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Der Einfluss der digitalen Welt auf unsere Gesellschaften
L'impact du numérique sur nos sociétés


Milad Doueihi
Pour un humanisme numérique
Paris: Seuil, 2011.
180 S.
ISBN 978.2.02.100089.4

Dieses Buch untersucht, die Auswirkungen der Digitaltechnk auf unsere Gesellschaften, unsere Art zu Denken und unsere Werte. Milad Doueihi möchte die Zukunft der digitalen Gesellschaft bewerten. Das wird nicht nur eine Welt der Arbeit sein, sondern auch alle anderen Bereiche des sozialen Lebens betreffen, die davon auf engste Weise abhängig werden. Man wird wohl kaum übertreiben, wenn man davon ausgeht, dass die digitale Umwandlung uns keine Wahl lassen wird. Eigentlich ganz ohne Aufregung, überschreitet Milad Doueihi eine Schwelle und bezieht in seine Überlegungen über die Zukunft unserer Zivilisation Begriffe mit ein, die aus unserer humanistischen Tradition, aus der Dichtung stammen, und sich auf die Freundschaft beziehen.

Auf der ersten Seite seiner Untersuchung steht: "L'humanisme numérique est l'affirmation que la technique actuelle, dans sa dimension globale, est une culture, dans le sens où elle met en place un nouveau contexte, à l'échelle mondiale, et parce que le numérique, malgré une forte composante technique qu'il faut toujours interroger et sans cesse surveiller (car elle est l'agent d'une volonté économique), est devenu une civilisation qui se distingue par la manière dont elle modifie nos regards sur les objets, les relations, les valeurs, et qui se caractérise par les nouvelles perspectives qu'elle introduit dans le champ de l'activité humaine." (S. 9 s.) Mit anderen Worten, M. Doueihi ist sich sicher, dass unser Verständnis der digitalen Welt schon längst durch die Digitaltechnik selbst verändert worden ist, wodurch schon bereits ein digitaler Humanismus entstanden ist. Dieser Ausdruck wird den Leser überraschen, denn er bedeutet eine Art Vereinnahmung aller unserer Aktivitäten und meint, wir können uns der Digitaltechnik ncht mehr entziehen. Es ist richtig, die Computer lassen uns keine Wahl mehr. Ein PC-Fehler setzt uns Gefahren aller Art aus, wie auch der Verlust von Daten schon mehr oder weniger schwere Konsequenzen für unsere persönlichen Aktivitäten haben kann.

Auch wenn wir uns über diese Abhängigkeit bewusst sind, könnten man doch zögern, Humanismus und die Digitaltechnik miteinander zu verbinden, denn wie sollte man den Humanismus einer Technik unterordnen oder gar der digitalen Welt erlauben, unseren Humanismus näher zu definieren. - Jedoch "humanisme numérique" bezieht sich in diesem Buch mehr auf "digital humanities", einen Ausdruck der wortwörtlich übersetzt wird: er bezeichnet die Verwendung der Digitaltechnik in den Sozial- und Literaturwissenschaften, ohne sich direkt auf die "humanistische" Auswirkung dieser digitalen Kultur zu beziehen.

Milad Doueihi zeigt sich überzeugt dass "la culture du livre et de l'imprimé" (S. 10) aufgrund der digitalen Entwicklung in eine Krise geraten ist. Die Besucher der letzten großen Buchmesse in Leipzig scheinen M. Doueihi zu widersprechen, denn trotz der großen Ankündigungen zugunsten der E-Books ist es kaum sichtbar. Und bedenkt man, dass das Internet z. B. Beispiel für einen Studenten, der eine Seminar- oder Abschlussarbeit verfasst, ausser Datenbanken und wichtigen Websites der Bibliotheken nicht viel zu bieten hat, wird man verstehen, dass der Begriff digitaler Humanismus übertrieben sein kann. Sicher, es gibt eine gewissen Einfluss der Digtaltechnik auf unsere Kultur, aber nicht mehr.

Die erste Seite führt schon zu viel Widerspruch. Aber lesen wir mal weiter. Milad Doueihi wird ohne Zweifel Belege für seine These vorlegen. Sein erstes Kapitel enthält weitere Definitionen. Beschleunigung, Schnelligkeit und sofortige Aktionen (S. 11) sind für ihn Zeichen des digitalen Wandels (S. 12), der uns voll erfasst hat. Es gibt kein Zurück mehr. M. Doueihi gebraucht ein Bild: "L'urbanisme virtuel est le site de la culture anthologique naissante, de cette culture à la fois lettrée et populaire, savante et amatrice." (S. 17). Man muss dieser Aussage einen gewissen Teil an Wahrheit zugestehen: der Wunsch nach ständiger Mobilität produziert eine "culture mobile", (p. 18), die durch das Cloud Computing die Fragmenatierung des Wissens, und eine "anthologisation du savoir" fördert. Mit diesen beiden Begriffen setzt Milad Doueihi seine Analyse fort. Er definiert das, was auf Humanities Computing folgt: " Digital Humanities est le terme courant qualifiant les efforts multiples et divers de l'adaptation à la culture numérique du monde savant." (S. 22)

DIe digitale Technik, so Milad Doueihi, hat uns bereits überholt. Der digitale Wandel ist unsere Wirklichkeit. Jeder Student, ob er nun auch Literatur oder Philosophie studiert, muss sich mit der Computertechnik auskennen, um mit Erfolg und schnell studieren zu können, könnte man daraus ableiten. Aber anstatt die digitale Welt lediglich als eine Fatalität zu akzeptieren, schlägt Milad Doueihi uns vor, selbst zu versuchen, diese Technik zu beherrschen, um sie zu überschreiten, ihr voranzugehen.

EIn Beispiel aus der digitalen Welt: . La "numérisation massive de nos archives" (p. 26) beschert uns auch neue Probleme. Die Digitalisierung ist nicht unbedingt ein großer Vorteil, denn Forscher interessieren sich auch für den Zustand des Dokuments, so wie ein Archäologe mit dem Fundgut erst dann etwas anfangen kann, wenn er weiß, wie es in situ vorgefunden wurde, ohne dass es durch andere Personen verändert worden ist. Die vermeintlichen Vorteile ders Digitalisierung können nicht immer überzeugen.

Ein digitales Dokument, das weiß auch Milad Doueihi, modifiziert auch die Art und Weise, wie es gelesen wird. Dazu kommt, dass auf diese Weise digitale Texte auf andere Arten verfasst werden. Man nennt das "Demokratisierung" (Sp. 45). M. Doueihi setzt zu Recht diesen Ausdruck in Anführungszeichen, denn die Demokratie als Herrschaftsform kann nicht mit Aktivitäten einer großen Menge von Personen einfach gleichgesetzt werden.

Das lange Kapitel über die Freundschaft weist auf die Stärke der sozialen Netzwerke hin, deren Austausch zum Zeichen eines neuen "virtuellen Urbanismus" (S. 73) werde. Die kritische Distanz, die M. Doueihi zu diesen Netzwerken behält, erlaubt ihm die Gefahren und Fallen zu erkennen, denen z. B. > Facebook seine Teilnehmer aussetzt. Der Gemeinschaftsaspekt selbst in einem sozialen Netzwerk funktioniert nur in dem Maße, wie die Teilnehmer selber an die Vorteile glauben, die sie aus diesem Netzwerk ziehen. Keiner bleibt dort lange, ohne nicht einen gewissen mehr oder weniger großen Gegenwert für sein Engagement zu erhalten; die Währung des Webs heißt Aufmerksamkeit. (Sp. 98). Diesen Aspekt scheint aber M. Doueihi zu vernachlässigen, selbst wenn er die "digitale Einsamkeit" ausführlich analysiert. (S. 85-91)

Das Kapitel über die "culture anthologique" (S. 105-138) stellt Überlegungen zu den Beziehungen zwischen Lesen und Schreiben vor:> www.storify.com, > www.readsocialapi.com oder die Website > www.qwiki.com sind Angebtote, mit denen Geschichten geschrieben und Gemeinschaftsaspekte integriert werden können. Milad Doueihi untersucht diese Angebote unter dem Aspekt der "prolifération" und der "segmentation" (S. 111-118) der Information. Alle drei Angebote gehören zum Mitmach-Netz oder sozialem Netz. Eines ihrer wichtigsten Kennzeichen ist immer die Kombination vierl verschiedener Varianten. Daraus entstehte "une sociabilité numérique" (Sp. 115, 125) die, so M. Doueihi "...met en place une nouvelle réalité, des conditions de sociabilité qui sont génératrices de nouvelles valeurs." (S. 125). Trotzdem darf man anmerken, dass die Bilanz von > www.france-blog.info auf Facebook eher negativ ist. Ohne eine verstärkte Aktivität (zum Nachteil des Blogs) steigt die Anzahl der Freunde des Blogs auf Facebook nur sehr geringfügig. Und wer hat wirklich Lust für Facebook zu arbeiten und seinen Blog zu vernachlässigen? - In diesem Sinne erkennt auch M. Doueihi an, dass sich mit diesen Aktivitäten die Verhältnisse von "le privé et le confidentiel" verändern.

Websites, die Texte mehr oder weniger automatisch sammeln, versuchen, ihnen eine Art Mehrwert zu vermitteln, in dem sie in einer andern Form dargestellt werden. Ist das ein Spiel? > www.qwiki.com/q/Jean-Paul_Sartre . - Es gibt noch ein anderes Problem. Qwiki erinnert daran, dass jeder Autor oder die "kollektive Intelligenz " seine Texte und damit die Rechte an ihnen der Allgemeinheit übergibt. Andere dürfen dann Wörter oder Sätze verändern, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Das Individuum verschwindet immer mehr, wenn das Kollektiv die Kontrolle über die Texte übernimmt. Kollektive Intelligenz, Auflösung individueller Rechte, da darf man sich die Frage stellen, ob das mit dem digitalen Humanismus zusammenpasst? Sowie ein Artikel in Wikipedia veröffentlicht wird, erscheinen die Korrektoren, Form und Inhalt werden von ihnen untersucht, oft, und man muss zugeben, offenkundige Fehler verschwinden wie von Zauberhand sofort. Aber man braucht nur in den > Archiven der Korrekturen zu blättern, um zu verstehen, dass die Korrektoren trotz ihrer großen Zahl langsam sind und sich ein jeder unter sie mischt.


Auf dem Frankreich-Blog:
Peut-on encore exister sans Internet? Oder kann man ohne das Internet studieren?
Ecrivez-vous à la main ou tapez-vous au clavier ?


Die Konstruktion von Sinn, das Schreiben einer Geschichte in der digitalen Welt eröffnet eine neue Epoche: "La production du contenu n'est plus désormais le privilège des humains." (S. 145 im Kapitel "Oubli de l'oubli"). Man denkt möglicherweise an die Schwächen der Suchmaschinen, die uns eine Orientierung in der digitalen Welt vorgaukeln und gerne so tun, als ob sie unsere Vorlieben erraten könnten. Die Versuchung, uns viel Werbung zu präsentieren ist immer der Absicht, uns gute Suchresultate zu präsentieren voraus. M. Doueihi weiß, dass die digitale Welt unsere Beziehungen zum Gedächtnis modifiziert und uns auch den Schein vermittelt, alles sei erreichbar. (cf. S. 152). Und das was man vergisst? Weiter oben hat M. Doueihi schon darauf hingewiesen, dass Facebook das definitive Löschen eines Profils erschwert und alle nur denkbaren Mittel einsetzt, um eine Person als Teilnehmer in Facebook zu halten.

Archive im Internet speichern, ohne die Rechjteinhaber zu fragen, die verschiedenen Versionen einer Website. Facebook hat das Ansinnen, auf Fotos, die Gesichter meiner Freunde kennzeichnen zu wollen. Und HGoogel nimmt sich das Recht heraus, Bilder und Grafiken ohne Erlaubnis einfach zu sammeln und anzuzeigen. Ein Foto, das man auf einer Website zeigt, ist künftig kaum noch löschbar: "...effacer doit être un droit," (S. 154) fordert M. Doueihi zu Recht.

M. Doueihi will nicht, (cf. S. 163) von einem "technologischen Schrecken" sprechen, er zieht es eine "Vorstellung der digitalen Welt" zu beschreiben und sich zu fragen, ob sie "eine neue Teilung zwischen der virtuellen Welt und der realen Welt bedeutet" (S. 166) Es stimmt, man wird es heute nicht bestreiten, dass ein Student der Literaturwissenschaft mit Hilfe der digitalen Welt forschen und lernen kann. Manchmal werden seine Ergebnisse sogar besser sein, als wenn er in die Bibliothek gehen würde. Dennoch: die digitale Welt schafft eine zusätzliche Distanz zum Wissen, denn die Vielfalt der Netz, der Reichtum der Datenbanken und die Funktionsweise der Suchmaschinen sind viel schwerer zu verstehen als die Nutzung einer Bibliothek


Auf dem Frankreich-Blog:
170 Artikel zum Web 2.0


M. Doueihi ist überzeugt, dass das digitale Kap bereits umrundet ist. für ihn sind wir in der Neuen digitalen Welt längst angekommen. Wir kennen aber ihre Mythen, ihre Geheimnisse wie auch ihre Chancen noch nicht. Selbst wenn ein Internet-Anwender Schwierigktien hat, die Neue Welt als einen "digitalen Humanismus" zu begreifen, wenn der PC ihm seien Dienste verweigert, dann versteht, wieso und warum M. Doueihi den Einfluss der digitalen Welt auf unser Verhalten analysieren möchte. Sein Buch gibt ihm Recht. Das hindert uns aber nicht daran, von einem Literaturstudium ohne PC zu träumen, was uns früher erlaubt hat, viel mehr Bücher zu lesen und schneller zu studieren. Die Karteikästen der Bibliotheken führen uns schnell zum Wesentlichen. Soll diese Zeit wirklich vorbei sein? Die digitale Welt wird uns erst noch ihre Mythen zeigen und erklären müssen. In fünf Jahren verfasse ich eine neue Rezension des Buches von M. Doueihi.


Heiner Wittmann


Rezensionen

Hier erscheinen Rezensionen zu Neuerscheinungen aus dem Bereich der Romanistik und den deutsch-französischen Beziehungen.

  Kleck, Numérique & Cie Albert Camus Camus und Sartre Quand Google défie L'Europe M. Strickmann , Französische Intellektuelle Frankreich-Lexikon    

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