Der Transparenztraum

Manfred Schneider
Transparenztraum
Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche
Mit zahlreichen Abbildungen
176 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
Berlin: Matthes & Seitz 2013
ISBN: 978-3-88221-082-8

 

Manfred Schneider hat das Ideal der Transparenz, die kompromisslose Durchsichtigkeit aller gesellschaftlichen und individueller Sphären von den Anfängen bis in unsere Gegenwart untersucht. Es geht um den uralten Traum, dem Menschen beim Denken zusehen zu können, und es geht um die Gefahren, wenn die Beobachtung zur Kontrolle wird und dann in Terrorismus umschlägt. Die immer wieder geforderte totale Offenheit des Internets wankt stets auf diesem immer schmaleren Grad, wo der einen Seite alle Inhalte kostenlos für alle anbieten wollen, auf der anderen Seite die vollständige Vereinnahmung und bald auch Steuerung des Individuums. Im Internet ist anscheinend das Eine ohne das Andere nicht zu haben. Wie konnte es dazu kommen?

Die Geschichte der Transparenz, ihrer Entwicklung, die mit ihr verbundenen Wünsche, ihre Folgen geben eine Antwort auf die bange Frage, ob die so gepriesene mediale Offenheit uns bereichert oder bedroht? Zur Beantwortung dieser Frage hilft nicht die Geschichte alleine, Manfred Schneider zeigt, dass die Literatur entscheidende Hinweise bereithält.

Jedesmal wenn man eine bekannte Suchmaschine nutzt, beschleicht einen das ungute Gefühl, dass jeder Suchvorgang mit der IP des benutzten PCs, sein Standort, das Suchwort und das Suchergebnis sowie das angeklickte Suchergebnis peinlich genau aufgezeichnet werden. Vielleicht kennen die Suchmaschinenbetreiber ihre Kunden bald so gut, dass Sie an der Kombination von Suchwörtern, Standort des PCs und vielleicht sogar typischen Tippfehlern erkannt, geortet und eingeordnet werden. Das ist dann die totale Transparenz. Man beklagt die Tätigkeiten der amerikanischen Geheimdienste aber gleichzeitig ist der Run auf die sozialen Netzwerke und die Faszination der Mitmachdienste = Web 2.0 ungebrochen. Die Unternehmen geben riesige Summen aus, um die Suchmaschinen zu überlisten, und in den Suchergebnissen ganz oben zu erscheinen. Wir sind an die grenzenlose Vernetzung qua Internet gewöhnt worden, bevor die Herrschaft des Internets und seine Folgen begannen, in unser Bewusstsein einzudringen.

Ganz ähnlich wie heute die Beschleunigung allerorten beklagt wird, so verhält es sich auch mit der Transparenz, die vielleicht durch die grenzenlose Offenheit des Internets heute auf alle Bereiche übertragen und überall gefordert wird. Man könnte vermuten, dass die spezifische Forderung nach der Transparenz unser Tage, die vor keiner Tür haltmacht, erst mit dem Ausbau des Internets entstanden ist, das zu einer nicht geahnten manchmal schon gar nicht so freiwilligen Aufgabe und Zerstörung der Privatheit im Sinne von Richard Sennett führt.

Nach der Lektüre der spannenden Untersuchung von Manfred Schneider wird man verstehen, dass das Internet und die damit einhergehende totale Vernetzung und Vereinnahmung der Individuen sich mit der Transparenz nichts Neues ausgedacht hat, sondern einen uralten Menschheitstraum gekapert und sich zunutze gemacht hat. Die Geschichte des Transparenztraums, so wie Manfred Schneider sie ausgehend von der Antike in zehn Kapiteln durch die Jahrhunderte erzählt, klingt wie ein ständiges Suchen vieler Forscher, Gelehrter aber auch Künstler unter Aufwendung aller möglichen Ideen, das Innerste des Menschen zu durchschauen, um alle sozialen Sphären durchleuchten und auch kontrollieren zu können. Schon lange vor der Internetzeit verstand Alberts Magnus im 13. Jahrhundert „Transparenz als Eigenschaft eines Mediums, das unsichtbar ist und dafür Licht machen kann.“ (S. 11). Natürlich konnte man diese Transparenz nicht nachweisen, sie konnte, so Schneider immer nur in Aussicht gestellt werden. (vgl. S. 14) – Die Versuchung ist groß, hier jede philosophische und literarische Quelle nachzuerzählen, mit denen Schneider das Phänomen des Transparenzwunsches, Schneider nennt ihn Transparenztraum nacherzählt: Ausonius, der Mediziner Levinus Lemnius, Baltasar Gracíans, Descartes, Constantin Huygens, Philipp Quinault, Augustin Moreto, Thomis Tmkis, Cervantes, Bacon, Rousseau, Danton, Marat, Bentham, Ernst Wagner, Girgio Vattimo und viele andere Forscher und Autoren zeigen mit ihren Werken, wie der Transparenztraum sich zuerst auf den gläsernen Körper fixierte, Melancholiker ergriff und später mit Rousseau in die politische Theorie überführt wird. Ein Kapitel ist Panvisionen und der Kontrolle der ganzen Erde mit Google Earth gewidmet.

Der Chrystal Palace der Londoner Weltausstellung von 1851 greift das Thema der Transparenz wieder auf. Anfang des 20. Jahrhunderts wird der Traum vom gläsernen Menschen mit Freuds Blicken in das Unbewusste auf dem Umweg über die Traumdeutung wieder thematisiert. In vielen literarischen Vorlagen wie auch in H.G. Wells‘ Romanessay A modern Utopia (1905) wird die gläserne Stadt vorgestellt.

Es ist heute modern geworden, größtmögliche Transparenz zu fordern, die manchmal nur eine Umschreibung von Neugier ist, oder auch nur der mehr oder weniger verständliche Wunsch nach Information. (vg. S. 20) Ganz ohne Zweifel hat der Transparenzgedanke durch die Jahrhunderte hindurch eine Entwicklung erlebt, die Schneider durch literarische Belege präzise belegt. Es gab aber auch eine weitere Dimension des Transparenztraum, das mit Descartes‘ res cogitans, „das ausdehnungslose Ding, das denkt“ (vgl. S. 65) umschrieben wird. Schneider nennt es auch das „Autoinspektonsfenster“ (ib.) Kaum ein Wunder, dass der Autor mit diesem Gedanken zur Analyse der Melancholiker und Depressiven bis zum 18. Jahrhundert überleitet.

Rousseaus lautes Nein auf die Frage, ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste auch die Sitten veredelt habe, war eine Epochenwende. (vgl. S. 99) Das Unglück war die Kommunikation unter den Menschen mit allen ihren Folgen. (vgl. S. 100 f.) Dieses Kapitel erhält auch eine Erklärung des Gesellschaftsvertrages, der ein zusammenstoßfreies Leben für die Menschen gestalten wollte. Das Unglück der Kommunikation kommt als „unglückliche Verbindung von Leidenschaften und Worten“ in seinem Erziehungsroman Émile ou de l’éducation wieder vor.

Ein Fazit und zugleich eine beunruhigende These steht am Ende des Kapitels über Google Earth, ein Webprogramm, das mit Hilfe von Satelliten uns aus dem Weltraum aus überwacht. Das WWW lag nicht auf dem Weg unserer Zivilisation. Das massenhafte unbegrenzte Speichern war nie vorgesehen. Es kann nur verstanden werden, wenn wir alte Ideen mit einbauen, so darf man Schneider verstehen, und aus ihm eine Entwicklung machen, die wir verstehen können. Aber die elektronische weltweite Kommunikation mit ihrem so spezifischen Wunsch und gar Zwang nach totaler Offenheit wird zu einem Selbstläufer, den wir nicht mehr einholen können. (Vgl. S. 154)

Die Erfindung des WWW war mit anderen Worten wie das Öffnen der Büchse der Pandora. Snowdon bestätigte nur noch, was wir alle wissen: Das Netz ist ein großer Kommunikationsraum, der jeden, ob er sich aktiv oder passiv verhält, in sich hineinzieht, ihn vereinnahmt, der uns zwingt, zu seiner Nutzung Geld auszugeben, um seinen eigenen Netzangeboten gefunden zu werden, oder um sich durch umständliche elektronische virtuelle, letztendlich sogar immer wieder erfolglos, Brandmauern einzubunkern. Die allgegenwärtige weitreichende und für die meisten sogar nur vermeintliche Transparenz wird durch einen ungeheuren technischen Aufwand erkauft. Die meisten Internet- und Kommunikationsprojekte verlangen für die Technik weitaus mehr Ressourcen als für die Vermittlung der eigentlichen Inhalte. So entsteht über den digitalisierten Transport von Informationen eine neue Art der Opazität, die Angst macht, und an der jede Art von Transparenzwunsch scheitert. Frei ist nur der Schriftsteller, > der mit der Hand schreibt, ansonsten vereinnahmt ihn die Technik: Updates, Viren, Abstürze, Dateiformate, Cloud, Verlust von Daten, vor nichts ist er mehr sicher, Transparenz wird wieder zu einer neuen, in weite Ferne gerückte Utopie. > Web 2.0 ist weniger das Mitmach-Internet sondern eine großartige Idee zum Einsammeln von Daten aller Art.

Am Schluss wendet sich Schneider der Hirnforschung zu, die heute mit technischen Apparaten die alte Schädellehre überholen und in den Menschen hineinschauen will. Menschliche Handlungen vorhersagen, den Menschen berechenbar machen vergleicht Schneider mit „blindem Technizismus“. (S. 291)

Schneider erkennt die Erfolge und Taten Snowdons und der Plattfom WikiLeaks an. Würden aber ihre Aktivitäten des dauerhaften Verrats selbst zum Recht werden, wäre das für Schneider ein Horror, (Vgl. S. 293) „weil viele die Welt mit dem Internet verwechseln. Sie sind von ihrer Netz-Ideologie verblendet.“ (S. 293) Die Gefahr ist groß, dass das Recht durch Unrecht ersetzt wird. Richard Sennett hatte mit dem Titel seines Buches The Fall of Public Man in visionärer Weise recht. Internet-Medienverbünde, die sich der systematischen Kontrolle entziehen, sondern von vielen, einer Art kollektiven Intelligenz geschmückt mit dem Schlagwort von der Demokratisierung des Wissens beherrscht werden, machen sich dran, die traditionellen Medien, wo heute noch die gesellschaftliche Auseinandersetzung, die Kontrolle des Staates, stattfindet, zu erobern. Diese historische Tendenz hat auch zum Aufstieg und Fall der Piratenpartei geführt. Totale Transparenz, Offenlegung und Digitalisierung eines jeden Gedankens haben sie scheitern lassen.

Schneiders Fazit zielt auf die Transparenz in der Literatur, in der Kunst oder in der Philosophie. Versucht man Institutionen transparent zu machen, entdeckt man nur das Streben nach Informationen und eben nur nach Macht.

Schneiders historische und literarische Deutung des Transparenztraumes trifft den Kern unserer aktuellen Probleme, die uns das Internet täglich vor Augen führt. Alle wollen online sein. Prinzipiell kostenlose E-Books sollen in jeder Lebenslage verfügbar sein. Viele Netz-Aktivisten möchten das > Urheberrecht (= H.W., Das Urheberrecht ist im öffentlichen Raum, Blog Klett-Cotta, 22. Juli 2009) gerne dem Netz anpassen. Der immer stärkere Zwang zur Digitalisierung der Information lässt die Inhalte im Datenrausch verkümmern. Die Transparenz wird zu einem Trugbild. Die technische Entwicklung okkupiert die Transparenz.

Schneiders Fazit klingt unheilvoll. Ein Gegensteuern ist kaum noch möglich. Aber das historische Verständnis des Transparenztraums, seiner Entwicklung und das Festhalten an ihm, mit der Absicht, die heutige Medienwelt durchschauen zu wollen, bewahrt uns einen gewissen Grad unserer Autonomie.
Heiner Wittmann

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