Alan Strauss-Schom: Eine neue Biographie über Napoleon III.

Alain Strauss-Schom hat gerade das Buch > The Shadow Emperor. A biography of Napoleon III bei St. Martins Press, (New York 2018) vorgelegt, sie folgt auf die Biographie Napoleons I., die der Autor 1997 veröffentlicht hat. Er bezeichnet sich als „biography-historian“ S. 435, und interessiert sich für die „personalities and interrelationships those who create or are involved with,if only indirectly, the events that shape ‚the outcome of history‘“. S. 425. Und Strauss-Schom betont ausdrücklich, wie stark sich der Onkel vom Neffe unterscheide, der im Schatten seines Onkels aufwuchs. (Vgl. S. 425.) In einem Satz fasst der Autor die Lehrjahre Louis Napoleons prägnant zusammen: „Ironically, what Louis Napoléon never admitted to himself, however, was his rejection of almost everything his uncle stood for, beginning with the military.“ Ib. Der Neffe betonte immer wieder, dass das Kaiserreich für den Frieden stände.
Der Titel des Buches erklärt sich mit dem Ergebnis der vorliegenden Studie: „A very dynamic and demanding Napoléon I had dominated the emire he created, while a far less vigorous and egotistical Louis Napoléon remained in the shadows of the very empire he in turn created.“ Da klingt noch ein wenig die Unterschätzung an, die in vielen Biographien vorherrschte, bis Jean Sagnes, Pierre Miquel, Philippe Séguin und Eric Anceau die durch Napoleon III. betriebene Modernisierung Frankreichs in den Blick nahmen.
Das Buch besteht aus drei Teilen: Die Lehrjahre des künftigen Kaisers einschließlich seiner Haft im Fort Ham, dann die Wahl zum Präsidenten, der Staatsstreich und die Gründung des II. Kaiserreichs und dann die Jahre 1852-1870 mit dem Krimkrieg und schließlich dem Deutsch-französischen Krieg.
Der erste Teil kommt bei vielen Biographen oft etwas zu kurz, ist aber für das aufkeimende Interesse des Neffen für den Onkel und den Bonapartismus, dem er eine eigne Prägung geben wird, besonders wichtig. Charles-Louis Napoléon wird am 20. April 1808 geboren. Sein Onkel Napoleon I. wird mit seiner Erbschaft die Jugend und die Gedankenwelt des künftigen Kaisers bestimmen: „There was always a distracted, distant look in his eyes,“ schreibt Strauss-Shom und deutet damit die frühe Entschlossenheit von Louis Napoleon an, über die Gewissheit zu verfügen, zu höheren Dingen berufen zu sein. Sein Vater Louis Bonaparte, der frühere König von Holland und Freimaurer wachte über die Erziehung des Knaben. Kaum hat dieser die Schule verlassen, fängt er an, von militärischen Abenteuern zu träumen. Noch folgt er dem Vater und verzichtet (erstmal) auf seine Pläne.
Im Juni 1830, gerade wurde die Invasion in Algerien gestartet, kommt es in Paris zur Revolution, kurz darauf dankt Karl X ab und geht nach England.
Charles Auguste Louis Joseph, Comte de Morny (1801-1865) war der illegitime Sohn von General Charles Joseph Flahaut,(vgl. Flahaut, Les Francs-maçons fossoyeurs du 1er Empire, Editions littéraires et artistiques, 1943) einem Vertrauten von Napoleon I, und Neffe von Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, dem Außenminister des Kaisers. Adelaide [de Flahaut] de Souza wußte als eine der wenigen Eingeweihten, dass die Mutter von Morny die Gattin Hortense de Beauharnais von König Louis Bonaparte war. Vgl. S. 13-15. Hier erzählt Strauss-Schom eine spannende Geschichte, der er zu Recht das 3. Kapitel widmet. Morny sollte tatsächlich großen Einfluss auf den Aufstieg Louis-Napoléons zum Kaiser bekommen. Erst im Oktober 1838 sollte er von der Existenz seines Halbbruders erfahren.
Hortense de Beauharnais (1783-1837), so Strauss-Schom,war eine der einflussreichsten Personen im Leben Louis-Napoléons: „He was also a prisoner of her love.“ S. 22 Ihre Urlaube in Italien hatten weitreichende Folgen für ihren Sohn und den Grafen Francesco Arese (1778-1847), sie sich beide in Italien engagieren, wo 1831 Napoléon-Louis in Forlì stirbt. Louis-Napoléon, der sich fortan mindestens bis 1884 nach dem Namen seines Bruders nennen wird, kehrt nach Arenenberg zurück. Nicht Arese sondern Louis-Napoleon sei lebenslang Freimaurer gewesen (S. 32) berichtet Strauss-Schom. Dazu gibt es in der Forschung bisher keine Belege, auch wenn eine Reihe von Tatsachen, dies nahelegen: vgl. H. Wittmann, > Napoleon III. Macht und Kunst, Reihe Dialoghi/dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs, hrsg. Dirk Hoeges, Band 17, Verlag Peter Lang, Frankfurt, Berlin, Bern u. a., 2013, S. 40-45: Louis-Napoleon: ein Freimaurer?
Seine Jahre in Arenenberg wieder ab 1835 sind Lehrjahre, die er nicht nur zu Studien nutzt. Er knüpft Kontakte und unternimmt einen ersten Staatsstreich in Straßburg 1837, der scheitert, die Regierung lässt ihn in die USA ausreisen, er darf aber zu seiner todkranken Mutter 1837 nach Arenenberg zurückkehren.
Srauss-Schom trifft den richtigen Ton, in dem er zeigt, wie Louis-Napoleon immer Sorge um sein Erbe, die Erinnerung an die Bedeutung seines Onkels aufrechtzuerhalten, stets in dem Bestreben, immer wieder Gruppen von Getreuen um sich zu sammeln. Die Landung in Boulogne scheitert kläglich und in der Festungshaft in Ham, fast ein offener Strafvollzug darf er seine Studien fortsetzen und intensivieren. 1840 werden die sterblichen Überreste des Kaisers nach Frankreich zurückgeholt. Eine bessere Werbung für die eigene Sache Louis-Napoleons hätte es nicht geben können.
Wiederum sind es einige Getreue, unter ihnen der Arzt und Freimaurer Henri Conneau, die Louis-Napoléon zur Seite stehen. Die Napoleonischen Ideen aus der Feder Louis-Napoléons lesen sich wie ein Programmschrift und Strauss-Schom gibt ihnen auch den richtigen Stellenwert, so wie L’Extinction du Paupérisme seine sozialen Ideen vorstellen und ihn als einen linken Politiker präsentieren. 1846 gelingt ihm als Bauarbeiter verkleidet die Flucht aus dem Fort Ham nach England.
Sein Glücksfall ist die Revolution von 1848. Louis-Philippe dankt ab, die Republik wird ausgerufen und Louis-Napoleon, wieder mit der Hilfe einige Getreuer nutzt seine Chance und wird im Dezember zum Staatspräsidenten gewählt. Das Kapitel 13 „A Pure New Holy Republic: 1848“ zeigt, wie Louis Napoleon sich strategisch geschickt die politische Unterstützung für seine Pläne sichert.
16. „Countdown to Empire“ ist die Einleitung zur Erneuerung des Kaiserreichs, die mit einem Staatsstreich, diesmal gelingt er, von Louis-Napoleon wieder mit einer kleinen Zahl von Getreuen vorbereitet und erfolgreich ausgeführt wird. Die Kapitelüberschrift 18. „The Sphinx of the Tuileries“ ist gut gewählt. Eine besondere Aufmerksamkeit erhält hier die politische Organisation der neuen Staatsform. Mehr als in anderen Biographien stellt Strauss-Schom die außenpolitischen Beziehungen des Kaiserreichs dar. Der Titel des Buches lockt den Leser auf eine falsche Fährte, da Alain Strauss-Schom sehr wohl die Erneuerung der Wirtschaft und die Reformen Napoleons III berücksichtigt und der Umgestaltung von Paris 21. „Georges Haussmann“ und 22. „Prefect of Paris“ einen breiten Raum widmet. Auch die Kultur in seiner Biographie kommt in seiner Biographie bekommt ebenfalls die Aufmerksamkeit des Autors: 30 „Offenbachland“.
Natürlich liegt der Vergleich der beiden Kaiserreiche nahe. Der Neffe eifert dem Onkel nach, aber es gelingt ihm auch, das zeigt er in seinen programmatischen Schriften, sich von den Doktrinen seines Onkels abzusetzen. Er hat eine viel längere Zeit der Regierung gehabt und sie für eine tiefgreifende Modernisierung mit Unterstützung der Industrialisierung sehr errfolgreich zu nutzen gewusst. Die außenpolitischen Abenteuer haben ihn dazu geführt, seinen selbst gewählten Grundsatz, das Kaiserreich ist der Friede, wiederholt zu verletzen, dennoch erlaubt der Vergleich mit seinem Onkel, dem es gelang, Frankreich nach den Revolution zu befrieden, wenn auch nur um den Preis erneuter Kriege, es nicht, seinen Neffen in seinen Schatten zu stellen. Abgesehen davon hat Strauss-Schom eine sehr lesenswerte Biographie verfasst.

Ein ausführliches Register S. 481-496 erleichtert die Orientierung in diesem Buch.

Alan Strauss-Schom  –  His Website: > alanschom.com
> The Shadow Emperor
New York 2018
ISBN: 9781250057785
512 Pages

Iris Radisch, Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben

Im Untertitel steht „Von Sartre bis Houellebecq“, beide Autoren werden auf der letzten Seite nochmal genannt. Ob Houellebecq das Erbe von Sartre antritt, mag dahingestellt sein. So bleibt es erst mal dabei, dass dieses Buch mit Sartre beginnt und chronologisch mit Houellebecq endet.

Allerdings ist es auch wahr, dass wenn Sie dieses Buch lesen werden – und Sie sind sicher neugierig – werden Sie danach Ihre Liste der unbedingt zu lesenden Bücher und auch ihr Regal sogleich um einige wichtige Titel erweitern. Iris Radisch macht echt Lust auf Lesen wichtiger und guter Bücher: Liste auf S. 221.

Alles beginnt  mit den Sartre-Jahren mit Simone de Beauvoir, Michel Leiris, Albert Camus, Samuel Beckett und vielen anderen, dann kommt der neue Roman von Natahalie Sarraute über Alain Robbe-Grillet bis Michel Butor und Claude Simon, alle mit ihren Eigenarten. Die Außenseiter Julien Green, Françoise Sagan, Eugène Ionesco, E.M. Cioran, Henri  Michaux, Michel Leiris und Georges Bataille kommen nicht zu kurz. Dann kommt die Explosion des Pariser Mai: Georges Perec, Daniel Cohn-Bendit, Patrick Moindiano. Die frankophonen Autoren  mit Assia Djebar, > Boualem Sansal, Kamel Daouds, Aimé Césaire und Edouard  Glissant kommen nicht zu kurz. Dann kommt eine Epoche der Aufbruchsjahre mit dem Tod von Sartre und Barthes. Jean-Marie Gustave Le Clézio und Annie Ernaux, Marguerite Duras und Pierre Michon stehen im Licht der Aufmerksamkeit. Danach kommen die Houellebecq-Jahre = Michel Thoma, Yasmina Reza Emmanuel Carrère und Mathias Énard.

Nein, Sartres Kriegstagebücher zählen heute nicht unbedingt zu seinen besten Werken (S. 11). Wie gesagt, die Auswahl ist ganz subjektiv, so natürlich auch die vorgetragenen Beurteilungen einzelner oder ganzer Werke. „Der Ekel bleibt sein bester Roman.“ (S. 25) Stimmt. Man kann hier und da einzelne Urteile oder Schlussfolgerungen der Autorin in Frage stellen, so wie ihren Hinweis auf Sartres Vortrag L’existentialisme est un humanisme mit dem er einen Sturm auslöst: „Bevor Sie leben, ist das Leben nichts, es ist an Ihnen, ihm einen Sinn zu geben, und der Wert ist nichts anderes als dieser Sinn…“, das war nicht neu, das hatte der Autodidakt Roquentin in La Nausée auch schon gesagt. Dann erinnert Radisch an Sartres Kritik in Qu’est-ce que la littérature?: „Die Politik des stalinistischen Kommunismus ist mit der ehrlichen Ausübung des literarischen Handwerks unvereinbar,“ (S. 35) meint aber „sein ästhetisches Programm“ hätte sich nicht von den Parolen des sowjetischen Schriftstellerkongresses von 1934 unterschieden. Hier gerät doch einiges durcheinander.

1947 erscheint Camus‘ Die Pest. 52000 Exemplare werden schon in den ersten Monaten verkauft. Camus selber, so  Radisch, wollte die Pest- und die Naziseuche nicht in eins gesetzt wissen. Ich weiß nicht ob, der „Männerclub der einsamen Pessimisten, die sich dem Absurden so entschlossen entgegenstemmt,“ den Radisch direkt aus dem erwähnten Vortrag von Sartre kommen sieht, wichtiger als die „entlastende historische Metapher der Krankheit“ ist (S. 48). > Rupert Neudeck gab das Buch seinen Mitreisenden auf der Cap Anamur als Bibel der NGO mit auf die Reise.

Das Kapitel über den Nouveau Roman ist heute wirklich schon Literaturgeschichte. Texte die in der Schule bei uns so gar nicht  gelesen werden, zu Unrecht darf man sagen, nachdem man dieses Kapitel gelesen hat. Zwischendurch eine Bemerkung über Sartre und die engagierte Literatur, nein, für Sartre war ein Schriftsteller engagiert, in dem Moment, wo er die erste Silbe schrieb, dann war er schon für das, was er schrieb, verantwortlich.

Das 3. Kapitel „Die Außenseiter“ beschreibt mit Julien Green, Françoise Sagan, Eugène Ionesco und so vielen Anderen eine Übergangszeit, in der sich eine Art Wirtschaftswunder ereignet. Die Indizes zeigen nach oben, aber dann kommt der Mai 68 wie > Antoine Campagnon dies kürzlich so prägnant und einleuchtend erklärt hat.

„Die Franzosen“ gibt es nicht, es gibt aber viele auch sehr gute französische Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Das Buch ist natürlich auch für Oberstufenschüler geeignet, die hier mal nachlesen können, was für eine wunderbare Welt die französische Literatur vor allem aber ihren eigenen Sprachkenntnisse eröffnet. Die Auswahl der zitierten Werke ist ganz subjektiv, knapp und prägnant, aber literaturhistorisch sinnvoll auf einen Nenner gebracht und zwar in einer Form, die man nach dem Lesen dieses Buches durchaus im Gedächtnis behalten wird, wenn man zum Befolgen der Leseempfehlungen in den Buchladen oder in die Bibliothek schreitet. Das ist Irisch Radisch wirklich gut gelungen: Sie verknüpft einige biographische Erzählungen , ein bisschen wer mit wem, das ist immer spannend, geschickt mit Berichten über die von ihr ausgewählten Werke. Sie stellt Bezüge her, zeigt Entwicklungen auf und wenn man ihr Buch gelesen hat, und an den Französischunterricht in der Oberstufe denkt, kommt man ins Träumen. Ach, wenn meine Schüler/innen aus jedem Kapitel dieses Buches mindestens ein Buch vor dem Abitur gelesen haben müssten. Wenn sie wüssten, dass die Lektüre nach einem ersten ganzen Buch mit jedem weiteren Buch stets leichter fällt!

Iris Radisch
Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben
Von Sartre bis Houellebecq

Hamburg: Rowohlt 2017

Rezension: Jean-Noël Jeanneney, Le Moment Macron. Un président et l’Histoire

french german 

Rezension: Henrik Uterwedde. Frankreich – eine Länderkunde

Henrik Uterwedde, der frühere stellvertretende Direktor des > Deutsch-französischen Instituts DFI in Ludwigsburg hat eine Frankreich-eine Länderkunde (Opladen, Berlin, Tronto: > Budrich 2017) vorgelegt. Mit 180 Seiten können sich interessierte Leser auf den neuesten Stand in politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht bringen, um mitreden zu können, wenn es um unser Nachbarland Frankreich geht.

Es geht los mit der Wahl Emmanuel Macrons am 7. Mai 2017 zum Staatspräsidenten. Eine gute Gelegenheit, auch gleich eine neue Landeskunde zu verfassen, will doch Macron so viel in Frankreich umkrempeln, so dass noch schnell eine Bestandsaufnahme dringend angesagt ist, um die Tragweite der anstehenden und versprochenen Reformen ermessen zu wollen.

Die Historischen Grundlagen werden durch eine Tabelle der aufeinanderfolgenden Regime (S. 23) ergänzt; wer sie im Kopf hat, hat auch ein Gerüst für die französische Geschichte seit 1789. Ein Kunststück, auf knapp 10 Seiten die Geschichte seit 1789 darzustellen. Man merkt der Darstellung die Souveränität an, mit der Uterwedde über sein Wissen verfügt. Wie schon in diesem Kapitel ist die weiterführende Literatur am Ende eines jeden Kapitels mit großer Sorgfalt ausgewählt.

Das politische System ist im wesentlichen eine Darstellung der Geschichte und der verfassungsrechtlichen Grundlagen der V. Republik. Der Text ist auf dem neuesten Stand und somit eine gute Grundlage um die neue Ära Macron gut verstehen zu können.

Parteien und Wahlen bestimmen das politische Leben. Hier werden die aktuellen Erschütterungen des Parteienlandschaft in einen Zusammenhang mit der Geschichte der Parteien gestellt. Unter Macron hat die Links-Rechts-Polarisierung eine Verschnaufpause. Wie lange, wird der neue Präsident, die Regierung der Mitte stärken können? In diesem Kapitel gibt es viel Stoff zum Verständnis der komplizierten Geschichte der Partien, die ihre Namen immer wieder ändern, um ihre eigene Dynamik zu erneuern.

Im Kapitel „Die Rolle des Staates“ wird u. a. die territoriale Ordnung Frankreichs in den Blick genommen, sowie die Rolle Staates im Wirtschaftsleben. Aber das Rollenverständnis in Staat und Gesellschaft ist in Bewegung geraten. Dieses Kapitel vermittelt die notwendigen Eckdaten, um das Gewicht der anstehenden Reformen gut einschätzen zu können. Dezentralisierung und Stärkung der Zwischengewalten gehören zu den wichtigen Stichwörtern.

Digitalisierung, Strukturwandel, Internet, Konzentration, neuen Nutzungsgewohnheiten bringen von den Medien in Zugzwang. Ein Erneuerungsprozess, der vom Autor verlangt, auch hier die Grundbedingungen darzustellen, nach deren Lektüre Entwicklungstendenzen in der französischen Medienlandschaft erkannt und eingeordnet werden können. Diese Aufgabe ist gut gelöst und diese Beobachtung gilt auch für die folgenden Kapitel Wirtschaft und Gesellschaft, deren Präzision dem beeindruckenden Fachwissen und der Erfahrung des Autors geschuldet ist.

„Der gesellschaftliche Zusammenhalt“: S. 141-161. Das ist warum es jetzt in Frankreich geht. Wird der neue Staatspräsident in der Lage sein, die mit seiner Wahl angekündigte Neuordnung der politischen Landschaft zu bewältigen? Es sieht so aus, als wollte er die Eckwerte der gesellschaftlichen Entwicklung jetzt in den Blick nehmen, um die Wirtschaft grundlegend zu reformieren, damit die Zahl der Arbeitslosen signifikant gesenkt werden kann. Diese Umbrüche werden auch die Gesellschaft betreffen. Wie groß wird ihr Beharrungsvermögen sein?

Das Bildungssystem ist das vorletzte Kapitel, es hätte aber viel weiter vorne stehen müssen, da hier die Achillesverse der künftigen gesellschaftlichen Entwicklungen beschrieben wird. „In kaum einem vergleichbaren Land wird so intensiv über die eigene Rolle in der Welt nachgedacht wie in Frankreich,“ S. 175, viele pertinente Beobachtungen wie diese fallen dem Autor, der ein vorzüglicher Kenner der deutsch-französischen Beziehungen ist, leicht.

Studenten, auch Schüler, finden hier ein sorgfältig aufbereitetes und klug vorgetragenes Orientierungswissen.

Grundsätzliches zur Gastronomie-Kultur

Serviert von Vincent Klink 
Grundzüge des gastronomischen Anstands von Grimod de la Reynière
Hamburg: Rowohlt 2016.

Wir haben uns schon oft gefragt, wo der Koch Vincent Klink, den Ursprung seiner Passion für die Koch- und Bewirtungskunst gefunden hat, die er in so perfekter Weise in seinem Restaurant Wielandshöhe in Stuttgart zu zelebrieren versteht.

Vincent Klink spricht über Grimod de la Reynière
5. Dezember 2016 von H. Wittmann

Es ist Balthazar Grimod de la Reynière (1758–1837) der in seinen Werken die hohe Kunst der Gastronomiekritik entwickelt hat. Er wurde in eine sehr wohlhabende Pariser Familie hineingeboren. Das war am 20. November 1758. Ein Krüppel kam zur Welt mit verstümmelten Armen ohne Hände. Das hinderte ihn nicht daran, schon als Kind und Heranwachsender die Sinnes- und Gaumenfreuden im elterlichen Haus zu verfolgen und zu verinnerlichen. Ob ihn der Tod des Großvaters, der an einer Gänseleber erstickte, beeindruckt hatte? Klink nennt seine Einleitung zur Werkauswahl von Grimod de la Reynière: „Der große Vordenker der wohlüberlegten Nahrungsaufnahme: Alexandre Balthazar Laurent Grimod de la Reynière (1758-1837)“ und berichtet vom kulinarischen und gatronomischen Salon, den der Vater dem Sohne finanzierte.

Am 1. Feburar 1783 war es wieder mal Zeit für so ein Festmal, ganz im Zeichen des Todes: „gegessen wurde von Särgen…“ Exzentrik pur. „Vierzehn Gänge zu jeweils fünf unterschiedlichen Gerichten wurden gereicht.“ (S. 16) Er soll ausgerufen haben: „Die Tafel macht uns alle gleich. (S. 19) Dann kam die Revolution, sie machte nicht alles platt, sonderrn veränderte die Öffentlichkeit. Was im Verborgenen der Palais sich abgespielt hatte, gegessen wurde, trat nun an die Öffetnlichkeit. Die Revolution hatte sein Vermögen vernichtet, nun musste Grmod de la Reynière zum Gesellschaftskritiker mutieren, erklärt Klink, und der Franzose entwickelt eine literarische Gattung, die Klink uns in diesem Buch so gelungen serviert. Er nennt die Dinge beim Namen, freut sich Klink, und vermutet ganz zu Recht, dass der Franzose heute hart mit uns ins Gericht gehen würde: „Auch bei Tisch werden Dumme nicht gescheit, und wer sich nicht entblößen will, flüchte sich in ein Lied!“ (S. 24)

Die Vorspeise: Alkoran. Der Feinschmecker. 30 Ratschläge, die es beim Essen zu berücksichtigen gilt: U. A. „Appetit ist die Seele des Gourmands,“ Vorsicht bei der Wahl er Themen, die zur Sprache kommen oder die Lende ist besser als das Flügelstück eines jeden Geflügels. Vor dem Gesetz und vor dem Tisch sind alle gleich. NIE etwas Umwerfen, weder das Salzfaß noch, o Gott behüte, das Weinglas. Nur selbstgeflücktes Obst ungeschält genießen.

Jetzt kommt der Hauptgang: Grundzüge des gastronomischen Anstands. Hier wird erklärt, aus der Feder Grimod de la Reynières, wie Einladungen ausgesprochen und zu befolgen seien. Eine Missachtung der Regeln, wie Gäste empfangen und placiert werden, ist äußerst unschicklich. Und schon in den ersten Minuten des Mahles zeigt sich, ob die Gäste den guten Ton beherrschen. Vortrunk, Nachtrunk… da bedauere ich Hektik unserer täglichen Mittagsmahle. Die richtige Bedienung des Tisches ist eine conditio sine qua non für das Gelingen des ganzen Mahles. Das Servieren der Wene ist eine eigene Kunst. „Beplauderter Bissen…“, nicht einfach drauflos quatschen, Grimod de la Reynière hat zu den Tischgesprächen präzise Vorstellungen. Was wäre das Mahl ohne die Vorvisiten, Appetitvisiten oder gar die Verdauungsvisiten? Aber die Gastgeber haben auch viele Pflichten gegenüber den Dienern allemal. Auf S. 86 ff. wird alles nochmal in Kurzform prägnant und einleuchtend wiederholt.

Jetzt kommt der 2. Hauptgang: Küchenkalender. Jeder Monat ist für Grimod de la Reynière widmet jeedem Monat einen gastronomischen Exkurs, den Klink jeweils mit einem Spitzenrezept anreichert. Das erste Quartal: Ochs, Kalb und Schwein, überhaupt alles Gundsätzliche zum Fleisch im ersten Jahresmonat. Dann folgt Klinks Ochsenroulade mit Dijonsenf. Für zwei Personen. Nicht nur das Rezept, sondern es wird gastronomisch präzise erklärt à la Grimod de la Reynière. Im Februar kommt das Geflügel an die Reihe. Klink schlägt dazu Geflügelleber-Parfait. Für 6 Personen als Vorspeise vor. Im März geht es um Fische und Klink kocht einen Steinbutt – der Fasan des Meeres. Für 4 Personen und verrät dabei detaillierte gastronomische Kulturgeschichte. Im April, Schinken, Spargel, und jahreszeitlich passend Lämmer in der Küche. Klink schlägt uns eine Navarin d’agneau. Für vier Personen. Makrelen, Tauben und Gemüse im Mai und Klink berichtet über das Frikassee vom Keuschhahn. Für vier Personen. Klinks Rezept für den Monat September: Gänsebraten mit Rotkohl. Für 4-6 Personen.

Dieses Buch ist einem Kochbuch überlegen. Grimod de la Reynière erklärt das Fundament, auf dem die heutige Kochkunst ruhen sollte. Und Klink verbindet durch seine Rezepte seine Kunst mit der Gastronomiekritik des Franzosen und besteht diese Prüfung glänzend.
Heiner Wittmann

La défense des droits de l’homme en France

Les grands avis de la Commission nationale consultative des droits de l’homme, éd. par Christine Lazerges
Dalloz  Grands Arrêts
Paris 2016.
500 pages, ISBN 978-2-247-15894-2

Sur le blog > www.france-blog.info vous trouvez une interview de Christine Lazerges, Présidente de la CNCDH répond à nos questions : Les droits de l’homme en France.

La Commission nationale consultative des droits de l’homme est l’Institution nationale des droits de l’homme française créée en 1947. Ce recueil qui vient de paraître propose 34 commentaires des grands avis rendus par la Commission nationale consultative des droits de l’homme CNCDH depuis novembre 1998 jusqu’au mois d’avril 2015 en ordre chronologique ; sauf le premier avis portant sur la terminologie, plus exactement sur la dénomination „Droits de l’homme“. (19 nov. 1998) Le texte de cet avis suivi par le commentaire de la plume de Danièle Lochak, Professeure éméritée de droit public de l’Université de Paris Ouest Nanterre La Défense (CREDOF) possède toutes les raisons de figurer en tête de la présente publication.

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Internet 2015 und 2016

Das Netz 2015/2016
Jahresrückblick Netzpolitik
Hrsg. von iRights.Media, Philipp Otto

Berlin: iRights.Media Verlag 2015

In vier Kapiteln „Politik, Wirtschaft, Alltag und Kultur“ lassen die Herausgeber alle wichtigen Themen rund um das Internet 2015 Revue passieren. Daraus ergeben sich Visionen und auch Aufgaben für 2016. Joergh Heidrich berichtet über das Urheberrecht 2015 – das Thema haben wir gerade auf dem Blog von Klett-Cotta erwähnt > MERKUR 800 – Januar 2016: „Das Eigentumsrecht der Kunstschaffenden und Schriftsteller ist immer bedroht, wenn Konsumenten glauben, sie könnten sich ohne Gegenleistung online oder auch offline so einfach an deren Werken bereichern.“ Genaues weiß man immer noch nicht, weil für die Politik das Thema Urheberrecht leider eine Dauerbaustelle ist. John H. Weitzman gibt einen Überblik zum Stand der Diskussion über das Urheberrecht: S. 75. Ihm ist es nicht anzulasten, dass der Leser nach seinem Artikel so klug ist wie zuvor. Es ist die Politik, die dieses Thema anscheinend nur zu gerne umgeht und nur halbherzige schelcht beratene Zwischenschritte anbietet.

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Die deutsch-französischen Kulturbeziehungen im Überblick

Lexikon der deutsch-französischen Kulturbeziehungen
nach 1945
edition lendemains 28
Herausgeber: Nicole Colin, Corine Defrance, Ulrich Pfeil, Joachim Umlauf > Narr-Verlag, Tübingen 2013.
ISBN: 978-3-8233-6693-5
Endlich ist dieser schon länger angekündigte Band erschienen. Auf 512 Seiten erläutert er in 9 Beiträgen der Herausgeber und weiterer Autoren sowie in einem umfangreichen Lexikonteil mit 329 Beiträgen von 162 Autoren die „thematischen Axen“ Kunst und Kultur, Politische Kultur und Wissenschaft und Bildung in im Rahmen der deutsch-französischen Beziehungen.

In ihrem Vorwort betonen die Herausgeber die Konzentration des vorliegenden Bandes auf die Zeitgeschichte und unterstreichen ausdrücklich, dass ihr Kulturbegriff die Medien, Aspekte der Massenkultur, der Technik und Wissenschaftsbeziehungen berücksichtige. Das entscheidende Kriterium für die Aufnahme einer Person in dieses Lexikon war ihre „bleibende und prägende Wirkung“.

Michael Werner stellt Konzeptionen und theoretische Ansätze zur Untersuchung von Kulturbeziehungen vor. „3. Vom Transfer zur Verflechtung“ lautet die Überschrift seines Kapitels, in dem er die „Histoire croisée“ erläutert. Die Folge: „Die nationalkulturelle Untersuchungsebene (scale) hat viel von ihrer Eindeutigkeit verloren.“ (S. 29)

Manfred Bock hat seinen Aufsatz der Deutsch-französischen Kulturbeziehungen der Zwischenkriegszeit gewidmet und erinnert an die rege Mittlertätigkeit z. B. der Deutschen Liga für Menschenrechte (DLM) und der Ligue des Droits de l’Homme (LDH). Bock analysiert die „Verständigungskonzeption der bildungsbürgerlichen Eliten“ (S. 35) und zeigt ihren Zusammenhang mit den außenpolitischen Vorstellungen der Eliten.

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Der Transparenztraum

Manfred Schneider
Transparenztraum
Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche
Mit zahlreichen Abbildungen
176 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Berlin: Matthes & Seitz 2013
ISBN: 978-3-88221-082-8

 

Manfred Schneider hat das Ideal der Transparenz, die kompromisslose Durchsichtigkeit aller gesellschaftlichen und individueller Sphären von den Anfängen bis in unsere Gegenwart untersucht. Es geht um den uralten Traum, dem Menschen beim Denken zusehen zu können, und es geht um die Gefahren, wenn die Beobachtung zur Kontrolle wird und dann in Terrorismus umschlägt. Die immer wieder geforderte totale Offenheit des Internets wankt stets auf diesem immer schmaleren Grad, wo der einen Seite alle Inhalte kostenlos für alle anbieten wollen, auf der anderen Seite die vollständige Vereinnahmung und bald auch Steuerung des Individuums. Im Internet ist anscheinend das Eine ohne das Andere nicht zu haben. Wie konnte es dazu kommen?

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Konflitklösung als Führungsaufgabe und der Beitrag der Mediation

Anita von Hertel
Professionelle Konfliktlösung
Führen mit Mediationskompetenz

Frankfurt/M./New York: Campus 2013.
328 S. ISBN:978-3-593-39833-4

In der Politik sprechen die Medien oft sofort von Streit, wenn es mal unterschiedliche Ansichten bei einer Sachfrage gibt. Oft sind es aber gar nicht die Sachfragen, die Streit auslösen, sondern es sind Empfindlichkeiten oder Vorbehalte, die zu Irritationen führen, die erst ausgeräumt oder geklärt werden sollten, bevor man sich wieder den Inhalten zuwenden kann. In der Politik spricht man schnell von einer Krise, die sich im Nachhinein manchmal als ein mehr oder weniger heftiger Entwicklungsschub im Rahmen einer aufregenden oder gemäßigten Entwicklung ereignet. Im zwischenmenschlichen Bereich gibt es auch Konflikte. Sogar > kalte und heiße Konflikte (Blog Klett-Cotta), für die professionelle Mediation die unterschiedlichsten Lösungskonzepte bereithält.

Der Band Professionelle Konfliktlösung. Führen mit Mediationskompetenz von Anita Hertel ist ein Lehr- und Arbeitsbuch, das Mediationstechniken mit ihren unterschiedlichen Phasen auf eine spannende Art und Weise präsentiert. Konflikte sind ein Zeichen für Änderungsbedarf, das Lösen von Konflikten wird immer mit Änderungen einhergehen. Wird der Änderungsbedarf erkannt, findet eine Einigung auf das Ziel statt, kann der Konflikt als gelöst gelten.

Es gilt, wie im Vorwort zur 3. Auflage steht, das „Innovationspotential“ den am Konflikt Beteiligten erkennbar zu machen. Nicht die negative Seite verärgert betrachten, sondern die goldene Seite der Medaille oder die Goldader des Konfliktes zu suchen und zu betrachten, Zuhören, sortieren, die richtigen Fragen stellen, das sind die Aufgaben eines Mediators.

Nein? Sie bevorzugen ein Machtwort? Konflikte gibt es nicht bei Ihnen? Auf Dauer setzen Sie Ihre Gesundheit und die Ihrer Mitarbeiter aufs Spiel: 1. Merksatz: „Wer Konflikte richtig löst, spart Kosten und bereitete Erfolge vor.“ (S. 12)

Mediation ist auch die Kunst des Zuhörens, nicht alle auf einmal, wir einigen uns auf eine Reihenfolge. (Alle nicken). Brücken bauen ist ein weiteres Stichwort, die Abwärtsspirale aufzuhalten und aus dem offenkundigen Änderungsbedarf die Grundlage neuer Erfolge bereiten.

1. Das Lösen von Konflikten ist eine Führungsaufgabe. Definition: „Ein Konflikt ist ein Phänomen, bei dem widerstreitende menschliche Strebungen aufeinander prallen.“ Dieses Buch richtet sich an alle und besonders an Führungskräfte. Jeder hat schon Situationen erlebt, wo sein Gesprächspartner, Freunde oder Verwandte, auf einmal ganz anderer Meinung waren. Oder jemand ist mit sich uneins, kann sich nicht entscheiden und erlebt einen intrapersonalen Konflikt (S. 16 f.), die besonders dann wenn sie nicht gelöst werden, auch interpersonale Konflikte auslösen können. Es fehlt eine klare Linie, und der Boden für Dramen und Krimis ist bereitet.

Mediationskompetenz in Stichworten: (vgl. S. 21 ff.) Zukunftsgestaltung betreiben, die inneren Rahmenbedingungen des Faktos „Mensch“ erkennen, Reflexe überbrücken, verantwortungsvolles Handeln ermöglichen. Aber Vorsicht, auch ein Mediator kann das Chaos mit falschen Fragen vergrößern.

1. Übung. Konfliktlösungsstrategien testen. Lesen und bearbeiten Sie diese Seiten (S. 25-28) und Sie werden den Rest des Buch lesen. S. 32-37: definiert die Aufgaben des Mediators. Er soll zu einer Allparteilichkeit fähig und sich des Vertrauens aller an der Mediation Beteiligten sicher sein können.

Es gibt eine ALPHA-Struktur der Mediation, die in fünf Schritten vom Konflikt zur Lösung führt. I. Auftragsklärung, II. Liste der Themen, III. Positionen auf dahinterliegende Interessen untersuchen, IV. Heureka, der zündende Gedanke oder der Beginn, der Funke der gemeinsamen Einsicht, V. Abschlussvereinbarung. Von Hertel beschreibt diese Schritte in umgekehrter Reihenfolgen; so wird erkennbar, wei sich die Struktur von selbst erschließt. Die Beschreibung und die Erläuterung dieser Schritte ihrer Anwendung werden mit dem konkreten Ablauf einer mediativen Verhandlung(S. 52-58 ***) vorgestellt. Es gibt in diesem Lehrbuch nicht viele unübersichtliche Einzelfälle in diesem Buch, sondern drei Mediationen, unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades, die im einzelnen vorgestellt und erläutert werden. Zwei kurze Tests erklären dem Leser die Bedeutung der Auftragsklärung. (S. 63 f.) Wenn der Mediator einige Stolpersteine (S. 71) aus dem Weg räumt, hat er den wesentlichen Teil seiner Aufgabe erfüllt. Im Verlauf der Mediation wird die Phantasie konkretisiert, was überhaupt erreicht werden kann (S. 73) Grundsätzlich gilt, alles was die Autonomie der Teilnehmer an der Mediation fördert ist zielführend. (S. 77)

Das zweite große Beispiel einer Mediation ist der Projektkrieg (S. 89-124 ****). Hier werden wieder Erfolge und Fallstricke der Mediation vorgestellt. Wiederum ist die Trennung in Fakten der Mediation und den Kommentar der Autorin sehr hilfreich, um die Phasen der Mediation verstehen zu können. Dem Sortieren der Informationen kommt eine große Bedeutung zu, manchmal sind es Randinfos (S. 104), die zum Kern der Sache führen, hier zeigt sich die Erfahrung des Mediators. Er kann die Situation knacken, wenn er den Beteiligten hilft, den Stellenwert von Urteilen oder Verhaltensweisen u. ä. m. zu erkennen.

Das dritte Kapitel zeigt, wie Mediationskompetenz in neunen Bausteinen erworben wird. Von Hertel legt zu Recht großen Wert auf die eigene Aufmerksamkeit und lässt den Mediator sich fragen, wie bewusst, er seinen Gesprächspartnern begegnet. Hier kann man auch für andere Alltagsereignisse in Unternehmen echt was lernen. Deeskalieren ist ein weiteres Stichwort. Es gibt auch Wege und Mittel Konflikte sichtbar zu machen, das ist notwendig, denn unterschwellige kalte Konflikte können das Zusammenarbeiten in einem Unternehmen auch in Gefahr bringen. Spiegeln und Strukturieren verschaffte neue Einblicke und Erkenntnisse. Unterschiede erkennbar machen und die geschickte Nutzung von Humorressourcen werden ebenso erläutert wie das Prinzip der plausiblen Intention, falsche Fragen führen nicht zum Ziel, der Mediator kann schnell unglaubhaft werden.

Von Hertel verrät aus ihrer Praxis, wie man sich und seine Mitarbeiter vor Tricks in der professionellen Konfliktlösung schützen kann. (S. 221-251). Kapitel 5 erklärt die verschiedenen Formen der Mediation. Im 6. Kapitel Die Ursprünge de meditativen Verhandelns und sein Nutzen für Führungskräfte werden anhand eines Beispiels die Umstände eines Mitarbeitergesprächs und eine Mediation erläutert.

Von Hertels Professionelle Konfliktlösung richtet sich an Mediatoren und zeigt Führungskräften eine erhebliche Erweiterung ihres Horionts auf. Es eignet sich auch zur Vorbeugung, denn an mehreren Beispielen verdeutlicht sie, dass Konflikte immer komplizierter zu lösen sind, je später sie als Faktum erkannt und behandelt werden. Die Konfliktparteien spüren oft den inhärenten Drang nach Veränderung, die jedem Konflikt eigen ist. Sie können ihn nicht artikulieren, sie dürfen nicht oder sie können es aus verschiedenen Gründen nicht. Der Mediator ist eine Brückenbauer, er stellt die richtigen Fragen und kann Gemeinsamkeiten wieder zu erkennen geben. Wenn die Parteien, ihre Furcht verlieren, Konflikte mit Angst zu behandeln sondern sie als eine Chance begreifen, und wenn Führungskräfte Konflikten nicht aus dem Wege gehen und sie auch nicht mit einem Machtwort beenden, dann gewinnen alle Parteien die Aussicht auf positive Veränderungen.

Heiner Wittmann


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