Rezension: Susanne Greilich, Hans-Jürgen Lüsebrink (Eds.), Traduire l’encyclopédisme. Appropriations transnationales et pratiques de traduction de dictionaires encyclopédiques au Siècle des Lumières (1680–1800)

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2024 haben Susanne Greilich und Hans-Jürgen Lüsebrink die Ergebnisse einer Tagung, die in virtueller Form von der Universität Regensburg organisiert wurde, unter dem Titel Traduire l’encyclopédisme herausgegeben. Der Untertitel nennt den Umfang der hier vorgelegten Studien: „Appropriations transnationales et pratiques de traduction de dictionnaires encyclopédiques au Siècle des Lumières (1680–1800)“. Der Band ist in der Reihe der „Saarbrücker Beiträge zur vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft“ erschienen.

Der Katalog der Übersetzungen und ihre Analysen decken anhand vieler Beispiele „kulturelle Interdependenzen“ (S. 10) auf. So wird deutlich, dass Artikel der Encyclopédie von Diderot (vgl.   H. W. : Nachgefragt: Denis Diderot parle de l’Encyclopédie – www.france-blog.info, 15. November 2017 und H. W.,  Nachgefragt: Laurent Loty spricht über Denis Diderot – www.france-blog.info, 24. November 2013) und d’Alembert zu einem großen Teil auf das jesuitisch geprägten Dictionnaire de Trévoux zurückgehen. Tatsächlich ist die Übersetzung für die etwa 74000 Artikel eine wichtige Quelle und wurde dies wurde auch in ihren Artikeln „Traduction“ oder „Traducteur“ thematisiert. Überhaupt sorgten die Übersetzungen der Enzyklopädien für einen bemerkenswerten Wissenstransfer zwischen den Ländern. Clorinda Donato hat dafür im Titel ihres Beitrags mit „L’empowerment littéraire et linguistiqu de la nation dans les traductions espagnole et italienne du Dictionnaire de Grammaire et Littératur de l‘Enyclopédie méthodique“ eine interessante Bezeichnung gefunden. Und obendrein wird in mehreren Beiträgen gezeigt, dass die Übersetzung oft auch nur eine Vorbereitung für die Regionalisierung der Enzyklopädien war. Eine ganz besondere Aufmerksamkeit gilt der Rezeption der Encyclopédie in Russland, die Anguelina Vatcheva untersucht hat: „Le recueil Traductions de l’Enyclopédie, (1767) dans le cadre de la politique de Catherine II de Russie“. Die Auswahl der übersetzten Artikel erlaubt Aufschlüsse über die Rezeption des Lexikons in Russland.

Einen weiteren Aspekt beleuchtet Hanco Jürgens: „European encyclopaedias as a part of changing carousel: entries on India“. Hier wird anhand verschiedenen Enzyklopädien (Heinrich Zedler’s Universal Lexikon und der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert) auf spannende Weise Kulturrezeption unter verschiedenen Vorzeichen untersucht werden.

Mélanie Éphrème resümiert mit dem Titel ihres Beitrags sehr geschickt die Bedeutung der Enyclopédie für ein Naturwissenschaft: „Une science venue d’ailleurs: traduire la chimie pour l‘Encyclopédie„. Eigentlich ist das hier schon philologische Feinmechanik, mit der auch der Einfluss vieler Lexika (vgl. die Tabellen S. 114-116, S. 121-123) auf die Bewertung und Weiterentwicklung der Chemie untersucht werden kann. Malou Haine hat einen Korpus von über 500 Artikeln in der Encyclopédie zur Musik untersucht. Sie kann mit ihrer minutiösen Analyse bei Übersetzungen auch Textveränderungen nachweisen.

Die Tragweite des kulturellen Transfers geht über die bloße Übersetzungsarbeit weit hinaus. Dahinter wird ein transkultureller Wissenstransfer erkennbar, mit dem sich auch Strategien für nationale Selbstbestimmung herausbildeten. Den Autoren dieses Bandes gelingt es, mit vielen Belegen, die Mechanismen des kulturellen Transfers auf der Grundlage der Übersetzungen nachzuvollziehen und zu zeigen, wie auch in der Auseinandersetzung und Bewertung der Übersetzungsarbeit wissenschaftlicher Fortschritt entwickelt wird.

Pauline Pujo konzentriert sich auf den pädagogischen Bereich: „Encyclopédisme et traduction en contexte pédagogique au lycée de Joachimsthal à Berlin (1767-1799)“. Sie nennt sogar die Landesschule Porta (S. 151). Die Zusammenhänge zwischen Lexikon und Reform vermitteln bedeutsame Erkenntnisse über die Rezeption der Enzyklopädien.

Deutsch-französischer Kulturtransfer ist das Thema von Sylvie Le Moël: „Les sciences de l’Antiquité en abrégé entr France et Allemagne: enjeux transculturels de la traduction du Handbuch der klassischen Literatur de Johann Joachim Eschenburg par Carl Friedrich Cramer en l’an X de la République.“ Der folgende Aufsatz ist bei weitem keine bloße Spezialfrage, nimmt er doch ein Jahrhundert der Geschichte der Enzyklopädien unter einer zentralen Frage in den Blick: Carla Dalbeck erläutert „La genèse interculturelle de la ‚Nation. Transferts culturels d’un concept clé à l’exemple des dictionnaires encyclopédique 1750-1850“: Ihr Kapitel 4.1 „transferts intraculturels : le caractére national'“  und 3´4.2. ransferts interculturels : (contre-)modèles étrangers., 4.2.1 L’idéal de la Nation française“ verdienen besondere Aufmerksamkeit

Die beiden Herausgeber dieses Bandes berichten von den Untersuchungen, wie die Inhalte in den Enzyklopädien angeordnet werden, worauf sich in den letzten Jahren die Forschung konzentriert habe. Sie zeigen, wie Übersetzungen internationale Netzwerke schaffen. Vor allem spezialisierte Lexika erfuhren so mehr als nur indirekt einen Modernisierungsschub, vor allem auch weil es nicht bei Übersetzungen blieb, sondern „Verbesserungen“ eingefügt wurden. Man wird den berechtigten Eindruck gewinne, dass Lexika statt nur als Übersetzungsgrundlage zu diesen, auch Neubearbeitungen inspirierten.

Der Umgang des Korpus, den die Autoren dieses Bandes in den Blick nahmen, ist bemerkenswert: Über 70 Speziallexika von denen rund 200 Übersetzungen identifiziert wurden: > http://encyclopaedias.uni-regensburg.de Diese Datenbank kann nach > Autoren oder nach Titeln und Übersetzungen durchsucht werden. Die bibliographischen Einträge können in allen nur denkbaren Formaten exportiert werden. Hier wird der Forschung ein besonders wertvolles Gebiet eröffnet. Oft werden die direkten Links angegeben, unter denen der Band konsultiert werden kann.

Martine Groult systematisiert die Erkenntnisse dieser Tagung: „Traduire la connaissance de l‘Encyclopédie à  l‘Encyclopédie méthodique : le passage des articles aux traités.“ Sie untersucht, wie Charles Joseph Panckoucke die Encyclopédie vermarktete. Luigi Delia eränzt ihren Beitrag: „Les méatamorphoses de Jaucourt : les articles encyclopédiques du Chevalier pour le Code de l’humanité“ auf. Alain Cernuschi untersucht die Anteile von Jaucourt und De Felice: „L’encyclopédisme aux prises avec le mosaieu culturelle européenne de la seconde moitié du XVIIIe siècle : Jaucourt et de Felice à l’ouvrage.“ Jaucourt übersetzt weniger, sondern bereichert die Encyclopédie mit neuen Informationen. (vgl. S. 237)

Die Autoren dieses Bandes können auch belegen, dass italienische oder spanische Übersetzungen zu einem großen Teil auf französischen Ausgaben beruhen, während z. B. in den Niederlanden viel häufiger deutsche Lexika übersetzt wurden. Rückübersetzungen, Übersetzungskompilierungen, die also aus verschiedenen Lexika stammen, Synthetisierende Übersetzungen, also aus verschiedenen Lexika wurden ihre Inhalte zu einer Übersetzung zusammengefügt, bekommen in diesem Band eine besondere Aufmerksamkeit. Weitere Aufschlüsse verleihen Vorworte, Widmungen und Anmerkungen, mit den der Übersetzer zum Kommentator wird, was auch etwas mit der Regionalisierung, also der Anpassung der Texte an lokale Gegebenheiten zu tun hat. Die Herausgeber nennen dies „domestication nationale“ (S. 40) bei der die Übersetzer erfolgreich neue Rolle einnehmen. In gleicher Hinsicht ist es bemerkenswert, auf diese Weise ein „phénomène transgénérique“ (S. 41) bei der Entwicklung der Übersetzungen zu beobachten.

Insgesamt leistet dieser Band sehr erfolgreich einen Beitrag zur Erforschung der Lexika und ihrer internationalen Verbreitung im 18. Jahrhundert. Die Autoren gehrt der unbestreitbare verdienst, keineswegs nur Einzelfragen zu behandeln, sondern die Entwicklung in einem ganzen Jahrhundert im Blick zu haben und uns vorzustellen.

Susanne Greilich, Hans-Jürgen Lüsebrink (Hg.)
Traduire l’encyclopédisme
Appropriations transnationales et pratiques de traduction de dictionaires encyclopédiques au Siècle des Lumières (1680–1800)
Saarbrücker Beiträge zur vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft, Band: 95 Lumières (1680–1800)
Würzburg: Königshausen & Neumann 2024
ISBN: 978-3-8260-7915-3

Sartre und die Freiheit

Eros der Freiheit lautet der Titel des Plädoyers für eine radikale Aufklärung, die Ulrike Ackermann bei Klett-Cotta vorgelegt hat. Das Buch behandelt die historische Entwicklung der Freiheit und legt auf diese Weise auf knappem Raum eine politische Ideengeschichte vor, die auch Studenten wie auch Schülern interessante Anregungen auf lesenswerte Bücher nahe legt. Ihre Hauptthese, die ich auf dem Blog von Klett-Cotta vorstelle, dass die Freiheit mit ihrem Dilemma der Sehnsucht nach ihr und zugleich mit der Angst vor der Freiheit ringt, hat sie mit ausgewählten Zitaten der maßgeblichen Denker eindrucksvoll belegt.

Eine Lücke in ihrem Buch gibt Anlass nachzufragen. Es ist erstaunlich, dass sie in ihrer Darstellung an keiner Stelle die Überlegungen Sartres zu Freiheit auch nur streift. Sartre, der 1943 seine Untersuchung zur menschlichen Freiheit als eine ontologische Phänomenologie unter dem Titel Das Sein und das Nichts vorlegte, kommt bei ihr nicht vor. Ackermanns Hauptthese der Widersprüche, die der Freiheit inhärent seien und die zum Guten wie zum Bösen führen können, korrespondiert auf den ersten Blick nicht unbedingt mit Sartres Anspruch einer absoluten Freiheit, die den Menschen immer wieder vor eine Wahl stellt, für die er aber selber eine Verantwortung trägt. Ulrike Ackermann konzentriert ihre Darstellung auf die Entwicklung der Freiheit durch die Jahrhunderte, während Sartre die Freiheit des Menschen auf einer philosophischen Ebene von allen Seiten durchleuchtet.

Sartres Überlegungen zur Freiheit sind aber umso bedeutender, als er auf ihrem Hintergrund den Marxismus und auch die Psychoanalyse untersucht hat. Zunächst hat er die Verbindung zwischen diesen beiden Ansätzen theoretisch analysiert, danach mit einem praktischen Ansatz in seiner > Mallarmé-Studie evaluiert und beide aufgrund ungenügender theoretischer Grundlagen verworfen. Die Psychoanalyse kritisiert er, er der das Drehbuch zu Jean Hustons Film über Freud verfasst hat, weil für ihn das Unbewusste immer ein „Bewusstsein von etwas sei“, und dem Marxismus warf er eine „fehlende menschliche Dimension“ (Sartre, Fragen der Methode, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 194 et cf. passim) vor. Sein Engagement auf der Seite vieler linken Gruppierungen machte ihn für die Rechten suspekt, als Intellektueller wahrte er dennoch zu allen -ismen eine kritische Distanz und schrieb zahlreiche Künstlerporträts, um den unbedingten Anspruch der Freiheit zu illustrieren.

Bleibt immer noch die Frage, ob in dem Band von Ulrike Ackermann etwas fehlt, wenn Sartre nicht genannt wird? Jeder blättert ein neues Buch durch, schaut in das Literaturverzeichnis und stutzt, wenn die ihm vertrauten Werke dort fehlen. Ackermanns Ansatz aus der Geschichte der Freiheit eine Erinnerung an ihre Chancen und ihre Gefahren, die auch Angst machen, herzuleiten, benötigt nicht unbedingt Bezüge zum Werk Sartres. Wenn es aber darum geht, die Freiheit des Menschen als eine conditio sine qua non seiner Entwicklung darzustellen, darf eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts eigentlich nicht fehlen.

Sartre begründet mit dem für ihn absoluten Freiheitsanspruch des Menschen die Unabhängigkeit von allen Ideologien, die Warnung vor Totalitarismen jeder Art sowie die Fähigkeit des Künstlers etwas neues schaffen zu können. Bedenkt man aber, dass Sartre bei der Untersuchung der Freiheit, ihre beiden Seiten, ihre Chancen wie auch die Angst des Menschen vor ihr en détail analysiert: „…die meiste Zeit flieht er vor der Angst in die Unaufrichtigkeit,“ (Sarte, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, übersetzt von Hans Schöneberg und Traugott König, Reinbek bei Hamburg, 1991, S. 642) nennt, dann darf man doch zu der Meinung tendieren, dass Sartre im Band von Ulrike Ackermann nicht fehlen dürfte.

Heiner Wittmann
Ackermann, Ulrike, Eros der Freiheit. Für eine radikale Aufklärung
Klett-Cotta, 1. Aufl. 2008, 168 Seiten
ISBN: 978-3-608-94305-4