Albert Camus, ein Philosoph?

french german 

Die digitale Welt – Gibt es bald keine Bücher mehr?

François Bon
après le livre
Paris: Seuil, 2011.
275 S.
ISBN 978.2.02.105534.4

Ein spannendes Buch. François Bon beschreibt den Übergang zum digitalen Buch oder Informationsträger. Man kann sich seiner Passion kaum entziehen. Sein letzte Satz “Nous sommes déjà après le livre,” duldet keinen Widerspruch, nachdem er im vorhergehenden Paragraphen erklärt hat, dass es wichtig sei, zu verstehen, dass der Beginn dieser Entwicklung, die noch im Anfangsstadium steckt genauso irreversibel und total wie ähnliche Entwicklung durch alle früheren Veränderungen des Schreibens und aller Formen des Lesens eingeleitet worden seien. (vgl. S. 270) Und auf der vorhergenenden Seite stellt Bon fest: “Nous venons d’être projetés dans un monde mouvant. Il s’ouvre tout juste.” Er ist seiner Zeit wirklich voraus. Wenn Studenten heute ihre Seminararbeiten oder ihre Abschlussarbeiten ohen ein Buch schreiben könnten, müsste man Bons apodiktischen Behauptungen noch mehr oder überhaupt Glauben schenken. Solange aber das Internet z.B. bei literaturwissenschaftlichen Arbeiten überhaupt nicht hilft, sondern allenfalls die Ergänzung eine Bibliographie beschleunigt, ohne trotz der Vielfalt im Netz wirklich zu ihrer Vollständigkeit beitragen zu können, möchte man Bons Begeisterung noch nicht so recht teilen.

Lässt man sich aber auf Bons Argumente ein, ergibt sich ein anderes interessantes Bild, und es loht sich, seine Anmerkungen genauer zu lesen. Um es gleich zu sagen, die etwa 40 Abschnitte seines Buches sind möglicherwiese als kürzere oder längere Blogbeiträge entstanden. Ein Buch mit einer traditionellen Kapiteleinteilung könnnte sein Anliegen noch mehr verdeutlichen. So geht sein so interessanter literatur- und Buch – oder editionshistorische Ansatz zwischen einer gewissen Unordung zwar nicht verloren, aber er wird leider etwas unscharf.

Die Veränderung, die wir erleben, ist für ihn unwiderruflich und hat längst begonnen. Es geht um das Schreiben: “Accorder son traitement de texte,” rät er seinem Leser und gibt zu erkennen, wie jeder Schreibprozess mit all seinen Erscheinungsformen und Formatierungen das Lesen beeinflusst. Lesen und das Schreiben gehört zu seinen Themen. Sein Anfang ist geschickt gewählt. Folglich ist auch das Lesen am Bildschirm etwas anderes als das Lesen einer Buchseite. Und er weiß auch, dass eine Liseuse auch mit einem dicken Buch ausgerüstet keinen dicken Buchrücken hat. Und das stört uns. (S. 25) Selbst das digitale Buch ist für Bon nur ein Übergang. IPad und PC, das Schreiben ändert sich, aber er bleibt dabei: “le corps écrit.”

Und dann erwähnt er die Menge der Websites, die Domainenamen, die er mehr oder weniger besitzt, und was er in den letzten 15 Jahren dort erlebt hat. Die Vielfalt erklärt er mit den Fleurs du Mal, dem Gedichtband Baudelaires, von dessen Editionen er eine ganze Bibliothek besitzt: Für Bon war das immer nur ein Buch. Nebenbei berichtet Bon über seine Erfahrungen im Web. “Nouvel axiome Web:” Je mehr Türen (Links) sich nach außen öffnen, um so häufiger kommen die Besucher wieder. Und er lässt erkennen, dass man das Internet nur verstehen kann, wenn man am besten alles ausprobiert. Kaum ein Produkt ist in technischer Hinsicht so sophistiqué wie das moderne Buch. Vergleicht man damit das eigene Schreiben und das interne Chaos auf der häuslichen Festplatte, kann man gar nicht glauben, dass Bon, glaubt, wir hätten das Buch bald überwunden.

Bons literaturgeschichtlicher Exkurs z. B. über Balzacs Editionsarbeit ziegt, dass es schon zu Zeiten des Autors der Comédie humaine tiefgreifende Veränderungen des Schreibprozesses und folglich auch der Vermarktung von Literatur gegeben hat. Und mit seiner Druckerei ist > Balzac gescheitert, aber mit seiner Vermarktung in Richtung von Abonnements war er wegweisend. (S. 119). Bon weiß, dass die Lektürgewohnheiten das Schrieben beeinflussen und sich besonders zugunsten der kurzen Form auswirken. (Das sieht man an seinem Inhaltsverzeichnis.).

Zugegeben, auch bei langen Zeitungsaufsätzen, teilen wir uns mit einem Blick den Lesestoff ein. (S. 132) Heute: “La lecture aujourd’hui pass par un cadre et non plus un volume,” (S. 146) schreibt Bon und meint damit alle Anfeindungen, die die Lektüre am Bildschirm stören. Au revoir, la concentration. Kann da noch der kleine Rahmen der persönlichen Bibliothek reichen, wenn der weltweite Internet-Rahmen so groß ist? Und wer kann sich dem meschlichen Abenteuer Wikipedia noch entziehen? (S. 147) – Nun, die schiere Masse ist eine Perspektive aber noch keine Lösung für literaturwissenschaftliche Hausarbeiten. Was für Bon folgt, ist eine andere Art des Denkens, eine andere Art des Gehens. Immerhin. Er empfiehlt, die eigenen Gewohnheiten zu überprüfen und auf die Konzentration zu achten. Wie viel unnütze Zeit vertut ein Student beim Surfen in der Hoffnung, etwas für seine Seminararbeit zu finden. Bons Erklärungen, wie in der Entwicklung zum Buch die Seite entstand, wie der Titel, die Kapiteleinteilung und schließlich der Begriff des Autors im XVII. Jh. entstand (S. 183), sind richtig spannend und lehrreich. Mit Rabelais kennt sich Bon so gut aus! Das verführt zum Lesen von Rabelais. Eine andere Kapiteleinteilung hätte der Lektor Bon doch empfehlen müssen! Bei der Daumenprobe in der Buchhandlung verrät das Inhaltsverzeichnis eher wenig über den “Plan” seines Buches. Und dann gibt es all diejenigen, die beim Thema Web immer sagen: “Dazu habe ich keine Zeit,” – “mettre les mains dans le cambouis pour se faire un site,” antwortet Bon ihnen und erklärt ihnen was das Teilen im Netz bedeutet. Bons Abneigung gegen das Telefonieren ist seine persönliche Marrotte. Soit. – “… le Web est notre livre – une construction,” (S. 201) das wäre ein Leben im Web, in der Hoffnung, dort das ganze soziale Leben wiederzufinden. Man kann da ganz schöne alleine sein, wenn nicht das macht, was die anderen auch alle machen. Manche gehen in die Bibliothek um dort zu lesen, zu arbeiten, orditer. Mit dem PC ist man immer weniger allein, meint Bon und vergleicht das PC-und Internetarbeiten mit dem Leben in einer Stadt. Bibliotheken sind nicht her nur Orte, wo Inhalte gehütet werden, sondern sie sind zu Orten geworden, wo diese Inhalte intelligent verteilt werden. Das ist ein interessanter Gedanke, den man weiterverfolgen sollte. Wie gestaltet sich das Verhältnis von Bibliothek und Internet? Eine Wechselwirkung?
> Vergrößert sich dafür in der Bibliothek die Distanz zu den Büchern?

Die neue Stadtbibliothek in Stuttgart

Den Tontafeln und das Lesetablett ist ein langes Kapitel gewidmet. Und ein letztes Kapitel gilt den Spuren, die der Autor bei der Erarbeitung seines Textes hinterlässt. Gibt es noch Brouillons? Oder nur noch das Online-Schreiben? Das digitale Werk zerstört die Grenze zwischen dem Objekt Buch und dem Lesevorgang, jedes brouillon ist ein Appell an den Leser.

Facebook, Website, Twitter und das Blog, Timeline, jeder schreibt “sans constitution symbolique de l’écrivain” (S. 261) Gar nicht sicher, dass die Schriftsteller dabei viel verlieren werden. Die digitale Welt verändert die Art und Weise, wie wir die Welt perzipieren. Ob sie sich dadurch wirklich auch verändert, darf man sich auch weiterhin fragen.

Stimmt das alles? Es ist zumindest etwas dran. Seine riesige Bibliothek, die Bon in allen Einzelheiten beschreibt, wie Un Voyage autour de ma chambre zugleich mit seiner Vorliebe, auf Lesetabletts aller Art zu lesen, zeigt, wie er sich trotz seiner enormen Bücherstapel zu Hause von der digitalen Welt beeindrucken lässt. Und der Literaturstudent von heute? Was hat er vom Internet zugunsten seiner Seminararbeit? Zeitgewinn oder eher mehr Zeitverlust?

Heiner Wittmann

 

Eine neue Biogaphie über Machiavelli?

Reinhardt, Volker
Machiavelli oder Die Kunst der Macht
Eine Biographie

München: C.H.BECK, 2012.
400 S., mit 15 Abbildungen und 1 Karte. Gebunden

Der Buchrücken wirbt mit dem Text: „Volker Reinhardt legt mit diesem Buch die erste Biographie über Machiavelli seit Jahrzehnten vor. […] Das Ergebnis ist ein neues Bild von Machiavelli: hinter dem illusionslosen Zyniker verbirgt sich ein Idalist, der an die perfekte Republik und das gute Leben glaubt. Gerade dieser Machiavelli hat uns bis heute etwas zu sagen.“ Möglicherweise hat die Werbeabteilung des Verlags das Buch ihres Autors nicht richtig gelesen. Reinhardt hat keine „Biographie“ vorgelegt, sondern er resümiert vor allem die Legationsberichte Machiavellis, einige Passagen aus seinem Büchlein über den Fürsten, einige ausgewählte Passagen aus den Discorsi, und er entdeckt nebenbei, dass Machiavelli auch Dichter und Komödienschreiber war. Dazu kommen noch Zitate aus seiner Korrespondenz, die dieses Buch zu einer politischen Geschichte Florenz und Italiens von ca. 1480 bis 1527 machen, in der auch einige Lebensstationen Machiavellis genannt wird.

Im Prolog „Der Provokateur“ wird Machiavelli zum „Missionar im Spöttergewand“ (S. 11) und verkündet „Wahrheiten […] seiner Zeit“. Reinhardt zitiert einige ausgesuchte, – und aus dem Zusammenhang irgendwoher – entnommene Sätze wie „Erfolg ist das Maß aller Dinge,“ oder „Der vollendete Politiker muss nicht nur skrupellos vorgehen, sondern auch betrügen und Verträge brechen können.“ (S. 11-13) Es gibt keine Anmerkungen zu diesen Zitaten, Reinhardt kommentiert sie knapp und bestätigt so auf leichte und eingängige Weise, was alle schon immer über Machiavelli wussten, wofür sein Name steht, wie der Satz „In der Politik erweisen sich die Regeln der verbürgten Macht nicht nur als untauglich, sondern geradezu als kontraproduktiv.“ Reinhardt hält das an dieser Stelle Belege nicht für notwendig. Er bestätigt nur das traditionelle Machiavelli-Bild. Nichts Neues, ganz im Gegensatz zu dem eingangs zitierten Werbetext.

Machiavelli wird am 28. Mai 1498 vom Rat der Achtzig zum Sekretär der Florentinischen Regierung und zum Chef der Zweiten Kanzlei gewählt. Zu Recht darf man sich wie der Autor wundern, wieso ein nahezu Unbekannter im Alter von 29 Jahren diese ehrenvolle Aufgabe erhält, wenn man nicht vorher die Untersuchung der Tagebücher von seinem Vater Bernardo Machiavelli zur Kenntnis genommen hat: Catherine Atkinson, Debts, Dowries, Donkeys. The Diary of Niccolò Machiavellis’s Father, Messer Bernardo, in Quattrocento Florence, Reihe Dialoghi/Dialogues, hg. v. D. Hoeges, Bd. 5., Frankfurt/Peter Lang 2002.

Weiterlesen

Sartres Literaturtheorie: Appeler un chat un chat. Bibliographie

Appeler un chat un chat. Sartre et les lettres.
Über Sartre, Qu’est-ce que la littérature? Paris 1948.
Vortrag anläßlich des jährlichen Treffens der Groupe d’études sartriennes, Sorbonne, Paris

Erschien im Jahrbuch der Sartre-Gesellschaft:
Appeler un chat un chat. Sartre et les lettres, in: Sartre et Knopp, Peter / von Wroblewsky, Vincent (Hrsg.), Carnets Jean Paul Sartre. Reisende ohne Fahrschein, Reihe: Jahrbücher der Sartre-Gesellschaft e.V. – Band 3, Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2012, S. 191-198.

Heiner Wittmann > Sartre and Camus in Aesthetics

Bibliographie zum Aufsatz: Appeler un chat un chat. Sartre et les lettres:
Jean-Paul Sartre, Bibliographie im Bild Jean-Paul Sartre, Werkbibliographie
Liens Internet

Baier, L., Sartres Schreibseligkeit, dans : Merkur 415, Klett-Cotta, Stuttgart 1983 (197-201).
— Was wird Literatur?, Wespennest, Wien 1993.

Bauer, G. H., Sartre and the Artist, University of Chicao Press, Chicago 1969.
En français: Sartre et l’artiste, trad. p. S. Astier-Vezon, Jepublie 2008.

Béja, A., Au-delà de l’engagement : la transfiguration du politique par la fiction,
in: tracés. Revue des sciences humaines, octobre 2006, p. 85-96.

Bridet, G., De Sartre à Houellebecq. La remise en cause de l’universalisme de la littérature française, dans : Etudes sartriennes, Dialectique et littérature avec des equisses inédites de la Critique de la Raison dialectique, éd. F. Caeymaex, G. Cormann, B. Denis, Paris, 2005, p. 283-305.

Contat, M., Sartre Jean-Paul, 1905-1980, dans : Dictionnaire des philosophes (éd. D. Huisman), t. II, Presses universitaires de France, Paris 1984 (2298-2309).
—:  (éd.), Pourquoi et comment Sartre a écrit “Les Mots”. Genèse d’une autobiographie, Presses universitaires de France, Paris 1996.

Denis, B., Littérature et engagement : de Pascal à Sartre, Paris: Seuil 2010.
— Les fins de la littérature. Apories et contradictions de l’histoire littéraire sartrienne
http://www.fabula.org/atelier.php?Les_fins_de_la_littérature
— Retards de Sartre, dans : Etudes sartriennes. Dialectique et littérature avec des equisses inédites de la Critique de la Raison dialectique, éd. F. Caeymaex, G. Cormann, B. Denis, Paris, 2005, p. 189-209.

Knee, P., Sartre et la prais littéraire , in: Laval théologique et philosophique, vol. 39, n° 1, 1983, p. 69-92. id.erudit.org/iderudit/400006ar

König, T. (éd.), Sartres Flaubert lesen. Essays zu “Der Idiot der Familie”, Rowohlt, Reinbek/Hambourg, 1980.
— (éd.), Sartre. Ein Kongreß, Rowohlt, Reinbek/Hambourg, 1988.
— Nachwort, dans : Sartre, Mallarmés Engagement. Mallarmé (1842-1898), (éd. et traduit par T. König), Rowohlt, Reinbek/Hambourg 1983, (197-214).

Mayer, H., Anmerkungen zu Sartre, Neske, Pfullingen 1972.
Lecarme, J, La théorie de la littérature selon Sartre et selon Blanchot, dans: Études sartriennes. Dialectique et littérature avec des equisses inédites de la Critique de la Raison dialectique, éd. F. Caeymaex, G. Cormann, B. Denis, Paris, 2005, p. 211-229.

Michelers, D., Röttgers, B, In Freiheit leben – Jean Paul Sartre und seine Zeit.
ISBN : 3-455-30420-6 Inhalt : 1 CD, 55 Minuten, 8-seitiges Booklet Hoffmann und Campe

Rossum, W. van, Sich verschreiben. Jean-Paul Sartre., 1939-1953, Fischer, Francfort/M., 1990.

Winock, M., Sartre s’est-il toujours trompé ?,
dans: www.diplomatie.gouv.fr/fr/IMG/pdf/0203-Winock-FR-5.pdf

Wittmann, H., L’Intellectuel est un suspect, dans : R. E. Zimmermann, (éd), Sartre. Jahrbuch Eins, Westfälisches Dampfboot, Münster 1991 (66-84).
— L’esthétique de Sartre. Artistes et intellectuels, traduit de l’allemand par N. Weitemeier et J. Yacar, Paris: Éditions L’Harmattan (Collection L’ouverture philosophique), 2001.
ISBN: 2-7475-0849-8

Sites Internet

  www.sartre-ges.fr
  www.sartre-gesellschaft.de

  Rezeptionsästhetik – Wikipedia
 
Théories de la réception et de la lecture selon l’école de Constance – Wikipédia

  Open access
  Heidelberger Appell –   Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte

Muss man das Urheberrecht beschränken?

Wir brauchen ein europäisches Urheberrecht, auf das wir uns verlassen können.

Romanistik 2.0. – Das Mitmach-Internet und die Wissenschaft

 

Der Streit zwischen Sartre und Camus

Sartre and Camus. A Historic Confrontation.
Ed. and translated by David A. Sprintzen and Adrian van den Hoven, Humanity Books, an imprint of Prometheus Books, New York 2003. ISBN 1-59102-157-X

In diesem Band wird der Streit, der 1952 zwischen Camus und Sartre durch die in den Temps modernes erschienene Rezension von Camus’ L’homme révolté (1951) durch Francis Jeanson ausgelöst wurde, dokumentiert und untersucht. Die Rezension beantwortete Camus mit einem Brief an Sartre “Monsieur le Directeur…”, der im Folgeheft der Temps modernes veröffentlicht wurde, und den Sartre seinerseits mit einem Brief an Camus “Mon cher Camus…” beantwortete. Jeanson schrieb einen weiteren Artikel “Pour tout vous dire” und Camus verfaßte eine Verteidigung seines Buches L’homme révolté, die erst 1965 veröffentlicht wurde. Diese Texte sind hier übersetzt worden. Sie werden von Aufsätzen der Autoren dieses Bandes begleitet, in denen die Konfrontation zwischen Sartre und Camus, die zum Bruch ihrer Freundschaft führte, dargestellt wird: “From Friendship to Rivals.” W. L. McBride und J. C. Isaac untersuchen dann den Streit aus der heutigen Perspektive.

Weiterlesen

Literatur ohne Politik? Geht das gut?

Prof. Dr. Gunther Nickel, der beim Deutschen Literaturfonds in Darmstadt für Gutachten und Projekte zuständig ist (ARD: „Pro Jahr wandern rund 300 Manuskripte deutscher Autoren über seinen Schreibtisch. Außerdem lehrt Nickel als Professor an der Universität Mainz Neuere Deutsche Literaturgeschichte,“) hat im September 2010 in einem ARD-Interview unter der Überschrift > Wie viel Politik sollen Literaten wagen? * zu der Frage, Wie viel Politik sollen Literaten wagen? Stellung genommen. Anlass für dieses Interview war die Befürchtung, die Günter Grass im „Spiegel“ vertreten hatte, „ein Beitrag junger Literaten zur Entwicklung der Demokratie drohe aktuell abzureißen“.

Der erste Satz der Antwort von Gunther Nickel schreckt auf: „Ich weiß nicht, warum sich ausgerechnet Autoren politisch einmischen sollen und nicht auch andere Berufsgruppen – zum Beispiel Metzger, Schuster oder Juristen.“ Und der zweite Satz ebenfalls: „Das mag vielleicht daran liegen, dass Herr Grass meint, die Affinität zum Wort würde Schriftsteller in die Lage versetzen, in politischen Bereichen ein profunderes Urteil zu fällen. Aber das ist ja nicht der Fall.“ Ein Germanistikprofessor spricht Autoren politische Stellungnahmen, politischen Einfluß ab? Folgt man ihm, dürfen Autoren gar keine politischen Ansichten oder Meinungen vertreten? Was ist denn das für ein Literaturbegriff? Gunther Nickel sagt auch noch Erstaunlicheres: „Wenn ich beispielsweise in der aktuellen Debatte über Migration, Bildungspolitik und den Missbrauch des Sozialstaates, die Thilo Sarrazin angestoßen hat, mitreden will, dann nützt mir meine Sprachkompetenz allein gar nichts.“ Folgt man Gunther Nickel, dann würde die Literatur gar keine Funktion, keine gesellschaftliche Relevanz, keine Wirkung und keinen politischen Einfluss haben. Vielleicht ist das Ansichtssache, und der Interviewte hat mit Sicherheit nicht die programmatische Schrift von Jean-Paul Sartre, Was ist Literatur? im Sinn, wenn er auf diese Weise antwortet, und man könnte es dabei bewenden lassen. Aber da Professor Nickel für Gutachten im Deutschen Literaturfonds zuständig ist und im Rahmen dieser Aufgabe Gutachten über literarische Texte verfasst, muß man doch viel genauer hinsehen.

In der gleichen Antwort präzisiert Nickel seinen Standpunkt und bringt ihn auf den Punkt: „Dass Autoren, wie alle Bürger, eine politische Haltung entwickeln sollten, das ist schon ganz recht. Aber das sollten sie als Privatpersonen tun. Das Politische steht mit den besonderen Anforderungen, die an sie als Verfasser von literarischen Texten gestellt werden, in gar keinem Zusammenhang.“ – Das kann man und muß man zugunsten aller Autoren, die sich mit ihren Werken für die Analyse von Geschichte, der Gesellschaft und Politik einsetzen, mit Entschiedenheit zurückweisen. Machiavelli, Montaigne, Pascal, Molière, Rousseau, Voltaire, Condorcet, Goethe, Schlegel, Schiller, Chateaubriand, Balzac, Stendhal, Flaubert, Zola, Sartre, Camus und viele andere hätten keine Zeile geschrieben , wenn sie zu politischen Fragen keine Stellung hätten beziehen dürfen. Politische und gesellschaftliche Visionen werden nicht oder nur selten von Politikern entwickelt. Sie werden vornehmlich von Intellektuellen und Literaten aufgrund ihrer Analysen erdacht. Sie sind es, die mit ihren Werken gesellschaftliche Entwicklungen antizipieren können. Der Versuch, ihnen diese Fähigkeit abzusprechen, offenbart ein sehr merkwürdiges Literaturverständnis.

Und Nickel fügt hinzu: „Wenn sich Autoren als politische Repräsentanten begreifen, dann ist die Frage zu klären, wer sie denn eigentlich dafür gewählt hat. Wir leben schließlich in einer Demokratie, in der wir durch politische Repräsentanten vertreten werden.“ Das ist nicht das Problem der Literaten, sondern ihr Glück. Niemand hat ihnen ein Mandat gegeben (s. Sartre, Plaidoyer pour les intellectuels, in: ders. Situation, VIII. Autour du mai 68 , Paris 1972), 1) und die meisten von ihnen werden sich hüten, ein solches Mandat wahrzunehmen. Als Intellektuelle sind sie in erster Linie unabhängig und frei, nur so können sie schreiben. Sartre und Camus, in diesem Punkt sind sich beide trotz ihrer politischen Auseinandersetzungen einig. Aber Nickel sagt noch mehr: „Dass Schriftsteller wie Grass hier so eine herausragende Rolle spielen wollen, vermag ich überhaupt nicht zu akzeptieren.“ Es geht nicht um die Rolle, die der Autor spielen will, es geht um das, was er schreibt. Ihm einen politischen oder gesellschaftlichen Einfluß absprechen zu wollen, heißt ihn zu vereinnahmen, ihm seine künstlerische Freiheit und seine Unabhängigkeit nehmen zu wollen. Das verbirgt sich hinter dem Angriff auf die Literatur, denn so müssen die Worte Nickel gewertet werden.

Und Nickel fragt: „Was qualifiziert sie (i.e. die Literaten W.) denn dazu, im politischen Bereich mehr sagen und etwas lauter sagen zu dürfen, als jeder andere Bürger?“ Und jetzt kommt eine kleine Einschränkung, die aber Nickel auch nicht rettet: „Das, was Herr Grass als Forderung stellt, ist für mich nur unter einer Voraussetzung plausibel: Nämlich dann, wenn es sich nicht als Forderung an die Schriftsteller als Schriftsteller und nicht mit dem Hintergedanken einer Exponierung der Schriftsteller zu so einer Art politischem Sprachrohr jenseits irgendwelcher Legitimationsinstanzen verstehen lässt.“ Der Autor darf also nicht in den Verdacht kommen, irgendeine politische Richtung zu unterstützen? Die Verabsolutierung der Politik, der Nickel hier das Wort redet, erklärt, warum er den politischen Einfluß von Autoren nicht verstehen will und ihn ablehnt. Die Politik umfasst alle Organisationsformen eines Gemeinwesens, sie bestimmt damit aber nicht die Inhalte. Eine solche Definition wird hier naturgemäß sehr verkürzt vorgetragen; ihr Inhalt wird aber dennoch verständlich. Mit anderen Worten: Das Nachdenken über und die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse beeinflusst die Politik aber nicht umgekehrt.

Und Nickel sagt noch mehr: „Und an diesem Modell des Dichters (im vorhergehenden Satz erwähnt Nickel Schiller, W.), des Verkünders von Wahrheit gegenüber der Obrigkeit, orientiert sich Herr Grass noch immer. Das ist aber ein Modell, das meiner Meinung nach schon im 20. Jahrhundert nicht mehr funktioniert hat und im 21. Jahrhundert erst recht nicht. Diese Art von Privilegierung des Künstlers, die im 19. Jahrhundert geradezu kunstreligiöse Züge annahm, die sollte eigentlich wirklich vorbei sein.“ Nein, sie ist nicht vorbei. Jeder Versuch, dies zu behaupten, nimmt den Schriftstellern von heute ihre fundamentale Freiheit, überhaupt schreiben zu können.

Nickel: „Es hindert Autoren nichts daran, sich schlau zu machen, Kenntnisse zu erwerben in einem Bereich, der politisch relevant ist. Aber das ist für sie dieselbe Arbeit wie für jeden anderen Menschen, da nutzt ihnen ihr Status als Autor erst mal gar nichts.“ Das stimmt nicht. Ein Schriftsteller geht mit Sachverhalten, Analysen anders um als z.B. ein Journalist, der für das Tagesgeschäft recherchiert. Von Fall zu Fall dürfte die Recherche so mancher Autoren dem kurzlebigen Tagesgeschäft weit überlegen sein. Das ist nun einmal so. Und jetzt geht es doch ans Eingemachte, wenn Gunther Nickel seine Vision der Literatur wie folgt zusammenfasst: „Und dann könnten sie (i. e. die Autoren., W.) versuchen, das, was sie recherchiert haben, zum Gegenstand eines literarischen Textes zu machen. Aber Maßstab des literarischen Textes wäre dann doch nicht die politische Meinung, die dort vertreten wird, sondern die Art und Weise, in der sie gestaltet ist. Das ist ja das literarische Kriterium und nichts anderes.“ Das ist nicht ganz falsch. Die Form eines Textes ist ein wichtiges literarisches Kriterium, das stimmt. Aber es ist gerade die Form, die die Werke der Autoren allen anderen kurzlebigen Textformen, die im politischen Alltag verfasst werden, so überlegen, viel kompetenter, viel politisch einflussreicher und treffsicherer macht.

Und nach dem Interview wird der Leser auf der Internetseite der ARD, wo das Interview mit Professor Nickel veröffentlicht wird, aufgefordert, seine Meinung zu hinterlassen: “ Warum sollte sich Literaten zu gesellschaftlichen Themen äußern beziehungsweise nicht äußern?“ Nochmal. Literatur ist immer eine Äußerung zu politischen und gesellschaftlichen Fragen, deshalb ist diese Frage falsch gestellt. Es gibt keine literarischen Texte, die politische Enthaltsamkeit üben. Oder sie sind völlig wertfrei und wollen ohne jede Bedeutung daherkommen. Literatur setzt sich aus Wörtern zusammen, und sowie eine Sache benannt ist, bekommt oder empfindet der Leser eine bestimmte Einstellung zu ihr.

Heiner Wittmann

* Möglicherweise führt der Link bald ins Leere, weil die Sender oft Ihre Seiten ändern und Beiträge wieder löschen.

1. Vgl. dazu auch: D. Hoeges, Beantwortung der Frage: Was ist Gegenaufklärung? (II.) Nationalintellektuelle, Postmoderne und die Preisgabe der Menschen- und Bürgerrechte, in: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte , Bd. 1/2, Heidelberg 1997 (105-122).

Eine neue Machiavelli-Biographie

Sandro Landi, Machiavel, Ellipses, Paris 2008.

Die Legende Machiavelli übergehe den Autor selbst. Es sei an der Zeit, ihm seine Biographie wiederzugeben, so der Klappentext und so der Auftrag an den Verfasser dieser Studie. In dieser Hinsicht ist die Aufgabe gelöst. Sandro Landi rekonstruiert das Leben Niccolò Machiavellis. Er beschreibt seine Ausbildung, die ersten Publikationen, die Begegnung mit der Politik, die Erfolge und Misserfolge im Kontakt mit den Medici, der Absturz und der mühsame Wiederaufstieg und zeichnet damit zugleich ein beeindruckendes Fresko seiner Zeit.

Der Legende Machiavelli nähert man sich aber nicht auf diese Weise. Die Biographie eines Autors und besonders im Falle Machiavellis ist wie so oft keinesfalls der Schlüssel zum Verständnis seines Werkes. Es bleibt nur die Lektüre aller seiner Werke als einziges Mittel, um, wenn man es wirklich will, die Absichten des Autors zu durchschauen. Die Lektüre der Werke Machiavellis kann man dem Verfasser dieser Studie nicht absprechen, zudem er auch ihre entscheidenden Stellen aufzeigen kann. Aber er hat sie nicht systematisch gelesen, es fehlen die Zusammenhänge zwischen den Werken, er nutzt die wichtigen Stellen meist nur als Illustration der Lebensgeschichte Machiavellis. Der Verfasser skizziert in einem Absatz (S. 125) die Struktur und den Aufbau des Principe; diese Analyse bleibt aber oberflächlich. Eine durchgängige, genaue Lektüre unterlässt er zugunsten der Illustrierung seiner Biographie (S. 125, S. 133-136. S. 156 et passim). Ganz ohne Zweifel ist der Principe ein Buch seiner Zeit, denn sein Ursprung, die darin eingefügten Bezüge können nur mit guten Kenntnissen der Geschichte vollständig erfasst werden. Aber eine Erklärung dieses Buches, die sich auf die Biographie Machiavellis konzentriert und es immer wieder als Versuch, sich den neuen Machthabern zu empfehlen, beschreibt, wird lediglich dessen Lektüre, die auf einen realen Fürsten zielt, favorisieren, und damit das Missverständnis dieses Werkes weiter befördern. Auf diese Weise unterschlägt, wenn auch ungewollt, der Verfasser die für dieses Werk so eminent wichtige Form dieses Traktats, und folglich kann er dem Leser nicht die eigentliche Bedeutung dieses Traktats über die politische Theorie vermitteln, die nämlich das Modell eines Fürsten vorstellt. Eine solche Erkenntnis ist für die Entschlüsselung der Machiavelli-Legende ungleich wichtiger als eine erneute Erzählung seiner Biographie.

Das lange Kapitel über Machiavelli als Historiker (S. 196-206) enthält viele interessante Ansätze, sein Werk zu entschlüsseln. Fast gewinnt man hier den Eindruck, Landi durchbricht hier gerne Aufgaben des bloßen Biographen. Aber der Hinweis auf die Schriften wie die über Castruccio Castracani bleibt auch hier leider nur eine Nebensache. Manche Bemerkungen sind unverständlich. Machivellis Versdichtung Der Goldene Esel nach Apuleus in toskanische Verse soll ihm misslungen sein? Immerhin kann Lani die Bedeutung des Esels als Symbol für die Allgegenwärtigkeit des Schlechten richtig deuten, womit Machiavellis Text aber keinesfalls erschöpfend behandelt worden ist.

Der Verfasser zitiert andere Schriften Machiavellis wie das Theaterstück La Mandragola, aber immer als Illustration seines Lebenswegs und beweist damit einmal mehr, dass die Biographie und das Werkverzeichnis nicht immer harmonieren. Gedichte, Verse, politische Traktakte, Theaterstücke, diplomatische Relationen, Abhandlungen über die Geschichte waren Machiavellis Leben, jedes dieser Genre ist auf das andre bezogen, die Lebensdaten sind nur das Gerüst. Hätte Landi das Werkverzeichnis zur Grundlage seiner Untersuchung gemacht und dann eventuell einige Lebensstationen illustrierend eingefügt, wäre er der Entschlüsselung der Machiavelli-Legende ungleich näher gekommen.

Heiner Wittmann

Thomas R. Flynn, Der Existentialismus und seine Geschichte

Thomas R. Flynn, Existenzialismus. Eine kurze Einführung. Aus dem Amerikanischen von Erik M. Vogt. (Engl. Existentialism. A Very Short Introduction, Oxford University Press, New York 2006), Wien, Berlin: Verlag Turia + Kant, 2007. 191 S., ISBN 978-3-85132-488-4,.

Thomas R. Flynn, Professor für Philosophie an der Emory University, USA, hat eine knappe Einführung in den Existentialismus, für den gemeinhin Sartre und Camus stehen, aus historischer Sicht verfasst. Die enge Verbindung des Existentialismus mit der Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg ist nicht zu übersehen, aber Flynn erinnert daran, dass die Wurzeln des Existentialismus bis in die antike Philosophie reichen.
Flynn weist auf die Bedeutung von Sartres Untersuchung Was ist Literatur? (1947) hin, in der Freiheit und Verantwortung des Schriftstellers als untrennbare Einheit erscheinen, und nennt den Appellcharakter des Kunstwerks als das zentrale Thema der Ästhetik Sartres. Die Auseinandersetzung mit Edmund Husserls (1859-1938) phänomenologischer Methode und seiner Theorie der Intentionalität des Bewußtseins nutzt Sartre bei der Entwicklung seiner Theorie über die Vorstellungskraft, gleichwohl grenzt er sich von Husserl ab. Die Hauptaussagen des Existentialismus Sartrescher Prägung, Verantwortung, Wahl, Situation, Authentizität, Freiheit, Bewußtsein und “mauvaise foi”, werden von Flynn als grundlegende Begriffe in einen Zusammenhang gestellt und dienen hier als Einführung in Sartres philosophisches Hauptwerk.
Nach Flynn wird der Existentialismus nach 1945 im Wesentlichen von Sartre bestimmt. Dabei vernachlässigt er aber doch den erheblichen Einfluß Camus’ auf den Existentialismus. Die Ausführungen zu Camus sind, trotz der Bemerkungen zu Le Mythe de Sisyphe (S. 74 f.) und zum Streit mit Sartre über L’homme révolté (1951), auch im Rahmen dieser Einführung zu knapp geraten.
Trotz aller Verkürzungen, die durch die Konzept dieses Buches als Short Introducation verlangt werden, ist es dem Autor gelungen, eine lesenswerte Einführung vorzulegen.

 

Jüngst erschien eine weitere Einführung mit dem Titel Der Existentialismus von Roland Galle, Universität Duisburg-Essen. Zu Beginn seiner Einleitung spricht Galle von “Anleihen” des Existentialismus bei Hegel, Kierkegaard, Husserl und Heidegger, verzichtet aber auf weitere inhaltliche Ausführungen mit der Begründung, der Existentialismus sei “von einem auffallenden Pathos der Voraussetzungslosigkeit” geprägt. Einer solchen Trennung des Existentialismus von seinem philosophischen Kontext hat Flynn mit Recht widersprochen. Schwerer wiegt die Ausblendung der Ästhetik Sartres und Camus’. Mit der Analyse von Sartres Roman La nausée. Journal (1938) stellt der Autor fest, dass der im Roman geschilderten Auflehnung gegen die Welt “der Begriff der Geschichte und erst recht der des Politischen noch vollkommen fremd” (S. 91) sei. Hier verpasst der Autor die Chance, die von Roquentin am Ende von La nausée deutlich zum Ausdruck gebrachte Bedeutung der Ästhetik für den Existentialismus Sartrescher Prägung in den Blick zu nehmen: “Eine Geschichte zum Beispiel, wie es keine gegeben kann, ein Abenteuer. Sie müßte schön sein und hart wie Stahl und müßte die Leute sich ihrer Existenz schämen lassen,” (Sartre, Der Ekel, in: ders., Gesammelte Werke. Romane und Erzählungen I, Hamburg 1987, S. 91) sagt sich Roquentin auf dem Rückweg nach Paris. Leider erwähnt Galle auch nicht die zahlreichen Studien Sartres über Baudelaire, Flaubert, Leconte de Lisle, Genet, Mallarmé, Tintoretto, Calder, Wols, Masson, Giacometti und Leibowitz, in denen Sartre seine ästhetischen Analysen mit ausgewählten Aspekten der Psychoanalyse unter dem Stichwort la psychoanalyse existentielle verbindet.
Dies gilt auch für Galles Nichtberücksichtigung der Rolle von Kunst und Künstlern im Gesamtwerk Camus’. In langen Passagen in Le mythe de Siyphe und L’homme révolté hat Camus seine Schlussfolgerungen über das Absurde darlegt. Die Kapitel über die Kunst in diesen beiden Büchern sind keine bloßen Anhängsel, sie gehören zu ihrem eigentlichen Konzept und enthalten Camus’ Begründungen hinsichtlich der Zusammenhänge von Kunst und Freiheit.
Diese Aussparungen der ästhetischen Positionen Camus’ und Sartres führen zu einem erheblichen Defizit dieser Studie, die durch ihre perspektivische Enge beeinträchtigt wird.
Roland Galle
Der Existentialismus. Eine Einführung
W. Fink, UTB 3188, Paderborn 2009.

Heiner Wittmann

Poesie und Identität

Khalid Hadji,
La présence poétique
Lecture d’Arman Monjo, Abdelllatif Laâbi et Mahmoud Darwich.
Université Sidi Mohammed Ben Abdellah, Fès, 2006

Die présence poétique ist etwas, das bei einem Autor das verlangen, sowohl im Glück wie im Unglück zu sprechen, bezeichnet. Außerdem bezeichnet sie auch das Bewusstsein, das der Autor von seiner Identität, seiner Sprache und seiner Lebensumgebung hat. “Das Gedicht kann einen Sinn erzeugen, weil seine Wörter, obgleich es dieselben sind, etwas anderes aufdecken kann,” heißt es in der Einleitung zu diesem Band, in dem es darum geht, die Formen und Figuren dieser “présence poétique” zu analysieren, um die Frage zu beantworten, warum auf die Dringlichkeit, die Welt zu bewohnen, ein so großer Wert gelegt wird? Es geht um das Verhältnis von Poesie und Existenz, das die Werke der für diese Studie ausgewählten Dichter bestimmt.

Armand Monjo (1913-1998), ein Freund von Jean Giono und Pablo Picasso. Von ihm stammt eine zweisprachige Anthologie Poésie italienne (Seghers, Paris 1964). Trotz seines Engagements sei er nur wenig bekannt geworden. Abdellatif Laâbi (1942 in Fès geboren) gehört zu den Mitbegründern der Zeitschrift Souffles. Von ihm erschien zuletzt Fragments d’une genèse oubliée (1998). Seine Poesie, die jede Form der Reduktion überschreiten will und die Sprache neu bewerten will, bringt ihn in die Nähe zu Mahmoud Darwich (geboren 1941 in Galiläa). Zuletzt erschien Onze planètes (1992).

Die Fragen nach der Präsenz, das Sein-in-der-Welt und dem Standort berühren die Philosophien, die das Sein befrgaen, vor allem die Ontologie Martin Heideggers, erklärt der Autor dieser Studie, die er in drei Teilen vorlegt: Im ersten Kapitel “Ecriture de la présence” geht es um die Darstellung der Welt, die Dichtung, die Dauer und schließlich um die Entwicklung des poetischen Gedankens. Im zweiten Kapitel untersucht der Autor die Symbolik unter dem Stichwort der Mimesis und im dritten Kapitel steht die Semiotik im Vordergrund seiner Untersuchung.

Im ersten Kapitel wird die “présence poétique” als eine Offenbarung der Welt verstanden. Diese poetische Präsenz ist aber gleichzeitig auch als eie Art geheimnisvolles Einverständnis mit der Wlet zu verstehen. Es geht aber hier auch um das Lebendige selbst, durch das der Sinn entsteht, dne der Autor auch als Wiederaneignung einer verlorenen Substanz bezeichnet. Gegenwart und Abwesenheit kennzeichnet die poetische Entwicklung im zweiten Kapitel, wobei der Zeichenvorrat des Dichters, deesen er sich bedient, auf einen Erkenntnisakt zielt: Der Sinn entsteht durch die Beschreibung der Formen der Existenz. (S. 91). Die “présence poétique” bedeutet eine Projektion des Seins auf die Existenz, die auch das Anderssein des eigenen Ichs einschließen kann.

Diese Studie über drei Dichter, die aus verschiedenen Kulturen stammen, zeigt bei ihnen ganz ähnliche Ansätze, mit der ihrer Dichtung die eigene Identität zu untersuchen und auszudrücken. Mit dem bezug auf theoretische Texte zur Poetik wie u.a. auch von Paul Ricoeur, Yves Bonnefoy, der Autor nennt auch Käte Hamburger verleiht er seiner Studie ein solides theoretisches Gerüst. In diesem Sinne geht es in seiner Studie nicht nur um die Interpretationen ausgewählter Gedichte, sondern auch um eine vergleichenden Analyse dreier Poetiken, wobei der Autor Ähnlichkeiten und Unterschiede aufdeckt.

Heiner Wittmann

Schönherr-Mann, Sartre. Philosophie als Lebensform

Hans-Martin Schönherr-Mann,
Sartre. Philosophie als Lebensform,
C. H. Beck, München 2005. ISBN 3-406-51138-4.

Die Einführung, die Schönherr-Mann in das Werk Sartres anlässlich seines 100. Geburtstags vorgelegt hat, konzentriert sich auf die Entwicklung des Existentialismus und dessen Verhältnis zum Marxismus. In den ersten drei Kapiteln entwickelt der Autor die Grundlagen von Das Sein und das Nichts (1943) und vor allem die Entwicklung seines Freiheitsbegriffs. Er zeigt, wie Sartre mit dem Bezug auf Husserls Phänomenologie und in Abgrenzung zu Descartes eine Definition des Bewusstseins entwickelt, das immer ein Bewußtsein von etwas ist (S. 32), und gleichzeitig von der Existenz zu unterscheiden ist, in dem Sinne, wie das Bewusstsein über diese Existenz hinausweist, also die eigene Situation überschreiten kann. Schönherr-Mann stellt die Entstehung von Das Sein und das Nichts in einen Zusammenhang mit Sartres Kriegserlebnissen, der Besatzungszeit in Paris und erklärt die Bezüge zu den Werken, die seinem philosophischen Hauptwerk vorausgingen, wie La Nausée (1938) und folgten wie seine Theaterstücke und der Romanzyklus Die Wege der Freiheit.

 

Die Freiheit ist gemäß der bekannten Formulierung, der Mensch ist zur Freiheit verurteilt, auch selber ein Zwang; sie ist eine schwierige und riskante Herausforderung, der wir aber nicht entgehen.” (S. 58) Die Freiheit beschreibt die menschliche Realität, die Sartre mit dem Begriff der Situation kennzeichnet, die er mit dem projet des Menschen, mit seinem Entwurf verbindet. .

In den folgenden Kapiteln entwickelt Schönherr-Mann jeweils einen der Grundbegriffe der Sartreschen Philosophie, wie die mauvaise foi, die Verantwortung und das Engagement, die er einzeln untersucht und deren Entwicklung im Werk Sartres er in einen Zusammenhang mit dessen politischen Engagement stellt. Schönherr-Mann entscheidet sich gegen Traugott König, der von der Unaufrichtigkeit sprach, dafür die mauvaise foi mit dem verdrehten Bewusstsein zu übersetzen und begründet dies mit der Verdrehung der Freiheit (S. 79), wodurch er im Gegensatz zum Freudschen Unbewußten die absichtliche Verdrehung von Fakten und das Umdefinieren von Faktizitäten verstehen möchte. Der Autor versucht so, Sartres Absicht, Freuds Theorie vom Unbewussten abzulehnen, wiederzugeben, wobei aber zu bedenken ist, dass so eine Aspekt dieses Begriffs möglicherweise unterschätzt wird: “Das wahre Problem der Unaufrichtigkeit kommt evidentermaßen daher, daß die Unaufrichtigkeit [mauvaise foi] ein Glaube [foi] sei.” (Sartre, Das Sein und das Nichts, S. 154) und nicht unbedingt eine Lüge sondern ein “Seinsmodus”( ib. S. 156) ist. Diese Unterscheidung ist wichtig, da Sartre auf dieser Grundlage, nämlich eines Bewusstseins, das etwas ist, was es nicht ist und gleichzeitig nicht das ist, was es ist, die permanente Versuchung der Unaufrichtigkeit aufdeckt, und damit das Bewusstsein selbst untersuchen will, “… das nicht Totalität des menschlichen Seins ist, sondern der instantane Kern dieses Seins.” (ib. S. 160)

Das Engagement stellt Schönherr-Mann mit dem Begriff der littérature engagée in den von Sartre gemeinten Zusammenhang mit der Rezeptionsästhetik, die dem Leser am Entstehungsprozeß des Werkes beteiligt. Allerdings kommt in diesem Kapitel der Gedanke, daß ein Schriftsteller sich nicht ausdrücklich mit einem bestimmten Werk engagieren kann, etwas zu kurz, denn er ist immer engagiert, das heißt, er kann der Verantwortung für seine Werke nicht ausweichen. Andererseits weist Schönherr-Mann auch in seinen anderen Kapiteln sehr wohl auf die Bedeutung der Verantwortung gerade in der Verbindung mit dem Sartreschen Konzept der Freiheit ausdrücklich hin. Sartres Behauptung, die Wörter seien sein Abschied von der Literatur gewesen, darf, so wie Bernard-Henri Lévy dies getan hat, und Schönherr-Mann zitiert ihn, nicht überbewertet werden. Die monumentale Flaubert-Studie ist der beste Beweis dafür, daß ihn die Literatur sehr wohl weiter beschäftigt hat.

Seine Flaubert-Studie ist, wie es in ihrem Vorwort steht, die Fortsetzung von Questions de méthode, einem Artikel der zunächst 1957 in einer polnischen Zeitschrift erschien und dann in überarbeiteter Form im gleichen Jahr in Les Temps modernes, in dem Sartre die Zusammenhänge zwischen dem Existentialismus und dem Marxismus untersucht. Die Kritik, die Sartre in diesem Aufsatz, der 1960 wieder zu Beginn der Kritik der dialektischen Vernunft erscheint, am Marxismus äußert, erlaubt es nicht, vorbehaltlos von seinem “marxistisch orientierte[m] Denken” zu sprechen. Seine Kritik am Marxismus in seiner damaligen Praxis ist so deutlich, daß eine Verbindung zwischen Der Idiot der Familie und der Kritik der dialektischen Vernunft allenfalls auf der Ebene einer Kritik an der Dialektik selbst zu erkennen ist. Im übrigen übersieht Schönherr-Mann Sartres deutliche Reserviertheit gegenüber dem Stalinismus oder dem Kommunismus sowjetischer Prägung. Er zitiert den von Sartre und Merleau-Ponty zusammen unterzeichneten Artikels “Les jours de notre vie”, der 1950 in Les Temps modernes erschien, in der es heißt, daß die UdSSR sich im Gleichgewicht der Kräfte auf der Seite derer befinden würden, die gegen die uns bekannten Ausbeutungsformen kämpfen würden. (S. 137) Die Schlußfolgerung auf eine Zurückhaltung Sartres hinsichtlich einer Kritik am sowjetischen Lagersystem kann durch den Zusammenhang nicht gerechtfertigt werden. Sartre fügt an dieser Stelle hinzu: Die Dekadenz des russischen Kommunismus könne die marxistische Kritik nicht ungültig machen, und man müsse keine Nachsicht gegenüber dem Kommunismus zeigen, das heißt aber auch nicht, daß man sich mit seinen Gegnern verbinden könne. (Cf. Sartre, Merlau-Ponty, Les jours de notre vie, in: TM, Nr. 51, 1950, S. 1162 f). Im diesem Artikel heißt es u.a.: “A moins d’être illuminé, on admettra que ces faits remettent entièrement en question la signification du système russe.” (ib. S. 1154) und “… il n’y a pas de socialisme, quand un citoyen sur vingt est au camp.” (ib, S. 1155) und “En regardant vers l’origine du système concentrationnaire, nous mesurons l’illusion des communistes d’aujourd’hui.” (ib. S. 1160) Sartres Wegbegleitung der KPF von 1951-1956 hat ihn zu keiner Zeit dazu veranlaßt, seine Prinzipien und Konzepte hinsichtlich der Freiheit des Menschen aufzugeben.

Sein 1970 in einem Interview geäußertes Erstaunen, (cf. Sartre par Sartre, in: ders., Situations, IX, S. 101 f.) darüber , daß er geschrieben habe, der Mensch sei immer frei, zu entscheiden, ob er ein Verräter oder nicht sein werde, wird von Schönherr-Mann mit der Frage verbunden, ob er mit seinem marxistischen Engagement die Freiheit aufgegeben habe? Eine unmittelbare Antwort gibt er nicht, aber beim Leser bleibt vielleicht ein bestimmter Eindruck von diesem Interview haften. Man muß Sartres ganze Antwort lesen, in der er ganz unmarxistisch wiederholt, daß jeder immer dafür verantwortlich sei, was man aus ihm gemacht habe, denn jeder Mensch könne immer etwas aus dem machen, wozu man ihn gemacht habe. Dies sei die Definition, die er jetzt der Freiheit geben würde.

“Philosophie als Lebensform” heißt der Untertitel des hier besprochenen Buches, in dem Autor im letzten Kapitel sein Ergebnis vorlegt: “… Sartres Existentialismus zeigt den Menschen ihre Freiheit und Selbstverantwortlichkeit sowie den Reflexionszwang, um ihr Leben selber zu gestalten.” (S. 158)

Mit diesem Band ist dem Autor eine interessante Darstellung gelungen, die aufgrund einer geschickten Auswahl verschiedener Konzepte die Entwicklung des Denkens Sartres sowie seine festen Bezugspunkte in einen Zusammenhang mit seiner Zeitgeschichte bringt.

Heiner Wittmann

Weiterlesen

1 2 3 4 5