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Der Erkenntniswert der digitalen Literatur


Serge Bouchardon                                Version française
La valeur heuristique de la littérature numérique
341 Seiten
Paris: Éditions Hermann, 2014
ISBN: 978 2 7056 8802 8

Serge Bouchardon unterrichtet Informationswissenschaften an der Université de Technologie de Compiègne, und er hat gerade ein Buch (in Papierform) über die digitale Literatur veröffentlicht.

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Man kennt schon die Diskussionen um das digitale Buch, das oft nur als elektronische Form der Papierausgabe angeboten wird, manchmal angereichert mit ein paar multimedialen Elementen; aber nur wenige Bücher, die man als E-Book kauft enthalten tatsächlich alle die Elemente, die Bouchardon als Definition der digitalen Literatur aufzählt. In seinem Buch entwickelt er eine wahre Phänomenologie der digitalen Literatur, die sich aller Möglichkeiten der PC-Technik bedient, um neue Ausdrucksformen zu bereitzustellen. Ihre Besonderheiten und Bestandteile sind bekannt: "Schriften mit Kombinationen jeder Art (écriture combinatoire et écriture à contraintes), Fragmente, Schrift in Ton und Bild... Fiktionen in Hypertext, animierte Gedichte, Werke, die mit Unterstützung automatischer Textproduktion entstanden sind oder das Ergebnis kollaborativen Schreibens sind." Indem sie alle literarischen Herausforderungen in sich vereinigt, kann die digitale Literatur neue analytische Ansätze anregen, die erklären können, wie sie Sinn produziert.


Sur > www.france-blog.info :
> Nachgefragt: Serge Bouchardon, La valeur heuristique de la littérature numérique


"Das Interesse an digitalen Objekten beschränkt sich nicht nur auf Beobachtung, Analyse und Kritik, sondern gilt auch ihrer Herstellung," (S. 30) stellt Bouchardon fest. Dieser Ansatz verbindet recherche und création, Forschung und Schöpfung. Die digitale Form verlangt Praxis, man könnte sagen, dass der Forscher sich selber sensibilisieren muss, um die Möglichkeiten der digitalen Welt besser verstehen zu können: "Das eigene Schreiben erleichtert es, die Bedingungen zu schaffen, um diese Phänomene besser untersuchen zu können" (S. 30)

Was an diesem Buch fasziniert, ist die strikte und klare Vorgehensweise von Bouchardon. Die Vielfalt elektronischer Literatur, die er en détail darstellt, regt zur eigenen Beschäftigung mit diesem Medium an. Es ist auch der genaue Aufbau seiner Untersuchung, die in guter wissenschaftlicher Tradition von einer Definition der digitalen Literatur ausgeht (Ch. 1), sie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, was den Autor zu einer Neudefinition von Begriffen wie des digitalen Erzählens führt. (Ch. 2), bevor er die Frage stellt, ob die digitale Literatur zu einer spezifische Form digitalen Schreibens führen könne. (Ch. 3). Bouchardon stützt seine Untersuchung auf einen Korpus von 200 digitalen Texten, von denen die meisten online verfügbar sind (Corpus, S. 313-326). Bouchardon stellt auch die Frage nach der kommerziellen Verwertbarkeit digitaler Literatur, (S. 109-111), wo er durchaus Möglichkeiten erkennt. Er meint, dass sich Geschäftsmodelle eher für den Bereich von Veranstaltungen, gemeint ist eine Demonstration digitaler Literatur, anbieten als solche wie beim gedruckten Buch. Er schlägt an dieser Stelle eine Verfeinerung der Definition der digitalen Literatur vor, die ihre Tragweite und ihr Potential präziseren soll. Die Überlegungen von Bouchardon hinsichtlich eines Vergleichs von e-critures und Ecrits...vains decken vielfältige Beziehungen zwischen der traditionellen Literatur und des Online-Schreibens, das sich zu sozialen Netzwerken und dynamischen Inhalten hin öffnet, auf.

Bouchardon erreicht mit seiner Studie ein bemerkenswertes Niveau hinsichtlich der Materalität in den Werken digitaler Literatur  (S. 184 ff.), indem er ästhetische Fragen wie diese stellt: "Die Werke der digitalen Literatur scheinen vielleicht noch mehr als gedruckte Bücher von ihrem materiellen Träger abhängig zu sein." (S. 185, vgl. S. 193 ff.) Die Definition der digitalen Literatur veranlassen Bouchardon seinen Untersuchungsbereich auszudehnen: "Der Erkenntniswert der digitalen Literatur besteht in der Tatsasche, das diese ist nicht nur dazu verleitet, Begriffe neu zu denken, sondern auch den Untersuchungsbereich auf weitere Disziplinen und Thorien (wie die Narratologie) auszudehnen." (S. 208, vgl. S. 207-211.)

Das Kapitel über das digitale Schreiben (Sp. 214-223) überrascht durch die große Anzahl ganz verschiedener Schreib-Ansätze, die Bouchardon wie in Katalogform vorstellt. Hier werden seine Leser den oben genannten Ausgangspunkt von critique und création noch besser verstehen können. Das digitale Schreiben wir umso ästhetischer, wie es ihm gelingt, technische Grenzen zu überwinden und trotzdem von der Technik zu profitieren, so könnte man hier Bouchardons Erkenntnis prägnant zusammenfassen. Er zeigt die vielfältigen Spannungen zwischen der Erzählung und dem technischen/digitalen Träger und erklärt dabei die Variabilitäten. Auf diese Weise formuliert Bouchardon eine Ästhetik der digitalen Literatur, die auch die Beziehung zwischen Autolr und Leser ausdrücklich nennt. Diese Beziehung - die Rezetionsästhetik - gewinnt hier mit den Formen des Hypertexts, der Verweise und der "Inszenierung interaktiver Formen", spezifische Dimensionen, die das gedruckte Buch weit hinter sich lassen.

Bouchardon zieht ein spannendes Resümee seiner Untersuchungen. Zuerst weist er mit Recht auf das pädagogische Interesse an der digitalen Literatur hin, « um für eine Beziehung zur Technologie zu sensiblisieren" (S .256) Digitale Verfahren können die Kreativität herausfordern, dazu führen dass Autroren sich die Technik untertan machen und eigene neue Schreibstrategien entwickeln: "Die Werke der Digitalen Literatur konfrontieren uns mit der technologischen Dimension und spielen mit ihr." (Sp. 258) Man kann sich wirklich einen ganz persönlichen Literaturbegriff herstellen. Ab wann wird ein digitales Produkt Literatur? Bouchardon gibt viele Antworten auf diese Frage. Sein Buch vermittelt den Wunsch, digitale Literatur zu unterrichten.


Heiner Wittmann


E-Book mit einer Bibliographie  Literatur und Internet oder la littérature numérique.


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