Dominique Berthet, L’audace en art


Dominique Berthet, (Hrsg.), L’audace en art, Ed. L’Harmattan, Paris, Budapest, Turin 2005. 183 Seiten. EUR 16.50 ISBN 2-7475 -8890-4

Die Aufsätze in diesem Band enthalten die Vorträge einer Tagung, die im Dezember 2002 im Centre d’Études et de Recherches en Esthétique et Arts Plastiques (CEREP) auf Guadeloupe stattfand. Mit den Konferenzen dieser Art setzt Berthet die Themen fort, die in seiner Zeitschrift Recherches en Esthétiques untersucht werden. Die Tagung Audace bezog sich auf die N° 8 dieser Zeitschrift mit dem gleichnamigen Untertitel vom Oktober 2002.

Die Überlegungen zur Kunst, die von den Autoren in diesem Band vorgetragen werden, bezieihen sich auf alle Gebiete der Künste: Plastik, Architektur, Musik, Literatur, Ästhetik und Philosophie. Außerdem soll der Wagemut in der Kunst in verschiedenen Epochen untersucht werden. Außer der Begriffsbestimmung des Wagemuts geht es auch um das Neue in der Kunst, nämlich die Art und Weise in welchem Ausdrucksrahmen, etwas gewagt, kritisiert, ja gestört werden kann. Es geht auch darum, wie eine Unordnung als „Überlebensstrategie“ (Guy Scarpetta) provoziert wird. Der Wagemut bezieht sich aber immer auf seine eigene Epoche, in der Kunst als ein besonderes Wagnis erscheint, in einer anderen Epoche ist sie möglicherweise bloß Banalität. Aber auch als Wagnis in, dem sie die Konformisten herausfordert zieht sie Kritik und Verurteilungen auf sich. Diese Überlegungen bilden den Rahmen für diesen Band. Die unterschiedlichen Positionen der Beiträge untersuchen gemeinsam das Potential, das der Wagmut in seinen unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen bieten kann.

Dominique Berthet beschreibt den Wagmut als eine Geisteshaltung, die sich einerseits im Kunstwerk als eine Gefahr auch für den Künstler darstellen kann und die andererseits auch das Verhältnis von Werk und Rezipienten beeinflussen kann. Im Grunde genommen geht es hier auch um die Frage, wie kommt das Neue in die Welt, welchen Anteil kommt dabei den Künstlern und ihren Werken zu? Wie gelingt es Künstlern, sich von herrschenden Normen zu distanzieren und durch die Darstellung auch bekannter Formen auf dem Weg ihrer künstlerischen Umgestaltung ihren Rezipienten neue Betrachtungsweisen zu suggerieren? Jean-Paul Sartre hat in seinen Künstlerporträts vor allem die Werke von Künstlern untersucht, die für Ihre Zeit etwas Neues gemacht haben und gegen viele Widerstände Erfolg hatten. Berthets Überlegungen zu Wagemut und Skandal zeigen ihre Zeitgebundenheit aber zugleich auch, wie beide die Weiterentwicklung der Kunst beeinflussen. Christian Bracy ist Künstler und lehrt am CEREAP. Er berichtet über die Kunstszene auf Guadeloupe mit ihren privaten Galerien, Kulturinstitutionen und dem Engagement der Künstler. Lise Brossard lehrt ebenfalls als Kunsthistorikerin am CEREAP. Sie konzentriert ihren Beitrag auf den Wagemut und die citation, also hier zunächst im Sinne einer Vorladung, die sie anhand zweier Werke von Errós La concubine de Lénine ( 1977) Und Komar & Melamid, The Origigin of Social Realism (1982-1983) untersucht. In beiden Werken geht es aber auch um Anspielungen, mit denen es diesen Künstlern gelingt, den Ort des Wagemuts genau zu verankern. Aline Dallier-Popper lehrte bis 1993 an der Universität Paris VIII. Sie zeigt in ihrem Beitrag anhand ganz unterschiedlicher Werke bis zu Happenings mit welchen Verfahren Grenzen in der Kunst und auch in der musealen Darstellung überschritten werden. Hugues Henri lehrt auch am CEREAP und fragt in seinem Aufsatz ob Paul Chemetov, ein rebellischer Architekt sei? Chemetov versteht seine Architektur als soziale Kunst. Dazu gehört auch die Galérie de l’èvolution des Naturkundemuseums in Paris. Sein Wagemut drückt sich in der Überzeugung aus, daß die Architektur der Moderne ein unabschließbarer Prozeß sei.

Jean-Louis Joachim ist Literaturwissenschaftler und unterrichtet auf den Antillen. Er berichtet über Pedro Juan Gutiérrez und dessen Beschreibungen Havannas. Giovanni Joppolo ist Kunsthistoriker und lehrte von 1981 in Paris und Lyon. Unter dem Titel L’audace, l’effort untersucht er untersucht er den Wagemut Tommaso Marinettis, Georgio De Chirico und Gino Severinis. Alain Joséphine ist Professor am CEREAP und fragt, ob die Musik James Carter eine Poetik des Wagemuts sei? Für Carter gilt die Situationsgebundenheit seiner Musik in besonderer Weise. Allein für sich genommen sei der Wagemut kein Wert, er beschreibt aber Haltungen, die aber auch ein permanenter Bestandteil des Kunstform als Form des Rätselhaften werden können. Hervé Pierre Lambert ist Literaturwissenschaftler und berichtet über La Ruptura, einer Bewegung in Mexiko von 1952-1965, die ihren Namen erst durch eine Ausstellung mit diesem Namen 1988 Kunstmuseum Musée Carillo Gil erhielt. Es ging um Künstler, die sich in diesen Jahren gegen die herrschende Staatsideologie gewandt hatten. Die Bezeichnung wird durch Künstler, die zu dieser Bewegung gezählt werden, in Frage gestellt. Lambert analysiert auf diese Weise, wie eine Kunstform in ihren unterschiedlichen Ausprägungen in einem bestimmten Zeitraum auch von offizieller Seite verstanden wird und wie der Versuch unternommen wird, dies Künstler durch die Präsentation im Museum einen Ort in der Kunstgeschichte zu geben. Frank Popper hat Kunst, Literatur und Geschichte studiert. Er leitete das Kunsthistorische Seminar der Universität ParisVIII von 1970-1983. Er hat zahlreiche Ausstellungen organisiert. Popper stellt u.a. die Arbeiten mit Laser von Dani Karavan, die Holographie von Dieter Jung (Berlin) und des Japaners Katsuhiro Yamagushi vor. Fabienne Pourtein (Universität Lyon II) wie das Créole die Politik und die Kultur geprägt hat. Der Begriff der créolisations (Eduard Glissant) kann dazu beitragen, die gesellschaftliche Entwicklungen auf den Antillen näher zu beschreiben, deren Fähigkeit, kreative Kapazitäten eben auch im Bereich der Kunst unterschätzt wird. Claudine Roméo lehrt Ästhetik an der Universität Paris I. Sie erinnert an die Arbeiten Pierre Bourdieus zur Kunstsoziologie. Jocelyn Valton berichtet über den Streit, den eine Ausstellung anläßlich des 150. Jahrestages der Abschaffung der Sklaverei im Kulturzentrum Rémy Nainsouta in Pointe-à-Pitre ausgelöst hat.

Die Vielfalt der hier vorgestellten Kunstwerke vermittelt einen interessanten Einblick in die Kunstszene auf Guadeloupe und zeigt so an konkreten Beispielen ein theoretisches Problem der Kunst auf, nämlich wie in bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhängen neue Kunstströmungen entstehen und wirken. Dabei werden aber auch Ansätze erkennbar, wie der Wagemut in der Kunst permanente Aspekte erhalten kann. Es ist das Verdienst von Dominique Berthet, die Themenhefte seiner Zeitschrift geschickt durch Kolloquien und Tagungen zu vertiefen. Auf diese Weise werden einzelne Kunstwerke mit anderen Werke in Verbindung gebracht und Berthets vielfältige Ansätze dienen auch der Theoriebildung in ausgesuchten Themenbereichen, wodurch es ihm immer wieder gelingt, die unterschiedlichsten Ansätze zu kanalisieren und auf den Punkt zu bringen.

Heiner Wittmann

Links zum Buch Sartre und die Kunst
Sartre-Gesellschaft
Bibliographie

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