Rezension: Susan Richter Vom Besteck des Zeitgenossen. Gegenwartsdiagnose im 18. Jahrhundert

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Susan Richter
> Vom Besteck des Zeitgenossen.
Gegenwartsdiagnose im 18. Jahrhundert
ISBN: 978-3-593-51391-1
Frankfurt/M., New York: Campus 2025

Rezension: Dieter Mersch, Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik

In Zeiten, wo alle Welt wie besessen das neue Zeitalter der sogenannten Künstlichen Intelligenz lobt, das im November 2022 mit dem Erscheinen von ChatGPT begonnen hat, legt Dieter Mersch mit dem Band Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik einen wichtigen Beitrag vor, der wohlbegründet die Grenzen der so gelobten KI aufzeigt.

Wahre Wunderdinge werden den KI-Anwendungen jeder Art zugesprochen, schon gibt es KI-generierte Inhalte, die den Grundsatz, ein Text hat einen Autor, sprengen. Immer neue KI-Bild- und Videogeneratoren tauchen auf, und sogar im Bereich der Kunst wird der KI die Herstellung von Kunstwerken zugetraut… oder sie wird uns als Betrachter zugemutet.

Die Begeisterung der KI-Adepten kennt kaum noch Grenzen. Man muss schon zugeben, dass manche Ergebnisse der KI verblüffend sind. Schaut man genauer hin, merkt man bald, dass uns dort mehr Schein als Sein präsentiert wird: > ChatGPT: Résume L’étranger d’Albert Camus.

Dieter Mersch hat KI-Kunst aus dem Computer in Galerien und Ausstellungen in renommierten Museen wie dem MOMA oder der Guggenheim-Foundation beobachtet und bewertet. Natürlich fragt man sich, ist das Kunst oder kann das Kunst sein, wenn als Schöpfer eine KI dahintersteht… auch wenn ein Mensch viele Prompts(1) eingeben muss, um die Maschine dazuzubringen, Kunst herzustellen?

Es sind Wortnachbarwahrscheinlichkeiten, die die KI statistisch ausrechnet und sich dabei eines sehr großen Wortkorpus bedient, um Strukturen auswerten, übernehmen und ausgeben zu können. Eigene Intelligenz wird es nicht geben, zumal wenn die Trennung von einem Wortkorpus dazu führt, dass das System seine Grundlagen verliert.

In der Untersuchung von Dieter Mersch geht es um die Frage, ob KI Kunst kann? Richtigerweise hängt die Frage auch vom Kunstbegriff ab, der hinter einer solchen Frage steht. Da Mersch diese Frage erst im dritten Teil seines Bandes en détail klärt, gibt er zuerst der KI alle Chancen, ihr Können zu beweisen, zählt ihre Ansprüche auf, erläutert ihre Versprechen und prüft die Ergebnisse. Das Ergebnis könnte die Adepten der KI desillusionieren: Die KI ist sehr schnell, liefert zu bestimmten Prompts erstaunliche Ergebnisse, kann möglicherweise Arbeitsgänge verkürzen, kann nur mit Modellen mathematisch (mehr oder weniger) exakt rechnen, ist aber nicht intelligent. Was mathematische nicht modellierbar ist, bleibt außer ihrer Reichweite oder führt sie bestenfalls dazu, zu halluzinieren: > Kann man ChatGPT für wissenschaftliches Arbeiten nutzen? – www.france-blog.info, 22. April 2023.

Dieter Mersch erläutert in seinem Band in den ersten fünf Abschnitten auf systematische Weise die Grundlagen der KI, wie sie konzipiert wurde, wie sie arbeitet und wie ihre Ergebnisse beurteilt werden können. Im zweiten Kapitel „Formalisierung von Kreativität. Zur Mathematisierung des Ästhetischen“ geht es um die für die KI notwendigen Modellbildungen, ihre Grenzen und ihre „Fehlschlüsse“ (S. 46 ff.): Wenn Computer so tun, als würden sie etwas erkennen können „handelt es sich durchweg um Messungen und Geometrien…“ „Der Mangel an Bedeutung wird demgegenüber durch Big Data und Wahrscheinlichkeitsfunktionen kompensiert, die aus wenigen Parametern komplexe Schlussfolgerungen ziehen, die >so aussehen<, als ergäben sie Sinn.“ (S. 49) Mit anderen Worten, kann ein Computer jemals mehr machen, als das was man ihm an Daten, Algorithmen und Parametern gibt?

Beim Stand der Dinge und nach der Lektüre des Bandes von Dieter Mersch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Erfolg der KI daher rührt, dass es nur die Begeisterung und die Überzeugungen ihrer Adepten sind, die den Erfolg der KI sichert, denn „Ihr (i.e. Computerisierung, H.W.) ontologisches Prinzip ist das >Als ob<, der Schein.“ (S. 50) Ihre Adepten verlernen, zwischen Realität und Virtualität zu unterscheiden: Vgl. S. 50. Das ist keine umständliche Beschreibung, sondern eine präzise Zusammenfassung: „… Modelle als mögliche Welten, existieren nicht; sie bilden Abstrakte in den Grenzen mathematischer Widerspruchsfreiheit. Was sie bezwecken, sind Simulakra im Kontext solcher Beschränkungen.“ (S. 55) KI-Modelle schießen über das Ziel hinaus, sie halluzinieren: „2.5. Simulativität, Hypermimesis und andere überschießende Phantasmen.“ (S. 56 ff)

Im 3. Kapitel geht es um die „>Kritik algorithmischer Rationalität<: Eine synoptische Skizze“. Merschs Ansatz ist völlig berechtigt und weist auf ein grundlegendes Problem hin: Er fragt, soll man, „… weil die eigentliche Gefahr Künstlicher Intelligenzen in ihrer Überschätzung und der Bereitwilligkeit liegt, das, was uns ausmacht, die Humanität des Humanismus, an sie abzutreten?“ (S. 68) Die Modellbildung der KI stößt an Grenzen: denn es gibt sehr wohl eine „Nicht-Formalisierbrkeit im Formalisierbaren“ (S. 77) Die Verfechter der KI unterstreichen oft die Fähigkeit der KI zu lernen… ohne zu beachten, dass dieses Lernen sich immer auf das „mathematisch Darstellbare beschränkt“. (S. 81)

Im 4. Kapitel  „Kunst aus dem Computer: Zur Vorgeschichte maschineller Ästhetiken“ gibt Mersch der KI noch eine Chance, stößt aber vor allem auf den „Zufall“, der ästhetisch gesehen, nicht recht weiterführt: Mersch erwähnt die „Einheit von Kunst und Leben“, die dem Avantgardismus zugeschrieben wurde: „In ihr fand die Etablierung des Zufalls-Prinzips ihre durchschlagendste Manifestation: Weder meint sie die Ästhetisierung des Lebens noch die Überführung von Kunst in den Alltag, sondern eine Indifferenz von Ethik und Ästhetik, wie sie nur die >Askese< des Zufalls, die Konzentration auf das, was gerade jeweils geschieht und anerkannt werden muss, zu realisieren vermag.“ (S. 125 f.) Intuition, Imagination, Einfälle, Intelligenz? Fehlanzeige.

Das 5. Kapitel erläutert die „Entwicklung und Arbeitsweise Künstlicher-Intelligenz-Systeme“: Große Datenmengen, Muster erkennen, auslesen, neue Zusammensetzungen erzeugen, (vgl. S. 132) und es gibt Grenzen: „Die Sprache der Zeichen ist voller Mehrdeutigkeiten wie im gleichen Maße der Sinn von Zerlegungen ohne tiefgreifende Präsumtionen kaum verständlich zu machen ist.“ (S. 163) Die Large Langage Models kommen nicht umhin, „die historische Variabilität des Linguistischen zu missachten“ (S. 166). Man könnte natürlich die Datenmengen noch vergrößern und immer mehr versuchen, das Prinzip Qualität durch Quantität zu ersetzen. Das Urteil von Mersch: „Wir scheinen zu einer simplifizierten, für Maschinen identifizierbaren Wirklichkeitserfahrung zurückzukehren, die die gesamte Hermeneutik und Rationalitätskritik des 20. Jahrhunderts widerruft.“ (S. 175) Kunst via die KI ist „nichts anderes als ein Mustererzeugungsprogramm.“ (S. 180) Sein Urteil am Ende dieses Kapitels: „Die Unterstellung eigenständiger Kreativität ist ein Effekt ihrer wachsenden Intransparenz, nicht eines verbesserten Vermögens. Maschinen verfügen weder über Imaginationen noch über die Lebendigkeit figuraler Prozesse, wie sie die Rhetorik für das Sprechen nachgewiesen hat…“ (S. 183)

Man gibt vor, die KI könne lernen. Im 6. Kapitel geht es um „Kunstmachen mittels Deep Learning“ und Beispiele KI-generierter „Kunst“. Sie bleibe aber „…als Produktion einzig auf formale mathematische Prozeduren bezogen, sodass die >Kunst< aus dem Computer von vornherein dem Künstlerischen und seinen Praktiken entsagt hat. (S. 205) Was bleibt ist die Erkenntnis, dass die Kunst aus der KI den „schöpferischen Sprung“ mit Kontingenz verwechselt: vgl. S. 227)

Im 7. Kapitel „Ästhetische Kritik der Artificial Art“ stellt Mersch seinen Kunstbegriff der den Versprechungen der KI gegenüber, was ihn dazu veranlasst, uns so deutlich vor der KI und ihren überzogenen Ansprüchen zu warnen.

Resümiert man seine bisherigen Analysen zur und Erklärungen der Funktionsweise der KI, so wird jetzt schon deutlich, dass die Modellbildung der KI nichts mit der Kreativität eines Künstlers zu tun hat… deshalb gibt es ja auch keinen Autor der Werke, die die KI hervorbringt. „Autonome Entscheidungen“ (S. 294) sind der KI sowieso fremd. Alles was die Kunst oder einen Kunstbegriff ausmacht, ist mit der KI nicht darstellbar: „Jede creatio ist vielmehr situiert, wie auch die Kunst einer Zeit und ihren speziellen Konditionen angehört, auf die sie antwortet, indem sie sich auf sie zurückbeugt und sie verändert – wohingegen eine >Kunst< aus künstlichen Intelligenzen auf nichts antwortet, sich nirgends hinwendet, sondern kontextlos technische Potenziale ausschöpft.“ (S. 364)(2) Wo kein Autor ist, funktioniert die Rezeption auch nicht: S. 366 ff. Die Kunst via KI vermittelt den Eindruck, sie würde per Assemblage funktionieren, aber sie kann das Potenzial der Assemblage(3) gar nicht ausschöpfen. Eine „epistemische Praxis“ wie eine „Reduplizierung „durch eine >Kunst über Kunst<“ (S. 371) ist ihr fremd. Die KI kann allenfalls kompilieren. (vgl. S. 373) Die KI erzeuge eine „ästhetische Scheinhaftigkeit“ (S.373) Die Macht der Maschinen wolle eine „automatische Herrschaft über das Bildliche“ errichten. „Dagegen ist Kunst niemals positiv, sondern negativ; sie hält auf Distanz, überlässt uns das Urteilen, selbst dort, wo sie die Affekte berührt und unsere Sinne provoziert, während Künstliche Intelligenz bestenfalls betört…“ (S. 373)

Das Gesamturteil von Dieter Mersch lautet: „Die Gefahr künstlicher Intelligenzen (…) liegt jedoch weniger darin, dass sie, wie Nick Bostrom argumentiert hat, imstande seien, in der Verfolgung ihrer eigenen Ziel uns zu vernichten-, viel realistischer ist die Gefahr, dass wir uns selbst mit ihnen vernichten, indem sie jede Unterscheidbarkeit von Wahrheit und Falschheit, das Zeugnis wie auch die Basis von Glaubwürdigkeit und vertrauen und damit das Soziale als Ort unserer einzig möglichen Existenz nachhaltig untergraben.“( S. 374 f.)

Im Vergleich zu Éric Sadin, der sich vehement und ganz grundsätzlich gegen alle Aspekte der Systeme, die man uns als KI vorsetzen will, wendet, untersucht Dieter Mersch zuerst die Prinzipien der KI und erläutert ihre prinzipiellen Funktionsweisen aber auch die Grenzen, die die Arbeit mit Modellen mit sich bringt. Sein Buch enthält auch eine Definition der Kunst, die er den Ansprüchen der KI gegenüberstellt und so die überzogenen Ansprüche der sog. KI aufzeigt. Ihr Erfolg rührt weniger von ihren Fähigkeiten her, sondern von dem Glauben und dem Vertrauen, das in sie gesetzt wird.(4)

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1. Jens Olaf Koch, Prompting kurz & gut. Large Language Models verstehen, ChatGPT & Co. professionell nutzen, Heidelberg: O’Reilly 2025.


2. H. Wittmann, L’irréversible n’est qu’un aspect de l’art, in: Recherches en Esthétique > L’irréversible N° 31, 2026, S. 25-33


3. H. Wittmann, Rezension: Arts du montage et de l’assemblage, in: www.romanistik.infi – hier auf dem Blog.


4. Michael Wildenhain, Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz, Stuttgar: Klett-Cotta, 2/2024.

Dieter Mersch,
Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik
Köln:Herbert von Halem Verlag, 2025
ISBN 978-3-86962-709-0

Bibliographie:

Lesebericht und Nachgefragt: Kolja Reichert, »Kann ich das auch? 50 Fragen an die Kunst« Stuttgart: Klett-Cotta 3/2024. – Aufgezeichnet von Heiner Wittmann

Rezension: Lotte Beyer, Images des Landes de Gascogne 1932-1933

Die deutsche Studentin Lotte Beyer bereist 1931 und im Winter 1932/33 die Landes de Gascogne, um Material für ihre Doktorarbeit „Der Waldbauer in den Landes der Gascogne“ über Sprache, Lebensweise, Wirtschaft und Gesellschaft zu sammeln. Dabei nutzt sie eine Kamera und dokumentiert zahlreiche Orte zwischen Bordeaux und Hossegor sowie viele umliegende Gemeinden. Sie besucht u.a. par Saucats, Hostens, Belhade, Sabres, Labouheyre. Ihre Reise dient der umfassenden Erforschung der Region aus kultureller und sozialer Perspektive.

Jetzt hat Jean Tucoo-Chala einen neuen Fotoband > Images des Landes de Gascogne 1932-1933 vorgelegt, um ausgewählte Fotos von Lotte Lucas-Beyer hier zu zeigen. die Biographische Skizze „Lotte Beyer (1902-1944) : une ethnolinguiste allemande des Landes de Gascogne“ stammt von Corine Defrance (CNRS, Sirice, Paris) und et Ulrich Pfeil (Université de Lorraine, CEGIL, Metz). Die Fotos in diesem Band hat das Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt, Rothenbaumchaussee 64, 20148 Hamburg den Autoren dieses Buches digitalisiert zur Verfügung gestellt.

Die Ethnologie, insbesondere die deutsche, hat bereits die Rolle der Frauen untersucht, wobei Pionierinnen und diejenigen, die nach der Promotion keine akademische Karriere verfolgten, bisher weitgehend unbeachtet blieben. Lotte Beyer (1902-1944) ist heute eine dieser nahezu unbekannten Forscherinnen, da sie mit 41 Jahren starb, bevor sie ihre Karriere und Forschung weiterführen konnte.

Lotte Beyer reist zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Gascogne und wird dabei von verschiedenen Einheimischen unterstützt. Ihre Forschungen erregen jedoch Misstrauen, sodass sie sogar von der Gendarmerie verhört wird, ließ sich davon aber nicht stören. Mit aufmerksamem Blick dokumentiert sie das ländliche Leben, wobei ihre detaillierten Fotografien ihre Notizen ergänzen und das Vertrauen der Menschen widerspiegeln. Ihre Arbeiten halten zahlreiche heute verschwundene Gebäude und Traditionen fest und stellen damit wertvolle historische Zeugnisse dar.

Pierre Toulgouat (1901–1992) hörte im Juli 1941 von ihrem Aufenthalt in den Landes. Damals sagte Lotte Beyer : „Es war eine interessante und fröhliche Zeit für mich. So viel Freundlichkeit, so viel Gastfreundschaft, so viel Unterstützung für mein Studium, selbst von denen, die den Sinn meiner Arbeit nicht verstanden …“

Félix Arnaudin hatte in der Gascogne schon von 1891 bis 1921 fotografiert. Elf Jahre führte Lotte Beyer das Projekt weiter, das dann von Pierre Toulgouat für das Waldmuseum von Hossegor (1938–1946) fortgesetzt wurde.

Auf diese Weise ist eine eine beeindruckende Fotosammlung entstanden, die in diesem Buch gezeigt wird. Im Dorf Luxey befindet sich die Fassade des Hauses Bordes-Vidal mit einer lateinischen Inschrift aus dem Jahr 1772 sowie einer Holzschnitzerei mit einem Fuchs und einer Henne. Dieses Beispiel volkstümlicher Kunst inspirierte später das Emblem des Naturparks der Landes de Gascogne, wobei Lotte Beyer die Besonderheit der Fassade bereits durch ihre Fotografie hervorhob. Auch die Fotos aus dem Inneren der Häuser haben einen ganz besonderen Wert und geben einen interessanten Einblick in das Leben der Einwohner dieser Dörfer. Oft sind auch die Einwohner auf den Fotos der Innenräume zu sehen und man kann auch erkennen, wie eine einfache Trennwand den Stall vom Hauptraum des Hauses abgrenzt. Und man lernt das Wort „Promène“, eine Art „Lauflerngehege“. Das Kleinkind, das steht und zu laufen beginnt, hat den Brustkorb von einem Holzstück umschlossen, kann von Balken beschützt hin- und herlaufen. (S. 33)

Lotte Beyer hat mit Ihren Fotos auch Sozialgeschichte geschrieben: In Im Ortsteil Bernède von Arue war sie die Erste, die einen halbkreisförmigen Schafstalls fotografierte, der über einen von zwei Steinmauern umschlossenen Hof verfügt. Der Boden dieses Hofes ist bedeckt mit Pflanzen, die in der Heide oder im Unterholz (Heidekraut…) geschnitten wurden und sich durch den Dung der Herde anreichern. Diese Mischung, das „Soutrage“, dient als Dünger für die Felder, so lautet die Erklärung zu diesem Foto (S. 44).
Ihre Fotos zeigen die Häuser und die Gewohnheiten, die die Arbeit prägen. Zwar ist überwiegen Wald in der Gascogne vorhanden, aber die Weidewirtschaft hat auch eine große Bedeutung. S. 52f: Vor einer mit Seekiefern bepflanzten Parzelle steht eine Schafherde mit einem Schäfer auf Stelzen. Er spinnt die Wolle seiner Tiere mit Hilfe eines Spinnrades und macht eine kleine Pause, während er sich auf seinen Stock stützt. Hier der Kommentar von Lotte Beyer: „Die Stelzen waren früher das Erkennungszeichen des Schäfers … heute (Winter 32/33) sind sie vom Aussterben bedroht … Ich habe nur einen einzigen Schäfer in Belhade gefunden, der auf Stelzen ging, aber sie waren nicht sehr hoch (85 cm) …“ Viele andere Beispiele zeigen die Bauern bei ihrer Arbeit. So auch die Schlachtung eines Schweins. Bevor die Därme gewaschen, die Blutwürste gekocht und die Soße zubereitet werden , hält die ganze Familie inne vor diesem schönen Vorrat an Fleisch, der den Haushalt das ganze Jahr über ernähren soll: S. 66 f.

In Pissos beschreibt sie die Herstellung von Teer und Holzkohle in einem speziellen Ofen: „… ein Bauwerk aus Stein und flachen, rechteckigen Ziegeln, das an der Unterseite der beiden schmalen Seiten mit einer halbkreisförmigen Öffnung für den Feuerraum und auf dem mit feinem Sand bedeckten Flachdach mit zwei großen runden Öffnungen zur Belüftung versehen ist…

Mit dieser Fotodokumentation beweist Lotte Beyer ihre Sensibilität für die sozialen Gegebenheiten, zeigt die Bauern und Handwerker bei ihren Beschäftigungen, in ihren Häusern und Werkstätten. Es sind keine Gelegenheitsaufnahmen, sondern man kann an ihrer Qualität sehr wohl erahnen, wie die Fotografin mit diesen Menschen wohl offenkundig kommuniziert hat, damit sie nicht einfach eben mal abgelichtet fühlen sondern in der Art und Weise, wie sie sich der Fotografin darstellen, auch zu erkennen geben, dass sie bereit sind, ja sogar ein ein bisschen stolz, ihr Handwerk zu demonstrieren.

Ein Nachwort mit der Lebensgeschichte von Lotte Beyer, Quellenverzeichnis und eine Bibliographie der Werk von Lotte Beyer ergänzen diesen Band.

> Images des Landes de Gascogne 1932-1933
Photographies : Lotte Lucas-Beyer
Présentation : Jean Tucoo-Chala
Dax, Éditions Passiflore, 2025
ISBN : 978-2-37946-128-6

Rezension: Lotte Beyer, Images des Landes Gascogne 1932-1933

Die deutsche Studentin Lotte Beyer bereist 1931 und im Winter 1932/33 die Landes de Gascogne, um Material für ihre Doktorarbeit „Der Waldbauer in den Landes der Gascogne“ über Sprache, Lebensweise, Wirtschaft und Gesellschaft zu sammeln. Dabei nutzt sie eine Kamera und dokumentiert zahlreiche Orte zwischen Bordeaux und Hossegor sowie viele umliegende Gemeinden. Sie besucht u.a. par Saucats, Hostens, Belhade, Sabres, Labouheyre. Ihre Reise dient der umfassenden Erforschung der Region aus kultureller und sozialer Perspektive.

Jetzt hat Jean Tucoo-Chala diese Fotosammlung gt; Images des Landes de Gascogne 1932-1933 herausgegeben, die Lotte Lucas-Beyer hier vorstellt.

Die Ethnologie, insbesondere die deutsche, hat bereits die Rolle der Frauen untersucht, wobei Pionierinnen und diejenigen, die nach der Promotion keine akademische Karriere verfolgten, bisher weitgehend unbeachtet blieben. Lotte Beyer (1902-1944) ist heute eine dieser nahezu unbekannten Forscherinnen, da sie mit 41 Jahren starb, bevor sie ihre Karriere und Forschung weiterführen konnte.

Lotte Beyer reist zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Gascogne und wird dabei von verschiedenen Einheimischen unterstützt. Ihre Forschungen erregen jedoch Misstrauen, sodass sie sogar von der Gendarmerie verhört wird, ließ sich davon aber nicht stören. Mit aufmerksamem Blick dokumentiert sie das ländliche Leben, wobei ihre detaillierten Fotografien ihre Notizen ergänzen und das Vertrauen der Menschen widerspiegeln. Ihre Arbeiten halten zahlreiche heute verschwundene Gebäude und Traditionen fest und stellen damit wertvolle historische Zeugnisse dar.

Pierre Toulgouat (1901–1992) hörte im Juli 1941 von ihrem Aufenthalt in den Landes. Damals sagte Lotte Beyer : „Es war eine interessante und fröhliche Zeit für mich. So viel Freundlichkeit, so viel Gastfreundschaft, so viel Unterstützung für mein Studium, selbst von denen, die den Sinn meiner Arbeit nicht verstanden …“

Félix Arnaudin hatte in der Gascogne schon von 1891 bis 1921 fotografiert. Elf Jahre führte Lotte Beyer das Projekt weiter, das dann von Pierre Toulgouat für das Waldmuseum von Hossegor (1938–1946) fortgesetzt wurde.

Auf diese Weise ist eine eine beeindruckende Fotosammlung entstanden, die in diesem Buch gezeigt wird. Im Dorf Luxey befindet sich die Fassade des Hauses Bordes-Vidal mit einer lateinischen Inschrift aus dem Jahr 1772 sowie einer Holzschnitzerei mit einem Fuchs und einer Henne. Dieses Beispiel volkstümlicher Kunst inspirierte später das Emblem des Naturparks der Landes de Gascogne, wobei Lotte Beyer die Besonderheit der Fassade bereits durch ihre Fotografie hervorhob. Auch die Fotos aus dem Inneren der Häuser haben einen ganz besonderen Wert und geben einen interessanten Einblick in das Leben der Einwohner dieser Dörfer. Oft sind auch die Einwohner auf den Fotos der Innenräume zu sehen und man kann auch erkennen, wie eine einfache Trennwand den Stall vom Hauptraum des Hauses abgrenzt. Und man lernt das Wort „Promène“, eine Art „Lauflerngehege“. Das Kleinkind, das steht und zu laufen beginnt, hat den Brustkorb von einem Holzstück umschlossen, kann von Balken beschützt hin- und herlaufen. (S. 33)

Lotte Beyer hat mit Ihren Fotos auch Sozialgeschichte geschrieben: In Im Ortsteil Bernède von Arue war sie die Erste, die einen halbkreisförmigen Schafstalls fotografierte, der über einen von zwei Steinmauern umschlossenen Hof verfügt. Der Boden dieses Hofes ist bedeckt mit Pflanzen, die in der Heide oder im Unterholz (Heidekraut…) geschnitten wurden und sich durch den Dung der Herde anreichern. Diese Mischung, das „Soutrage“, dient als Dünger für die Felder, so lautet die Erklärung zu diesem Foto (S. 44).
Ihre Fotos zeigen die Häuser und die Gewohnheiten, die die Arbeit prägen. Zwar ist überwiegen Wald in der Gascogne vorhanden, aber die Weidewirtschaft hat auch eine große Bedeutung. S. 52f: Vor einer mit Seekiefern bepflanzten Parzelle steht eine Schafherde mit einem Schäfer auf Stelzen. Er spinnt die Wolle seiner Tiere mit Hilfe eines Spinnrades und macht eine kleine Pause, während er sich auf seinen Stock stützt. Hier der Kommentar von Lotte Beyer: „Die Stelzen waren früher das Erkennungszeichen des Schäfers … heute (Winter 32/33) sind sie vom Aussterben bedroht … Ich habe nur einen einzigen Schäfer in Belhade gefunden, der auf Stelzen ging, aber sie waren nicht sehr hoch (85 cm) …“ Viele andere Beispiele zeigen die Bauern bei ihrer Arbeit. So auch die Schlachtung eines Schweins. Bevor die Därme gewaschen, die Blutwürste gekocht und die Soße zubereitet werden , hält die ganze Familie inne vor diesem schönen Vorrat an Fleisch, der den Haushalt das ganze Jahr über ernähren soll: S. 66 f.

In Pissos beschreibt sie die Herstellung von Teer und Holzkohle in einem speziellen Ofen: „… ein Bauwerk aus Stein und flachen, rechteckigen Ziegeln, das an der Unterseite der beiden schmalen Seiten mit einer halbkreisförmigen Öffnung für den Feuerraum und auf dem mit feinem Sand bedeckten Flachdach mit zwei großen runden Öffnungen zur Belüftung versehen ist…

Mit dieser Fotodokumentation beweist Lotte Beyer ihre Sensibilität für die sozialen Gegebenheiten, zeigt die Bauern und Handwerker bei ihren Beschäftigungen, in ihren Häusern und Werkstätten. Es sind keine Gelegenheitsaufnahmen, sondern man kann an ihrer Qualität sehr wohl erahnen, wie die Fotografin mit diesen Menschen wohl offenkundig kommuniziert hat, damit sie nicht einfach eben mal abgelichtet fühlen sondern in der Art und Weise, wie sie sich der Fotografin darstellen, auch zu erkennen geben, dass sie bereit sind, ja sogar ein ein bisschen stolz, ihr Handwerk zu demonstrieren.

Ein Nachwort mit der Lebensgeschichte von Lotte Beyer, Quellenverzeichnis und eine Bibliographie der Werk von Lotte Beyer ergänzen diesen Band.

> Images des Landes de Gascogne 1932-1933
Photographies : Lotte Lucas-Beyer
Présentation : Jean Tucoo-Chala
Dax, Éditions Passiflore, 2025
ISBN : 978-2-37946-128-6

Rezension: Johannes Regenbrecht, „Haymatloz? – Nein!“: Erich Auerbach (1892-1957) als „passloser Deutscher“ im Istanbuler Exil

Dieser Beitrag von Johannes Regenbrecht, der am 19.3.2026auf der im L.I.S.A. Wissenschaftsportal der Gerda Heinkel Stiftung veröffentlicht wurde, ist auch eine Erinnerung, an das Hauptseminar über Erich Auerbach geleitet von > Prof. Dr. Dirk Hoeges (1943-2020), das Johannes Regenbrecht und ich einst im Romanischen Seminar der Universität Bonn belegt haben.

Johannes Regenbrecht, „Haymatloz? – Nein!“: Erich Auerbach (1892-1957) als „passloser Deutscher“ im Istanbuler Exil – L.I.S.A. Wissenschaftsportal der Gerda Heinkel Stiftung

Der deutsch-jüdische Romanist Erich Auerbach (1892-1957) wurde von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben und ging 1936 ins Exil in die Türkei, wo er an der neu gegründeten Istanbul-Universität lehrte. Dort spielte er eine zentrale Rolle im Modernisierungsprojekt unter Mustafa Kemal Atatürk und baute die Romanistik in der Türkei maßgeblich auf. Während seiner Zeit in Istanbul verfasste er sein Hauptwerk Mimesis (Dieses Buch war das Thema im Seminar von Prof. Hoeges), das bis heute als Klassiker der Literaturwissenschaft gilt. 1947 emigrierte er in die USA und wurde später Professor an der Yale University, wo er bis zu seinem Tod 1957 lehrte. Trotz seines Weggangs blieb er eng mit seinen türkischen Schülern verbunden und hinterließ nachhaltige Spuren im intellektuellen Leben der Türkei.

Nach seiner Emigration in die USA 1947 lehrte Erich Auerbach zunächst am Pennsylvania State College und in Princeton, bevor er 1949 an die Yale University berufen wurde, wo er bis zu seinem Tod 1957 tätig war. Trotz der räumlichen Distanz hielt er engen Kontakt zu seinem türkischen Schülerkreis und besuchte ihn im April 1957 ein letztes Mal in Istanbul. Das Treffen bei seiner Schülerin Ayşe Süheilâ Bayrav belegt, wie stark seine Verbindung zur türkischen Intellektuellenszene blieb und welchen nachhaltigen Einfluss er dort ausgeübt hatte.

Der deutsch-jüdische Literaturwissenschaftler Erich Auerbach lebte im Exil in Istanbul als staatenloser „Haymatloz“ und teilte das Schicksal vieler vertriebener Gelehrter, die entscheidend zur Modernisierung des türkischen Bildungswesens beitrugen.Als „passloser Deutscher“ bewegte er sich zwischen den Fronten.

Regenbrecht hat auch die finanziellen Verluste untersucht, die Auerbach und seine Frau erlitten haben. “ Diese klagte Auerbach nach dem Krieg in einem Wiedergutmachungsverfahren ein, das sich über Jahre hinzog und im bürokratischen Nirvana versandete. Der Antrag der Witwe Marie Auerbach auf Zahlung einer Kapitalentschädigung wurde schließlich am 8. September 1966 vom Hessischen Kultusminister negativ beschieden.“

Regenbrechts Darstellung ist auch deshalb so bemerkenswert, weil er u.a. einen unbekannten Brief Auerbachs an an den Außenminister der tschechoslowakischen Exilregierung in London vom 9. Dezemebr 1944 gefunden hat, in dem dieser seine Passprobleme schilderte. Schon die Adressierung des Briefes zeigt, wie kompliziert Auerbachs Lage zu dem Zeitpunkt gewesen ist. Erich Auerbach um die Verlängerung seines abgelaufenen Passes, der ihm während des Krieges zur Absicherung ausgestellt worden war, jedoch abgelehnt wurde. Er begründete sein Anliegen damit, dass er und sein Sohn für ihre geplante Ausreise in die USA auf den Pass angewiesen seien, da sie sich gegenüber Behörden bereits als dessen Inhaber ausgegeben hatten. Der Pass wurde aber nur um ein Jahr verlängert. Danach war er wieder ohne Pass.

Das NS-Regime traf auch das Umfeld von Erich Auerbach äußerst rt: Sein Schüler Werner Krauss wurde wegen Widerstands zum Tode verurteilt und später begnadigt, und auch Familienangehörige wie Adele Blakmar waren von Verfolgung bedroht. Zugleich reichte der politische Druck bis in die Türkei, wo nationalsozialistische Einflussversuche selbst Auerbachs akademisches Umfeld an der Istanbul-Universität erreichten. Vor diesem Hintergrund war der tschechoslowakische Pass für Auerbach überlebenswichtig, da er ihn vor Abschiebung schützte und ihm schließlich die Emigration in die USA ermöglichte.

Das Schicksal von Erich Auerbach und seiner Frau im Exil hatten wir damals im Seminar auch nicht ansatzweise gestreift. Dank dieses Artikels von Johannes Regenbrecht können wir jetzt die Umstände, unter dem „Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur“ viel besser verstehen und würdigen.

Charles, Alsacien-Lorrain – Entre les lignes: En quête d’Isabelle

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Mehr Informationen: > charles-entreleslignes.com/de/non-classe-de/elsass-lothringen-geschichte-identitat-und-zwang/

Charles, Alsacien-Lorrain
Nadine-Amoros
Entre les lignes: En quête d’Isabelle
Eigenverlag 2020

Dazu:

Heiner Wittmann, Der Erste Weltkrieg und die französische Literatur, in: Heidi Beutin, Wolfgang Beutin, Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Herbert Schmidt, Claudia Wörmann-Adam (Hg.), Das Denken der Zukunft muß Kriege unmöglich machen. Der Krieg in Kunst, Literatur und Wissenschaft,Mössingen-Talheim: talheimer 2015, S. 57-90. > Bibliographie

> Le Centenaire de la grande Guerre – 70 articles sur notre blog www.france-blog.info

Rezension: Éric Anceau (dir.), Nouvelle histoire de France. 100 historiens et historiennes racontent la France

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Éric Anceau (dir.)
Nouvelle histoire de France. 100 historiens et historiennes racontent la France
Paris: passés composés 2025
ISBN 979-1-0404-0689-1

1. „Der Historiker hat .. die Aufgabe, aufzuzeigen, „wie es eigentlich gewesen“ ist. Ranke geht es um möglichst große Objektivität bei der Wiedergabe der Geschichte.“ Leopold von Ranke in: Wikipedia URL https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_von_Ranke#cite_ref-16 – aufgerufen am 25.9.2025
2. Leopold Ranke, Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494–1535, Leipzig 1824, S. VI, in: Oliver Ramonat (Hrsg.), Leopold Ranke. Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494–1535. Beigebunden: Zur Kritik neuerer Geschichtsschreiber. Mit einer Einleitung und einem Register, Hildesheim 2010.

Rezension: Julien Jeanneney, Une fièvre américaine. Choisir les juges de la Cour suprême

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Julien Jeanneney,
> Une fièvre américaine.
Choisir les juges de la Cour suprême

Prix Olivier Debouzy de l’agitateur d’idées juridiques de l’année 2024

Grand Prix Charles-Aubert Droit de l’Académie des sciences morales et politiques 2024

Editeur: CNRS éditions
ISBN: 9782271151346
Sortie: Mai 2024
Format: 145 x 223 cm
Pages: 220 Pages

Auf unserem Frankreich-Blog: > Rezension und Nachgefragt: Julien Jeanneney, Contre la proportionnelle
24. November 2024

Vorgestellt: Alain Riffaud, Le Libraire de Molière

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Alain Riffaud, Le Libraire de Molière

Alain Riffaud
> Le libraire de Molière
Arles: Portaparole Exemplaire Courant – Seconde édition / 472 pages / 68 euros
Broché 17/24,5 cm​

Du même auteur :
> Vercors. L’homme du silence
Arles: Portaparole
132 pages / 14 euros

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