Die digitale Welt und die Politik

Kleck, Véronique,
Numérique & Cie. Sociétés en réseaux et gouvernance,
Editions Charles Léopold Mayer, Paris 2007.

Das Motto dieses Buches enthält ein Zitat von Jacques Robin aus der Gründungserklärung des VECAM 1, das die aktuellen Veränderungen unserer Gesellschaften nicht als Krise und auch nicht als dritte industrielle Revolution bezeichnet, sondern diese Veränderung als eine wahrhaftige Mutation, den Wechsel einer Ära und die Geburt einer neuen Zivilisation versteht. 1994 hatte Jacques Robin bereits. auf die sozialen Auswirkungen der Informations- und Kommunikations-technologien hingewiesen. Damals entstand das VECAM, das am Rande des G7 Gipfels in Brüssel im Februar 1995 den Journalisten vorgestellt wurde. In diesem Sinne enthält das vorliegende Buch ein Resümee und eine Bewertung der bisherigen Tätigkeit des VECAM und zugleich auch einen Ausblick vor allem auf die künftigen sozialen Implikationen der Informationstechnologien.

Kleck ist sich sicher, dass die technologische Revolution, die durch die Vernetzung vorangetrieben wird, unausweichlich tiefgreifende Auswirkungen auf die Politik und die Kultur haben wird. Auch wenn sie vor möglichen Fehlentwicklungen warnt, so ist sie sich zugleich auch über die Unabänderbarkeit diese Entwicklung bewußt. Sie setzt ihre Hoffnung auf das Entstehen neuer politischer Kulturen, die durch eine sinnvolle und zielgerichtete Anwendung der neuen Technologien unterstützt werden könnten.
Im ersten Teil untersucht sie den Wechsel einer Ära und gibt damit schon eine in vielen Passagen positiv gefärbte Beurteilung der Veränderungen der letzten zehn Jahre vor. Aber die Omnipräsenz der Bildschirme in allen ihren Größen und in allen Lebensbereichen vermittelt uns eine Veränderung unserer Weltsicht, die sich bereits auf unsere Kultur auswirkt. Digitale Netze verbreiten das Fernsehen, Radio und das Telefon. In dem Maße wie das Internet verschwindet, in dem es selbst eine Infrastruktur wird, der Nutzer immer online ist, stellen sich die drängenden Fragen nach der Wahrung persönlicher Identitäten. Die beeindruckenden Wachstumsraten des Internets täuschen nicht darüber hinweg, dass vor allem die multimedialen Inhalte, deren Produktionsweisen und dann die Verbreitung dieser Inhalte die eigentliche Revolution darstellen, für die das Internet kaum mehr als nur ein Träger ist.

Auf einigen Seiten umreißt Kleck das Problem der Kontrolle im oder des Internets. Bedenkt man, daß die Kommunikation ein entscheidendes Kennzeichen des Internets selbst ist, so ist jede Einschränkung des Internets oder eines Bereichs zugleich auch immer ein Angriff auf seine Essenz. In diesem Sinne können Staaten angesichts des prinzipiell gewünschten wirtschaftlichen Wachstums, dsa sich auch an den Zuwachsraten im Internet messen läßt, in eine Situation kommen, in der stärkere Kontrolle kontraproduktiv wirkt. Trotz aller Kritik an den Auswüchsen der weltumspannenden Kommunikation ergibt sich durch diese Beobachtung, eine Zuversicht in die Entwicklungschancen des Internets, der den Grundton dieses Buches bestimmt. Die neuen Internet-Anwendungen wie Blogs und das immer einfachere Veröffentlichen eigener Inhalte bestätigen diese Chancen. In diesem Zusammenhang erscheint auch der Begriff des „journalisme participatif“ (S. 44). Ob allerdings angesichts dieser Umwälzungen, folgt man Kleck die bisherigen Regeln bezüglich des geistigen Eigentums obsolet geworden sind, ist nicht einzusehen und darf nicht einfach hingenommen werden. Hier nimmt die Begeisterung angesichts der neuen digitalen Möglichkeiten überhand. Andererseits ist der Hinweis auf die Infragestellung der Vertrauenswürdigkeit von Informationen ernstzunehmen. (S. 44)

Kleck unterstreicht die Auswirkungen des Internets auf alle Lebensbereiche, wie soziale und kulturelle Fragen und vor allem auf die Arbeitswelt. Die Bemerkungen über die besonderen Bedeutungen und Entwicklungen des Begriffs der Information, die als Substitut der Energie verstanden wird, öffnet den Kommunikationstechnikern neue Welten. Historiker und Literaturwissenschaftler werden diese Neubewertung der Information, wie den Begriff der Informationsgesellschaft mit einer gewissen Zurückhaltung verfolgen, weil ihre Disziplinen schon immer der Austausch vieler Informationen jeder Art mehr als vertraut ist. Eine andere Annäherung an diesen Begriff, eine neue Bestimmung unter dem Aspekt der digitalen Technik verändert den Begriff nicht wesentlich, macht auch aus der Information kein Wissen und schon gar nicht eine Wissensgesellschaft.

Ob mit Hilfe der digitalen Technik immer mehr mit immer weniger menschlicher Arbeit produziert wird (S. 82) ist als Aussage nicht einleuchtend, wenn man bedenkt, daß der Personal Computer nicht nur Zeitersparnis, sondern auch, wie jeder weiß ein Zeitzerstörer ist. Computerprogramme mit ungeahnten Möglichkeiten werden nur zu einem Bruchteil genutzt, benötigen aber aufgrund des uns aufoktroyierten grafischen Looks ständig größere Speichermedien und immer schnellere Prozessoren mit immer neuem Installationsärger. Sätze wie diese „Nous sommes passés d’une production matérielle de biens en grande quantité (…) à une production de services et d’intelligence,“ sind geeignet, die gewünschte kritische Einstellung der Autorin vermissen zu lassen. Mit Recht weist sie auf die unbegrenzte Kopierbarkeit von Informationen hin, womit zugleich auch der Beliebigkeit das Wort geredet wird. In diesem Zusammenhang, wenn es um die Werte geht, die in der digitalen Welt gehandelt werden, dann muß auch die Aufmerksamkeit (Stichwort: Das Internet als „Aufmerksamkeitsökonomie“ – Axel Zerdick) als ein Gut betrachtet werden, das in der digitalen Welt rar und daher wertvoll ist.

Im Abschnitt „Liberté, sécurité et vie privée“ nennt Kleck die Gefahren der digitalen Welt mit ihren umfassenden Vernetzungen. Die Autorin ist sich der Gefahren bewußt, daß insbesondere staatliche Kontrolle mit Hilfe digitaler Techniken zu Auswüchsen führen können, sie läßt aber auch ihre Versuchung erkennen, Gefahren als Chancen zu begreifen. Reelle Risiken werden als „beträchtliche Chancen für die Verstärkung der Demokratie und der Zivilgesellschaft verstanden.“ (S. 82) Abgesehen von der an dieser Stelle notwendigen Überleitung zum zweiten Teil ihres Buches „Le renouveau de la politique“, leitet sie aus den möglicherweise negativen Folgen der Informationsrevolution ausdrücklich einen Boomerangeffekt ab, der aus der bedrückenden Übermacht der Technologie in der Wirtschaft eine neue Chance für die Politik macht. Die Bewertung dieser These ergibt sich aus ihrem zweiten Kapitel, das wiederum mit einem Ausschnitt aus den Gründungstexten des VECAM beginnt, und der dieses Buch zu einem Kommentar für die Arbeit der eigenen Organisation werden lässt.

Unsere digitalen Gesellschaften sind im Begriff eine neue Beziehung zur politischen Macht zu entwickeln. Der Begriff „digitale Gesellschaft“ ist mehr als gewöhnungsbedürftig. Einerseits ist die bereits allmächtige Vorherrschaft des Computers nicht mehr zu übersehen, andererseits ist der Beitrag des Computers zu einer Seminararbeit des Studenten einer geisteswissenschaftlichen Disziplin außer im mehr oder weniger feinen Layout seiner Arbeit nicht zu erkennen. Im Gegenteil, die Textverarbeitung raubt vielen die Konzentration auf einen zusammenhängenden Text, kann doch problemlos verbessert, gelöscht und eingefügt werden. Die Konzentration auf das Wesentliche wird von der PC-Technik nicht gelehrt und deshalb ist ihr Einzug in die Politik auch nicht unbedingt nur segensreich. Im Zusammenhang mit Internet und Politik ist der Begriff der Partizipation nicht weit, der die Politik 2.0 prägt. Der Satz „Le web a donc des vertus formatrices,“ (S. 108) hat etwas für sich, denn in der Tat bietet die Welt der Netze der Politik und den Medien neue Gestaltungsmöglichkeiten für ihren Dialog. Der Sender France24 ( > www.france-blog.info) lud am 22. April und 6. Mai 2007 an den beiden Wahlabenden der Präsidentschaftswahl Blogger aus verschiedenen Ländern in sein Studio nach Paris ein und demonstrierte mit der Wiedergabe ihrer Beiträge auf der eigenen Website, wie Kommentare von außen, der Observer, wie France24 die Blogger nannte, die eigene Berichterstattung ergänzte. Nicht nur im Internet präsent zu sein, sondern aktiv die Gestaltung der eigenen Rolle durch die Öffnung der eigenen Redaktion mitzugestalten, war ein interessantes Experiment, das eine neue Form der Berichterstattung, einen neuen Mix verschiedener Informationsformen ermöglichte.

Kleck stellt neue Bedingungen im politischen Raum fest. Auf der einen Seiten die traditionellen Akteure, die heute zunehmend ihre Legitimation verlieren, auf der anderen Seite soziale Bewegungen, die immer mehr den öffentlichen Raum bevölkern. Es wird zunehmend einfacher, Inhalte auf Websites wie Wikis oder Blogs einzustellen. Die Leichtigkeit, mit der eine immer größere Zahl von Usern Inhalte hinterlegen, verändern oder auch löschen können, wird gerne wie auch von Kleck als eine zunehmende Demokratisierung beschrieben: „l’écriture interactive ne cesse de se démocratiser et de se simplifier.“ (S. 119) Die Frage, ob die Demokratie dadurch gestärkt oder niveaumäßig verbessert wird, ist aber nicht leicht zu beantworten. Blogs (> www.blogopole.fr) können den Politikern in einer neuen Weise Erkenntnisse über die Befürchtungen und Wünsche der Bevölkerung vermitteln. Auch in den Blogs sieht Klerk ein Potential, das zu einer Konsolidierung der Demokratie beitragen könnte. Klerk bezeichnet die Mitarbeit bei Wikipedia als eine „collaboration intelligente“. Aber ein bisschen mehr Skepsis an dieser Stelle wäre angebracht. Ohne Zweifel gibt es gute Artikel in Wikipedia. Die fehlende Autorschaft der Artikel und die Vorgabe, dass das anonyme Kollektiv die Wahrheit und Richtigkeit für sich beanspruchen darf, entsprechen trotz aller Bemühungen vieler einzelner Autoren, die ständig falsche Einträge und Fehler korrigieren, nicht wissenschaftlichen Maßstäben.

Von einem unbedingten Vertrauen in die digitale Technik einerseits und der Aufwertung der mit ihren Mitteln ausgedrückten öffentlichen Meinung („l’opinion publique devient palpable…“ S. 149) ist es nur ein Schritt, um eine Veränderung der Legitimation festzustellen. Der schon 1996 genannte Begriff „gouvernance“ 2 (Roderick Rhodes), der auf die Entwicklung eines besseren Funktionierens des Staates und auf einen neuen Bezug zur Macht zielt, wird im folgenden von Kleck verwendet, um vor allem die Veränderung der Repräsentationsformen aufgrund der digitalen Möglichkeiten darzustellen. Die politischen Veränderungen führen dazu, daß nicht mehr die Mehrheit Legitimationen schafft, sondern diese kommen auch von der Expertise im Dienst der Gemeinschaft (la „capacité d’expertise et d’intelligence mises au profit de la communauté.“ S. 157) Ihre Schlußfolgerung, die Legitimation könne auch durch die Zahl oder durch die Qualität der Personen, die repräsentiert werden, entstehen, würde in der Tat zu einer neuen Art eines Regierungsmodus führen und ist nicht unbedingt einleuchtend.

Die „Zivilgesellschaft“ (S. 179 ff) rückt so in das Zentrum der Aufmerksamkeit und wurde auch als eigenes Thema auf dem „Sommet mondial sur la société de l’information“ (2002) behandelt. Wenn die alten Institutionen künftig die neuen Partner nicht berücksichtigen werden, rechnet Kleck mit einer Krise der Demokratie (S. 197). Sie fordert, dass alles getan werden müsse, damit eine möglichst große Zahl von Usern die Kultur dieser neuen Welt des Immateriellen, wie sie sie nennt, sich aneignen kann: „C’est l’unique voie pour définir les valeurs de nos sociétés numériques.“ (S. 200) Wettbewerb und der Konkurrenz genügen nicht mehr. Solidarität, Öffnung ein Verständnis dafür, dass sich ein pyramidenhafter Aufbau von Macht an Einfluss verliert um die Macht der Netze zu akzeptieren gehören für Kleck zu den neuen Werten des digitalen Zeitalters. Sie geht noch weiter, indem sie einen Bruch zwischen den Ideen der Aufklärung und der neuen Ära der politischen Ökologie konstatiert. Ihre Erklärung, der Mensch zu Zeiten der Aufklärung sei außerhalb der Natur gewesen, und nun sei er dank der neuen Entwicklungen innerhalb der Natur, entspricht ihrem Wunschdenken, die neuen digitalen Techniken mögen neue Ideen verbreiten und sie denen öffnen, die bisher an der Debatte nicht teilnehmen konnten.

Viele Kapitel dieses Buches eignen sich auch z. B. zur Lektüre in der Oberstufe, um aktuelle Probleme der Informations- und Kommunikationstechnik mit ihren Auswirkungen auf die Politik zu diskutieren. Kleck ist sich der Gefahren der digitalen Welt wohl bewußt. Zuweilen hat sie ein zu großes Vertrauen in den Begriff der Intelligenz der Masse und zieht daraus Schlussfolgerungen in Bezug auf die Politik, die diskutierbar sind. Ihr Verdienst ist es aber, Entwicklungslinien aufzuzeigen, die den Leser auch aufgrund der reichhaltigen Quellenangaben (S. 221-237 !) einen großen Spielraum zu eigenen Nachforschungen lassen, zu denen ihn dieses Buch nachhaltig anregt.

1) Vecam, veille européenne et citoyenne sur les autoroutes de l’information et le multimédia : > http://www.vecam.org/

2) Kleck zitiert den Artikel von Roderick Rhodes, The new governance : governing without government, in: Political Studies,vol. 44, 1996, S. 652: > ec.europa.eu/governance/index_fr.htm
© Heiner Wittmann, 2007. Jede Verwertung nur mit Zustimmung des Autors zulässig. Das gilt vor allem für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen

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