Die Bildschirm-Gesellschaft

Divina Frau-Meigs,
Penser la société de l’écran.
Dispositifs et usages
Les fondamentaux de la Sorbonne Nouvelle,
Paris: Presse Sorbonne Nouvelle, 2011.
141 S. ISBN: 978-2-87854-512-8

Noch ein Blick in das > Schaufenster des Verlags Sorbonne Nouvelle. Ein weiterer Zufallsfund! Das Buch von > Divina Frau-Meigs mit einer grundsätzlichen Untersuchung des kleinen leuchtenden Rechtecks, das uns seit einigen Jahren in allen möglichen Größen ständig in unserem Gesichtsfeld auftaucht, bunte flackernden Bilder, viel Grafik und meist wenig Text zeigt und ständig unsere Daten haben will. „Inoffensif en apparence, il détient pourtant le potentiel descriptif de détroner durablement la culture textuelle de la culture visuelle,“ steht auf dem Klappentext dieses Buches und Frau-Meigs meint nichts anderes als die immer ärgerlichere Entwicklung jedes Webangebots, ob es zu Hause oder mobil unterwegs gelesen wird. Außer den gewünschten Texten gibt es immer viele Grafiken und eine Bilderflut, die mit dem gesuchten Text nichts zu haben, aber ständig unserer Aufmerksamkeit erheischen wollen.

Frau-Maigs beginnt mit einer historischen Darstellung und zeigt die Entwicklung vom Fernseher zum Computerbildschirm und demonstriert dabei die Eigenheiten, die das Medium hinsichtlich der Bilddarstellung für sich reklamiert.

Das Thema des zweiten Kapitel ist die Unterwerfung des Bildschirms unter die Konsumzwänge. Daraus entwickelt sie geschickt das dritte Kapitel „Imachiner une techno-logique – mit Lumanns Worten, > Das Medium ist die Massage. Im vierten Kapitel vertieft sie diese Ansätze und erläutert die Bildersprache, die der Bildschirm provoziert. Im fünften Kapitel analysiert sie die Auswirkungen auf die Zuschauer: Du citoyen au netoyen. (S. 111) oder De l’ouvrier au metayer (S.115). Ihre Anmerkungen zu > Blogs und Bloggern (der Autor dieser Zeilen ist auch einer) sind knapp, bündig und genau zutreffend. Blogs werden von den Medien imitiert. Frau-Meigs weiß aber auch, dass zum Beispiel bei Blogs die Technik weniger eine Veränderung der politischen Kultur bewirkt, sondern vor allem die Praxis der journalistischen Arbeit modifizieren wird.

Im Kern enthält ihr Buch alle Themen, die auch in den Schulen zu einem Fach Medienkunde gehören müssten, die die Autorin in ihrer Schlussbemerkung (S. 128) mit Nachdruck fordert. Früher lasen die S-Bahn-Reisenden ihre Zeitung, heute haben sie einen Knopf im Ohr und wischen mit dem Finger dauernd oft gelangweilt über die Oberfläche ihres Smartphones und lassen sich wie vor dem Fernseher mit Inhalten aller Art berieseln. Immer neue Apps werden geladen, die Kommunikation wird durch die Gewöhnung an SMS auf einige schnelle Bemerkungen reduziert.

Frau-Maigs nüchterne Art, die Geschichte und eine Art Phänomenologie des kleinen Bildschirms zu präsentieren, der sich zwischen uns und die Lebensrealität geschoben hat, ist sehr lesenwert, aber auch ein wenig nüchtern geschrieben. Sie hat auch die virtuelle Welt im Blick, auch wenn deren Gefahren und Abgründe nicht zum Thema ihres Buches gehören.

Das Kapitel „Navigation et posture interactive sur les réseaux“ (S. 101-104) ist beispielhaft für ihre Unterschung, die sich hier u.a. auf sozile Netzwerke wie Facebook, wozu Frau-Meigs sich auch im > Nouvel Observateur geäußert hat, konzentriert. Im interaktiven Modus wird der Bildschirm zum Vermittler und das Bld bekommt eine neue sehr komplexe Rolle: „Cette interaction ne relève pas d’une simple manipulation de scripts et de schèmes, mais au contraire d’une morphogenèse, qui s’ancre entre communication et corporéité, entre méditation et commutation.“ (S. 103) Dieser Ansatz geht weit aber weit über Frau-Meigs hier vorliegende Untersuchung hinaus. Eine erschöpfende Darstellung dieser Frage ist von ihr auch nicht beabsichtigt, aber sie weist die Richtung, und es lohnt sich, Kapitel 4 und 5 besonders genau zu lesen. Autoren künftiger Untersuchungen, zum Beispiel über die sozialen Netzwerke wie > Facebook finden in diesem Buch systematische Grundlagen für ihre Forschungen. Facebook erzieht seine Teilnehmer zu allen möglichen Aktivitäten und lässt sie nebenbei ein wenig kommunizieren, nur damit sie noch mehr persönliche Daten in das Werbesparschwein von Facebook schütten. „La médiatisation a révélé la dimenscion contrôlante et enveloppante de la représenation à l’écran et son impact sur la preformance et l’engagement du sujet,“ (S. 105) schreibt Frau-Meigs. Klar und präzise. Man wollte kommunizieren, mal eben so, aber man wid sofort auf dem öffentlichen virtuellen Platz gezerrt, kontrolliert, kann sowieso nur das machen, was alle anderen auch machen, ein Ausbrechen ist gar nicht vorgesehen und so kann Frau Meigs auch auf den Unterschied zwischen „usage planifié et usage effectif“ (ib.) hinwiesen. Früher bewirkte der TV-Schirm was in uns, und alle hatten sich gewünscht, endlich auch einmal aktiv werden zu können, statt immer nur gelangweilt vor dem Kasten sitzen zu müssen. Heute ist eigenes Engagement nur mit eigenen Websites und Blogs o.ä. möglich, alle anderen Web 2.0 Angebote spielen mit uns und unseren Daten. Die Gefahr, dass sich die Daten verselbstständigen und woanders wieder auftauchen, wird immer größer. Das Einrichten eines Facebook-Profils spricht Bände: Man richtet nicht ein, man schließt in einem neuen Profil aus, was Facebook default-mäßig alles mit unseren Daten machen will: „… l’utilisateur sent qu’il est guidé par une intentionnalité incarné par un autre sujet,“ bestätigt Frau-Meigs ohne Umschweife und beweist damit, dass die nüchterne wissenschaftliche Analyse eben doch immer um Kern des Problems vordringt.

Eine Bibliographe und eine Sitographie ergänzen ihr Buch.

> Divina Frau-Meigs ist Professorin für Anglistik an der Universität Sorbonne.

Heiner Wittmann
> Valérie Robert sur le site d’actualité des médias erwanngaucher.com
Entretien mené par Erwann Gaucher le 21/02/2012

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