Rezension: Johannes Regenbrecht, „Haymatloz? – Nein!“: Erich Auerbach (1892-1957) als „passloser Deutscher“ im Istanbuler Exil

Dieser Beitrag von Johannes Regenbrecht, der am 19.3.2026auf der im L.I.S.A. Wissenschaftsportal der Gerda Heinkel Stiftung veröffentlicht wurde, ist auch eine Erinnerung, an das Hauptseminar über Erich Auerbach geleitet von > Prof. Dr. Dirk Hoeges (1943-2020), das Johannes Regenbrecht und ich einst im Romanischen Seminar der Universität Bonn belegt haben.

Johannes Regenbrecht, „Haymatloz? – Nein!“: Erich Auerbach (1892-1957) als „passloser Deutscher“ im Istanbuler Exil – L.I.S.A. Wissenschaftsportal der Gerda Heinkel Stiftung

Der deutsch-jüdische Romanist Erich Auerbach (1892-1957) wurde von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben und ging 1936 ins Exil in die Türkei, wo er an der neu gegründeten Istanbul-Universität lehrte. Dort spielte er eine zentrale Rolle im Modernisierungsprojekt unter Mustafa Kemal Atatürk und baute die Romanistik in der Türkei maßgeblich auf. Während seiner Zeit in Istanbul verfasste er sein Hauptwerk Mimesis (Dieses Buch war das Thema im Seminar von Prof. Hoeges), das bis heute als Klassiker der Literaturwissenschaft gilt. 1947 emigrierte er in die USA und wurde später Professor an der Yale University, wo er bis zu seinem Tod 1957 lehrte. Trotz seines Weggangs blieb er eng mit seinen türkischen Schülern verbunden und hinterließ nachhaltige Spuren im intellektuellen Leben der Türkei.

Nach seiner Emigration in die USA 1947 lehrte Erich Auerbach zunächst am Pennsylvania State College und in Princeton, bevor er 1949 an die Yale University berufen wurde, wo er bis zu seinem Tod 1957 tätig war. Trotz der räumlichen Distanz hielt er engen Kontakt zu seinem türkischen Schülerkreis und besuchte ihn im April 1957 ein letztes Mal in Istanbul. Das Treffen bei seiner Schülerin Ayşe Süheilâ Bayrav belegt, wie stark seine Verbindung zur türkischen Intellektuellenszene blieb und welchen nachhaltigen Einfluss er dort ausgeübt hatte.

Der deutsch-jüdische Literaturwissenschaftler Erich Auerbach lebte im Exil in Istanbul als staatenloser „Haymatloz“ und teilte das Schicksal vieler vertriebener Gelehrter, die entscheidend zur Modernisierung des türkischen Bildungswesens beitrugen.Als „passloser Deutscher“ bewegte er sich zwischen den Fronten.

Regenbrecht hat auch die finanziellen Verluste untersucht, die Auerbach und seine Frau erlitten haben. “ Diese klagte Auerbach nach dem Krieg in einem Wiedergutmachungsverfahren ein, das sich über Jahre hinzog und im bürokratischen Nirvana versandete. Der Antrag der Witwe Marie Auerbach auf Zahlung einer Kapitalentschädigung wurde schließlich am 8. September 1966 vom Hessischen Kultusminister negativ beschieden.“

Regenbrechts Darstellung ist auch deshalb so bemerkenswert, weil er u.a. einen unbekannten Brief Auerbachs an an den Außenminister der tschechoslowakischen Exilregierung in London vom 9. Dezemebr 1944 gefunden hat, in dem dieser seine Passprobleme schilderte. Schon die Adressierung des Briefes zeigt, wie kompliziert Auerbachs Lage zu dem Zeitpunkt gewesen ist. Erich Auerbach um die Verlängerung seines abgelaufenen Passes, der ihm während des Krieges zur Absicherung ausgestellt worden war, jedoch abgelehnt wurde. Er begründete sein Anliegen damit, dass er und sein Sohn für ihre geplante Ausreise in die USA auf den Pass angewiesen seien, da sie sich gegenüber Behörden bereits als dessen Inhaber ausgegeben hatten. Der Pass wurde aber nur um ein Jahr verlängert. Danach war er wieder ohne Pass.

Das NS-Regime traf auch das Umfeld von Erich Auerbach äußerst rt: Sein Schüler Werner Krauss wurde wegen Widerstands zum Tode verurteilt und später begnadigt, und auch Familienangehörige wie Adele Blakmar waren von Verfolgung bedroht. Zugleich reichte der politische Druck bis in die Türkei, wo nationalsozialistische Einflussversuche selbst Auerbachs akademisches Umfeld an der Istanbul-Universität erreichten. Vor diesem Hintergrund war der tschechoslowakische Pass für Auerbach überlebenswichtig, da er ihn vor Abschiebung schützte und ihm schließlich die Emigration in die USA ermöglichte.

Das Schicksal von Erich Auerbach und seiner Frau im Exil hatten wir damals im Seminar auch nicht ansatzweise gestreift. Dank dieses Artikels von Johannes Regenbrecht können wir jetzt die Umstände, unter dem „Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur“ viel besser verstehen und würdigen.

Neuerscheinung: Études rétiviennes, n°57, décembre 2025

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Société Rétif de la bretonne

Kaiser, Reinhard
Der französische Dichter Nicolas Rétif de la Bretonne und sein ungekanntes Meisterwerk – Podcast 53 Minuten
wwaw.hr2.de/podcasts/dokumentation-reportage/der-franzoesische-dichter-nicolas-retif-de-la-bretonne-und-sein-ungekanntes-meisterwerk,podcast-episode-139020.html

Call for papers : L’univers sonore de Rétif de La Bretonne

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Hans Mayer „Außenseiter“: Tagung am 19. und 20. September 2025 in Köln

„Die Hans-Mayer-Gesellschaft führt gemeinsam mit Wissenschaftler*innen der Universität Köln, hier vor allem des mit der Lehrkräfteausbildung betrauten Institut für deutsche Sprache Hans-Mayer-Gesellschaftund Literatur 2, eine Tagung zu Hans Mayers „opus magnum“ durch. Wir fragen nach der Aktualität des 1975 erschienen Buches. In den drei Hauptkapiteln schreibt Mayer eine Geschichte von „Leitfiguren der Grenzüberschreitung“, die allein durch ihre Geburt, und nicht erst durch die Entscheidung des Verstandes zu Außenseitern wurden. In „Judith und Dalila“ entwickelt er die Geschichte von Frauen, denen der Gleichheitsstatus durch das Geschlecht versagt wird, in „Sodom“ geht er den Diffamierungen der Homosexuellen nach, die durch ihre „körperlich-seelische Eigenart“ ausgegrenzt wurden, und schließlich untersucht er in „Shylock“, wie den Juden allein durch ihre „Abkunft“ das Recht auf Emanzipation in der Geschichte verwehrt wurde …“ >

Die Tagung findet am 19. und 20. September im EL-DE-Haus / NS-DOK am Appellhofplatz 23-25 in Köln statt.

Hans Mayer äußerte sich in seinem Buch „Außenseiter“ auch ausführlich zu Jean Genet, dem Jean-Paul Sartre 1951 die Untersuchung „Saint genet Komödiant und Märyrer“ widmete. Vgl. H. Wittmann, Sartre, Camus und die Kunst. Die Herausforderung der Freiheit, Reihe Dialoghi/Dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs. Hrsg. v. Dirk Hoeges, Band 18, Verlag Peter Lang, Berlin, Bern u.a., 2020. S.72-79. In einem Vortrag werden die Ansätze von Hans Mayer und Jean-Paul Sartre, die Geschichte des Jean Genet, vom Dieb zum gefeierten Schriftsteller, zu analysieren, miteinander verglichen: H. Wittmann, „… Befreiung über Arbeit und Genie“ – Sartre und Mayer über Jean Genet“ – Samstag, 20. September, 17:10 Uhr.

Weitere Informationen auf der Website der Hans-Mayer-Gesellschaft

Flyer zum Download: > „Außenseiter“-Tagung am 19. und 20. September 2025 in Köln in Köln

Die Teilnehmendenzahl ist begrenzt. Ihre Anmeldung wird durch eine Mail mit dem Titel der Veranstaltung an die nachstehende Adresse registriert. Eine gesonderte Bestätigungsmail gibt es nicht. Bitte informieren Sie uns auch kurzfristig, wenn Sie/Ihr nicht kommen können.

Anmeldung bitte an: aussenseitertagung@hans-mayer-gesellschaft.de

Compte-rendu : Gilles Sicart, Un doute sans vertige n’est qu’un exercice spirituel

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Le colloque de Cerisy sur Beauvoir et Sartre du 16 au 22 juillet 2025

Nous avons le grand plaisir de vous annoncer le programme du colloque de Cerisy sur Beauvoir et Sartre, qui se tiendra du 16 au 22 juillet 2025 au Centre culturel international de Cerisy (2, Le Château 50210 Cerisy-la-Salle, France), est désormais disponible

Il faut d’abord devenir adhérent de l’association des Amis de Pontigny-Cerisy. Cette adhésion est de 50 EUR pour les + 30 ans/ 10 EUR pour les – 30 ans, et déductible fiscalement.

Inscription au colloque :

a) Vous souhaitez assister à l’intégralité du colloque ? Vous pouvez vous inscrire via le formulaire disponible en bas de la page dédiée à notre colloque. Le forfait est de 720 EUR pour les + 30 ans, 360 EUR pour les – 30 ans (hébergements et repas compris). Si vous accompagnez un intervenant·e et que vous partagez une chambre, le tarif est de 480 EUR.

b) Vous ne souhaitez assister qu’à une partie du colloque ? Il faut préciser votre demande via le formulaire de contact. Mais nous vous invitons à consulter les pages Inscription et Séjour de notre site avant de compléter le formulaire

Rezension: Antoine Compagnon, La littérature, ça paye

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Antoine Compagnon
> La littérature, ça paye
Paris: Les Éditions des Équateurs, 2024
EAN : 9782382847510

Vincent de Coorebyter, Sartre avant la phénoménologie

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Vincent de Coorebyter
Sartre avant la phénoménologie. Autour de „la nausée“ et de la „légende de la vérité“
Bruxelles : Ousia 2000.
ISBN 2-87060-120-4

Rezension: … er spielt mit dem Ton der Sprache: Christian Dotremont, Les grandes choses. Anthologie poétique 1940-1979

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Christian Dotremont, Les grandes choses. Anthologie poétique 1940-1979

„Les chats ne parlent que lorsque c’est indispensable.“

Christian de Dotremont

„Abstrates“ (p. 242-245):

„L’a pas cours ma teinte
point inscrite
arrivée trop tard ma trace de cloison
arrivée trop bas
gringola dans les foncements
fit bulle
ni mot, ni chant ni cri
arrivée de biais
après la closerie du tri“

In der Fußnote dazu steht „Abstrates, placard lithographique, 62 * 85 m, avec fac-similé du tapuscrit de C.D., illustré par Alechinsky, Valby Danemark…“ ein Gesamtkunstwerk, Dotremont mobilisert die Sprache und in ganz besonderer Weise die Form des Gedichts, die mit seinem Inhalt untrennbar verbunden ist.Wörter erleben eine neue Umgebung, das ist ein Austesten und es steht auch etwas Neues, wenn der Leser sich auf das Gedicht einlässt und selber versucht, das Spiel der Wörter nachzuvollziehen. Das wird beim Vorlesen ganz besonders deutlich. In der Tat, der Klang verrät einen sehr eigentümlichen Ton, einen persönlichen Stil mit Rhythmen wie in „Dans ma chambre“ (1977, S. 325): „dans ma chambre, ou pour mieux dire: dans ma carrée, le carrée étant le châssis d’un lit valant deux rondes de musique, dans ma carrée pour la charade, une chienne criait à la nuit, à chanter charade, une baie pour mon navire…“

Beispiele wie die beiden Letztgenannten zeigen, wie gelungen diese Präsentation der Gedichten Dotremonts ist. Zum einen ihre chronologische Anordnung verrät, wie Dotremont seine Poetik entwickelt zugleich wird aber ein Stil erkennbar, die Persönlichkeit des Dichters, die der Herausgeber Michel Sicard mit der Betonung bestimmter „lignes directrices“ (S. 11) präzise vorstellt.

Christian Dotremont
> Les grandes choses. Anthologie poétique 1940-1979
Édition de Michel Sicard. Postface d’Yves Bonnefoy
Collection Poésie/Gallimard (no589)
Paris: Gallimard 2025.

Rezension: Dominique Berthet, L’imprévisible rencontre. L’autre, le lieu, l’art

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Dominique Berthet
L’imprévisible rencontre
L’autre, le lieu, l’art
Collection Arts et esthétique
Point-à-Pitre : Presses Unversitaires des Antilles 2024
170 p.
ISBN: 9791095177845

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