Lesebericht und Nachgefragt: Michael Wildenhain, »Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz«

In einer neuen Reihe von Klett-Cotta ist 2024 der Band von Michael Wildenhain, »Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz«, erschienen.

Inmitten des unendlichen Stroms so vieler Artikel überall in den Medien, die das jüngste Aufblühen der Künstlichen Intelligenz rühmen und wahre Wunderdinge voraussagen, ist es wohltuend, dass Michael Wildenhain uns zunächst mit Goethes Homunculus und Mary Shelleys Frankenstein an das Verhältnis von menschlicher zu künstlicher Intelligenz erinnert.

Wir wissen gar nicht genau bis in die letzten Details, wie das menschliche Gehirn funktioniert, aber die Anhänger der KI geben vor, es bald nachbauen zu können. Schon lassen sich Studierende ihre Seminar- und Abschlussarbeiten mit der sogenannten KI („ein > Oxymoron“ Éric Sadin) schreiben und generieren Bibliographien, die oft auf Halluzinationen der KI beruhen.

Der große Vorzug dieser knappen, präzisen und gelungenen Darstellung von Wildenhain ist die Erinnerung an die Geschichte der KI-Entwicklung im 20. Jahrhundert, zu der die ungeheure Zunahme der Rechenleistung, der Speicherkapazitäten und damit die immer größere Zahl von Texten gehören, mit denen ChatGPT trainiert werden kann. Man kann es aber drehen und wenden, wie man will, die „Entwicklung einer starken KI steht hingegen nach wie vor aus.“ (S. 25). Mit anderen Worten, ChatGPT kann viel, aber nur das, was man ihm in Form von Inhalten und Algorithmen gesagt hat, wie man es trainiert hat, der Rest wird dazu halluziniert. Emotionen sind für diese „KI“ ein Fremdwort.

Punktuelle Erfolge wie Siege im Schachspiel sind eher nach Hubert L. Dreyfus eine Frage der Rechenleistung und der Algorithmen denn des in der KI nicht vorhandenen Intellekts. (vgl. S. 37) Das gilt auch für „Situationen“ und ganz allgemein den Kontexten, die die „KI“ nicht erfassen kann. Sie versteht ihre Programmierung, ihre Algorithmen, soweit ihr gesagt wird, was das ist und wie sie sie einsetzen soll. (vgl. S. 49 f.)

Der Vergleich zwischen Gehirn und Maschine ist besonders erhellend: „Das Gehirn ist hingegen kein logisch-kausales System.“ (S. 55) Es ist schlicht nicht geeignet, in 0 und 1 übersetzt zu werden. Es gibt im Gehirn keinen Prozess, der einem Digitalcomputer äquivalent wäre. (vgl. S. 55) Ganz abgesehen davon, dass wir über das Zusammenspiel von Neuronen und Arealen im Gehirn noch gar nichts wissen. (vgl. S. 56)

Dieter Mersch,
Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik
Köln: Herbert von Halem Verlag, 2025
ISBN 978-3-86962-709-0

Ohne Zweifel haben alle von Wildenhain zitierten Wissenschaftler Bedeutendes geleistet und dennoch erscheint es so, als wenn heute die Begeisterung über die KI und ChatGPT deren Grenzen ganz einfach ignoriert und die Aspekte, die in der Forschung kritisch betrachtet wurden, verschwiegen werden. Heute stellt man die Frage, ob die neue KI mit ChatGPT auch gefährlich werden könne? Wildenhain unterstreicht in einer Antwort einen bisher wenig beachteten Aspekt, der sich aber logisch aus der bisher eher vorbehaltlosen Begeisterung über die Perspektiven von ChatGPT ergibt: “… eine KI (oder Software) wird zur Agentin einer sich umgreifenden Abstumpfung der Menschheit, die sich durch den zunehmenden Rückzug aus der Wirklichkeit und den realen sozialen Beziehungen mit großer Wahrscheinlichkeit ergeben wird.“ (S. 73)

ChatGPT habe kein Faktenwissen (vgl. S. 75): „Sie (i.e. die Maschine) lebt, anders als der Mensch, nicht in der Welt.“ (S. 78) Ihre Reproduktionen orientieren sich nur an Vorhandenem, sie kann nur mit mutmaßlichen Folgewörtern arbeiten, aber nicht mit einer Imagination: „Von der KI zu sprechen ist, alles in allem, unsinnig.“ (S. 77) So wie es mit 1 und 0 jongliert hat das „kaum etwas mit den Spielarten von Intention zu tun, die der Mensch im Verlauf der Evolution ausgebildet hat …“ (S. 78)

Wenn die Studentin sich für ein Stipendium bewirbt und ihrem Antrag eine Bibliographie beifügt, kann sie froh sein, wenn der Dozent stutzig wird und sie nach der Quelle der bibliographischen Angaben fragt. Ja, sie habe bei ChatGPT nachgefragt, gibt die Studentin zu. Und wenn der Dozent ihr dann den Begriff Halluzination erklärt, wird die Studentin verstanden haben, dass sie den Antrag nicht einzureichen braucht. Ebenso verhält es sich mit den vielen Texten, die Studierende sich von der KI erstellen lassen. Die Verwendung von Gemeinplätzen, falschen Einschätzungen, fehlende oder falsche Literaturangaben müssten ihre Dozierenden misstrauisch machen.

Es ist klar, dass ChatGPT von Imagination, Emotionen und Faktenwissen nichts sagen will und hingegen die große Menge seiner Informationen hervorhebt und dabei den Unterschied zwischen Informationen und Wissen geflissentlich übergeht. Aber in der Zusammenfassung erscheinen dann doch plötzlich „komplexe kreative Aufgaben, emotionale Intelligenz, soziale Interaktionen“. Dozierende werden merken, dass die Zusammenfassung etwas nennt, was in der Herleitung der Argumente nicht genannt wird. Also das wird bitte noch einmal überarbeitet:

Prompt: „Wieso ist ChatgGPT dem menschlichen Gehirn so weit überlegen?“

ChatGPT: „Die Überlegenheit von ChatGPT gegenüber dem menschlichen Gehirn ist ein komplexes Thema und kann nicht einfach auf eine einzige Erklärung reduziert werden. Hier sind einige Gründe, warum ChatGPT in bestimmten Bereichen als überlegen angesehen werden kann:

Speicher- und Verarbeitungskapazität: ChatGPT verfügt über eine enorme Speicher- und Verarbeitungskapazität, die es ihm ermöglicht, große Mengen an Informationen zu verarbeiten und auf sie zuzugreifen. Im Gegensatz dazu hat das menschliche Gehirn zwar eine beeindruckende Verarbeitungsgeschwindigkeit, aber es hat begrenztere Speicherfähigkeiten und kann nicht auf die riesigen Datenmengen zugreifen, die ChatGPT kann.

Zugriff auf Informationen: ChatGPT kann auf eine breite Palette von Informationen zugreifen, die im Internet verfügbar sind, sowie auf das Wissen, das ihm während seines Trainings vermittelt wurde. Das menschliche Gehirn hat zwar die Fähigkeit, neues Wissen zu erlernen und zu speichern, aber es ist begrenzt durch die Zeit und die begrenzten Erfahrungen eines einzelnen Menschen.

Konsistenz und Präzision: ChatGPT kann Aufgaben mit hoher Konsistenz und Präzision ausführen, ohne von Müdigkeit oder anderen menschlichen Einschränkungen beeinträchtigt zu werden. Menschen können dazu neigen, Fehler zu machen oder ungenau zu sein, insbesondere bei langwierigen oder wiederholten Aufgaben.
Anpassungsfähigkeit und Lernfähigkeit: ChatGPT kann kontinuierlich aus neuen Daten und Erfahrungen lernen und seine Leistung verbessern, während das menschliche Gehirn möglicherweise nicht so schnell lernen kann oder möglicherweise in bestimmten Bereichen weniger anpassungsfähig ist.

Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass das menschliche Gehirn weiterhin in vielen Bereichen überlegen ist, insbesondere in Bezug auf komplexe kreative Aufgaben, emotionale Intelligenz, soziale Interaktionen und viele andere Aspekte des menschlichen Lebens. ChatGPT und ähnliche KI-Systeme sind leistungsfähige Werkzeuge, aber sie sind nicht in der Lage, die Fülle der Fähigkeiten und Eigenschaften des menschlichen Gehirns zu replizieren.“

Mit diesem Band erläutert Michael Wildenhain die historische Dimension um die KI, die in der aktuellen Diskussion kaum zur Sprache kommt. Auf diese Weise eröffnet er auch die Perspektive auf den Unterschied zwischen einer „schwachen KI“ und einer „starken KI“, deren jeweilige Vertreter sehr wohl um ihre Defizite wissen. Trotz aller Aufbruchstimmung gibt es immer noch zu viele ungelöste Probleme. Wieso bedienen sich die Hersteller dieser KI-Programme so ungestört an Inhalten aller Art? Natürlich wissen die Autorinnen und Autoren aller Webinhalte, dass, was einmal dem Web anvertraut wurde, als verloren gilt und zudem versuchen die Anbieter von KI mit immer neuen Bezahlmodellen aus ihren Angeboten Profit zu erhalten. Kein Wunder, dass jede Einmischung, die an den Leistungen der „KI“ zweifelt, nicht willkommen ist. Aber es bleibt dabei, nicht die Halluzinationen und Fehler der KI sind ihr größtes Manko, es ist die von Wildenhain angeführte „Abstumpfung der Menschheit, die sich durch den zunehmenden Rückzug aus der Wirklichkeit“ (S. 73) äußert, die das eigentliche Problem darstellt.

Michael Wildenhain
Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz
Stuttgart: Cotta 2024
ISBN: 978-3-7681-9824-0

Michel Rybalka (1933-2026)

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Rezension: Rainer Mühlhoff, Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus

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> www.rainermuehlhoff.de

Rainer Mühlhoff,
Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus
Ditzingen: Reclam 9/2025

Vendredi 19 juin, samedi 20 juin 2026 : Colloque du Groupe d’Études sartriennnes en Sorbonne

Le prochain colloque du Groupe d’études sartriennes GES, qui se tiendra les 19 et 20 juin 2026 à la Sorbonne, dans l’amphithéâtre Bachelard. Le colloque portera sur les Réflexions sur la question juive et sur le thème „Matière, matérialismes et matérialité“.

Pour télécharger: GES_PROGRAMME-26L’affiche du colloque 2026

GES_PROGRAMME-26
L’entrée dans les locaux de la Sorbonne étant soumise à des contrôles de sécurité, il est impératif de vous inscrire avant le 16 juin 16h, en cliquant sur le lien ci-dessous, si vous ne détenez aucune carte professionnelle ou carte d’étudiant qui vous garantit l’accès au site :

https://evento.univ-paris1.fr/survey/colloque-sartre-amphitheatre-bachelard-hcy21pax

Colloque du Groupe d'Études sartriennnes en Sorbonne - vendredi 19 juin, samedi 20 juin 2026

Auf unserem Frankreich-Blog: Lesebericht: Jean-Paul Sartre, Überlegungen zur Judenfrage

Rezension: Florian Birnmeyer, Im Dickicht lebt es sich leichter. Gedichte

Florian Birnmeyer hat unter dem Titel Im Dickicht lebt es sich leichter einen Band mit Gedichten verfasst, die sich an den Sommer- und Herbsttagen orientieren. Der erste Teil Du und ich erwähnt die Liebe, Vergänglichkeit und Trennung. Im zweiten Teil werden Papyrusblätter und der Herbstanfang genannt. Teil 3 spielt Im Dickicht unter Regenschauer und dennoch führen die Gedichte in diesem Kapitel nach New York, Berlin, München und Italien oder erinnern an die Reisen in diese Städte. Un/rzeit (Spätsommer) heißt der 4. Teil, mit Gedichten, die Fragen stellen, nach der Liebe, dem Ablauf der Zeit, nach der Angst und endet mit einem abgesang auf orpheus. Im fünften Teil klingen Herbstnachmittage in Paris an, zu denen Franziska Beyer-Lallauret die französische Übersetzung beigesteuert hat.

Der Titel Im Dickicht lebt es sich leichter hat etwas Beschwingtes, dass das beschreibt, was sich beim Lesen dieser Gedichte einstellt. Anderswort ist direkt an einem geliebten Menschen gerichtet und deutet eine verfehlte Liebe an. Enttäuschung, ja. Aber „Anderswo“ (S. 9). Geschickt werden in den folgenden Gedichten bestimmte Momente der Liebe angedeutet, aus denen sich ein Gefühl der Sehnsucht ergibt: „Ich wär doch/so gern du,/du gern ich.“ (S. 19) Und wieder geht es um Trennung „Ich verlor den Schlüssel/für dein Alabasterherz“( S. 23) und um die Definition der Liebe „große dinge/gegen kleine tauschen“ (S. 29) und dann das Gedicht „Im Dickicht“, mit dem rätselhaften Wort „Begriffsberg“: „Wir wollten/Ungesagtes/aussprechen“ (S. 43) zurückblieben aber zwei „Wie zwei Tiere/versteinert/im Schweinwerferlicht“ (S. 43), die doch nicht miteinander reden. Und in München gab es die Dame, „…die goethe/ rezitierte im lyrikkurs…“ (S. 47)

Jeder Dichter, der über sein Dichten nachdenkt, schreibt auch eine Poetik, in der er sein Dichten erläutert, so auch hier in Dichterdasein: „Ein Schilfrohr ist auch/ nur Papier, geduldig//daraus entspringt der /Esprit, doch den Geist,//den ich rief, wird ich//nun nicht mehr losr, „(S. 49)

Man spürt einige Erinnerungen, an Begegnungen, Reisen und Beobachtungen, die den Dichter zu diesen Gedichten inspiriert haben, so wie er in Paris an der Gare d’Austerlitz ankommt. Verlässt man Paris, weiß man dass man wiederkommen wird, in die Ville de lumières. Die Seine, der Tour Eiffel, die berühmte Pont des Arts, die die Quais mit den Bouquinisten miteinander verbindet, Montmartre und die Place du Tertre und die Place du Câtelet sind Orte, mit denen auch jeder Leser bestimmte Erinnerungen verbindet. Dazu kommt noch die Freiheit: „Dich will ich./Du warst es, die mich/ bewegt hat…“ (S. 82).

Die Gedichte in diesem Band, manche erschließen sich nicht sofort, aber alle regen zum Wiederlesen und Entdecken an. Sie enthalten ganz persönliche Erinnerungen, Eindrücke und Beobachtungen: „le monde s’éteint un instant/devant le mystère.“ (S. 87).

Mit einem Nachwort von Prof. PhDr. Uli Rothfuss: Mit Gedichten sprachlich in die Zukunft gehen.“

Florian Birnmeyer
Im Dickicht lebt es sich leichter
Gedichte
mit Übersetzungen von Franziska Beyer-Lallauret
und einem Nachwort von Uli Rothfuss
Visbek: Geest-Verlag 2026
ISBN 978-3-69064-562-1
104 S.

Nachgefragt: Vergangene Zukunft von Reinhart Koselleck wurde von Azelarabe Lahkim Bennani übersetzt

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Rezension: Susan Richter Vom Besteck des Zeitgenossen. Gegenwartsdiagnose im 18. Jahrhundert

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Susan Richter
> Vom Besteck des Zeitgenossen.
Gegenwartsdiagnose im 18. Jahrhundert
ISBN: 978-3-593-51391-1
Frankfurt/M., New York: Campus 2025

Rezension: Dieter Mersch, Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik

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Dieter Mersch,
Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik
Köln: Herbert von Halem Verlag, 2025
ISBN 978-3-86962-709-0

Bibliographie:

Lesebericht und Nachgefragt: Kolja Reichert, »Kann ich das auch? 50 Fragen an die Kunst« Stuttgart: Klett-Cotta 3/2024. – Aufgezeichnet von Heiner Wittmann

Peter Sloterdijk und Niccolò Machiavelli

Für Peter Sloterdijk ist der Fall klar: „Der künftige Herr des Landes, der mit Fortunas Hilfe an die Macht kommt, müsse, da er von zahlreichen konkurrierenden bösen Willen umgeben ist, seinerseits die Fähigkeit aufbringen, genauso böse zu sein wie all die anderen.“ (S. 18) Tatsächlich erklärt Machiavelli in diesem XV. Kapitel des Fürsten, dass ein Mensch, der gut sein will, zugrunde gehe, inmitten so vieler, die nicht gut seien. Sloterdijk zitiert dann wortwörtlich „potere essere non buono„. Der Humanist Machiavelli würde ihn darauf aufmerksam machen, dass in diesem Zitat die wesentliche Aussage fehlt, denn es heißt im Original „Onde è nesessairo a uno prinicpe, volondesi mantenere, imparare a potere essere non buono e usarlo e non l’usare seconda la necessità.“ Übersetzung nach der von Sloterdijk verwendeten zweisprachigen Ausgabe, Machiavelli, der Fürst, übersetzt v. Philipp Rippel, Stuttgart: Reclam 1986, S. 118: „Daher muss ein Fürst, wenn er sich behaupten will, die Fähigkeit erlernen, nicht gut zu sein, und diese anwenden oder nicht anwenden, je nach dem Gebot der Notwendigkeit.“ Lässt man diese Einschränkung der Anwendung des Bösen weg, dann kann man wie Sloterdijk, den Fürsten als grundsätzlich böse darstellen: Sloterdijk beschränkt sein Zitat auf „potere essere non buono“ und fügt hinzu: „In der Sprache unserer Tage formuliert, besagt dies: Du sollst der Versuchung aus dem Weg gehen, dich zu den Guten rechnen zu wollen.“ (S. 19)

Schon hat man den Fürsten als absoluten Bösewicht, dessen Autor Machiavelli ihm folglich in nichts nachsteht: Nicht gut sein – drei kleine Wörter, die sich, um das Modalverbum ‚können‘ ergänzt, zu einer fatalen Formel zusammenfügen.“ (ebd.) Somit steht Peter Sloterdijk in guter Tradition all derjenigen, die uns glauben ließen, „Der Fürst“ sei ein amoralisches Machwerk, eine Anleitung für alle Bosheiten des Fürsten und seiner Nachfolger bis heute einschließlich Donald Trump.

Die Bildlegende in Wikipedia lautet: „Das Bild eines Edelmanns aus dem Museum der Accademia Carrara wird heute Altobello Melone (* 1490/91; † spätestens 1543) aus Cremona zugeschrieben. Es galt im 19. Jahrhundert als Porträt Cesare Borgias von Giorgione.“

Mit diesem Befund steht die ganze Abhandlung, die Sloterdijk in diesem Band präsentiert, in Frage, weil die Voraussetzungen für seine Überlegungen, die Fürsten unserer Tage – das hat er gemäß des Covers ja wohl im Sinn – zu analysieren, mit Machiavellis Unterstützung so nicht zu leisten ist. Natürlich spricht Machiavelli von schlechten Fürsten. Sein Anliegen ist aber die Frage, wie man ihnen beikommen könnte. Er vermittelt keinem Fürsten eine  Anleitung, grundsätzlich schlecht zu sein. Das würde dem Humanisten Machiavelli fern liegen.

Napoleon III., der „Usurpator“ (S. 114) geriet ins Visier von Victor Hugo, der dem Neffen des Kaisers den  (3.) Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 nicht verzieh. Napoleon III. „sündigte noch mehr, indem er es an wirklicher Statur fehlen ließ.“ (Sloterdijk, S. 114, vgl. dazu: S. 155-165) Es stimmt, dass viele, allen voran die Künstler, dem Kaiser den Staatsstreich immer nachtrugen, aber mittlerweile hat sich das Bild Napoleons III. doch gewandelt. (1)

Für das Cover dieses Buches hat die KI das Gesicht eines italienischen Edelmannes mit dem Porträt des amerikanischen Präsidenten übermalt, um ganz offenkundig die schlechten Seiten des Fürsten, wie Machiavelli ihn beschreibt und in dessen Nachfolge die Trumps, zu illustrieren.

An dieser Stelle sollte auch angemerkt werden, dass Il Principe 1532 nicht nur in einem Verlag, sondern in zwei Verlagen in Florenz gleichzeitig erschienen ist. Und diese beiden Erstausgaben bestätigten ganz eindeutig, dass Il Principe keine „Verlegenheitsarbeit“ war, sondern die theoretische Basis für zwei weitere Texte, die in den beiden Ausgaben von 1532 ebenfalls enthalten sind: 1. Descrizione del modo tenuto dal Duca Valentino nello ammazzare Vitellozzo Vitelli, Oliverotto da Fermo, il Signor Pagolo e il duca di Gravina Orsini(2) und 2. La vita di Castruccio Castracani da Lucca.(3) 2021 erschien Dirk Hoeges, Der Principe-Komplex. Niccolò Machiavelli. Fünfhundert Jahre Missverständnis, Köln: machiavelli edition 2021, mit einer Neuübersetzung des Principe und mit diesen beiden Texten, die auch in den Ausgaben von 1532 enthalten sind.

Im Príncipe behandelt Machiavelli die Fürstentümer und die Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio (1513-1519) behandelt die Republiken. (Die Neigung Machiavellis zu Republiken erwähnt Sloterdijk auf S. 35 und S. 32) Es gibt nur zwei Stellen, an denen Sloterdijk andeutet, dass es noch andere Werke von Machiavelli gebe, nämlich zum einen die „Kommentare(…) zur römischen Geschichte, wie Titus Livius sie erzählte“. (S. 21) – ohne den Titel der Discorsi zu nennen und S. 105, wo der Ortsname Senigallia (Principe, Kap. VII) erwähnt wird, wo Cesare Borgia in der Neujahrsnacht die Verschwörer, die zu ihm gekommen waren, ermorden ließ, ohne den hier oben genannten Bericht von Machiavelli zu erwähnen. Andere Werke Machiavellis nennt Sloterdijk nicht und übersieht damit die Bedeutung des Humanisten Machiavelli, die Dirk Hoeges in seinen beiden Büchern über Machiavelli: Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein (München: Beck 2000, 2. Auflage, Frankfurt/M.: Peter Lang 2014) wie in: Der Principe-Komplex. Niccolò Machiavelli: Fünfhundert Jahre Missverständnis ausführlich dargestellt hat.

Die Fähigkeit des Fürsten schlecht zu sein, bestimmt den Ansatz des ganzen Buches und ganz besonders die Seiten 19-30, in denen er das Böse des Fürsten vertieft: „Was das 20. Jahrhundert angeht – von Machiavellis Welt durch ein halbes Jahrtausend getrennt -, wird man spontan zu der Ansicht neigen, es könne hinsichtlich der Spezialdisziplin des florentinischen Autors, das heißt des politischen Amoralismus in Theorie und Praxis, nichts mehr zu lernen gehabt haben.“ (S. 24 f.) Wie viel ist seit dem Erscheinen des Principe über die fehlende Moral in diesem Büchlein geschrieben worden! Die stete Wiederholung dieser Ansicht bestätigt die einseitige Sicht seiner Leser, ihre selektive Lektüre, aber nicht die Aussage, Machiavelli habe keine Moral gekannt. Und Sloterdijk wiederholt das Zitat „imparare a potere essere non buono„, das sich, „nach allem, was Augenzeugen des 20. Jahrhunderts erfahren haben, von selbst erledigt zu haben“ scheint. „Die politischen Klassen des 20. und 21. Jahrhunderts brauchten und brauchen hinsichtlich Bosheitsberatung keine Nachhilfen aus klassischen Quellen.“ (S. 25) Deutlicher kann das Missverständnis hinsichtlich der Werke des Humanisten Machiavelli kaum formuliert werden. Und Sloterdijk kommt ein drittes Mal auf das bereits genannte Zitat zurück: „Wer auf das Lernziel des Nicht-gut-Seins um der staatlichen Selbstbewahrung willen zustrebt, braucht vor allem mentale Beweglichkeit – in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte man sie gelegentlich als ‚letzte Lockerung‘ bezeichnet.“ (S. 30) Und Sloterdijk zitiert in diesem Zusammenhang: Walter Serner, Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden sollen, Berlin 1927. Und später wiederholt Sloterdijk ganz ausdrücklich den Ansatz seines Buches: „Will man das Machiavelli-Ereignis würdigen, muss man begreifen, wie weit seine Theorie des Fürsten sich von allen Konzepten des gemeinsamen Lebens aus bloßem guten Willen entfernt hat.“ (S. 127) Durch Wiederholung wird dieser Ansatz nicht richtiger.

Und hier steht noch mehr: „Er (i. e. der Fürst) ist berufen, über einer Population zu stehen, deren Beherrschbarkeit nach wie vor von ihrer Anhänglichkeit an die gewöhnlichen Urteile über Gut und Böse abhängt. Das bedeutet: Er darf seine Autorität nie – allenfalls im Modus des Als-ob zu seinen ‚Untertanen‘ durchsickern lassen.“ (S. 127) Das klingt an dieser Stelle anders als im oben zitierten Hinweis, der Fürst solle schlecht handeln. Liest man Machiavelli, darf der Fürst weder schlecht noch gut sein, es geht darum, einen Schein erzeugen zu können: Dazu Dirk Hoeges: „Machiavelli entwirft die Wirklichkeit der Macht mittels der Beherrschung und Kontrolle des Scheins. Tun, «als ob», «gehalten werden für», «fama», «opinio-ne», «reputatione», «nome», das heißt den Begriff einer Eigenschaft besetzen, ohne sie zu besitzen. Anpassung, Gestus und Versatilität bilden die zentralen Modalitäten realer Macht. Der Schein, die Notwendigkeit der Stilisierung und Überhöhung der Figur des Fürsten wird bei Machiavelli zu einer Bedingung für den Erwerb und Erhalt von Macht in einer garantielosen Welt. “ (Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein, S. 189)

Das Buch vom Fürsten ist mit Sicherheit keine „Verlegenheitsarbeit“ (Sloterdijk, S. 34), sondern es steht als theoretisches Traktat im Zentrum seines Gesamtwerkes, in dem u.a. Fortuna in vielen Texten, in allen denkbaren Gattungen vom Gedicht(4), über die Prosa und Fabel(5) bis zum Theater, immer wieder thematisiert wurde: „Il principe nur auf Inhalte abzusuchen, als Handbuch für Macht und Politik zu lesen, verwischt die Textur dieser Schrift wie die Signatur seines Verfassers. Der Text ist chronologisch und systematisch eingebettet zwischen Poesie und Kunstprosa, mit Sonett, Stanza, Canzone, Canto, Capitolo, Serenade, Madrigal, Pastoral, Strambotto und Epigramm in die Gattungsvielfalt italienischer Lyrik wie mit Fabel, Novelle, Anekdote, Aphorismus, Fazetie, Epistolographie und Geschichtsschreibung in die Komplexität der Kunstprosa, die er unterschiedlich nutzt und instrumentalisiert.“ (D. Hoeges, Der Principe-Komplex, S.184)

Machiavelli der Autor des Principe war ein Humanist, wie Dirk Hoeges dies an vielen Stellen seiner Arbeiten über den Florentiner nachgewiesen hat: z. B. im Abschnitt „Die humanistische Literaturwerkstatt: Machivelli, Castiglione, Vasari – die Fazetie“, in: ders., Niccolò Machiavelli. Die Macht und der Schein, S. 66 ff. Bedenkt man die Vielfalt der literarischen Gattungsformen, derer sich Machiavelli bediente, dann gilt: „Die multiple Verwendung von Zitaten, Beispielen, Aussprüchen, Mythen und Textauszügen zeigt, daß das studiolo Machiavellis die literarische Werkstatt eines humanistischen Autors ist, als studiolo ein Arbeitsraum und die mehrfache Nutzung ein und derselben Mittel selbstverständliche Praxis.“ (D. Hoeges, Niccolò Machiavelli, Die Macht und der Schein, S. 66) oder „Er nutzt sein Können. Jede seiner Widmungen zeigt die unversöhnliche Gegnerschaft, den Kampf des in Machiavelli noch einmal auflebenden politischen Humanismus gegen die Usurpation des Staates durch einen Familienclan und seine Beutegänger.“ (Die Macht und der Schein, S. 69) Und „Dabei ist die Lektüre des „Principe“ das beste Mittel, Irrtum und Mißverständnis abzuhelfen. Das Buch zeigt den Autor Machiavelli und dieser ist mehr als der Verfasser griffiger und wohlfeiler Handlungsanweisungen zum Erwerb und Erhalt der Macht. Sichtbar wird im „Prinicipe“ wie in all seinen Schriften der Humanist und damit der Beamte, Diplomat und Historiker, der Dichter, der Theaterautor, der Regisseur, wenn nicht der Komponist Machiavelli. Stets und in jedem Metier ist und bleibt er ein Kenner der Rhetorik, Grammatik und Dialektik und ein Meister der Sprache, geschult an den Sieben Freien Künsten, zu denen auch Arithmetik und Musik gehören.“ (Die Macht und der Schein, S. 215)

„Man blättert in das kleine Buch des Florentiners hinein und liest sich hier und dort ein wenig fest,“ berichtet Peter Sloterdijk. Der Principe mit seiner so gut durchdachten Struktur muss aber ganz genau gelesen  werden, nur so gelingt es, seinen Aufbau zu analysieren. Heraus kommt dann die Beschreibung des Meisterwerks eines Humanisten, das als Einführung in die politische Wissenschaft gelten darf. Erst dann merkt man, dass so viele Autoren von Montaigne über Friedrich den Großen bis Mussolini über Machiavelli alles Mögliche und oft viel Falsches geschrieben habe. Viel Falsches, weil sie den Principe nur überflogen und mal „hier und dort“ gepickt haben: „Die meisten Themen und Thesen dieses Büchleins gehen an den Interessen der Menschen von heute vorbei,“ (S. 16) meint Sloterdijk und verpasst damit Wesentliches. Z. B. Fortuna, deren Spiel Machiavelli im Kapitel 25 des Principe mit geschliffener Prosa so eindringlich wie präzise beschreibt: „Und doch halte ich für wahr, da unser freier Wille nicht ausgelöscht ist, dass Fortuna Herrin über die eine Hälfte unserer Handlungen ist, sie aber die andere Hälfte oder fast soviel uns überlässt. Und ich vergleiche sie mit einem dieser reißenden Flüsse, die, wenn sie wütend anschwellen, die Ebenen überfluten, Bäume und Häuser, hier die Erde weg-schwemmen und sie andernorts anspülen; ein jeder flieht vor ihnen, jeder weicht ihrem Ungestüm ohne jeden Widerstand aus. Und obwohl sie so beschaffen sind, bleibt den Menschen, so die Zeiten ruhig sind, mit Deichen und Dämmen Vorkehrungen treffen zu können und schwellen sie dann wieder an, sie entweder in einen Kanal leiten oder ihr Ungestüm nicht so unbändig und verheerend ist. Ähnlich verhält es sich mit Fortuna; die ihre Macht dort zeigt, wo es keine disziplinierte Tüchtigkeit gibt, ihr Widerstand zu leisten; und die ihren Angriff dort führt, wo sie weiß, dass die Dämme und Deiche nicht geeignet sind, sie zurückzuhalten.“ (übers. v. D. Hoeges, Der Principe-Komplex, S. 122 f.)

Im 4. Kapitel „Das Große und das Absurde“ (S. 144-170) wird an Hannah Arendt erinnert, die 1963 anlässlich  des Jerusalemer Eichmann-Prozesses von der „Banalität des Bösen“ sprach. Sie erwähnte auch das Absurde an der Macht, ein Gedanke, den Sloterdijk in diesem Kapitel untersucht, ihn auch wieder mit Napoleon III. verbindet und bis in unsere Zeit ausweitet: „Seit nahezu zweihundert Jahren erweist sich das Absurde als eine Stimmung, die sich in ungebrochenen Tötungen über die europäische Zivilisation ausbreitet.“ (S. 154.) Sloterdijk zitiert in diesem Abschnitt Camus, für den das Absurde aus dem Zusammen des menschlichen Rufs mit dem vernunftlosen Schweigen der Welt entsteht. (vgl. S. 167) Aber das Absurde, das Camus hier meint, passt nicht so ganz in Sloterdijks Kapitel, denn Camus stellt mit dem Absurden seiner Vorstellung in grundsätzlicher Weise eine Diagnose der menschlichen Existenz, aus ihr schöpft der Künstler seine Aufgaben. Oder wenn Sloterdijk in diesem Kapitel auch Sartres Der Ekel zitiert, dann muss daran erinnert werden, dass der Autodidakt auf Roquentins Nachfrage, was das Leben für einen Sinn habe, erklärt, das Leben hat den Sinn, den Sie ihm geben. In diesem Sinne überschreitet der Existentialismus bei beiden Autoren das Absurde.(6)

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1. Vgl. Heiner Wittmann, Napoleon III. Macht und Kunst, Reihe Dialoghi/dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs, hrsg. v. Dirk Hoeges, Band 17, Verlag Peter Lang, Frankfurt, Berlin, Bern u. a., 2013.

2. Vgl. Dirk Hoeges, Niccolò Machiavelli, Cesare Borgia. Wie der Herzog von Valentinois bei der Ermordung Vitellozzo Vitellis, Oliverottos da Fermo, des Herrn Pagolo und des Herzogs von Gravina Orsini vorging. Kriminalnovelle, Köln, machiavelli edition 2018

3. Niccolò Machiavelli, Das Leben des Castruccio Castracani aus Lucca. Übersetzt und mit einem Essay „Zur Ästhetik der Macht“ herausgegeben von Dirk Hoeges, Beck: München 1997. Wiederabgedruckt in: D. Hoeges, Der Principe-Komplex, S. 209-232.

4. Niccolò Machiavelli, Dichter – Poeta. Mit sämtlichen Gedichten, deutsch/italienisch. Con tutte le poesie, tedesco/italiano, Köln, machiavelli edition – Neuausgabe 2016

5. Niccolò Machiavelli, Der Esel/L’Asino. Zweisprachige Ausgabe, Köln, machiavelli edition 2015.

6. Vgl. Heiner Wittmann, Sartre, Camus und die Kunst. Die Herausforderung der Freiheit. Reihe Dialoghi/Dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs. Hrsg. v. Dirk Hoeges, Band 18, Verlag Peter Lang, Berlin, Bern u.a., 2020, zu Roquentin: S. 126 und zu Camus und das Absurde S. 141-147.

Peter Sloterdijk
Der Fürst und seine Erben
Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute
Berlin: edition suhrkamp 2026.
ISBN 978-3-518-00136-3

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