Rezension: Rainer Mühlhoff, Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus

french german 

> www.rainermuehlhoff.de

Rainer Mühlhoff,
Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus
Ditzingen: Reclam 9/2025

Lesebericht und Nachgefragt: Michael Wildenhain, »Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz«

In einer neuen Reihe von Klett-Cotta ist 2024 der Band von Michael Wildenhain, »Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz«, erschienen.

Inmitten des unendlichen Stroms so vieler Artikel überall in den Medien, die das jüngste Aufblühen der Künstlichen Intelligenz rühmen und wahre Wunderdinge voraussagen, ist es wohltuend, dass Michael Wildenhain uns zunächst mit Goethes Homunculus und Mary Shelleys Frankenstein an das Verhältnis von menschlicher zu künstlicher Intelligenz erinnert.

Wir wissen gar nicht genau bis in die letzten Details, wie das menschliche Gehirn funktioniert, aber die Anhänger der KI geben vor, es bald nachbauen zu können. Schon lassen sich Studierende ihre Seminar- und Abschlussarbeiten mit der sogenannten KI („ein > Oxymoron“ Éric Sadin) schreiben und generieren Bibliographien, die oft auf Halluzinationen der KI beruhen.

Der große Vorzug dieser knappen, präzisen und gelungenen Darstellung von Wildenhain ist die Erinnerung an die Geschichte der KI-Entwicklung im 20. Jahrhundert, zu der die ungeheure Zunahme der Rechenleistung, der Speicherkapazitäten und damit die immer größere Zahl von Texten gehören, mit denen ChatGPT trainiert werden kann. Man kann es aber drehen und wenden, wie man will, die „Entwicklung einer starken KI steht hingegen nach wie vor aus.“ (S. 25). Mit anderen Worten, ChatGPT kann viel, aber nur das, was man ihm in Form von Inhalten und Algorithmen gesagt hat, wie man es trainiert hat, der Rest wird dazu halluziniert. Emotionen sind für diese „KI“ ein Fremdwort.

Punktuelle Erfolge wie Siege im Schachspiel sind eher nach Hubert L. Dreyfus eine Frage der Rechenleistung und der Algorithmen denn des in der KI nicht vorhandenen Intellekts. (vgl. S. 37) Das gilt auch für „Situationen“ und ganz allgemein den Kontexten, die die „KI“ nicht erfassen kann. Sie versteht ihre Programmierung, ihre Algorithmen, soweit ihr gesagt wird, was das ist und wie sie sie einsetzen soll. (vgl. S. 49 f.)

Der Vergleich zwischen Gehirn und Maschine ist besonders erhellend: „Das Gehirn ist hingegen kein logisch-kausales System.“ (S. 55) Es ist schlicht nicht geeignet, in 0 und 1 übersetzt zu werden. Es gibt im Gehirn keinen Prozess, der einem Digitalcomputer äquivalent wäre. (vgl. S. 55) Ganz abgesehen davon, dass wir über das Zusammenspiel von Neuronen und Arealen im Gehirn noch gar nichts wissen. (vgl. S. 56)

Dieter Mersch,
Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik
Köln: Herbert von Halem Verlag, 2025
ISBN 978-3-86962-709-0

Ohne Zweifel haben alle von Wildenhain zitierten Wissenschaftler Bedeutendes geleistet und dennoch erscheint es so, als wenn heute die Begeisterung über die KI und ChatGPT deren Grenzen ganz einfach ignoriert und die Aspekte, die in der Forschung kritisch betrachtet wurden, verschwiegen werden. Heute stellt man die Frage, ob die neue KI mit ChatGPT auch gefährlich werden könne? Wildenhain unterstreicht in einer Antwort einen bisher wenig beachteten Aspekt, der sich aber logisch aus der bisher eher vorbehaltlosen Begeisterung über die Perspektiven von ChatGPT ergibt: “… eine KI (oder Software) wird zur Agentin einer sich umgreifenden Abstumpfung der Menschheit, die sich durch den zunehmenden Rückzug aus der Wirklichkeit und den realen sozialen Beziehungen mit großer Wahrscheinlichkeit ergeben wird.“ (S. 73)

ChatGPT habe kein Faktenwissen (vgl. S. 75): „Sie (i.e. die Maschine) lebt, anders als der Mensch, nicht in der Welt.“ (S. 78) Ihre Reproduktionen orientieren sich nur an Vorhandenem, sie kann nur mit mutmaßlichen Folgewörtern arbeiten, aber nicht mit einer Imagination: „Von der KI zu sprechen ist, alles in allem, unsinnig.“ (S. 77) So wie es mit 1 und 0 jongliert hat das „kaum etwas mit den Spielarten von Intention zu tun, die der Mensch im Verlauf der Evolution ausgebildet hat …“ (S. 78)

Wenn die Studentin sich für ein Stipendium bewirbt und ihrem Antrag eine Bibliographie beifügt, kann sie froh sein, wenn der Dozent stutzig wird und sie nach der Quelle der bibliographischen Angaben fragt. Ja, sie habe bei ChatGPT nachgefragt, gibt die Studentin zu. Und wenn der Dozent ihr dann den Begriff Halluzination erklärt, wird die Studentin verstanden haben, dass sie den Antrag nicht einzureichen braucht. Ebenso verhält es sich mit den vielen Texten, die Studierende sich von der KI erstellen lassen. Die Verwendung von Gemeinplätzen, falschen Einschätzungen, fehlende oder falsche Literaturangaben müssten ihre Dozierenden misstrauisch machen.

Es ist klar, dass ChatGPT von Imagination, Emotionen und Faktenwissen nichts sagen will und hingegen die große Menge seiner Informationen hervorhebt und dabei den Unterschied zwischen Informationen und Wissen geflissentlich übergeht. Aber in der Zusammenfassung erscheinen dann doch plötzlich „komplexe kreative Aufgaben, emotionale Intelligenz, soziale Interaktionen“. Dozierende werden merken, dass die Zusammenfassung etwas nennt, was in der Herleitung der Argumente nicht genannt wird. Also das wird bitte noch einmal überarbeitet:

Prompt: „Wieso ist ChatgGPT dem menschlichen Gehirn so weit überlegen?“

ChatGPT: „Die Überlegenheit von ChatGPT gegenüber dem menschlichen Gehirn ist ein komplexes Thema und kann nicht einfach auf eine einzige Erklärung reduziert werden. Hier sind einige Gründe, warum ChatGPT in bestimmten Bereichen als überlegen angesehen werden kann:

Speicher- und Verarbeitungskapazität: ChatGPT verfügt über eine enorme Speicher- und Verarbeitungskapazität, die es ihm ermöglicht, große Mengen an Informationen zu verarbeiten und auf sie zuzugreifen. Im Gegensatz dazu hat das menschliche Gehirn zwar eine beeindruckende Verarbeitungsgeschwindigkeit, aber es hat begrenztere Speicherfähigkeiten und kann nicht auf die riesigen Datenmengen zugreifen, die ChatGPT kann.

Zugriff auf Informationen: ChatGPT kann auf eine breite Palette von Informationen zugreifen, die im Internet verfügbar sind, sowie auf das Wissen, das ihm während seines Trainings vermittelt wurde. Das menschliche Gehirn hat zwar die Fähigkeit, neues Wissen zu erlernen und zu speichern, aber es ist begrenzt durch die Zeit und die begrenzten Erfahrungen eines einzelnen Menschen.

Konsistenz und Präzision: ChatGPT kann Aufgaben mit hoher Konsistenz und Präzision ausführen, ohne von Müdigkeit oder anderen menschlichen Einschränkungen beeinträchtigt zu werden. Menschen können dazu neigen, Fehler zu machen oder ungenau zu sein, insbesondere bei langwierigen oder wiederholten Aufgaben.
Anpassungsfähigkeit und Lernfähigkeit: ChatGPT kann kontinuierlich aus neuen Daten und Erfahrungen lernen und seine Leistung verbessern, während das menschliche Gehirn möglicherweise nicht so schnell lernen kann oder möglicherweise in bestimmten Bereichen weniger anpassungsfähig ist.

Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass das menschliche Gehirn weiterhin in vielen Bereichen überlegen ist, insbesondere in Bezug auf komplexe kreative Aufgaben, emotionale Intelligenz, soziale Interaktionen und viele andere Aspekte des menschlichen Lebens. ChatGPT und ähnliche KI-Systeme sind leistungsfähige Werkzeuge, aber sie sind nicht in der Lage, die Fülle der Fähigkeiten und Eigenschaften des menschlichen Gehirns zu replizieren.“

Mit diesem Band erläutert Michael Wildenhain die historische Dimension um die KI, die in der aktuellen Diskussion kaum zur Sprache kommt. Auf diese Weise eröffnet er auch die Perspektive auf den Unterschied zwischen einer „schwachen KI“ und einer „starken KI“, deren jeweilige Vertreter sehr wohl um ihre Defizite wissen. Trotz aller Aufbruchstimmung gibt es immer noch zu viele ungelöste Probleme. Wieso bedienen sich die Hersteller dieser KI-Programme so ungestört an Inhalten aller Art? Natürlich wissen die Autorinnen und Autoren aller Webinhalte, dass, was einmal dem Web anvertraut wurde, als verloren gilt und zudem versuchen die Anbieter von KI mit immer neuen Bezahlmodellen aus ihren Angeboten Profit zu erhalten. Kein Wunder, dass jede Einmischung, die an den Leistungen der „KI“ zweifelt, nicht willkommen ist. Aber es bleibt dabei, nicht die Halluzinationen und Fehler der KI sind ihr größtes Manko, es ist die von Wildenhain angeführte „Abstumpfung der Menschheit, die sich durch den zunehmenden Rückzug aus der Wirklichkeit“ (S. 73) äußert, die das eigentliche Problem darstellt.

Michael Wildenhain
Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz
Stuttgart: Cotta 2024
ISBN: 978-3-7681-9824-0

Die Falle der künstlichen Intelligenz – Rezension: Eric Sadin, Le Désert de nous-mêmes: Le tournant intellectuel et créatif de l’intelligence artificielle

french german 

Eric Sadin, Le Désert de nous-mêmes: Le tournant intellectuel et créatif de l’intelligence artificielle, Paris: L’Èchapée 2025.  19 €

> Die Beiträge unserer Redaktion zur KI – www.france-blog.info

Rezension: Susanne Greilich, Hans-Jürgen Lüsebrink (Eds.), Traduire l’encyclopédisme. Appropriations transnationales et pratiques de traduction de dictionaires encyclopédiques au Siècle des Lumières (1680–1800)

| The 31st Annual Meeting of the North American Sartre Society will take place October 23–24, 2026, as a “Virtual Zoom Conference” | Workshop zu Jean-Paul Sartres Cahiers pour une morale: 25.-27. September 2026 | Festival Rétif de la Bretonne 2026 in Sacy: Un entretien avec Christian Pythieu et la promenade littéraire | Künstliche Intelligenz |


2024 haben Susanne Greilich und Hans-Jürgen Lüsebrink die Ergebnisse einer Tagung, die in virtueller Form von der Universität Regensburg organisiert wurde, unter dem Titel Traduire l’encyclopédisme herausgegeben. Der Untertitel nennt den Umfang der hier vorgelegten Studien: „Appropriations transnationales et pratiques de traduction de dictionnaires encyclopédiques au Siècle des Lumières (1680–1800)“. Der Band ist in der Reihe der „Saarbrücker Beiträge zur vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft“ erschienen.

Der Katalog der Übersetzungen und ihre Analysen decken anhand vieler Beispiele „kulturelle Interdependenzen“ (S. 10) auf. So wird deutlich, dass Artikel der Encyclopédie von Diderot (vgl.   H. W. : Nachgefragt: Denis Diderot parle de l’Encyclopédie – www.france-blog.info, 15. November 2017 und H. W.,  Nachgefragt: Laurent Loty spricht über Denis Diderot – www.france-blog.info, 24. November 2013) und d’Alembert zu einem großen Teil auf das jesuitisch geprägten Dictionnaire de Trévoux zurückgehen. Tatsächlich ist die Übersetzung für die etwa 74000 Artikel eine wichtige Quelle und wurde dies wurde auch in ihren Artikeln „Traduction“ oder „Traducteur“ thematisiert. Überhaupt sorgten die Übersetzungen der Enzyklopädien für einen bemerkenswerten Wissenstransfer zwischen den Ländern. Clorinda Donato hat dafür im Titel ihres Beitrags mit „L’empowerment littéraire et linguistiqu de la nation dans les traductions espagnole et italienne du Dictionnaire de Grammaire et Littératur de l‘Enyclopédie méthodique“ eine interessante Bezeichnung gefunden. Und obendrein wird in mehreren Beiträgen gezeigt, dass die Übersetzung oft auch nur eine Vorbereitung für die Regionalisierung der Enzyklopädien war. Eine ganz besondere Aufmerksamkeit gilt der Rezeption der Encyclopédie in Russland, die Anguelina Vatcheva untersucht hat: „Le recueil Traductions de l’Enyclopédie, (1767) dans le cadre de la politique de Catherine II de Russie“. Die Auswahl der übersetzten Artikel erlaubt Aufschlüsse über die Rezeption des Lexikons in Russland.

Einen weiteren Aspekt beleuchtet Hanco Jürgens: „European encyclopaedias as a part of changing carousel: entries on India“. Hier wird anhand verschiedenen Enzyklopädien (Heinrich Zedler’s Universal Lexikon und der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert) auf spannende Weise Kulturrezeption unter verschiedenen Vorzeichen untersucht werden.

Mélanie Éphrème resümiert mit dem Titel ihres Beitrags sehr geschickt die Bedeutung der Enyclopédie für ein Naturwissenschaft: „Une science venue d’ailleurs: traduire la chimie pour l‘Encyclopédie„. Eigentlich ist das hier schon philologische Feinmechanik, mit der auch der Einfluss vieler Lexika (vgl. die Tabellen S. 114-116, S. 121-123) auf die Bewertung und Weiterentwicklung der Chemie untersucht werden kann. Malou Haine hat einen Korpus von über 500 Artikeln in der Encyclopédie zur Musik untersucht. Sie kann mit ihrer minutiösen Analyse bei Übersetzungen auch Textveränderungen nachweisen.

Die Tragweite des kulturellen Transfers geht über die bloße Übersetzungsarbeit weit hinaus. Dahinter wird ein transkultureller Wissenstransfer erkennbar, mit dem sich auch Strategien für nationale Selbstbestimmung herausbildeten. Den Autoren dieses Bandes gelingt es, mit vielen Belegen, die Mechanismen des kulturellen Transfers auf der Grundlage der Übersetzungen nachzuvollziehen und zu zeigen, wie auch in der Auseinandersetzung und Bewertung der Übersetzungsarbeit wissenschaftlicher Fortschritt entwickelt wird.

Pauline Pujo konzentriert sich auf den pädagogischen Bereich: „Encyclopédisme et traduction en contexte pédagogique au lycée de Joachimsthal à Berlin (1767-1799)“. Sie nennt sogar die Landesschule Porta (S. 151). Die Zusammenhänge zwischen Lexikon und Reform vermitteln bedeutsame Erkenntnisse über die Rezeption der Enzyklopädien.

Deutsch-französischer Kulturtransfer ist das Thema von Sylvie Le Moël: „Les sciences de l’Antiquité en abrégé entr France et Allemagne: enjeux transculturels de la traduction du Handbuch der klassischen Literatur de Johann Joachim Eschenburg par Carl Friedrich Cramer en l’an X de la République.“ Der folgende Aufsatz ist bei weitem keine bloße Spezialfrage, nimmt er doch ein Jahrhundert der Geschichte der Enzyklopädien unter einer zentralen Frage in den Blick: Carla Dalbeck erläutert „La genèse interculturelle de la ‚Nation. Transferts culturels d’un concept clé à l’exemple des dictionnaires encyclopédique 1750-1850“: Ihr Kapitel 4.1 „transferts intraculturels : le caractére national'“  und 3´4.2. ransferts interculturels : (contre-)modèles étrangers., 4.2.1 L’idéal de la Nation française“ verdienen besondere Aufmerksamkeit

Die beiden Herausgeber dieses Bandes berichten von den Untersuchungen, wie die Inhalte in den Enzyklopädien angeordnet werden, worauf sich in den letzten Jahren die Forschung konzentriert habe. Sie zeigen, wie Übersetzungen internationale Netzwerke schaffen. Vor allem spezialisierte Lexika erfuhren so mehr als nur indirekt einen Modernisierungsschub, vor allem auch weil es nicht bei Übersetzungen blieb, sondern „Verbesserungen“ eingefügt wurden. Man wird den berechtigten Eindruck gewinne, dass Lexika statt nur als Übersetzungsgrundlage zu diesen, auch Neubearbeitungen inspirierten.

Der Umgang des Korpus, den die Autoren dieses Bandes in den Blick nahmen, ist bemerkenswert: Über 70 Speziallexika von denen rund 200 Übersetzungen identifiziert wurden: > http://encyclopaedias.uni-regensburg.de Diese Datenbank kann nach > Autoren oder nach Titeln und Übersetzungen durchsucht werden. Die bibliographischen Einträge können in allen nur denkbaren Formaten exportiert werden. Hier wird der Forschung ein besonders wertvolles Gebiet eröffnet. Oft werden die direkten Links angegeben, unter denen der Band konsultiert werden kann.

Martine Groult systematisiert die Erkenntnisse dieser Tagung: „Traduire la connaissance de l‘Encyclopédie à  l‘Encyclopédie méthodique : le passage des articles aux traités.“ Sie untersucht, wie Charles Joseph Panckoucke die Encyclopédie vermarktete. Luigi Delia eränzt ihren Beitrag: „Les méatamorphoses de Jaucourt : les articles encyclopédiques du Chevalier pour le Code de l’humanité“ auf. Alain Cernuschi untersucht die Anteile von Jaucourt und De Felice: „L’encyclopédisme aux prises avec le mosaieu culturelle européenne de la seconde moitié du XVIIIe siècle : Jaucourt et de Felice à l’ouvrage.“ Jaucourt übersetzt weniger, sondern bereichert die Encyclopédie mit neuen Informationen. (vgl. S. 237)

Die Autoren dieses Bandes können auch belegen, dass italienische oder spanische Übersetzungen zu einem großen Teil auf französischen Ausgaben beruhen, während z. B. in den Niederlanden viel häufiger deutsche Lexika übersetzt wurden. Rückübersetzungen, Übersetzungskompilierungen, die also aus verschiedenen Lexika stammen, Synthetisierende Übersetzungen, also aus verschiedenen Lexika wurden ihre Inhalte zu einer Übersetzung zusammengefügt, bekommen in diesem Band eine besondere Aufmerksamkeit. Weitere Aufschlüsse verleihen Vorworte, Widmungen und Anmerkungen, mit den der Übersetzer zum Kommentator wird, was auch etwas mit der Regionalisierung, also der Anpassung der Texte an lokale Gegebenheiten zu tun hat. Die Herausgeber nennen dies „domestication nationale“ (S. 40) bei der die Übersetzer erfolgreich neue Rolle einnehmen. In gleicher Hinsicht ist es bemerkenswert, auf diese Weise ein „phénomène transgénérique“ (S. 41) bei der Entwicklung der Übersetzungen zu beobachten.

Insgesamt leistet dieser Band sehr erfolgreich einen Beitrag zur Erforschung der Lexika und ihrer internationalen Verbreitung im 18. Jahrhundert. Die Autoren gehrt der unbestreitbare verdienst, keineswegs nur Einzelfragen zu behandeln, sondern die Entwicklung in einem ganzen Jahrhundert im Blick zu haben und uns vorzustellen.

Susanne Greilich, Hans-Jürgen Lüsebrink (Hg.)
Traduire l’encyclopédisme
Appropriations transnationales et pratiques de traduction de dictionaires encyclopédiques au Siècle des Lumières (1680–1800)
Saarbrücker Beiträge zur vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft, Band: 95 Lumières (1680–1800)
Würzburg: Königshausen & Neumann 2024
ISBN: 978-3-8260-7915-3

31st Annual Meeting of the North American Sartre Society

| Workshop zu Jean-Paul Sartres Cahiers pour une morale: 25.-27. September 2026 | Festival Rétif de la Bretonne 2026 in Sacy: Un entretien avec Christian Pythieu et la promenade littéraire | Künstliche Intelligenz |

Unsere Redaktion nimmt an der folgenden Konferenz teil: laut dem vorläufigen Plan – Virtuelle Zoom-Konferenz am 2. Konferenztag, Samstag, 24. Oktober:

Heiner Wittmann – Rethinking Sartrean Studies in the Age of Artificial Intelligence
4:00-5:45pm Sessions G1 & G2
All of the conference times are Eastern Standard Time (EST) = GMT – 5 hours
Session G1: AI, Art, Literature, and Creativity
Moderator: N.N.

If you would like to attend but not be a presenter, you should register and choose „non presenting member of public“ (which is free).

The 31st conference of the North American Sartre Society will take place October 23–24, 2026, as a “Virtual Zoom Conference”:

Theme:  A.I., Virtual Worlds, and Digital Existentialism: > NASS 2026 Conference Schedule

  • How does artificial intelligence reshape our understanding of selfhood, agency, and responsibility?
  • What does “existence” mean when one’s social, emotional, and creative life is increasingly mediated by A.I. systems and platforms?
  • Do A.I.-generated personas and avatars challenge distinctions between authenticity and bad faith?
  • Can virtual worlds provide authentic forms of meaning, identity, and community, or are they structurally alienating?
  • How should we understand freedom and choice when algorithmic systems increasingly guide behaviors, desires, and commitments?
  • What ethical obligations do creators of A.I. and virtual worlds have toward users’ existential well-being and sense of meaning?

Keynote Speaker: Stefano Guelani

Title: Existential Immersion and Care in Virtual Worlds

Stefano Gualeni is a Full Professor at the Institute of Digital Games, University of Malta. His academic books include Virtual Worlds as Philosophical Tools (Palgrave, 2015), Virtual Existentialism (Palgrave Pivot, 2020, with Daniel Vella), and Fictional Games: A Philosophy of Worldbuilding and Imaginary Play (Bloomsbury, 2023, with Riccardo Fassone). Stefano’s games, essays and philosophical fictions can be found on his webpage at www.gua-le-ni.com

Stefano’s philosophical fictions include The Clouds: An Experiment in Theory-Fiction (Routledge, 2024), What We Owe the Dead (Set Margins‘, 2025), Scholar’s Codex (Tune and Fairweather, 2026), and Errata Corpora (Set Margins‘, forthcoming in 2027)

If youwould like to attend but not be a presenter, you should register and choose „non presenting member of public“ (which is free).

Rezension: Dieter Mersch, Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik

french german 

Dieter Mersch,
Kann KI Kunst? Eine ästhetische Kritik
Köln: Herbert von Halem Verlag, 2025
ISBN 978-3-86962-709-0

Bibliographie:

Lesebericht und Nachgefragt: Kolja Reichert, »Kann ich das auch? 50 Fragen an die Kunst« Stuttgart: Klett-Cotta 3/2024. – Aufgezeichnet von Heiner Wittmann

Rezension: Johanna Lea Korell, Maximilian Irion und Roland Ißler ChatGPT zur Textproduktion und -korrektur im Französischunterricht der Sekundarstufe II

Nachdem unsere Redaktion schon so viel über > KI im Französischunterricht aufgrund der eigenen Unerrichtserfahrung geschrieben hat, war die Neugier auf den Beitrag von Johanna Lea Korell, Maximilian Irion und Roland Ißler sehr groß: > ChatGPT zur Textproduktion und -korrektur im Französischunterricht der Sekundarstufe II – Unterrichtskonzeption und (video-)datenbasierte Befunde zu lernendenseitigen Bearbeitungs- und Reflexionsprozessen, in: > Lebende Sprachen. Zeitschrift für Interlinguale und interkulturelle Kommunikation. Themenheft /Special issue: „Kulturelle Missverständnisse im Spannungsfeld von Literatur und Linguistik“, 2025, Band 70, Heft 2, S. 538-563.

Die Erwartungen an die Segnungen der Künstlichen Intellgenz sind hoch und es ist immer noch nicht ausgemacht, ob sie vor allem von einem Hype, einer Modeerscheinung getragen werden, oder ob sich durch die KI eine signifikante Verbesserung von Lernerfolgen erzielen lassen.

Ähnlich wie bei meinem allerersten Versuch, mit Studenten 1995 das Lernen mit dem Computer zu untersuchen, in dem sie zuerst sich im Internet orientieren sollten und mich fragten, wonach man den suchen könnte, so geht es heute auch den Schülern, die in meinen Klassen Ihre Hausaufgaben von der KI anfertigen ließen und nur in Ausnahmefällen, die eingeübten Verfahren (Prompts) übernahmen und anwendeten. Ihnen fehlte einfach der Horizont, um die Möglichkeiten der KI auszuschöpfen. Der Einsatz von ChatGPT & Co. zielführend als Korrektor mit Lernerfolg einzusetzen, überzeugte sie nicht so recht, vor allem weil dadurch der Zeitaufwand für die Bearbeitung der Aufgabe viel größer wurde. Sie mussten erst erfahren, dass der Lernerfolg im Verhältnis zum Zeitaufwand noch stärker wachsen würde. Diese Beobachtung gilt auch für den Einsatz der KI im Unterricht. Der große Zeitaufwand, der dafür notwendig ist, sprengt jede Stunde, denn in einer Klasse mit 24 Schülern gibt es ein zu großes Ablenkungspotential durch die Vielzahl der Angebote und Verführungen auf dem Tablett. Sinnvoll wird die Arbeit mit der KI eigentlich nur, wenn wirklich jeder Schüler individuell mit der KI arbeiten kann, wobei die Aufgaben so gestellt werden müssen, dass eine Zusammenführung der Ergebnisse zu einem Resultat der Unterrichtsstunde möglich wird.

In dieser Situation kommt der eingangs hier genannte Aufsatz von Johanna Lea Korell, Maximilian Irion und Roland Ißler gerade im richtigen Moment und legt Lehrern sehr nützliche Überlegungen zur KI im Französischunterricht und Anregungen für die schülerzentrierte Anleitung, wie ChatGPT für die Verbesserung der eigenen Textproduktion genutzt werden kann, vor.

Die Autoren haben als Einleitung eine ausgewogene Betrachtung des Forschungsstan des zum KI-untertützten fremdsprachlichen Schreibens verfasst – fügen allerdings hinzu, dass es bisher eher nur bescheidene Ansätze gibt, diesen auch für den Französischunterricht zu untersuchen.  Zugleich wird deutlich, dass die Untersuchungen zu Deutsch und Englisch sich – wenn auch häufiger – oft nur auf einem quantitativ schmalen Grad bewegen. Bemerkenswert sind die grundlegenden theroretischen Anmerkungen zum fremdsprachlichen Schreiben und das dazu gehörige Kompetenzmodell (in Anlehnung an Brommer/Rzeat 2024, s. Literaturverzeichnis).

Aufgrund dieser Vorüberlegungen wird ein Forschungsansatz entwickelt, dessen Methodologie und empirischer Ansatz hier gut begründet wird. Um den Einsatz von ChatGPT in einer Klasse der gymnasialen Oberstufe in Hessen zu evaluieren, wird eine „videographische Unterrichtsbeobachtung“ gewählt und inszeniert, womit eine Vielzahl von Daten gewonnen wird. Zusätzlich werden Bildschirmaufnahmen hergestellt und die Ergebnisse, die Schüler mit ihren Eingaben erzielt haben, aufgezeichnet.

Das Thema der Unterrichts (mindestens -doppel-?) stunde lautet Glamping. Im Unterrichtsgespräch als Einstieg wird der Begriff „Gramping“ in Angrenzung zum „Camping“ geklärt, anschließend lesen die Schüler einen Text zum „Glamping“, fassen ihn zusammen und wenden dann verschiedene Prompts an, um den Wortschatz, den Stil und auch grammatische Fehler zu verbessern. Dabei verfeinern sie nach und nach ihre Prompts und erkennen dabei auch eine gewisse Beschränktheit der KI, die sich aus ihrer Funktionsweise ergibt, die unsere Redaktion als die Suche nach Wortnachbarwahrscheinlichkeiten bezeichnet hat, wie auch aus dem Oxymoron Künstliche Intelligenz ergibt.

Trotz aller Kritik an dem Hype um die KI, können mit dem hier vorgeschlagenen Einsatz der Ki im Unterricht bemerkenswerte Ergebnisse erzielt werden. Den Schülern gelingt es, ihre eigenen Texte mit Hilfe (richtig) gestellter Fragen an die KI zu verbessern, wobei sie die Grenzen der KI, also deren Vorschläge durchaus kritisch betrachten und sogar ablehnen. Sie seien mit den eigenen Texten zufriedener als mit den Vorschlägen der KI. Ein Schüler aus einer der drei Gruppen wird mit diesen Worten zitiert: „Es hat irgendwie nicht so Spaß gemacht im Vergleich zum eigenen Verfassen des Textes. Wir haben uns immer wieder die Ausgaben von der KI durchgelesen und waren eher genervt davon, dann war es wieder viel zu lang, dann zu kurz, dann hat es nicht gepasst. Es war wie mit einem Kind, dem man jeden einzelnen Schritt sagen muss. (G3, S1)“ (S. 556) Den Autoren fiel auf, dass im Unterricht die Schüler auch bei der Arbeit mit ChatGPT immer wieder den Kontakt mit dem Lehrer gesucht haben und sich nicht blindlings auf die Ki verlassen haben.

Die Autoren dieses Beitrags fügen hinzu, dass es sich um eine Lerngruppe mit fortgeschrittener fremdsprachlicher Kompetenz handelte, die bereits einen kritischen Umgang mit KI gewohnt war. Sie regen an, Untersuchungen mit mehr Teilnehmern und „interferenzstatistische Verfahren“ zu nutzen. Aber sie unterstreichen die Auffassung „…die Auswirkungen von KI-Anwendungen scheinen aktuell für den bisher (weniger KI-gestützten) Schreibprozess und das Schreibprodukt am erheblichsten zu sein (vgl. Athanassopoulos et al. 2023).“ (S. 559)

Die Autoreen fassen das Ergebnis so zusammen: Die Schreibzeit verlängert sich durch höhere Anforderungen an Prompting und Metakognition beim KI-gestützten Schreiben. Schreibaufgaben werden neu konzipiert und fokussieren stärker den Schreibprozess, das Prompting sowie die Evaluation von Texten. Der kritische Vergleich eigener und KI-generierter Texte fördert Sprachkompetenz, Reflexion und weiterführende Recherche. Die Rolle der Lehrkraft gewinnt an Bedeutung als Coach und Content-Kurator*in, ohne durch KI ersetzt zu werden.

Das Literaturverzeichnis zu diesem Beitrag S. 560-563 ist sehr nützlich, da in der PDF-Version alle Links zu Online-Angeboten angeklickt werden können.

Wie angedeutet handelt es sich um einen bemerkenswerten Beitrag zur Anwendung der KI im Französischunterricht. Die Autoren wissen, dass seine Tragweite limitiert ist, da hier nur stärkere Lerngruppen berücksichtigt werden.

Schreiben im Französischunterricht ist wichtig und sollte in jeder Stunde (auch bei den Hausaufgaben) unbedingt geübt werden. In Bezug auf die KI sind eine Vielzahl von Szenarien denkbar, bei denen signifikante Lernfortschritte inszeniert werden. Da die KI aufgrund von Wortnachbarwahrscheinlichkeiten funktioniert, ist sie vorzüglich für die Vokabelarbeit geeignet, an die sich dann das Verfassen von Texten anschließen sollte. In diesem Sinne gilt es, zunächst Szenarien (www.franceblog.info) zu entwickeln, wie Schüler in welcher Lernphase die KI am besten einsetzen könnte.

Rezension: Jens Olaf Koch, Herr Tschie und ich

Nachdem unsere Blog-Redaktion in den letzten Monaten so oft über ChatGPT und Künstliche Intelligenz geschrieben hat, kommt dieser Band mit dem Untertitel „Meine bizarren Begegnungen mit der Überflieger-KI ChatGPT“ gerade richtig. Der Untertitel könnte auch lauten, wie prompte ich richtig? Oder wozu kann man den Bot befragen?

Jens Olaf Koch hat ChatGPT zu seinem Gesprächspartner gemacht und berichtet über seine vielfältigen Begegnungen mit der Maschine und entwickelt damit eine sehr nützliche Anleitung, wie man durch Befragungen (Prompting) das Beste (oder das Dümmste) aus diesem Bot herausholen kann.

Man sagt der Maschine: Du bist Herr Rilke und schreibe mir bitte Gedicht, so, als wenn Du Herr Rilke. Funktioniert das nicht auf Anhieb, kann man mit weiteren Bitten oder Befehlen, also mit Prompten, den Bot bitten, seine Antworten zu präzisieren: „Das Gedicht soll nur 8 Zeilen lang sein“. Lautgedichte mit Jandl-Touch kann der Bot auch hersagen.

S. 36-44: hier stehen ein paar nützliche Grundbegriffe, mit denen man die Funktionsweise des Bots verstehen oder zumindest erahnen kann. Manchmal halluziniert er und wie Professor Ralf Krüger völlig zutreffend erklärte, ChatGPT halluziniert immer. Unsere Redaktion nannte es, Wortwahrscheinlichkeiten ausrechnen, welches Wort könnte statistisch gesehen zu einem anderen Wort passen.

Die Kunst des Instruierens (Prompting) bekommt noch ein eigenes Kapitel, um einige Feinheiten zu erklären. Ein Kapitel zu „trans-universale Fremdsprachen“ zeigt erstaunliche Fähigkeiten, mit denen Herr Tschie alias ChatGPT viel Kreativität beweist. Dann wird u. a. die „dynamische Prompt-Generierung per Skript“ erklärt… mit tatsächlich erstaunlichen Ergebnissen. Herr Tschie kann auch ein Patient sein, man muss es ihm nur sagen, dann kann er seine Krankenakte Herrn Freud vorlesen: S. 106-127.

Stimmt das alles? Also Faktencheck… aber an dem muss noch ein wenig gearbeitet werden. Ist der Bot gar ein Fabeltier? Ein Denkpfau? Vgl. S. 131 ff. Und wie steht es um die Selbstidealisierung?

Wenn Sie ein Buch über die KI schreiben, ist es es ganz leicht, mit dem Bot darüber zu diskutieren. gerne schreibt er auch das Vorwort zu Ihrem Buch: S. 159-164.

Im Kapitel 23. Neuer Zauberlehrling. Eine Adaption steht Wissenswertes zur Funktion des Bots als Literaturlehrer: S. 165-215.

Kann man den Spieß herumdrehen und sich als ChatGPT 5 ausgeben? S. 216-223.

Manches ist sehr skurril, aber Jens Olaf Koch legt hier doch eine gelungene Anleitung zum Prompting vor, mit der man die Kunstwelt der Bots entdecken kann und zugleich versteht, dass die Bots sich nichts ausdenken können, sie brauchen nur einen Anstoß, einen Prompt, um dazu passende Wörter zu finden. Bedenkt man allerdings, dass man den Bot auch zum Gesprächspartner machen kann, ergeben sich daraus wirklich viele (unsinnige) Spielereien. Interessant sind die Funktionen und Fähigkeiten des Bots, sich in Fremdsprachen zu bewegen. Dadurch dass er Zusammenstellungen von Wörtern, was wir als Texte bezeichnen, aufgrund von Wortähnlichkeiten oder -wahrscheinlichkeiten herstellt, ist er vorzüglich für Wortlisten jeder Art geeignet.

Jens Olaf Koch
Herr Tschie und ich
Meine bizarren Begegnungen mit der Überflieger-KI ChatGPT
Köln: ÄiAi-Verlag 2023
ISBN: 9783910859050

Rezension: Éric Sadin, La vie spectrale. Penser l’ère du métavers et des IA génératives

french german 

Éric Sadin,
La vie spectrale. Penser l’ère du métavers et des IA génératives
Paris: Grasset 2023.

Rezension: Hugues Cologan, Le Coup d’avance

french german 

Hugues Cologan
Le Coup d’avance
Arles: Portaparole 2023
144 pages / 18,00 euros
ISBN 978-2-37864-072-9

1 2