André Guigot: Eine Einführung in Sartres Philosophie

André Guigot, Sartre. Liberté et histoire,
Paris 2007,
Librairie philosophie J. Vrin,. ISBN 978-27116-1913-9

Die von André Guigot verfaßte Studie ist keine einfache Einführung in Sartres Philosophie. Die vielen verschiedenen Themen setzen ein Vorwissen und auch eine gute Kenntnis der Werke Sartres voraus. Damit sei aber nur gesagt, daß Guigots Band dem eiligen Leser eher anspruchsvoll erscheinen mag. Läßt man sich aber auf seine Argumentation ein, dann vermittelt dieses Buch eine sehr präzise, interessante und lesenswerte Einführung in die Philosophie Sartres.

Für seine Darstellung hat André Guigot mit Recht einen chronologischen Aufbau gewählt, der die Entwicklung seines Werkes auf der Grundlage der deutschen Phänomenologie über die Kriegserfahrung hinaus mit seinem Bemühen, die Moral begrifflich zu fassen und seinem Engagement ein theoretisches Fundament zu geben, umfaßt. Gerne wird immer wieder von zwei Abschnitten seiner Entwicklung gesprochen, wobei seine Auseinandersetzung mit dem Marxismus oft als Kennzeichen seines Werkes nach 1950 zitiert wird. Sein Versuch, den Existentialismus mit dem Marxismus zu verbinden, war nicht von Erfolg gekrönt, und Guigot akzentuiert viel mehr das Engagement im Verständnis Sartres und seine Suche nach einer Intelligibilität menschlicher Verhaltensweisen, die sowohl durch eine Dialektik wie auch durch die Geschichte beeinflusst werden, die Sartre bis zur Flaubert-Studie geführt hat.

In fünf Kapiteln untersucht Guigot nacheinander Sartres Auseinandersetzung mit der Phänomenologie, dann die Entstehung seiner ersten Schriften über die Einbildungskraft L’imagination (1936) und L’imaginaire (1940) und deutet mit der Überschrift des 3. Kapitels „L’aboutissement inachevé de L’être et le néant„, das nicht mit einer Lösung, sondern mit Fragen zur Verantwortung endet, eine Kontinuität mit seinen fol-genden Arbeiten an, die im allgemeinen zu der des 2. Sartre gerechnet werden. Im Ka-pitel IV geht es um die Entwicklung von der Moral zur Geschichte, womit Guigot auch hier nebenbei – aber in zutreffender Weise – darauf hinweist, daß in der letzten Zeit zunehmend die Überlegungen zur Geschichte vermehrt in den Blick der Forschung geraten. Seine Anmerkungen zur Ästhetik in Qu’est-ce que la littérature? (1947), seine Réflexions sur la question juive (1946) wie auch die langen Kapitel in den Cahiers pour une morale ([entstanden um 1946)] aus dem Nachlass veröffentlicht: 1983) bieten dazu viele Ansätze. Das letzte Kapitel untersucht das Problem der Gewalt im Rahmen der Geschichte, ein Thema, das im Zuge einer Neubewertung der Critique de la raison dialectique wieder mehr in den Blick geraten dürfte. L’Idiot de la famille (1970/72), das umfangreiche Flaubert-Porträt, hätte vielleicht in diesem Band von Guigot eine größere Aufmerksamkeit verdient als lediglich in der Zusammenfassung behandelt zu werden. Andererseits verleiht Guigot dieser Studie als „prolongement herméneutique de la raison dialectique“ (S. 231, vgl. W., Sartre und die Kunst, Tübingen 1996, S. 107 ff.) mit wenigen Worten den Platz, der ihr in Sartres Werk zukommt.

Im Verlauf der Studie entwickelt Guigot die Bedeutung aller wichtigen Schlüsselbegriffe. Dabei fällt auf, daß er schon bezüglich der Einbildungskraft, vor allem bei der Analyse von L’imaginaire sachgerecht und zutreffend die engen Beziehungen zwischen dem Imaginären und der Freiheit herstellt. Auch hinsichtlich seiner Darstellung des Analogons werden Entwicklungslinien deutlich, die bis zur Flaubert-Studie reichen. Zunächst aber erinnert er daran, daß die Theorie der Emotionen und des Imaginären eine Grundlage der Ontologie in L’être et le néant bilden. Tatsächlich ist die Lektüre von L’imaginaire eine wichtige Vorbereitung zu seiner Untersuchung über die phänomenologische Ontologie. Am Ende des zweiten Kapitels bestätigt Guigot in Form eines Resümees, daß die Ablehnung des psychologischen Determinismus kein System begründen könne, denn um die menschliche Realität zu begreifen, werde etwas Grundlegenderes benötigt: Das ist die Ontologie, mit der die Theorie des Imaginären angewandt auf die Kunst aber weitgehend ergänzt um die Fragen der Geschichte wiederaufgenommen werde, so Guigot. Und er ergänzt diese Aussage mit dem Hinweis auf den Zusammenhang von L’être et le néant, Qu’est-ce que la littérature? und den Cahiers pour une morale. . Schließlich ist die Freiheit eine Tatsache, deren Verständnis die menschliche Realität aufdeckt. Es ist nicht einfach, den Kern der Sartreschen Philosophie so verkürzt zusammenzufassen, aber unbestreitbar ist es dem Autor hier gelungen, das Verständnis der Sartreschen Philosophie zu erleichtern.

Im folgenden Kapitel über L’être et le néant zeigt Guigot – um hier nur ein Beispiel zu nennen – bezüglich der Kontingenz wichtige Parallelen zu La Nausée (1938), wodurch wieder die Verbindungen zwischen Sartres literarischem und philosophischen Werk betont werden. Dieses dritte Kapitel seiner Untersuchung zeigt die Fragen, die in L’être et le néant nach dem Anderen, der Angst und der Verantwortung gestellt werden. Dieses Kapitel kann auch als eine Einführung in die Lektüre von Sartres philosophischem Hauptwerk gelesen werden. Durch die Art und Weise, wie Guigot auch die offenen Fragen erläutert, wird der Leser verstehen, wie auch L’être et le néant in die Kontinuität des Sartreschen Denkens eingebunden ist. Im vierten Kapitel geht es um die historische Dimension, deren Einführung Guigot anhand der Überlegungen zu seinem Manifest über die Literatur erläutert: „L’ouvrage critique de Qu’est-ce que la littérature? (1947) fait de la création le sens même de l’interrogation éthique et esthétique,“ (S. 135) heißt es bei Guigot, der auf diese Weise an die fundamentale Bedeutung der Ästhetik im Werk Sartres erinnert. Der Schriftsteller ist engagiert, es geht bei Sartre nicht darum, daß dieser sich engagieren kann. Er schreibt und deshalb trägt er dafür eine Verantwortung, woraus auch wieder eine moralische Pflicht (S. 137) entsteht. „Ecrire, c’est agir,“ (S. 166) lautet die kurze Zusammenfassung, die auf den Appell (S. 168) an die Freiheit hindeutet. Aber auch die Cahiers pour une morale bleiben unvollendet und erscheinen erst 1983 aus seinem Nachlaßt. Auch dieses Kapitel endet mit einer Bewertung der Unterschiede zwischen L’être et le néant und den Cahiers pour une morale. Es geht u.a. um das unaufhebbare Verhältnis zum Anderen, das durch Abhängigkeit und Verantwortung gleichermaßen geprägt ist. Eine Aktion ist immer durch die Zukunft, das ist wieder das Überschreiten einer Situation aber auch durch die fehlende Garantie für eine moralische Vorschrift geprägt. Eine solche Verkürzung wird dem Autor der Studie sicher nicht gerecht, aber die Lektüre seiner Studie fördert das Verständnis der Philosophie Sartre. Nicht die Brüche charakterisieren sie, sondern sein Bemühen, die menschliche Realität der Freiheit und ihrer Möglichkeiten zu analysieren, wodurch die Kontinuität in seinem Werk gekennzeichnet ist, gehört zu seinen Hauptinteresse.

Es ist die Verbindung zwischen Kunst, Philosophie und Literatur, die in den 30er Jahren mit L’imagination und L’imaginaire sowie dem Roman La nausée sein Anfangswerk geprägt hat. In seinem philosophischen Hauptwerken hat Sartre mit seinen Untersuchungen zur Ontologie, zur Moral und zur Geschichte seine Überlegungen systematisiert und schließlich in der Flaubert-Studie von neuem angewandt. Guigots Studie behandelt kein isoliertes Thema seiner Philosophie, sondern zeigt die Kunst als Ausgangspunkt seines Gesamtwerks, und sie gibt so zu verstehen, daß die Philosophie bei Sartre kein Selbstzweck ist, da sie ein ständiger Bezugspunkt jedes seiner anderen Werke ist, und daher auch nur im Gesamtzusammenhang seines Werkes unter Berücksichtigung seiner Schriften über die Kunst und die Literatur erläutert werden kann.


Heiner Wittmann

Sartre und die Freiheit

Eros der Freiheit lautet der Titel des Plädoyers für eine radikale Aufklärung, die Ulrike Ackermann bei Klett-Cotta vorgelegt hat. Das Buch behandelt die historische Entwicklung der Freiheit und legt auf diese Weise auf knappem Raum eine politische Ideengeschichte vor, die auch Studenten wie auch Schülern interessante Anregungen auf lesenswerte Bücher nahe legt. Ihre Hauptthese, die ich auf dem Blog von Klett-Cotta vorstelle, dass die Freiheit mit ihrem Dilemma der Sehnsucht nach ihr und zugleich mit der Angst vor der Freiheit ringt, hat sie mit ausgewählten Zitaten der maßgeblichen Denker eindrucksvoll belegt.

Eine Lücke in ihrem Buch gibt Anlass nachzufragen. Es ist erstaunlich, dass sie in ihrer Darstellung an keiner Stelle die Überlegungen Sartres zu Freiheit auch nur streift. Sartre, der 1943 seine Untersuchung zur menschlichen Freiheit als eine ontologische Phänomenologie unter dem Titel Das Sein und das Nichts vorlegte, kommt bei ihr nicht vor. Ackermanns Hauptthese der Widersprüche, die der Freiheit inhärent seien und die zum Guten wie zum Bösen führen können, korrespondiert auf den ersten Blick nicht unbedingt mit Sartres Anspruch einer absoluten Freiheit, die den Menschen immer wieder vor eine Wahl stellt, für die er aber selber eine Verantwortung trägt. Ulrike Ackermann konzentriert ihre Darstellung auf die Entwicklung der Freiheit durch die Jahrhunderte, während Sartre die Freiheit des Menschen auf einer philosophischen Ebene von allen Seiten durchleuchtet.

Sartres Überlegungen zur Freiheit sind aber umso bedeutender, als er auf ihrem Hintergrund den Marxismus und auch die Psychoanalyse untersucht hat. Zunächst hat er die Verbindung zwischen diesen beiden Ansätzen theoretisch analysiert, danach mit einem praktischen Ansatz in seiner > Mallarmé-Studie evaluiert und beide aufgrund ungenügender theoretischer Grundlagen verworfen. Die Psychoanalyse kritisiert er, er der das Drehbuch zu Jean Hustons Film über Freud verfasst hat, weil für ihn das Unbewusste immer ein „Bewusstsein von etwas sei“, und dem Marxismus warf er eine „fehlende menschliche Dimension“ (Sartre, Fragen der Methode, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 194 et cf. passim) vor. Sein Engagement auf der Seite vieler linken Gruppierungen machte ihn für die Rechten suspekt, als Intellektueller wahrte er dennoch zu allen -ismen eine kritische Distanz und schrieb zahlreiche Künstlerporträts, um den unbedingten Anspruch der Freiheit zu illustrieren.

Bleibt immer noch die Frage, ob in dem Band von Ulrike Ackermann etwas fehlt, wenn Sartre nicht genannt wird? Jeder blättert ein neues Buch durch, schaut in das Literaturverzeichnis und stutzt, wenn die ihm vertrauten Werke dort fehlen. Ackermanns Ansatz aus der Geschichte der Freiheit eine Erinnerung an ihre Chancen und ihre Gefahren, die auch Angst machen, herzuleiten, benötigt nicht unbedingt Bezüge zum Werk Sartres. Wenn es aber darum geht, die Freiheit des Menschen als eine conditio sine qua non seiner Entwicklung darzustellen, darf eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts eigentlich nicht fehlen.

Sartre begründet mit dem für ihn absoluten Freiheitsanspruch des Menschen die Unabhängigkeit von allen Ideologien, die Warnung vor Totalitarismen jeder Art sowie die Fähigkeit des Künstlers etwas neues schaffen zu können. Bedenkt man aber, dass Sartre bei der Untersuchung der Freiheit, ihre beiden Seiten, ihre Chancen wie auch die Angst des Menschen vor ihr en détail analysiert: „…die meiste Zeit flieht er vor der Angst in die Unaufrichtigkeit,“ (Sarte, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, übersetzt von Hans Schöneberg und Traugott König, Reinbek bei Hamburg, 1991, S. 642) nennt, dann darf man doch zu der Meinung tendieren, dass Sartre im Band von Ulrike Ackermann nicht fehlen dürfte.

Heiner Wittmann
Ackermann, Ulrike, Eros der Freiheit. Für eine radikale Aufklärung
Klett-Cotta, 1. Aufl. 2008, 168 Seiten
ISBN: 978-3-608-94305-4

Eine Rekonstruktion der Denkwege Wittgensteins

Fabian Goppelsröder,
Zwischen Sagen und Zeigen. Wittgensteins Weg von der literarischen zur dichtenden Philosophie,
transcript Verlag, Bielefeld 2007.
168 S., kart., 18,80 € ISBN: 978-3-89942-764-6

Dieser Band legt eine knappe und einleuchtende Einführung in die Philosophie Ludwig Wittgensteins (1889-1951) vor. Es geht um seine philosophischen Grundsätze und um ihre Form, deren werkimmanente Bedeutung über seine rein philosophischen Argumente hinausragt. Auf diese Weise wird ein literarisch-poetischer Ansatz seines Werkes erkennbar, der sein eigentliches Werk eigentlich erst jenseits des Gesagten entfaltet. Verfolgt man die Entwicklung dieser Ankündigung in dem vorliegenden Buch, verspricht der Autor eine Einsicht in die „philosophische (Überzeugungs-) Kraft Wittgensteins, die nicht allein in seinen Argumenten zu suchen ist. Trotz den zwei deutlich voneinander getrennte Werkphasen will der Autor in seinem Buch das Vermögen, Kunstwerke angemessen wahrzunehmen, die Aisthesis nutzen, um den philosophischen Denkweg Wittgenstein darzustellen.

Es gibt im Werk Wittgensteins kein „abstrakt reduzierbares Denkgebäude“ (S. 7) stellt der Autor in seiner Vorbemerkung fest. Wenn nun berechtiger- und notwendigerweise nach einer Form für sein Werk gesucht wird, macht sich der Autor nach eigenem Bekunden eher widerwillig auf den Weg einer „Allgemeinheit ihrer Thesen zielenden Vorgehensweise“ (S. 7) Der Autor umgeht aber mögliche Klippen durch eine chronologisch an den Wittgenstein’schen Texten entlang geführte Darstellung, in die er „Zwischenglieder“ einfügt. In diesem Zusammenhang verweist der Autor auf den umfangreichen Anmerkungsapparat, in dem wichtige Beziehungen zu anderen Denkern untersucht werden. Das Kapitel über das Palais Stonborough in Wien nutzt der Autor geschickt als „eine Art Folie“, die die späteren philosophischen Probleme bereits erkennbar werden läßt.

Die Teilung des Werks Wittgenstein in zwei Teile – auf die „logische Idealsprache der Frühphase“ und der „linearen Denkweise“ des Tractatus folgt die täglich Umgangssprache und die „aossoziative, nur in Paragraphen geordnete“ Denkweise der Philosophischen Untersuchungen (S. 9) -, wird vom Autor als revisi-onsbedürftig dargestellt. Offenkundig diente diese Einteilung bisher oft als Versuch, sich dem Gedankengebäude Wittgensteins zu nähern. Allerdings hat Wittgenstein selbst die Beziehungen zwischen seinen Hauptwerken betont. Neben den inhaltlichen und formalen Erwägungen gilt es nun einen Weg zu finden, der den literarischen Charakter seines Werkes berücksichtigt. Der Autor, der diesem folgt, stellt dem Leser in Aussicht, daßss so nicht nur seine Philosophie sondern sein Philosophieren aufgedeckt wird. Dieser Ansatz eröffnet dem Autor den Weg, die Brüche und die Kontinuitäten im Werk Wittgensteins in einen Zusammenhang zu stellen.

Der Autor weiß sich zu Recht auf der sicheren Seite, da Wittgenstein im Vorwort des Tractatus logico-philosophicus (1921) sein Werk nicht als ein Lehrbuch bezeichnet, sondern vom Leser Vergnügen erwartet und nur Verständnis von den Lesern erwartet, die Ähnliches schon einmal gedacht haben. Für Goppelsröder ist der Tractatus auch ein literarisches Werk und damit auch als „Manifest einer neuen Philosophie“ (S. 17). Das Kapitel mit einigen wenigen biographischen Angaben zum Werdegang Wittgensteins „Von der Mathematik zur Logik – vom Paradox zur Philosophie“ erklärt einleuchtend die Grundlagen des Tractatus, dessen erster Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist,“ lautet.
Das zentrale Kapitel behandelt die „Ethnologische Wende am Leitfaden der Poesie“.

„Sprachphilosophie und Wahrnehmung“ sind die Stichwörter für die späte Philosophie Wittgensteins, die auf die Folgen aus der „,ethnologisch-poetischen Wende‘ seines Denkens“ (S. 63) zielt, wobei das Sprachspiel als Modell verstanden wird, das eine Entdeckung der Sprache mittels der Nennung nicht rational definierbarer Zusammenhänge nachzuvollziehen versucht, indem das philosophische Thema auf dem Umweg über die Infragestellung des Gewohnten erreicht werden soll. Schließlich ist „Wittgensteins eigene philosophische Praxis“ das Thema des letzten Kapitels, das die „Radikalisierung der litera-rischen zur dichtenden Philosophie“ darstellt.

Dem Autor dieses Bandes ist eine sehr lesenswerte Einführung in das Werk Wittgensteins gelungen, indem er die sprachlichen Schwierigkeiten des Tracta-us und der Philosophischen Untersuchungen keinesfalls etwa als schwierig oder gar obskur dargestellt hat, sondern ihren literarischen Anspruch aufgegriffen hat und den mit ihr verbundenen philosophischen Ideen einleuchtend dargestellt hat. Sein Kapitel über „Wittgenstein als Architekt“ ist viel mehr als nur ein dem Leser in der Einleitung versprochene Ruhepol, denn als eine praktische Interpretation des Zusammenhangs von „Sagen und Zeigen“ zu verstehen. Der Autor greift die Zweiteilung des Werkes wieder auf, aber nicht unter dem Aspekt der Trennung, sondern als eine Entwicklung, die an vielen Grundsätze, die den Bau des Hauses in der Kundmanngasse mitbestimmt haben, abzulesen sind. Archiktektur stellt in ihrer materiellen Form alle gegenseitigen Verweise und Abhängigkeiten vor, sie wird zu einer Geste, und der Autor kündigt nebenbei wenn auch indirekt sein nächstes Buch an.

„Das Sprachspiel ist nicht Resultat wissenschaftlichen Kommunizierens, (…) es ist ein Modell (…) welches sich (…) in die Situation hinein überwindet.“(S. 63) Die folgenden Kapitel zeigen die praktischen Seiten der Philosophie Wittgen-steins und nehmen ihr viel von dem Image schwer durchdringbar zu sein. Goppelsröders Art, die Entwicklung der Sprachphilosophie Wittgensteins mit verständlichen Beispielen zu illustrieren, zeigt auch, wie sich Wittgensteins Wunsch, seine Philosophie möge Vergnügen bereiten, hier erfüllen läßt. Aber gerade mit der Sprache zeigt der Autor, daß Wittgenstein die Unterscheidung von Sagen und Zeigen im Sinne der „gerahmten Wahrnehmung“ in den Philosophischen Untersuchungen keineswegs aufgibt, sondern sie um angemessene Aspektwechsel erweitert und so das Unaussprechbare thematisieren kann.

Es ist hier völlig unangemessen, diese gedrängte Einführung, die den Leser mit sicherer Hand durch das Labyrinth des Wittgenstein’schen Denkens lenkt, resümieren zu wollen. Mein kurzer Text geriet viel länger, weil die Kapitel des hier zu besprechenden Bandes so ausdrücklich zur genauen Lektüre einladen, die wiederum zur Lektüre von Wittgenstein selbst verführen. Das besondere Verdienst des Autors, der hier nicht ein einziges oder gar nur ein Spezialthema der Philosophie Wittgensteins aufgegriffen hat, eine Untersuchung vorgelegt zu haben, mit der es ihm gelingt, auf spannende Weise die Philosophie Wittgensteins vorzustellen, sollte auch Literaturwissenschaftler dazu bewegen, über den Rand ihrer Disziplin einmal hinauszuschauen.

Heiner Wittmann

Fabian Goppelsröder studiert Philosophie und Geschichte in Berlin und Paris. Zur Zeit arbeitet er an einer Dissertation in Stanford (CA). Er ist Herausgeber von Wittgensteinkunst. Annäherungen an ein Philosophie und ihr Unsagbares, diaphanes Verlag, Berlin 2006.

Die digitale Welt und die Politik

Kleck, Véronique,
Numérique & Cie. Sociétés en réseaux et gouvernance,
Editions Charles Léopold Mayer, Paris 2007.

Das Motto dieses Buches enthält ein Zitat von Jacques Robin aus der Gründungserklärung des VECAM 1, das die aktuellen Veränderungen unserer Gesellschaften nicht als Krise und auch nicht als dritte industrielle Revolution bezeichnet, sondern diese Veränderung als eine wahrhaftige Mutation, den Wechsel einer Ära und die Geburt einer neuen Zivilisation versteht. 1994 hatte Jacques Robin bereits. auf die sozialen Auswirkungen der Informations- und Kommunikations-technologien hingewiesen. Damals entstand das VECAM, das am Rande des G7 Gipfels in Brüssel im Februar 1995 den Journalisten vorgestellt wurde. In diesem Sinne enthält das vorliegende Buch ein Resümee und eine Bewertung der bisherigen Tätigkeit des VECAM und zugleich auch einen Ausblick vor allem auf die künftigen sozialen Implikationen der Informationstechnologien.

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Mitmachseiten. Eine kritische Bewertung.

Etienne Candel hat kürzlich sein Studum an der Ecole des hautes études en sciences de l’information et de la communication (Celsa) – ein Institut der Universität Paris IV – Sorbonne mit einer Doktorarbeit zu dem Thema, „Autoriser une pratique, légitimer une écriture, composer une culture : les conditions de possibilité d’une critique littéraire participative sur Internet. Etude éditoriale de six sites amateurs.“ abgeschlossen.
Seine Arbeit paßt zu den Debatten um das neue Internet, das man auch das Mitmachnetz nennt. Die Doktorarbeit von Candel hat einen doppelten Vorteil, weil sie einerseits die Beiträge der Besucher analysiert und sich folglich beinahe ausschließlich auf die Inhalte und auf die Bewertung der Beiträge für die Seiten konzentriert, die eine Beteiligung der Besucher erhoffen.
Das Ziel der Arbeit Candels erfordert keineswegs einen vollständigen Korpus für die Untersuchung. Es ist wahr, das Mitmachnetz, das man auch Web 2.0 nennt, hat in wenigen Monaten Hunderte von Seiten hervorgebracht, die eine Beteiligung ihrer Besucher in Form von Fotos, Videosequenzen oder Texten erwarten. Oft schlagen diese Seiten ihren Besuchern eine Bewertung ihrer oder der Inhalte der Besucher vor. Das ist ein sehr wirksames Mittel für die Werbung der Seite, das zum Beispiel die Online-Buchhandlung Amazon schon lange einsetzt. Kaum etwas als anderes als das authentische Zeugnis eines Kunden ist besser geeignet, um es den Kunden, die ein Buch kaufen möchten, vorzustellen.
Die Liste der Seiten, Etienne Candel ausgewählt hat:
La liste des sites choisis par Etienne Candel :
www.ratsdebiblio.net
www.zazieweb.fr
www.citiques de livres.com
www.critic-instinct.com
www.lisons.info
www.guidelecture.com
Tatsächlich legt seine Arbeit viel mehr als eine einfache Analyse dieser Internet-Seiten vor. Candel hat eine interessante Arbeit geschrieben, die es erlaubt, die Konzepte der Mitmach-Angebote in einem viel größeren Rahmen zu verstehen, als es diese Auswahl erwarten läßt. Das Verfahren, das er vorschlägt, läßt sich leicht auf die Analyse andere Seiten übertragen. Ich denke gleich an Wikipedia, dessen Schwächen und Vorteile auch sehr gut mit einer solchen Untersuchung evaluiert werden könnten.

Candel beginnt zuerst mit den Texten der Amateure, beschreibt sie und bewertet, wie die Kritik verfaßt wird, dann versucht er den Aufbau dieser Kritiken zu analysieren, danach zeigt er, wie und auf welche Weise man auf diese die Kritik aufmerksam wird. – Das dritte Kapitel des ersten Teils dreht sich um das Phänomen Buch. Hier geht es um ganz sachgerechte Überlegungen, die viele Befürworter des Web 2.0 vernachlässigen, wenn es darum geht, erst einmal zu erörtern, um welche Art von Inhalten es überhaupt geht, wenn der Sinn der Beiträge der Kunden erfaßt werden soll. Es geht zunächst um die „Lektüre als Aneignungen“ (S. 112 ff.), die versucht herauszufinden, welche Art der Lektüre zu den vorliegenden Rezensionen geführt hat. Dieses Kapitel ist ein schönes Beispiel, wie die Literaturkritik einen wichtigen Platz in einer Studie zum Web 2.0 einnehmen kann. – Der zweite Teil untersucht sozialpolitische Aspekte der Texte und versucht herauszufinden, wie die Internet-Seiten mit unterschiedlichen Konzepten de Abfassung von Rezensionen zu steuern versuchen. Dazu legt Candel eine Reihe von Beobachtungen vor, wie die Betreiber der Websites ihren Besuchern mehr oder weniger genaue Ratschläge geben oder Vorschriften machen. Die Grafik der Websites und die Werbebanner weisen auf das Lesevergnügen hin und werden manchmal durch präzise Hinweise auf den Aufbau der Rezensionen ergänzt. – Der dritte Teil will die Beziehungen zwischen dem Medium und den Vermittlungen aufdecken. Candel beschreibt hier eine Art Phänomenologie des Internets, das eine Beziehung zwischen „Aussage des Herausgebers und der Aussage der Teilnehmer“ (p. 240) herstellt, womit er die Rolle des Internets „im Rahmen der kulturellen Vermittlungen aufdeckt.“ (S. 281). Die Verlage werden sich sicher für die Resultate seiner Arbeit interessieren. Wie kann man die Besucher einer Seite dazu motivieren, bei ihr mitzumachen und ihr eigene Texte mit der Bewertung von Büchern anzuvertrauen? Die präzise Beschreibung der Beziehungen der Besucher zu den Mitmachseite, die Beschreibung der Prozesse, wie die Aufmerksamkeit der Kunden angezogen werden soll, und schließlich wo und welchen Bedingungen ihre Beiträge veröffentlicht werden, sind weitere Erläuterungen, mit denen das Phänomen Mitmachnetz erklärt werden kann.

Am Ende seiner Arbeit bestätigt Candel „daß der Amateurkritiker zum einen kritische Beiträge verfasst, dass es sich um einen Bruch in der bisherigen Medienlandschaft handelt, weiterhin geht es um eine Vermittlung, die sich sogar auf eine wissenschaftliche Grundlage berufen könnte, die aber auch Teil einer besonderen Art des Schreibprozesses sein könnte, in dem sie in bekannten Gefilden eine Art Wildern beginnt.“ Diese Erkenntnis gibt das Ergebnis seiner Arbeit gut wieder. Tatsächlich hängt es sehr vom Konzept der Internet-Seite ab, ob der Amateur eine kritische, man könnte hinzufügen eine seriöse, Arbeit abliefert oder ob sein Beitrag sich eher oberflächlich entwickelt.
Ohne den vollständigen Umfang der Arbeit hier im Detail vorgestellt zu haben, möchte ich darauf hinweisen, daß das Verfahren Candels mit der Methode, die er hier erarbeitet auf eine sehr interessante Weise zeigt, wie er seine Studien zur Semiotik mit denen der Kommunikationswissenschaften verbunden hat.
Heiner Wittmann

Maître Eckhart et la naissance de la ‚mystique allemande‘ de l’esprit de la philosophie arabe

Azelarabe Lahkim Bennani (Autor dieses Beitrags)
Maître Eckhart

Kurt Flasch
Meister Eckhart
Die Geburt der „Deutschen Mystik“ aus dem Geist der arabischen Philosophie
Beck, München 2006, 192 Seiten. ISBN 3-406-54182-8

Kurt Flasch vient récemment de publier le livre intitulé “ Meister Eckhart. Die Geburt der ‚deutschen Mystik‘ aus dem Geist der arabischen Philosophie „, “ Maître Eckhart et la naissance de la ‚mystique allemande‘ de l’esprit de la philosophie arabe “ (2006) chez C.H. Beck à Munich. Kurt Flasch, professeur émérite à l’Université de Bochum et spécialiste de l’histoire de la pensée philosophique, a reçu d’innombrables distinctions, dont le Prix Sigmund Freud (2000) et le Prix Kuno Fischer de l’Université de Heidelberg (2001).

Le livre se distingue d’abord par la richesse des références bibliographiques spécialisées. Mais l’apport décisif et inédit de l’auteur est d’ordre méthodologique : Il renonce à la distinction sommaire que les historiens n’ont de cesse de ressasser, à savoir à la dichotomie entre “ scholastique “ et “ mystique „. Flasch estime à juste raison, textes latins d’Eckhart à l’appui, que ce genre de distinctions sommaires ne représente que des “ abstractions historiques “ qui ne résistent guère à l’investigation philologique de ses textes latins. Ce sont , par ailleurs, des textes qui ne sont découverts que durant la décennie de 1880. Le dépassement de telles dichotomies abstraites aura des incidences palpables sur l’économie de ce livre et sur ses hypothèses de travail.

Le but auquel Flasch s’est consacré dans ce livre était de “ décrypter la pensée d‘ Eckhart dans des aspects fondamentaux à partir d’Averroes “ (153), bien que cette hypothèse de travail ne fasse pas l’unanimité parmi les spécialistes. A titre d’illustration de ces réticences, force est de constater que les inconditionnels de la ‚mystique‘ d’Eckhart préfèrent le soustraire à toute influence provenant d’Averroes, alors que les adeptes d’un rationalisme étroit limitent dangereusement l’idée de ‚rationalité‘ aux seuls disciples d’Aristote, et regardent d’un mauvais œil l’idée d’un Eckhart mystique et ‚rationaliste‘. Une telle restriction de l’idée du rationalisme est trop exclusive pour être vraie. Flasch renonce également au préjugé qui réduit Eckhart au rôle d“exégète‘ et l’insère à tout prix dans une herméneutique de la ‚tradition‘. (21). Flasch veut rétablir Eckhart dans sa ‚liberté‘ de pensée et sa volonté de réconcilier la théologie chrétienne avec la théologie de la philosophie première, ayant pour objet l“étant en tant qu’étant „, au détriment le l’interprétation littérale des textes sacrés. Mais le souci de “ la réinterprétation libre “ “ Umdeutung “ ne l’incite pas à tomber dans l’exagération inverse de l’interprétation ’symbolique‘, qui se met plutôt du côté du Protestantisme, ou sert au moins son animosité déclarée contre la scholastique.
Flasch nage à contre courant des lectures exclusives, exégète et mystique du Maître Eckhart, et montre comment celui-ci s’est approprié le legs aristotélicien à travers la réception d’Albert le Grand et de Dietrich du texte majeur d’Aristote De anima, lu et commenté par Averroes, Avicenne El Farabi, entre autres.

La thématique principale du livre retrace l’histoire de la réception des Grands Commentaires d’Averroes traduits en latin (Le commentaires concernent les textes d’Aristote De Anima, la Métaphysique et la Physique. (46) Ces commentaires se distinguent des autres types de commentaire par le souci d’expliquer en détail le propos d’Aristote phrase après phrase, tout en le débordant à maintes reprises, en exprimant des doutes ou en proposant une conception nouvelle. Flasch se restreint à Averroes latin, en négligeant ses œuvres publiés en arabe. Car le type de réception est différent en terre d’Islam et dans le monde latin, en raison de la différence des types de commentaire de part et d’autre des frontières. Néanmoins, Averroes a permis, dans les deux contextes différents, de ‚purifier‘ l’œuvre d’Aristote du syncrétisme ambiant de la Gnose et du Néo- Platonisme. Mais Flasch, réfractaire à tout ‚puritanisme‘ abstrait, a le mérite de ne pas surévaluer l’abîme existant entre le philosophe de Cordoue et de Marrakech d’une part et les maîtres antérieurs comme Al Kindi, El Farabi, Avicenne, Algazel ou Avempace, de l’autre. L’Averroes, qui ressort des textes étudiés par Flasch, est différent de l‘ “ Averroisme “ forgé par les théologiens, puis par d’Ernst Renan.(46).

Flasch corrobore son propos par l’étude de certaines notions fondamentales, notamment celle de l’Intellect chez Aristote, Averroes et les autres philosophes péripatéticiens. Il montre comment Averroes a réfuté la theorie de l’émanation d’Avicenne et comment il a exclu les causes efficiente et finale de la métaphysique pour les intégrer dans la physique, afin de centrer la problématique principale de la métaphysique sur le statut ontologique de I’intellect agent et de l’intellect possible. Flasch consacre de longs chapitres aux différentes conceptions de l’Intellect chez Alexandre Aphrodisiaque, Themistius, Saint-Thomas, comme chez les philosophes arabes. Selon la conception originale d’Aristote, pour que l’Intellect puisse saisir le tout, il ne doit pas faire partie de ce tout. Il s’en suit que l’Intellect est simple, vide de tout contenu du monde ; il n’a pas d’essence déterminé ou réifié, afin de pouvoir saisir le tout. En fin de compte, l’Intellect est impassible, dénué de toute matière. “ C’est pourquoi son activité est identique avec son contenu. “ (58). Par conséquent, Averroes en tire la conclusion que “ l’âme doit être vide. Pour qu’elle puisse saisir les formes matérielles, elle ne doit pas être l’une de ces formes. „(62). “ La vision doit être incolore pour qu’elle puisse saisir les couleurs- on doit être muni de toutes ces formules aristotelo-averroeciennes afin de pouvoir étudier Dietrich et Eckhart. Ce sont des images de la négativité de l’Intellect. „(62) On retrouve ici le relais entre négativité de la raison et théologie négative chez Maître Eckhard. Flasch s’attarde également longuement sur les correspondances entre dieu et l’Intellect agent, l’intellect possible et l’intellect humain, sur les formes d’unité et de conjonction entre Intellect possible et Intellect agent. Une comparaison exhaustive entre les différents protagonistes religieux (dont Thomas Aquino) et philosophiques a pour but de savoir si l’intelligence est identique à l’intelligible, comment cette intelligence provient d’un Intellect agent et être considérée comme ma propre intelligence humaine, sans réellement doter l’Intellect d’aucune qualité intramondaine.
Pour étayer son propos, Flasch a subdivisé le livre en huit chapitres, augmenté d’une introduction concernant l’image d’Eckhart et de deux registres. Il consacre deux chapitres à Averroes. Le troisième chapitre dresse l’ouverture d’Albert le Grand sur le monde arabe. Le quatrième chapitre est consacré à la nouvelle métaphysique de Dietrich de Freiberg. Les trois chapitres suivants étalent les différentes liaisons qui ont lié Maître Eckhart à Averroes, à Avicenne et à Maimonide. Dans le chapitre final, Flasch justifie à nouveau la pertinence de ses choix méthodologiques qui l’ont amené à rapprocher Eckhart d’Averroes, en renvoyant dos-à-dos aussi bien le mysticisme prétendu de l’un et l’averroisme dogmatique de l’autre. Le livre se compose de 192 pages, dans une édition élégante.

Azelarabe Lahkim Bennani ist Professor für Philosophie in der Abteilung für Philosophie, Soziologie und Psychologie. der Faculté des Lettres et des Sciences Humaines, (Dhar Mehraz), Marokko.

Er lehrt vor allem Deutsche Philosophie, Philosophie der Logik, Ethik, Sprachphilosophie, Hermeneutik.
und Religionsphilosophie.

Alle Rechte vorbehalten – Tous droits réservés © Azelarabe Lahkim Bennani, 2006.

L’élection présidentielle 2007


www.france-blog.info bloggte live aus der Redaktion von www.france24.com
1 er tour: dimanche, 22 avril et 2ème tour: dimanche 6 mai 2007


Lesetips für die Präsidentschaftswahl in Frankreich:
Internationale Politik
Die Zeitschrift Internationale Politik
bietet in ihrem jüngst erschienenem Aprilheft (4/2007) ein ausführliches Dossier zu den französischen Präsidentschaftswahlen an: Wohin steuert Frankreich?
Internationale Politik

Daniela Schwarzer, Frankreich- und Europaexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin berichtet unter dem Titel Wahl der Willkür über Trends, Themen und Temperamente. Sie zeigt, wie die Kandidaten erst im Wahlkampf ihre Themen schmieden, wodurch auch die hohe Zahl der Unentschiedenen erklärbar wird, und sie zeigt einleuchtend,wie sich die Konturen zwischen rechts und links verwischen. Sie sieht Hoffnungen für François Bayrou, als Wähleralternative angenommen zu werden.

Johannes Wetzel, freier Jurnalist, berichtet über François Bayrou; Rebell der Mitte, der das ‚extreme Zentrum‘ (A. Duhamel) neu erfindet. Allerdings zeigt sich der Autor skeptisch, ob das von Bayrou angestrebte Ziel der Einheit wirklich in die politische Landschaft passt, in der gerade die Linke und die Rechte den Mythos der nationalen Einheit bestimmen.

Frank Baasner fragt angesichts des Wartens auf den großen Ruck in Frankreich, ob der der Ausweg VI. Republik? heißt. Die Verkürzung des Mandats des Präsidenten auf 5 Jahre, die Cohabitation, die wohl nicht mehr angemessene Repräsentativität der Assemblée nationale mit ihrem Mehrheitswahlrecht deuten auf einen Reformbedarf der Institutionen hin. Die Situation ist paradox meint er. Nur ein starker Präsident wäre in der Lage, die Machtposition des Parlaments zu stärken.

Daniel Vernet, außenpolitischer Direktor bei LE MONDE, untersucht Frankreichs außenpolitische Vorstellungen, die zwischen dem Beharren auf Tradtionslinien, Realpolitik und Moralismus schwanken: Multipolare Verwirrungen. Er beschreibt den Zick-Zack-Kurs der französischen Außenpolitik, die mit dem „De Gaulle-Mitterrand-Chirac’schen Kompormiss“ eigentlich seit dem Ende der Blöcke in Europa und den neuen neuen Herausforderugnen durch die Globalisierung überholungsbedürftig ist.

Dominique Moïsi, Mitbegründer des Institut français des relations internationales (ifri) in Paris und Professor für Internationale Beziehungen am Collège d’Europe in Natolin/Warschau entwickelt einen „Leitfaden: Wie man Weltmacht bleibt, ohne seine Freunde zu ärgern: Knigge für die Grande Nation. Frankreich kann sich nicht aus der Globalisierung ausklinken, und es darf seine Aufgaben nicht vernachlässigen: dazu gehören das transatlantische Verhältnis, der Dialog mit dem Islam und der Klimaschutz. Unter den 7 Ratschlägen an die Adresse Frankreichs ist der Punkt 4 besonders wichtig: Frankreichs Einfluss in der Welt hängt von der eigenen Reformfähigkeit ab. Zudem sind die Innen- und die Außenpolitik immer enger miteinander verbunden. Dazu passt auch, dass der Autor daraufhinweist, dass es nicht darum geht, ob und wie Europa islamisiert wird, sondern, was „Frankreich und Europa zur Aussöhnung der islamischen Welt mit sich selbst beitragen können.“

Martin Koopmann leitet das Programm Frankreich/deutsch-französische Beziehungen in der DGAP und berichtet über die Neuformierung der französischen Europa-Politik. Zaghaft, aber es bewegt sich was, und Berlin sollte dabei Hilfestellungstellung leisten: Brückenbauer gesucht. Er zeigt, die Auswirkungen des Maßerfolgs des Referendums, erinnert aber auch daran, daß man allgemein der Ansicht ist, daß die für die Institutionen relevanten Passagen der Verfassung nicht die Ursache seiner Ablehnung waren. Zwar entwickeln die Kandidaten aus der Analyse der bisherigen Europapolitik unterschiedliche Ansätze, der Autor zeigt aber am Beispiel der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP), daß auch Berlin sich hier kompromissbereiter zeigen muss.Er traut der PS unter Ségolène Royal neue Ansätze in der Europapolitik zu, er weiß daß Nicolas Sarkozys Haltung in Berlin am besten bekannt ist, glaubt aber, daß François Bayrou u.a. im Bereich von multilateralen europäischen Kooperation ein „hohes Maß an Konsensfähigkeit“ zukommt.

Angelica -Schwall-Düren, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion für Angelegenheiten der Europäischen Union plädiert für ein europäisches Frankreich Gemeinsam Geschichte schreiben und erinnert mit ihrem Titel an den Erfolg des gemeinsamen Geschichtsbuches (Klett und Nathan).

Henrik Uterwedde, stellvertretender Direktor der Deutsch-französischen Instituts in Ludwigsburg analysiert Frankreichs Wirtschaft zwischen Erneuerung und Beharrung: Revolution auf Raten. Sein Titel ist gut gewählt und bringt die Probleme Frankreichs auf den Punkt: Bemerkenswerte wirtschaftliche Erfolge stehen punktuell strukturellen Problemen gegenüber, wobei eine der Hauptursachen, das staatsdirigistische Modell der Nachkriegszeit tatsächlich seit dem Beginn der achtziger Jahre abgebaut wird – auf Raten. Neue Rahmenbedingungen für Unternehmensgründungen und eine Stärkung des Mittelstandes gehören u.a. zu den vordringlichen Aufgaben.

Eva Sabine Kuntz, Generalsekretärin Deutsch-Französischen Jugendwerks zeigt, wie der Jugend Frankreichs der soziale Abstieg droht:keine Arbeit, keine Zukunft. Der Blues der „Generation Chirac“ lautet die Überschrift ihres Beitrags. Sie zeigt die dramatischen Veränderungen der letzten Jahre, die hohe Arbeitslosigkeit, die Auswirkungen der Randale in der Banlieue und der erfolgreichen Proteste gegen den Ersteinstellungsvertrag. In beiden Protestwellen erkennt die Autorin den Wunsch der Jugendlichen, etwas bewegen zu wollen. Der immer schwierigere Berufseinsteig für die Jugendlichen in Frankreich und der daraus entstehende Frust kann das „republikanische und soziale Modell“ ins Wanken bringen.

Heiner Wittmann


DokumenteDOKUMENTE. Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog hat seinem 2. Heft / 2007 ein Dossier 50 Jahre Römische Verträge vorgelegt. Außerdem berichten mehrere Autoren über die bevorstehenden Wahlen in Frankreich.

Dokumente

Das paßt gut: ein Dossier, das dem Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge und einer Bilanz der EU gewidmet ist.

Ansbert Baumann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Zeitgeschichte der Universität Tübingen und Maître de Conférence am IEP Paris. Er berichtet über Deutsch-französische Impluse vom Elysée-Vertrag bis nach Maastricht, betont die unterschiedlichen Ziele Frankreichs und Deutschland, und weist daraufhin, dass „die Interdependenzen zischen deutsch-französischer Kooperation und europäischen Integrationsprozess … dabei meistens vielschichtig“ waren. Dabei wird aber dennoch die Bedeutung der persönlichen Beziehungen zwischen dem Bundeskanzler und dem Staatspräsidenten deutlich, z. B. waren es Schmidt und Giscard d’Estaing, die mit dem EWS einen bedeutenden währungspolitischen Erfolg errangen. Oder 1983 als Mitterrand in Frankreich wirtschaftspolitischen Änderungen einleitet und sich dem Stabilitätskurs der Partner übernahm. Baumanns Artikel ist lesenswert, weil er gerade vor den Wahlen an das Potential der deutsch-französischen Kooperation zugunsten der EU erinnert.

Medard Ritzenhofen, Journalist in Strasbourg erinnerte an Chiracs zwiespältige Bilanz: Adieu Jacques!. Sein Ablehnung des Irak-Krieges verschaffte ihm die meisten Punkte seiner Popularität. Zögerliche Reformen belasten seine Blianz ebenso wie seine Zurückhaltung im deutsch-französischen Verhältnis. Nicht von Royal und nicht von Sarkozy, sondern von François Bayrou erwartet Ritzenhofen Veränderungen zugunsten der französischen Europapolitik

Winfried Veit leitet das Pariser Büro der Freidrich-Ebert Siftung. Er sieht die französische Linke vor den Präsidentschaftswahlen In der Bewährungsprobe. Zwar haben sich die Mitgliederzahlen der PS von 130.000 auf 280.000 infolgen einer geschickten Werbung 2006 verdoppelt. Die Umfragen halfen Ségolène Royal, die allein geeignet erschein, den Herausforderer Sarkozy schlagen zu können. Ihr neuer Stil der „partizipativen Demokratie“ wurde im Verlauf des Wahlkampfes modifiziert, auch band sie wieder die Führungspersönlichkeiten ihrer Partei in ihren Wahlkampf ein. Veits Artikel zeigt, dass Royal scheitern könnte, weil sie die verschiedenen linken Lager nicht in dem Maße einen könnte, wie dies nötig wäre, um im zweiten Wahlgnag die notwendigen Stimmen aus dem rechten Lager zu bekommen.

Medard Ritzenhofen berichtet über Nicolas sarkozy, François Bayrou und Jean-Marie le pen: Renouveau der Rechten. Drei Punkte: „Die Rechte gibt es weniger als die Linke.“ Die Rechte hatte nie einen guten Ruf und ihre Herrschaft ließ die Linke nur als Ausnahme zu. Ritzenhofen bezeichnet Sarkozys Vorstellungen als einen modernen Konservativismus und stellt ihm die „Radikalität der Mitte“ von François Bayrou gegenüber, in Frankreich zum solidesten Fürsprecher Europas geworden ist. „Frankreich den Franzosen“: so wurde Le Pen zum langlebigsten Politiker und tritt schon das 5. Mal bei der Präsidentschaftswahl an. Diesmal hat aber Sarkozy mit seinen Stellungnahmen zur Verbrechensbekämpfung dazu beigetragen, dass die Ansichten der FN populärer werden. Royal, die von militärisch geführten Erzehungsanstalten sprach, hat ebenfalls wenn auch nur indirekt zur Aufpolierung des Images der FN beig tragen. Trotzdem bleibt Le Pen bei seinen Grundüberzeugungen, die die Protestwähler ansprechen. Bayrou hingegen will sich am Berliner Vorbild der Großen Koalition orientieren.

Joachim Schild lehrt Vergleichende Regierungslehre an der Universität Trier und analysiert die Bedeutung der Europapolitik im Präsidentschaftswahlkampf: Europa als Sündenbock. Die drei Kandidaten, die in den Meinungsumfragen an der Spitze stehen teilen die Bedenken vor der Erweiterung der EU. Royals Vorstellungen hinsichtlich der Statuten der Europäischen Zentralbank haben den deutschen Partner irritiert. Hinsichtlich des EU-Vertrages setzt sich Sarkozy für einen „Mini-Vertrag“ ein und will ihn im parlementarischen Ratifizierungsverfahren verabschieden. Royal und Bayrou möchten beide nach Änderungen des Vertrages ein neues Referendum. Schild bezeichnet es als eine „politische wie intellektuelle Kraftanstrengung“, die notwendig ist, „eine im Innern aufgrund der politischen und sozialen Krisen der letzten Jahre und der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit tief verunsicherten Republik mit Europa zu versöhnen und Frankreich den gewohnten Paltz als europäische Führungsmacht auch für die Zukunft zu garantieren.“

Heiner Wittmann

Poesie und Identität

Khalid Hadji,
La présence poétique
Lecture d’Arman Monjo, Abdelllatif Laâbi et Mahmoud Darwich.
Université Sidi Mohammed Ben Abdellah, Fès, 2006

Die présence poétique ist etwas, das bei einem Autor das verlangen, sowohl im Glück wie im Unglück zu sprechen, bezeichnet. Außerdem bezeichnet sie auch das Bewusstsein, das der Autor von seiner Identität, seiner Sprache und seiner Lebensumgebung hat. „Das Gedicht kann einen Sinn erzeugen, weil seine Wörter, obgleich es dieselben sind, etwas anderes aufdecken kann,“ heißt es in der Einleitung zu diesem Band, in dem es darum geht, die Formen und Figuren dieser „présence poétique“ zu analysieren, um die Frage zu beantworten, warum auf die Dringlichkeit, die Welt zu bewohnen, ein so großer Wert gelegt wird? Es geht um das Verhältnis von Poesie und Existenz, das die Werke der für diese Studie ausgewählten Dichter bestimmt.

Armand Monjo (1913-1998), ein Freund von Jean Giono und Pablo Picasso. Von ihm stammt eine zweisprachige Anthologie Poésie italienne (Seghers, Paris 1964). Trotz seines Engagements sei er nur wenig bekannt geworden. Abdellatif Laâbi (1942 in Fès geboren) gehört zu den Mitbegründern der Zeitschrift Souffles. Von ihm erschien zuletzt Fragments d’une genèse oubliée (1998). Seine Poesie, die jede Form der Reduktion überschreiten will und die Sprache neu bewerten will, bringt ihn in die Nähe zu Mahmoud Darwich (geboren 1941 in Galiläa). Zuletzt erschien Onze planètes (1992).

Die Fragen nach der Präsenz, das Sein-in-der-Welt und dem Standort berühren die Philosophien, die das Sein befrgaen, vor allem die Ontologie Martin Heideggers, erklärt der Autor dieser Studie, die er in drei Teilen vorlegt: Im ersten Kapitel „Ecriture de la présence“ geht es um die Darstellung der Welt, die Dichtung, die Dauer und schließlich um die Entwicklung des poetischen Gedankens. Im zweiten Kapitel untersucht der Autor die Symbolik unter dem Stichwort der Mimesis und im dritten Kapitel steht die Semiotik im Vordergrund seiner Untersuchung.

Im ersten Kapitel wird die „présence poétique“ als eine Offenbarung der Welt verstanden. Diese poetische Präsenz ist aber gleichzeitig auch als eie Art geheimnisvolles Einverständnis mit der Wlet zu verstehen. Es geht aber hier auch um das Lebendige selbst, durch das der Sinn entsteht, dne der Autor auch als Wiederaneignung einer verlorenen Substanz bezeichnet. Gegenwart und Abwesenheit kennzeichnet die poetische Entwicklung im zweiten Kapitel, wobei der Zeichenvorrat des Dichters, deesen er sich bedient, auf einen Erkenntnisakt zielt: Der Sinn entsteht durch die Beschreibung der Formen der Existenz. (S. 91). Die „présence poétique“ bedeutet eine Projektion des Seins auf die Existenz, die auch das Anderssein des eigenen Ichs einschließen kann.

Diese Studie über drei Dichter, die aus verschiedenen Kulturen stammen, zeigt bei ihnen ganz ähnliche Ansätze, mit der ihrer Dichtung die eigene Identität zu untersuchen und auszudrücken. Mit dem bezug auf theoretische Texte zur Poetik wie u.a. auch von Paul Ricoeur, Yves Bonnefoy, der Autor nennt auch Käte Hamburger verleiht er seiner Studie ein solides theoretisches Gerüst. In diesem Sinne geht es in seiner Studie nicht nur um die Interpretationen ausgewählter Gedichte, sondern auch um eine vergleichenden Analyse dreier Poetiken, wobei der Autor Ähnlichkeiten und Unterschiede aufdeckt.

Heiner Wittmann

Schönherr-Mann, Sartre. Philosophie als Lebensform

Hans-Martin Schönherr-Mann,
Sartre. Philosophie als Lebensform,
C. H. Beck, München 2005. ISBN 3-406-51138-4.

Die Einführung, die Schönherr-Mann in das Werk Sartres anlässlich seines 100. Geburtstags vorgelegt hat, konzentriert sich auf die Entwicklung des Existentialismus und dessen Verhältnis zum Marxismus. In den ersten drei Kapiteln entwickelt der Autor die Grundlagen von Das Sein und das Nichts (1943) und vor allem die Entwicklung seines Freiheitsbegriffs. Er zeigt, wie Sartre mit dem Bezug auf Husserls Phänomenologie und in Abgrenzung zu Descartes eine Definition des Bewusstseins entwickelt, das immer ein Bewußtsein von etwas ist (S. 32), und gleichzeitig von der Existenz zu unterscheiden ist, in dem Sinne, wie das Bewusstsein über diese Existenz hinausweist, also die eigene Situation überschreiten kann. Schönherr-Mann stellt die Entstehung von Das Sein und das Nichts in einen Zusammenhang mit Sartres Kriegserlebnissen, der Besatzungszeit in Paris und erklärt die Bezüge zu den Werken, die seinem philosophischen Hauptwerk vorausgingen, wie La Nausée (1938) und folgten wie seine Theaterstücke und der Romanzyklus Die Wege der Freiheit.

 

Die Freiheit ist gemäß der bekannten Formulierung, der Mensch ist zur Freiheit verurteilt, auch selber ein Zwang; sie ist eine schwierige und riskante Herausforderung, der wir aber nicht entgehen.“ (S. 58) Die Freiheit beschreibt die menschliche Realität, die Sartre mit dem Begriff der Situation kennzeichnet, die er mit dem projet des Menschen, mit seinem Entwurf verbindet. .

In den folgenden Kapiteln entwickelt Schönherr-Mann jeweils einen der Grundbegriffe der Sartreschen Philosophie, wie die mauvaise foi, die Verantwortung und das Engagement, die er einzeln untersucht und deren Entwicklung im Werk Sartres er in einen Zusammenhang mit dessen politischen Engagement stellt. Schönherr-Mann entscheidet sich gegen Traugott König, der von der Unaufrichtigkeit sprach, dafür die mauvaise foi mit dem verdrehten Bewusstsein zu übersetzen und begründet dies mit der Verdrehung der Freiheit (S. 79), wodurch er im Gegensatz zum Freudschen Unbewußten die absichtliche Verdrehung von Fakten und das Umdefinieren von Faktizitäten verstehen möchte. Der Autor versucht so, Sartres Absicht, Freuds Theorie vom Unbewussten abzulehnen, wiederzugeben, wobei aber zu bedenken ist, dass so eine Aspekt dieses Begriffs möglicherweise unterschätzt wird: „Das wahre Problem der Unaufrichtigkeit kommt evidentermaßen daher, daß die Unaufrichtigkeit [mauvaise foi] ein Glaube [foi] sei.“ (Sartre, Das Sein und das Nichts, S. 154) und nicht unbedingt eine Lüge sondern ein „Seinsmodus“( ib. S. 156) ist. Diese Unterscheidung ist wichtig, da Sartre auf dieser Grundlage, nämlich eines Bewusstseins, das etwas ist, was es nicht ist und gleichzeitig nicht das ist, was es ist, die permanente Versuchung der Unaufrichtigkeit aufdeckt, und damit das Bewusstsein selbst untersuchen will, „… das nicht Totalität des menschlichen Seins ist, sondern der instantane Kern dieses Seins.“ (ib. S. 160)

Das Engagement stellt Schönherr-Mann mit dem Begriff der littérature engagée in den von Sartre gemeinten Zusammenhang mit der Rezeptionsästhetik, die dem Leser am Entstehungsprozeß des Werkes beteiligt. Allerdings kommt in diesem Kapitel der Gedanke, daß ein Schriftsteller sich nicht ausdrücklich mit einem bestimmten Werk engagieren kann, etwas zu kurz, denn er ist immer engagiert, das heißt, er kann der Verantwortung für seine Werke nicht ausweichen. Andererseits weist Schönherr-Mann auch in seinen anderen Kapiteln sehr wohl auf die Bedeutung der Verantwortung gerade in der Verbindung mit dem Sartreschen Konzept der Freiheit ausdrücklich hin. Sartres Behauptung, die Wörter seien sein Abschied von der Literatur gewesen, darf, so wie Bernard-Henri Lévy dies getan hat, und Schönherr-Mann zitiert ihn, nicht überbewertet werden. Die monumentale Flaubert-Studie ist der beste Beweis dafür, daß ihn die Literatur sehr wohl weiter beschäftigt hat.

Seine Flaubert-Studie ist, wie es in ihrem Vorwort steht, die Fortsetzung von Questions de méthode, einem Artikel der zunächst 1957 in einer polnischen Zeitschrift erschien und dann in überarbeiteter Form im gleichen Jahr in Les Temps modernes, in dem Sartre die Zusammenhänge zwischen dem Existentialismus und dem Marxismus untersucht. Die Kritik, die Sartre in diesem Aufsatz, der 1960 wieder zu Beginn der Kritik der dialektischen Vernunft erscheint, am Marxismus äußert, erlaubt es nicht, vorbehaltlos von seinem „marxistisch orientierte[m] Denken“ zu sprechen. Seine Kritik am Marxismus in seiner damaligen Praxis ist so deutlich, daß eine Verbindung zwischen Der Idiot der Familie und der Kritik der dialektischen Vernunft allenfalls auf der Ebene einer Kritik an der Dialektik selbst zu erkennen ist. Im übrigen übersieht Schönherr-Mann Sartres deutliche Reserviertheit gegenüber dem Stalinismus oder dem Kommunismus sowjetischer Prägung. Er zitiert den von Sartre und Merleau-Ponty zusammen unterzeichneten Artikels „Les jours de notre vie“, der 1950 in Les Temps modernes erschien, in der es heißt, daß die UdSSR sich im Gleichgewicht der Kräfte auf der Seite derer befinden würden, die gegen die uns bekannten Ausbeutungsformen kämpfen würden. (S. 137) Die Schlußfolgerung auf eine Zurückhaltung Sartres hinsichtlich einer Kritik am sowjetischen Lagersystem kann durch den Zusammenhang nicht gerechtfertigt werden. Sartre fügt an dieser Stelle hinzu: Die Dekadenz des russischen Kommunismus könne die marxistische Kritik nicht ungültig machen, und man müsse keine Nachsicht gegenüber dem Kommunismus zeigen, das heißt aber auch nicht, daß man sich mit seinen Gegnern verbinden könne. (Cf. Sartre, Merlau-Ponty, Les jours de notre vie, in: TM, Nr. 51, 1950, S. 1162 f). Im diesem Artikel heißt es u.a.: „A moins d’être illuminé, on admettra que ces faits remettent entièrement en question la signification du système russe.“ (ib. S. 1154) und „… il n’y a pas de socialisme, quand un citoyen sur vingt est au camp.“ (ib, S. 1155) und „En regardant vers l’origine du système concentrationnaire, nous mesurons l’illusion des communistes d’aujourd’hui.“ (ib. S. 1160) Sartres Wegbegleitung der KPF von 1951-1956 hat ihn zu keiner Zeit dazu veranlaßt, seine Prinzipien und Konzepte hinsichtlich der Freiheit des Menschen aufzugeben.

Sein 1970 in einem Interview geäußertes Erstaunen, (cf. Sartre par Sartre, in: ders., Situations, IX, S. 101 f.) darüber , daß er geschrieben habe, der Mensch sei immer frei, zu entscheiden, ob er ein Verräter oder nicht sein werde, wird von Schönherr-Mann mit der Frage verbunden, ob er mit seinem marxistischen Engagement die Freiheit aufgegeben habe? Eine unmittelbare Antwort gibt er nicht, aber beim Leser bleibt vielleicht ein bestimmter Eindruck von diesem Interview haften. Man muß Sartres ganze Antwort lesen, in der er ganz unmarxistisch wiederholt, daß jeder immer dafür verantwortlich sei, was man aus ihm gemacht habe, denn jeder Mensch könne immer etwas aus dem machen, wozu man ihn gemacht habe. Dies sei die Definition, die er jetzt der Freiheit geben würde.

„Philosophie als Lebensform“ heißt der Untertitel des hier besprochenen Buches, in dem Autor im letzten Kapitel sein Ergebnis vorlegt: „… Sartres Existentialismus zeigt den Menschen ihre Freiheit und Selbstverantwortlichkeit sowie den Reflexionszwang, um ihr Leben selber zu gestalten.“ (S. 158)

Mit diesem Band ist dem Autor eine interessante Darstellung gelungen, die aufgrund einer geschickten Auswahl verschiedener Konzepte die Entwicklung des Denkens Sartres sowie seine festen Bezugspunkte in einen Zusammenhang mit seiner Zeitgeschichte bringt.

Heiner Wittmann

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Ronald Aronson, Camus & Sartre, Amitié et combat

Ronald Aronson, Camus & Sartre, Amitié et combat, übers. v. D. B. Roche, D. Letellier, Alvik Editions, Paris 2005. ISBN 2-914833-28-8 

Über den Streit zwischen Camus und Sartre, der der sich an der Ideologiekritik in L’homme révolté (1951) entzündete und nach einem öffentlichen Schlagabtausch in Les Temps modernes zum vollständigen Bruch zwischen beiden führte, ist immer wieder berichtet worden. 1)

Jetzt ist die französische Übersetzung der Untersuchung (2004) erschienen, mit der Ronald Aronson die Beziehungen zwischen Jean-Paul Sartre und Albert Camus zwischen ihrem ersten Zusammentreffen von 1943 und dem Bruch von 1952 eingehend analysiert. Mit einem Abstand von 50 Jahren, so der Autor, liegen jetzt genügend Dokumente vor, die eine Untersuchung dessen erlauben, was sich zwischen beiden zugetragen hat. Ihre Beziehung wurde so eng, daß schließlich auch ihre Werke Antworten auf Fragen formulierten, die sich beide stellten. Es ergaben sich aber dennoch Differenzen, die Aronson im Vorwort ankündigt, und die schließlich zu ihrem Zerwürfnis führten. Es kommt also darauf an, zu ermitteln, zu welchem Zeitpunkt und aufgrund welcher Themen oder Ereignisse ihre Meinungsverschiedenheiten erkennbar wurden. Der Kalte Krieg und seine Auswirkungen, so lautet Aronsons Erklärung, habe lange Zeit einer Aufarbeitung ihrer Geschichte im Wege gestanden, da ihre Interpreten immer wieder versucht waren, sich für die eine oder die andere Seite zu entscheiden. (Cf. S. 11, 15 )

Nach dem Ende des Kalten Krieges kann nun das historische Verdikt, dass Camus‘ Ideen als einen Irrtum bezeichnete, umgedreht werden, um nun seine politische tadellose Klarsicht zu hervorzuheben. Mit dieser Auffassung entsteht ein methodisches Problem, das den Ansatz dieser Untersuchung betrifft. Muß Camus‘ L’homme révolté unter dem Eindruck der Beurteilung seiner Gegner und damit entsprechend den Spezifika seiner Zeit gelesen werden, um den Streit von 1952 in seiner ganzen Tragweite verstehen zu können? Mit diesen beiden Fragen, die den Beginn ihres Disputs und die Interpretation von L’homme révolté und der daraus erkennbaren Bedeutung für ihren Streit betreffen, soll die vorliegende Untersuchung geprüft werden.

Aronson glaubt nicht daran, daß der Bruch zwischen beiden durch ihre Auffassungen von Anfang an vorherbestimmt gewesen sei, sondern vielmehr der Kalte Krieg habe ihre zunächst guten Beziehungen getrübt und schließlich scheitern lassen. Aronson möchte sich nicht auf die vorhandenen Biographien beider und Zeugnissen andere verlassen, sondern er will sich auf ihre Werke konzentrieren und so die Bezugspunkte finden, die sich auf das Werk des jeweils anderen beziehen.

Camus rezensiert 1938 La nausée (Camus, Essais, Paris 1965, S. 1417-1419) und Sartre rezensiert seinerseits 1942 L’étranger (Sartre, Situations, I, Paris 1947, S. 120-147). Aronson zeigt die Zusammenhänge zwischen diesen Texten der beiden Rezensenten. Wenn auch Sartre bald der Bekanntere von beiden ist, so ist der doch von Camus‘ Engagement überrascht. „Sartre et tout à fait étranger au pragmatisme de l’action.“ (S. 40) erklärt Aronson und erinnert an die immer mal wieder von einigen Autoren geäußerte Verwunderung über Sartres späte Entdeckung der Politik. In der ersten Jahreshälfte 1944, so Aronson, wird Camus, der Chefredakteur der Zeitung Combat ist, zum Mentor Sartres. Die Politik, die beide 1952 trennen wird, hat auch beide zusammengeführt, so lautet Aronsons These. Wenn auch beiden gewisse Grenzen der Übereinstimmung bewußt waren, so wurde doch Camus zu einem der engsten Freunde Sartres.

Der Text, der Sartres Engagement auslöste oder zumindest mitbestimmte, soll Camus‘ Roman La peste (1947) gewesen sein. Aronsons Analyse, wie beide Ihre Ansichten austauschen und gemeinsame Berührungspunkte beibehalten, widerspricht der späteren Darstellung von Simone de Beauvoir, die in den Cérémonies d’adieux behauptete, Camus habe mit dem Existentialismus nichts gemein gehabt. Hier wird beispielhaft der Vorteil von Aronsons Ansatz deutlich, die vorhandenen Werke und Schriften der beiden Autoren genau zu lesen und sich nicht nur auf damalige oder spätere Meinungen und Aussagen zu verlassen. Die zunehmende Politisierung Sartres entwickelt sich parallel zu der Camus‘ aber manchmal auch in umgekehrter Richtung. Damit deutet der Autor Sartre Verhältnis zur Kommunistischen Partei an, das die Qualität ihrer Beziehung bald beeinflussen sollte. Ihre Haltungen zur Geschichte lassen weitere Indizien erkennen, die ihre unterschiedlichen Auffassungen andeuten. Die präzise Untersuchung ihrer Texte, die nach der Befreiung entstanden sind, bietet dafür interessante Nachweise. Gerade in bezug auf die Begründung der Freiheit, in deren Rahmen Sartre, so der Autor, seine eher unhistorischen Begriffe der Situation und der absoluten Freiheit zumindest bis zum zweiten Band der Critique de la raison dialectique nicht mit den Realitäten der Menschen in Verbindung bringt, möchte Aronson deutliche Unterschiede zwischen beiden erkennen.

Aronson hält sich an den eingangs versprochenen Vergleich der Texte der beiden Autoren, führt aber immer wieder Äußerungen wie z.B. von Simone de Beauvoir an, erklärt aber auch, welche Details sie aus mehr oder weniger offenkundigen Gründen ausläßt (S. 110), und er beschreibt die Rollen von Merleau-Ponty und Arthur Koestler. Aronson zeigt auch, daß Camus Sartre nicht genau liest und beschreibt, wie es zu unterschiedlichen Interpretationen des Geschichtsbegriffs bei beiden kommt. Die Übereinkunft zwischen Sartre und Camus, daß das Kapitel über Nietzsche aus L’homme révolté in Les Temps modernes veröffentlicht werden soll, zeigt, daß beide von dem herannahenden Gewitter noch nicht so recht etwas ahnen. Nach dem Erscheinen des Buches (1951) kommt es 1952 zum Bruch zwischen beiden, der von der heftigen Ideologiekritik Camus, seine Ablehnung des Kommunismus, und Sartres heftiger Reaktion als Antwort auf Camus Klagen wegen der Rezension aus der Feder Francis Jeansons sich vollzieht: Aronsons Satz „On a vu devenir Sartre un révolutionnaire, Camus devenir un homme révolté.“ (S. 191) läßt noch ein wenig die Absicht erkennen, doch ein Lager wählen zu wollen, die Aronson zu Beginn des Kapitels allen Interpreten von L’homme révolté zuschrieb. 2)

Beide hätten, so Aronson, in den Monaten nach dem Ende ihrer Freundschaft wenig geschrieben.- Camus veröffentlicht 1954 die Novellensammlung L’été, deren Themen seine Grundüberzeugungen Revue passieren lassen und er schreibt mehrere wichtige Texte über die Aufgaben des Künstlers -. Sartre veröffentlicht die Artikelserie Les communistes et la paix. 1956 erscheint La Chute, mit dem Camus sogleich einen beachtlichen Erfolg erzielt. Aronson liest diesen Roman als eine Antwort auf die Vorwürfe, die Sartre 1952 an Camus gerichtet hatte. 1975 erwähnte Sartre in einem Interview das Zerwürfnis mit Camus, erklärte daß er sich gegen den Brief Camus‘, der mit den Worten „Monsieur le Directeur“ begann, gewandt habe. Aber, er fügt auch hinzu: Camus sei vielleicht der letzte gute Freund gewesen.

Aronson zeigt in überzeugender Weise, wie es aufgrund der Zeitumstände und der unterschiedlichen Geschichtsauffassungen Sartre und Camus‘ zu ihrem Streit kam, der das Ende ihrer Freundschaft besiegelte. Er zeigt aber auch, daß der Streit an beiden nicht spurlos vorbeigegangen ist und wie ihre späteren Werke immer wieder von diesem Streit geprägt sind. Nach Camus‘ Tod hat Sartre in seinem Nachruf auf die Nähe Camus‘ zu den französischen Moralisten hingewiesen. Er ordnete Camus in die lange Reihe der Erben der Moralisten ein , deren Werke das repräsentieren, was zum Ursprünglichsten der französischen Literatur gehöre. Und Camus habe durch die Hartnäckigkeit seiner Verweigerungen gegen die Machiavellisten und das goldene Kalb des Realismus die Existenz der Moral bestätigt.

Heiner Wittmann

www.logosjournal.com/issue_4.1/aronson_postel.htm:
Camus, Sartre, and Us: The Story of a Friendship and the Quarrel That Ended It
An Interview with Ron Aronson
With Danny Postel

1) Cf. u.a. : C. Kuhn, „Monsieur le Directeur“, „Mon cher Camus“. Die Anatomie eines Bruchs, in: B. Wilczeck, Hrsg., Paris 1944-1962. Dichter und Denker auf der Straße, Bühl-Moos 1994, S. 93-102;
H. Wittmann, Albert Camus. Kunst und Moral, Kapitel V: Albert Camus und Jean-Paul Sartre, Frankfurt/M. 2001, bsds. S. S. 94-98.
2) Cf. H.Wittmann, Sartre und die Kunst. Die Porträtstudien von Tintoretto bis Flaubert, Tübingen 1996, S. 73-88: Die Kritik am Marxismus.

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