Rezension: Lotte Beyer, Images des Landes Landes de Gascogne 1932-1933
Die deutsche Studentin Lotte Beyer bereist 1931 und im Winter 1932/33 die Landes de Gascogne, um Material für ihre Doktorarbeit „Der Waldbauer in den Landes der Gascogne“ über Sprache, Lebensweise, Wirtschaft und Gesellschaft zu sammeln. Dabei nutzt sie eine Kamera und dokumentiert zahlreiche Orte zwischen Bordeaux und Hossegor sowie viele umliegende Gemeinden. Sie besucht u.a. par Saucats, Hostens, Belhade, Sabres, Labouheyre. Ihre Reise dient der umfassenden Erforschung der Region aus kultureller und sozialer Perspektive.
Die Ethnologie, insbesondere die deutsche, hat bereits die Rolle der Frauen untersucht, wobei Pionierinnen und diejenigen, die nach der Promotion keine akademische Karriere verfolgten, bisher weitgehend unbeachtet blieben. Lotte Beyer (1902-1944) ist heute eine dieser nahezu unbekannten Forscherinnen, da sie mit 41 Jahren starb, bevor sie ihre Karriere und Forschung weiterführen konnte.
Lotte Beyer reist zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Gascogne und wird dabei von verschiedenen Einheimischen unterstützt. Ihre Forschungen erregen jedoch Misstrauen, sodass sie sogar von der Gendarmerie verhört wird, ließ sich davon aber nicht stören. Mit aufmerksamem Blick dokumentiert sie das ländliche Leben, wobei ihre detaillierten Fotografien ihre Notizen ergänzen und das Vertrauen der Menschen widerspiegeln. Ihre Arbeiten halten zahlreiche heute verschwundene Gebäude und Traditionen fest und stellen damit wertvolle historische Zeugnisse dar.
Pierre Toulgouat (1901–1992) hörte m Juli 1941 von ihrem Aufenthalt in den Landes. Damals sagte Lotte Beyer : „Es war eine interessante und fröhliche Zeit für mich. So viel Freundlichkeit, so viel Gastfreundschaft, so viel Unterstützung für mein Studium, selbst von denen, die den Sinn meiner Arbeit nicht verstanden …“
Félix Arnaudin hatte in der Gascogne schon von 1891 bis 1921 fotografiert. Elf Jahre führte Lotte Beyer das Projekt weiter, das dann von Pierre Toulgouat für das Waldmuseum von Hossegor (1938–1946) fortgesetzt wurde.
Auf diese Weise ist eine eine beeindruckende Fotosammlung entstanden, die in diesem Buch gezeigt wird. Im Dorf Luxey befindet sich die Fassade des Hauses Bordes-Vidal mit einer lateinischen Inschrift aus dem Jahr 1772 sowie einer Holzschnitzerei mit einem Fuchs und einer Henne. Dieses Beispiel volkstümlicher Kunst inspirierte später das Emblem des Naturparks der Landes de Gascogne, wobei Lotte Beyer die Besonderheit der Fassade bereits durch ihre Fotografie hervorhob. Auch die Fotos aus dem Inneren der Häuser haben einen ganz besonderen Wert und geben einen interessanten Einblick in das Leben der Einwohner dieser Dörfer. Oft sind auch die Einwohner auf den Fotos der Innenräume zu sehen und man kann auch erkennen, wie eine einfache Trennwand den Stall vom Hauptraum des Hauses abgrenzt. Und man lernt das Wort „Promène“, eine Art „Lauflerngehege“. Das Kleinkind, das steht und zu laufen beginnt, hat den Brustkorb von einem Holzstück umschlossen, kann von Balken beschützt hin- und herlaufen. (S. 33)
Lotte Beyer hat mit Ihren Fotos auch Sozialgeschichte geschrieben: In Im Ortsteil Bernède von Arue war sie die Erste, die einen halbkreisförmigen Schafstalls fotografierte, der über einen von zwei Steinmauern umschlossenen Hof verfügt. Der Boden dieses Hofes ist bedeckt mit Pflanzen, die in der Heide oder im Unterholz (Heidekraut…) geschnitten wurden und sich durch den Dung der Herde anreichern. Diese Mischung, das „Soutrage“, dient als Dünger für die Felder, so lautet die Erklärung zu diesem Foto (S. 44).
Ihre Fotos zeigen die Häuser und die Gewohnheiten, die die Arbeit prägen. Zwar ist überwiegen Wald in der Gascogne vorhanden, aber die Weidewirtschaft hat auch eine große Bedeutung. S. 52f: Vor einer mit Seekiefern bepflanzten Parzelle steht eine Schafherde mit einem Schäfer auf Stelzen. Er spinnt die Wolle seiner Tiere mit Hilfe eines Spinnrades und macht eine kleine Pause, während er sich auf seinen Stock stützt. Hier der Kommentar von Lotte Beyer: „Die Stelzen waren früher das Erkennungszeichen des Schäfers … heute (Winter 32/33) sind sie vom Aussterben bedroht … Ich habe nur einen einzigen Schäfer in Belhade gefunden, der auf Stelzen ging, aber sie waren nicht sehr hoch (85 cm) …“ Viele andere Beispiele zeigen die Bauern bei ihrer Arbeit. So auch die Schlachtung eines Schweins. Bevor die Därme gewaschen, die Blutwürste gekocht und die Soße zubereitet werden , hält die ganze Familie inne vor diesem schönen Vorrat an Fleisch, der den Haushalt das ganze Jahr über ernähren soll: S. 66 f.
In Pissos beschreibt sie die Herstellung von Teer und Holzkohle in einem speziellen Ofen: „… ein Bauwerk aus Stein und flachen, rechteckigen Ziegeln, das an der Unterseite der beiden schmalen Seiten mit einer halbkreisförmigen Öffnung für den Feuerraum und auf dem mit feinem Sand bedeckten Flachdach mit zwei großen runden Öffnungen zur Belüftung versehen ist…
Mit dieser Fotodokumentation beweist Lotte Beyer ihre Sensibilität für die sozialen Gegebenheiten, zeigt die Bauern und Handwerker bei ihren Beschäftigungen, in ihren Häusern und Werkstätten. Es sind keine Gelegenheitsaufnahmen, sondern man kann an ihrer Qualität sehr wohl erahnen, wie die Fotografin mit diesen Menschen wohl offenkundig kommuniziert hat, damit sie nicht einfach eben mal abgelichtet fühlen sondern in der Art und Weise, wie sie sich der Fotografin darstellen, auch zu erkennen geben, dass sie bereit sind, ja sogar ein ein bisschen stolz, ihr Handwerk zu demonstrieren.
Ein Nachwort mit der Lebensgeschichte von Lotte Beyer, Quellenverzeichnis und eine Bibliographie der Werk von Lotte Beyer ergänzen diesen Band.
> Images des Landes Landes de Gascogne 1932-1933
Photographies : Lotte Lucas-Beyer
Présentation : Jean Tucoo-Chala
Dax, Éditions Passiflore, 2025
ISBN : 978-2-37946-128-6