Rezension: I.-M. D’Aprile u.a. (Hg.), Ressourcen der Aufklärung, 50 Probebohrungen ins 18. Jahrhundert, Göttingen: Wallstein-Verlag 2025
2025 haben Iwan-Michelangelo D’Aprile, Annette Meyer und Vanessa de Senarclens einen bemerkenswerten Band mit „50 Probebohrungen ins 18. Jahrhundert“ unter dem Titel > Ressourcen der Aufklärung vorgelegt. Eine Pflichtlektüre für alle Studenten, die sich in irgendeiner Art und Weise mit dem Zeitalter der Aufklärung beschäftigen. Allen 50 Autoren ist es bestens gelungen, weit mehr als nur 50 Aspekte der Aufklärung von der Literatur, über die Philosophie, die Religion, der Buchdruckkunst unter allen ihren Aspekten, Gesellschaftskritik, Kunst, Musik, Dichtung, Ökologie, Menschenrechte, Naturschutz, Geschichte, Gesundheit und Naturwissenschaften aufzudecken.
Jeder Interessent wird sicherlich die Aufsätze zu seinem Fachgebiet lesen, aber das ganze Buch verführt ständig zum Weiterlesen und allen 50 Autorinnen und Autoren ist es gemeinsam gelungen, eine Kulturgeschichte der Aufklärung zu verfassen, mit der leicht gezeigt werden kann, dass das Herausgreifen einzelner Aspekte der Epoche ihr kaum gerecht werden kann. Es ist die gemeinsame Leistung aller 50 Beiträgerinnen und Beiträger das Zeitalter der Aufklärung bis in die hintersten Ecken sorgfältig ausgeleuchtet zu haben.
Einige Beiträge sollen hier das Prinzip dieses Bandes zeigen. Die Auswahl scheint auf den ersten Blick zufällig, bei näherem Hinsehen ist die Abfolge der Beiträge sehr wohl aufeinander abgestimmt und es ergibt sich selbstverständlich eine Auffächerung der Epoche der Aufklärung, ganz so wie eine einzelne Monographie gar nicht imstande wäre sie vorzutragen. Jeder Beitrag ist zwischen 5-10 Seiten lang und jeder fordert nicht nur indirekt zum Weiterlesen auf.
Den Auftakt macht Richard Bourke mit einer Überlegung über die Antwort auf Kants Frage Was ist Aufklärung? (1784), die zu einem „Prozess de intellektuellen Befreiung“ (S. 19) führt. Sein Artikel wird durch eine Reihe genauso grundlegender Beobachtungen ergänzt, wie z. B. im Beitrag von Gideon Stiening, der „Zureichende GRÜNDE“ anhand von Gottfried Wilhelm Leibnizens „Theodizee“ untersucht, eines der „meistgelesenen Bücher(…) des 18. Jahrhunderts.“ (S. 152) Es geht dabei um „das ‚Principium rationis sufficientis‘ als Fundament der Aufklärung“, wie es im Untertitel heißt. Das Zeitalter der Aufklärung wurde auch durch die Rezensenten befördert. Alexander Košenina „Die Epoche der KRITIKER“ hat diesen Aspekt mit wertvollen Anregungen zum Weiterforschen untersucht. Der Beitrag von Achim Vesper „SELBSTDENKEN vor Kant“ gehört auch dazu.
Stephanie Stockhorst erinnert an die Wertheimer Bibel von Johann-Lorenz Schmidt (1702-1749). Daniel Fulda hat sich mit Hans Fürstenberg und seinen Buchsammlungen beschäftigt. Barbara Vinken berichtet über die Marquise de Merreuil, die zur größten Libertine des Jahrhunderts wird: Choderlos de Laclos hat ihr in den „Liaisons dangereuses“ eine unvergleichliches Denkmal gesetzt. Sylke Kaufmann weist auf die Erfolge von Johnna Dorothea Sysang und ihre „Karriere als KÜNSTLERIN“ hin.
Dazu kommt dann Bezug zur Gegenwart, so wie auch andere Aufsätze das Erbe der Aufklärung aus heutiger Perspektive evaluieren. Vanessa de Senarclens nennt ihre spannenden Parallelen zwischen der Tagebüchern von Victor Klemperer (1933-1945) und der Aufklärung „Exil im 18. Jahrhundert“. Wolfgang Schmale vergleicht das Zeitalter der Aufklärung mit dem des Digitalzeitalters, das uns neue Ketten anlegt und uns mit „Künstlicher Intelligenz“ wahre Wunderdinge vorgaukeln will, viel Hype um nichts.
Vincenzo Ferrone Hat den Titel seines Beitrags geschickt formuliert: „Das MENSCHENRECHT der Aufklärung. Viel mehr als ein bloße Bilanz, eine Verpflichtung.“ „Naturschutz anno 1761“ präsentiert uns Jana Kittelmann. „ÖKOLOGISCHE AUFKLÄRUNG“ von Corinne Pelluchon gehört auch dazu.
Manche glauben ja, man finde alles im Internet, wie der so geschickte schnelle Griff zum Handy das immer wieder belegen soll. Weit gefehlt. Christian Filips hat einen Archivbesuch bei der gesungenen Aufklärung unternommen: „Denkende NOTEN“.
Anita Hosseini zeigt uns, was uns heute das Bild von Nicolas de Largillière (zugeschrieben) mit der Ankunft der persischen Gesandten in Versailles 1715 über das neue heranbrechende Zeitalter verraten kann. Jeder Buchleser wird den Artikel von Carlos Spoerhase „Ressource DRUCKBOGEN“ mit großer Aufmerksamkeit lesen. Sein Aufsatz gehört in die Reihe derjenigen, die den Prozess der Aufklärung mittels der Medien beleuchten. Dazu zählt auch die Literaturgeschichte: Nicholas Cronk stellt die Oxforder Voltaire-Edition (1968-2022) vor. „Voltaire als GEGENGIFT“ lautet die Überschrift von Antoine Liltis Beitrag zu „Julien Bendas Vorwort zum ‚Dictionnaire philosophique‘ von 1963. Albrecht Schönes Beitrag „Unser LEHRER Lichtenberg“ ist ein gelungener Ansporn, Lichtenberg endlich wieder zu lesen. Schöne Urteilt über des Mathematikers Lichtenbergs prinzipielle Gewohnheit, Dinge anzuzweifeln: „Es geht da auch gar nicht nur um reine Mathematik in dem Sinn, dass überhaupt alles einfach Behauptete und Geglaubte, Eingefahrene und Gängige, ungeprüft Fortgesetzte und gedankenlos Weitergewurschelte ins Säurebad des Zweifels gehört. “ (S. 207)
Viele Artikel demonstrieren die Aufklärung aus einem historischen Blickwinkel: „RADIKALITÄT in Handschriften“: „Die Marchand-Manusktipte und die klandestine Aufklärung“ von Margaret C.Jabok. Oder den Austausch zwischen den Mächtigen und den Literaten… wer war wohl mächtiger? Christiane Mervaud: „Asthetische REGIERUNGSBERATUNG“ „Der Friedrich II. gewidmete Artikel „Arts, Beaux-Arts“ in der ‚Questins sur l’Encyclopédie‘ von Voltaire.
Hans-Jürgen Lüsebrink zeigt mit seinem Beitrag „ENZYKLOPÄDISMUS, Wissenskritik“ die „Transkulturalität der Aufklärungsbewegung und ihre Aktualität“. Aus Leipzig stammte Christina Marina von Ziegler. Astrid Dröse nennt den Beitrag zu ihrem Wirken. „FRAUEN in Edelmetall. Weibliche Aufklärung als publizistisches Ereignis“. Marin Mulsow erinnert an David Graeber (das Video zur Erinnerung an unser Gespräch am 8. April 2016), der mit seinen Arbeiten eine „Entkolonisierung der Aufklärung“ versuchte. Messan Tossa „Aufklärung und KOLONIALISMUSKRITIK“ vertieft dieses Thema. Meike Wagner verrät in „GESELLIGKEIT in Stiefeln“, wieso Stiefel auf der Bühne ein No-Go sind. Neue Zeiten bringen auch neue Gesundheitsapparate hervor: so das „Trémoussoir“ des Abbé de Saint-Pierre, das Helga Meise beschreibt.
Wo Dunkelheit herrscht, braucht man Licht: „Lesen im Dunkeln“, wie technischer Fortschritt und Leverhalten voneinanderabhängen zeigt Chrstine Haug.
Das Buch schafft ein neues Genre im Rahmen der wissenschaftlichen Literatur, die sich thematisch, wie auch zeitlich in multiperspektivischer Weise einer Epoche nähert: „Epochenstudien“ ? Unsere Redaktion sucht noch ein Wort, eine treffende Bezeichnung, die dem das dem Glanz des Vorhabens des hier besprochenen Buches über die Aufklärung gerecht wird, so dass man mit diesem Genrebegriff z. B. eine ganz ähnlich aufgebaute Studiensammlung z. b. über die französische Revolution vorschlagen könnte. Die hier vor Studien haben den Vorteil, so viele verschieden Aspekte der Aufklärung zu nennen und zugleich ihre Evaluation im Verhältnis zu allen anderen Themen wie auch im Zeitablauf zur Analyse vorzuschlagen.Über allen Beiträgen schwebt aber der unablässige Ansporn, sich die Epoche der Aufklärung als einen großen Aufbruch zu begreifen, der sich schon in den Anfängen selbst evaluierte, korrigierte und ergänzte. Auf diese Weise decken alle Autoren zusammen, die Antriebskräfte dieser Epoche auf, die sie alle in ihren Studien so präzise dokumentiert haben. In diesem Sinne ist diese Studiensammlung manch dicker Monographie überlegen. Vielleicht hätte unsere Redaktion die Artikel anders angeordnet, dann wäre aber der Anreiz zum Entdecken neuer Themen verlorengegangen. Also bleibt es beim uneingeschränkten Lob für alle und alles in diesem Band.
Iwan-Michelangelo D’Aprile, Annette Meyer, Vanessa de Senarclens (Hg.),
> Ressourcen der Aufklärung
50 Probebohrungen ins 18. Jahrhundert
Wallstein-Verlag: Göttingen 2025
434 S., 58 z.T. farb. Abb., geb., Schutzumschlag, 14 x 22,2 cm
ISBN 978-3-8353-5882-9