Albert Camus und die Kunst

Albert Camus et le monde de l'art

Elisabeth Cazenave,
Albert Camus et le monde de l’art
Préface de Philippe Lejeune
140 illustrations couleur
Atelier Fol’Fer éditions
Co-édition Association Abd-El-Tif, Anet 2009.

Elisabeth Cazenave hat mit ihrem Band Albert Camus et le monde de l’Art (1913-1960) ein livre-témoin vorgelegt. Sie erinnert an die zahlreichen Künstler, denen Camus immer wieder begegnet ist und denen er – das ist diesem Band leicht zu entnehmen – grundlegende Inspirationen für sein Werk verdankt. Auch 50 Jahre nach seinem Tod werden immer noch Bücher und Aufsätze geschrieben, deren Autoren sich immer noch auf eine Analyse des Absurden und der Revolte beschränken, ohne die Kunst im Werk von Albert Camus in den Blick zu nehmen: „L’art et la révolte sont confondus chez Camus dans la recherche d’une unité universelle, ses amis partagent la même enquête.“ (S. 67) schreibt E. Cazenave.

Die vielen Abbildungen von Werken der Künstler, mit denen Camus freundschaftlich verbunden war, und von denen einige, wie Pierre-Eugène Clairin für Noces, auch die Illustrationen für seine Bücher geliefert haben, machen aus diesem Buch ein beeindruckendes Zeugnis für die enge Verbindung von Kunst und Literatur in seinem Werk. Nach einer kurzen biographischen Einleitung folgen Kapitel über das Mittelmeer mit Abschnitten über Tipasa und Djemila, die Villa Abd-El-Tif, in der von 1907-1962 87 Künstler gearbeitet haben und über Realtität und Mythos. La Maison de la culture, das 1936 in Algier gegründet wurde, zusammen mit dem Theater (1936-1939) und dann die Berichte über das journalistische Engagement von Camus illustrieren sehr nachhaltig seinen Hinweis auf die Kunst, so, wie er ihn in seiner Nobelpreisrede formuliert hat: Die Kunst gehört nicht dem einzelnen Künstler, sie muss sich an alle richten.

Im Anhang dieses Buches werden über sechzig Künstler von Maurice Adrey (18-99-1950) über Sauveur Galliéro (1914-1963), Richard Maguet (1896-1940) bis Marie Viton (avant 1900-1950) mit ihren Beziehungen zu Camus vorgestellt.

Nach der Lektüre dieses Bandes darf man sich zu Recht fragen, wieso die Bedeutung und die Tragweite der Kunst im Werk von Camus so lange unterbewertet oder gar übersehen wurde? Es ist der Autorin dieses Bandes in eindrucksvoller Weise gelungen, die in diesem Band versammelten Abbildungen von Kunstwerken keinesfalls als bloße Illustrationen vorzulegen, auch nicht immer wieder das Absurde als Lebensanschauung Camus‘ endlos zu wiederholen, sondern es nur als eine Diagnose zu erwähnen, nach der man sich wieder der Handlung und damit auch der Kunst als ein Mittel die Welt zu beschreiben zuwendet. Das Buch erscheint zum richtigen Zeitpunkt, ist es doch eine sehr treffende Ergänzung für viele Biographien Camus, die die Tragweite der Kunst, in Le mythe de Sisyphe, in La peste oder in L’homme révolté nicht ihrer Bedeutung entsprechend wahrnehmen. In seiner Nobelpreisrede hat Camus die Kunst unmißverständlich in das Zentrum seines Werkes gerückt. Er hat sich allerdings auch in ihr gegen den Mißbrauch der Ideologien verwahrt.

Man darf aber doch anmerken, dass Jean-Paul Sartre in diesem Band nicht erwähnt wird. Bedenkt man sein sehr ausgeprägtes Interesse für die Kunst, z. B. seine Rezension des L’étranger und an die Freundschaft, die beide bis zu ihrem Streit verbunden hat, so wie den Nachruf den Sartre im Januar 1960 formuliert hat, hätte er in diesem Band nicht fehlen dürfen. Er und Camus haben sich mit ihrem Gesamtwerk für die unaufhebbare Verbindung von Kunst und Freiheit eingesetzt. In bezug auf Camus ist die Kunst in seinem Werk von vielen Autoren nicht erkannt worden. Wird sie berücksichtigt, kann der eigentliche Gehalt und die Bedeutung seines Werks besser verstanden werden. Sartres La Nausée ist nur im Rahmen seiner anderen philosophischen Werke zu verstehen, L’étranger hingegen ist selbst ein Kunstwerk, das die Autonomie der Kunst auf eine sehr nachhaltige Weise illustriert. In diesem Sinn öffnet E. Cazenave neue Perspektiven zum Verständnis seines Werkes.

Heiner Wittmann

Camus und die Künstler

H. R. Schlette, Der Künstler und seine Zeit, in: Orientierung, Nr. 21, Zürich, November 2003 (227-231).

In dieser Zeitschrift, die vierzehntäglich in Zürich erscheint, berichtet Heinz Robert Schlette unter dem Titel Der Künstler und seine Zeit über Camus‘ Vorträge in Schweden, die dieser anläßlich der Verleihung des Nobelpreises 1957 gehalten hat. In seinem Aufsatz möchte Schlette die von Camus in seinen Vorträgen erwähnte Verbundenheit des Künstlers mit seiner Zeit untersuchen.

Mit „L’artiste et son temps“ hatte Camus seine Nobelpreisrede überschrieben. Eine „theoretische Reflexion über die Kunst im allgemeinen, und keine „philosophisch abgerundete Ästhetik“ ist der Gegenstand dieser Rede. Die vier Tage zuvor in Upsala gehaltene Rede dient Schlette mit Recht als Hintergrund und als Hilfe zum verständnis der Festrede. So wird die in Upsala erwähnte „Galeere seiner Zeit“ deutlich, wenn, man den längeren Auszug nachliest, den Schlette aus der Festrede zitiert. Es geht um Camus‘ Altersgnossen, die erst zwanzig waren, als das Hitler-Regime entstand, die die Greueltaten des Zweiten Weltkriegs miterlebten, sich den Konzentrationslager und schließlich der Zerstörung und den Bedrohungen durch die Atomwaffen gegenübersahen. Diese Erlebnisse waren für Camus eine Verpflichtung das Schreiben dem Nihilismus entgegenzusetzen. Mit diesen Ausführungen hatte Camus das Verhältnis der Künstler zur Geschichte auf den Punkt gebracht und ein Engagement formuliert, denen sie und die Intellektuellen nicht entkommen konnten.

Camus definiert nicht die Kunst an sich; er nennt sie und bringt sie in eine Verbindung mit der „création“, die die Art und Weise, um welche Art von Kunst es sich handelt, eher im unklaren beläßt. Schlette hat durchaus Recht, wenn er dies erwähnt. Seine folgende Beobachtung, die sich auf den Satz „Embarqué me paraît ici plus juste qu’engagé,“ bezieht, muß sicherlich zur Präzisierung der Auffassung Camus‘ , die er in eine Parallele mit einem „service militaire obligatoire“ setzt, also einer Aufgabe, der der Küsntler nicht entkommen kann,so genannt werden. Aber bedenklich ist es, den Sartreschen Begriff des Engagements, so wie dieser ihn in Qu’est-ce que la littérature? (1947) entwickelt hat, in einen Gegensatz zu Camus‘ embarqué zu stellen. Der Schriftsteller ist engagiert, wenn er zu schreiben beginnt, er hat dafür seine Verantwortung zu tragen. Es geht eben nicht um ein linkes Engagement, das Sartre in seinem Manifest zur Literatur und auch später in dem Rede vor der UNESCO La responsabilité de l’écrivain wiederaufgreift.

Schlettes Hinweis auf Pascal und dem im Fragement 233 (éd. L. Brunschwicg) genannten embarqué ist durchaus einleuchtend, zumal der Künstler der von ihm gewählten Situation nicht entrinnen kann, sondern sie gehört zur Identität des Künstlers, wie Schlette schreibt, der hier auch das Engagement im Sartreschen Sinne nennt, und damit dieses als ein linkes Engagement relativiert.

Camus lehnt Kunst als Leichtfertigkeit und als Propaganda ab. Für Camus soll die Kunst in erster Linie verstehen und nicht Künftiges beschreiben. Geschickt zeigt Schlette die Verbindungslinien zu L’homme révolté (1951), in dem Camus bereits seine Ideologiekritik mit den Aufgaben des Künstlers begründet hatte. In diesem Sinne kommt vor allem der Freiheit und der Ungebundenheit des Künstlers eine entscheidende Bedeutung zu. Camus erwähnt auch die Schönheit, die nicht in den Dienst einer Sache gestellt wreden darf.

Schlette kommt zu dem Urteil, daß beide Reden auch heute noch ihre Aktualität besitzen, da Camus Überlegungen zur Kunst auf das „embarqué“-Sein des Künstlers“ hinweist, dasr auch heute der Annomyität der Menschen, ihrer Einbindung in Systeme und Gesetzmäßigkeiten entgegengesetzt werden kann.

Heiner Wittmann