:10 Uhr.

Weitere Informationen auf der Website der Hans-Mayer-Gesellschaft

Flyer zum Download: > „Außenseiter“-Tagung am 19. und 20. September 2025 in Köln in Köln

Die Teilnehmendenzahl ist begrenzt. Ihre Anmeldung wird durch eine Mail mit dem Titel der Veranstaltung an die nachstehende Adresse registriert. Eine gesonderte Bestätigungsmail gibt es nicht. Bitte informieren Sie uns auch kurzfristig, wenn Sie/Ihr nicht kommen können.

Anmeldung bitte an: aussenseitertagung@hans-mayer-gesellschaft.de

Le colloque de Cerisy sur Beauvoir et Sartre du 16 au 22 juillet 2025

Nous avons le grand plaisir de vous annoncer le programme du colloque de Cerisy sur Beauvoir et Sartre, qui se tiendra du 16 au 22 juillet 2025 au Centre culturel international de Cerisy (2, Le Château 50210 Cerisy-la-Salle, France), est désormais disponible

Il faut d’abord devenir adhérent de l’association des Amis de Pontigny-Cerisy. Cette adhésion est de 50 EUR pour les + 30 ans/ 10 EUR pour les – 30 ans, et déductible fiscalement.

Inscription au colloque :

a) Vous souhaitez assister à l’intégralité du colloque ? Vous pouvez vous inscrire via le formulaire disponible en bas de la page dédiée à notre colloque. Le forfait est de 720 EUR pour les + 30 ans, 360 EUR pour les – 30 ans (hébergements et repas compris). Si vous accompagnez un intervenant·e et que vous partagez une chambre, le tarif est de 480 EUR.

b) Vous ne souhaitez assister qu’à une partie du colloque ? Il faut préciser votre demande via le formulaire de contact. Mais nous vous invitons à consulter les pages Inscription et Séjour de notre site avant de compléter le formulaire

Vincent de Coorebyter, Sartre avant la phénoménologie

french german 

Vincent de Coorebyter
Sartre avant la phénoménologie. Autour de „la nausée“ et de la „légende de la vérité“
Bruxelles : Ousia 2000.
ISBN 2-87060-120-4

Groupe d’Études Sartriennes : Appel à communications. Colloque annuel du Groupe d’Études Sartriennes 2025 à Paris

Le Groupe d’Études Sartriennes (GES) lance son appel pour le colloque annuel qui se tiendra les vendredi 20 et samedi 21 juin 2025 à Paris.

Le GES, qui réunit chaque année une soixantaine de spécialistes de Sartre (universitaires ou non), souhaite soutenir le développement des perspectives nouvelles sur cette œuvre majeure, de permettre aux enseignants et aux chercheurs de présenter leurs travaux en cours et de promouvoir les études sartriennes à un niveau national et international.

Le GES propose aux enseignants et chercheurs débutants ou confirmés de soumettre une proposition de communication scientifique originale portant sur la pensée et les écrits de Sartre (littérature, philosophie, textes politiques), ou dont l’objet (auteur, question) est en relation directe avec ceux-ci.

Pour l’édition 2025, le GES propose deux séries de propositions de communication portant sur « La contingence » et Les Séquestrés d’Altona. Toutes les propositions extérieures aux deux thèmes proposés sont également les bienvenues, au titre de « varia ».

Zum Herunterladen: > Appel à communications GES 2025

Rezension: Aliocha Wald Lasowski, Réhabilitons Sartre

french german 

Aliocha Wald Lasowski,
Réhabilitons Sartre.
Biographie critique et contextuelle d’un penseur du XXe siècle
Paris: Frémeaux et associés 2024.
ISBN 978-2-84468-970-2

Appel à communications : Colloque annuel du Groupe d’Études Sartriennes – Paris, les 21 & 22 juin 2024

Die Groupe d’Études Sartriennes (GES) plant auch für 2024 wieder ein Kolloquium in der Sorbonne, Diesmal stehen das Jahr 1848 und das Theater von Sartre im Vordergrund.

Le &Groupe d’Études Sartriennes (GES) lance son appel pour le colloque annuel qui se tiendra les vendredi 21 et samedi 22 juin 2024 à Paris.

L’objectif du GES, qui réunit chaque année une soixantaine de spécialistes de Sartre (universitaires ou non) est de soutenir le développement des perspectives nouvelles sur cette œuvre majeure, de permettre aux enseignant.e.s et aux chercheur.se.s de présenter leurs travaux en cours et de promouvoir les études sartriennes à un niveau national et international.

Le GES propose aux enseignant.e.s et chercheur.se.s débutant.e.s ou confirmé.e.s de soumettre une proposition de communication scientifique originale portant sur la pensée et les écrits de Sartre (littérature, philosophie, textes politiques), ou dont l’objet (auteur, question) est en relation directe avec ceux-ci.

Pour l’édition 2024, le GES souhaite encourager deux séries de propositions de communication portant sur « 1848 » et « la théâtralité », bien que les propositions « Varia » soient également bienvenues.

Pour plus de précisions, voyez le texte intégral de l’appel à communication > Appel à communications : Colloque annuel du Groupe d’Études Sartriennes 2024 *.pdf 22.11.2023

Les communications, généralement présentées en français, peuvent également l’être en anglais. Dans ce cas, il sera demandé à l’orateur de fournir, à l’avance, un résumé en français à destination des auditeurs du colloque.

Les propositions de communication, qui doivent comporter un titre et un résumé en un paragraphe, sont à faire parvenir au GES pour le 31 janvier 2024. Les communications ne devront pas excéder 30 minutes.
Prière de faire parvenir vos propositions de communication à l’adresse du secrétariat du GES : ges.secretariat@gmail.com

Rezension: Vincent von Wroblewsky, Vermutlich Deutscher

Diese Geschichte beginnt mit der Geburt ihres Autors in Frankreich. Vincent von Wroblewsky kommt 1939 in Clermont-Ferrand auf die Welt. Seine Eltern waren 1933 nach Frankreich emigriert. Als er 10 Jahre alt ist, kehrt seine Mutter mit ihm und seinem Bruder nach Ostberlin zurück. Von Wroblewsky erlebt die ganze DDR vom Anfang bis zu ihrem Ende mit. Er wird Simultandolmetscher und kann öfters zu internationalen Begegnungen reisen. Er bezeichnet sein Buch als eine „ungehaltene Dankesrede eines zur Freiheit verurteilten, in Frankreich geborenen gottlosen Juden.“ Damit klingt auch Sartre an, dessen Übersetzer und Herausgeber er wird. Traugott König (1934-1991) lädt ihn 1987 zu dem Sartre-Kongress in Frankfurt/Main ein: Nach 1990 bis 2005 wird Wroblewsky sein Nachfolger als Herausgeber der Werke Sartres bei Rowohlt: > Alle Bücher von Vincent von Wroblewsky. 1993 wurde die Sartre-Gesellschaft in Deutschland gegründet und von Wroblewsky wurde ihr Präsident, bis ihn jetzt Jens Bonnemann (Jena) in diesem Amt folgte.

Diese Autobiographie ist auch ein Geschichtsbuch. Zuerst die Nachforschungen zu den Großeltern, dann die Flucht der eigenen Eltern nach Frankreich, der frühe Tod seines Vaters und eine Reihe von glücklichen Umständen und auch Zufällen, die das Überleben seiner Mutter mit ihren beiden Söhnen in Frankreich gesichert haben. Im Kinderheim von Toulouse versuchte die Leiterin Golda Meir, die Familie zur Ausreise nach Israel zu bewegen. Es kam anders. 1950 begann für von Wroblewsky seine Zeit in der DDR. Es musste erst mal sich mit der deutschen Sprache vertraut machen, was ihm bestens gelang, am Schuljahresende war er Diktatbester.

Seine exzellentes Französisch sicherte ihm eine Karriere als Dolmetscher. Im Rahmen dieser Aufgabe gelang es ihm, nach dem Abitur für sieben Wochen nach Vietnam zu reisen. Danach begann sein Studium der Romanistik. Und die 120 Jahr-Feier der Universität bot ihm die Gelegenheit, anlässlich einer Konferenz zum Algerienkrieg zum ersten Mal aus einer Kabine heraus simultan zu dolmetschen.

Für seine Westreisen benötigte er Visa und weil die DDR nicht anerkannt war, musste er beim Alliierten Kontrollrat in Westberlin einen Pass beantragen: PRESUMED GERMAN stand darin. In Italien hörte er am 13. August von der Abriegelung der DDR, wieder so eine Maßnahme wie schon 1957 dachte er sich und konnte noch nicht ahnen, dass die Mauer bis 1989 die deutsche Teilung zementieren würde. Dennoch gelingt es ihm immer wieder, als Dolmetscher ins Ausland und auch nach Frankreich zu reisen, dabei berichtet er vieles über das DDR-Regime. Die Stasi wird auf ihn aufmerksam und beobachtet seine „sogenannten Diskussionsparties“ (S. 101): „Die Stasi überschätzte maßlos meine Gefährlichkeit und meine Willen, Partei und Regierung vom Sockel ihrer macht zu stürzen.“ Studium, Auslandseinsätze und die Diktatur in der DDR, das ist das Beziehungsgeflecht, in dem er sich nun bewegte: Studieren, kritisch denken zu lernen und die Beschlüsse der SED einfach hinzunehmen, ohne viele Fragen zu stellen: „War die von uns erwartete Normalität nicht Schizophrenie? Nein, wir konnten uns nicht vorstellen, wie krank diese Partei und Regierung sein mussten, wie sehr sie um ihre Herrschaft fürchteten, um mit einem riesigen Apparat Feinde zu überführen, die sie sich weitgehend in ihrer Fantasie selbst schufen.“ (S. 102) Glücklicherweise entschied sich die Stasi nach langer Observation, ein „E-Verfahren“ nicht einzuleiten, aber die erhaltenen Unterlagen, die von Wroblewsky nach der Wende einsehen konnte, ermöglichen sehr erhellende Einblicke in die Funktionsweisen des DDR-Regimes.

Auf der Weltfriedenskonferenz in Helsinki 1965 saß dann von Wroblewsky gegenüber von Sartre. Wieder kam es durch einen dummen Zufall nicht zu einem direkten Gespräch mit dem französischen Philosophen. Eine verpasste Chance, notiert von Wroblewsky.

in den Jahren nach dem Studium beschriebt er, wie er immer mal wieder seine Dolmetscherfähigkeiten bei Auslandsreisen einsetzen kann. Und ständig denkt er dabei über sein Verhältnis zur DDR nach: „Meine Naivität lag vermutlich auch darin, dass ich mich nicht hinreichend daran gewöhnt hatte, das Nicht-Normale, das in der DDR das Normale war als das Normale zu betrachten.“ (s. 137) Einer der drei Gutachter seiner Dissertation war der IMS (Inoffizieller Mitarbeiter zur Sicherung und Durchdringung eines Verantwortungsbereiches) „Klee“ (S. 153), als dieser 1984-1986 die DDR-Delegation bei der UNO Menschenrechtskonferenz in Genf leitete, bewarb er sich als Vorsitzender der UN-Menschenrechtskommission, was den Vertreter Israels dazu veranlasste die  NSDAP-Nitgliedsnummer des IMS vorzulesen.

Wroblewsky bekam in Frankreich Kontakt mit dem DST (Direction de surveillance du territoire, der polizeiliche Inlandsnachrichtendienst), der sich für ihn interessierte… wegen dieses Kontakts bekam er dann in der DDR keine Ausreisevisa mehr… wieder ein Hinweis auf die Angst der DDR-Behörden, er könnte ihnen gefährlich werden. Aber man ließ ihn ins sozialistische Ausland reisen, so nach Kuba, wo er an der Revision des Philosophischen Wörterbuchs mehrmals mehrere Wochen mitarbeiten und dabei in dem berühmten Hotel Nacional auf den Spuren von Sartre und de Beauvoir logieren konnte.

In gewisser Form war es auch die Beschäftigung mit den Werken Sartres, seinen Definitionen von Situation, Freiheit, Wahl, Engagement und Verantwortung und Unaufrichtigkeit, die von Wroblewsky nicht nur begleiteten, sondern ihm auch das Überleben in der DDR sicherten. Ohne Zweifel haben oft Zufälle und Glück ihm in entscheidenden Situationen geholfen, aber er hat sich auch ganz bewusst sich für bestimmte Wege entschieden, ist seinen Grundsätzen treu geblieben. Und er hat schnell gelernt, mit dem Regime der DDR so umzugehen, dass er sich seine Freiräume sichern konnte. Und genauso wie die Positionen Sartres ihn beeindruckt haben, so gewann er durch seine Situation in der DDR eine Sichtweise auf Sartre, man denke nur an das Gutachten, dass er 1987 für die SED schrieb, als es um die Frage ging, ob Sartre in der DDR veröffentlicht werden dürfe, die in zu einem exzellenten Kenner seines Gesamtwerkes machte.

Vincent von Wroblewsky
> Vermutlich Deutscher
Gifkendorf: Merlin 2023
239 Seiten
ISBN 978-3-87536-340-1

Biblio/Sitographie:

Sartre Gesellschaft in Deutschland: www.sartre-gesellschaft.de

Alfred Beschart, Jean-Paul Sartre – The Website > www.sartre.ch

Zum Herunterladen im Format *.mp3: > Jean-Paul Sartre zum 40. Todestag. Zur Freiheit verurteilt
Vincent von Wroblewsky im Gespräch mit Simone Miller · Deutschlandfunk Kultur 12.04.2020

Wittmann, H., Lesebericht: Jean-Paul Sartre, Überlegungen zur Judenfrage – www.france-blog.info – 26. November 2019

Sartre im Französischunterricht – 8. Januar 2020

Jean-Paul Sartre (1905-1980) – 15. April 2020

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