Web 2.0 in der Schule

Will Richardson

Wikis, Blogs und Podcasts.
Neue und nützliche Werkzeuge für den Unterricht

übers. v. E. und J. Ohnacker
Überlingen: TibiaPress 2011
ISBN: 978-3-935254-17-5

Mit der Übersetzung der 3. Auflage des Bandes von Will Richardson, der 2010 in den USA erschienen ist, liegt jetzt ein nützliches Buch vor, dass alle Perspektiven von Web 2.0 für Schule und Unterricht umfassend vorstellt. Naturgemäß werden viele amerikanische Beispiele gezeigt, und die deutschen Übersetzer haben auch deutsche Beispiele aufgenommen und verweisen auf ihre Website für das Buch, (nach
http://bit.ly/hRQ7zg – nach „bit“ fehlt im Buch, S. 11, ein Punkt) wo der Leser weitere deutsche Beispiele finden kann.
Kann man mit Web 2.0 besser lernen? darf man sich fragen, wenn man dieses Buch aufschlägt. Im ersten Kapitel wird ein Überblick über das interaktive Web angeboten. Der Abschnitt „Soziales Lernen“ verheimlicht nicht „die Kluft zwischen Lehrern und Schülern“, die „durch das interaktive Web eher noch“ größer wird. (S. 25) Folglich ist dieses Buch auch eine Anleitung für Lehrer, ein Ansporn, sich mit den neuen Möglichkeiten des Web zu beschäftigen, die im Abschnitt Werkzeugkasten (S. 28 f.) kurz uns prägnant aufgezählt werden. Weblogs, Wikis, Twitter, Podcasts und soziale Netzweiten sind Hilfsmittel für den Unterricht, sie werden den Lehrer nicht von seinen Hauptaufgaben, nämlich der Vermittlung von Stoff und der Anleitung der Schüler abhalten. Damit wird hier zumindest indirekt die Frage nach dem Erfolg des selbständigen Lernens gestellt. Erst kürzlich hat Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit. Wie lernen gelingt auf die Notwendigkeit des Frontalunterrichts hingewiesen.
Im 2. Kapitel wird die pädagogische Theorie und Praxis von Weblogs vorgestellt. Die Anwendungsmöglichkeiten von Weblogs im Unterricht (S. 68 f.) zeigen die ganze Vielfalt von Blogs in der Schule. Aber gerade in dieser Vielfalt geht einer der Kernaspekte eines Blogs ein wenig unter. Arbeiten viele an einem Blog mit, wird er nur selten eine Seele bekommen. Viele zusammen können nur den gewünschten Erfolg erzielen, wenn eine verantwortliche Hand, die Inhalte ordnet und zusammenführt. Nebenbei vermittelt der Autor in diesem Kapitel auch wichtige Hinweise auf die Medienkunde: Schüler müssen lernen, Quellen zu bewerten und sich nicht auf die erstbeste Quelle zu verlassen. Im 3. Kapitel geht es um den Einstieg in eigene Weblogs. Richtig: Klein anfangen (S. 79). In Deutschland gibt es schon eine von Unterrichts- und Schulblogs (S. 91-94).
Ganz andere Möglichkeiten bieten Wikis. Die vielen Adressen, die in diesem Kapitel angeboten werden, müssten auf einer Website angezeigt werden, damit dieses Kapitel leichter durchgearbeitet werden kann. Wikipedia wird manchen Schüler hilflos machen und ihn überfordern. Die Textmenge mancher Einträge ist kaum zu bewältigen und in ihrer Komplexität für den Unterricht nicht geeignet. Man darf auch kritisch fragen, ob manche Wikipedia-Artikel gar ein Ausgangspunkt (S.101) für weitere Recherchen der Schüler sein können. Ganz andere Möglichkeiten ergeben sich mit eigenen Wikis, in denen Unterrichtsergebnisse von den Schülern dokumentiert werden: Liste der Schulwikis: S. 115.
Die Nutzung von RSS-Feeds (S. 117-132) ist schon höheres Web 2.0 und wird in diesem Buch sehr einleuchtend beschrieben dürfte aber erst zum Zuge kommen, wenn Lehrer und Schüler sich mit Blogs mehr vertraut gemacht haben.
Kapitel 6 stellt das soziale Web vor: Gemeinsam lernen: „Die kollektive Konstruktion von Wissen durch alle, die bereit sind, dazu beizutragen, verändert gleichzeitig unsere Definition von Lehren und lernen auf allen Ebenen.“ Ds ist eine charmante Umschreibung für die Informationsflut, die ein soziales Netzwerk wie Facebook mit sich bringt. Das Lernen an sich wird dadurch überhaupt nicht verändert. Ohne Anleitung, ohne die Vorgabe von Inhalten und Methoden sind Schüler im Mitmachnetz verloren. Schon in den traditionellen Suchmaschinen, die auf ihrer Homepage nur eine karge Eingabezeile, hinter der sich das WWW versteckt, anbieten, müssen Schüler erst lernen sich zu orientieren. Zu leicht werden mit Twitter und Wikipedia die Grenzen zwischen bloßem Informationen und tatsächlichem Wissen verwischt. Auf S. 134 wird der Unterschied von komplexen Netzwerken und dem herkömmlichen Unterricht erläutert. Nein, im Unterricht findet die Arbeit des Schülers nicht „meist isoliert“ statt. Es kann dazu kommen, wenn der Unterricht sich nur auf den Frontaleinsatz des Lehrers beschränkt. Unterschiedliche Sozialformen schaffen aber ein Netzwerk in der Klasse, das in seiner Wirkung nicht unterschätzt werden darf. Web 2.0 ist ein Hilfsmittel aber nicht ein Ersatz für alle Unterrichtsformen, wie es hier anklingt. In diesem Sinn sind Flickr, Podcasts, Videos, Screencasts und Livestreams (Linkliste S. 191) eher „Behälter“ für Unterrichtsinhalte aber kein Ersatz für Unterricht.

Soziale Netzwerke wie Facebook und Ning werden im 9. Kapitel vorgestellt. Dem Autor sind die Dummheiten bewußt, die mit diesen Diensten angestellt werden können. Er tritt aber doch dafür ein, dass diese Netzwerke auch im Unterricht thematisiert werden sollten.

Kapitel 10 und der Epilog diskutieren die „Neue[n] Perspektiven für den Unterricht“: „Niemand kann ernsthaft in Frage stellen, dass sich das Internet weiterhin und mit rasender Geschwindigkeit zur umfassendsten Informationsquelle der Geschichte entwickeln wird.“ (S. 215) In der Tat, die Vielfalt der sich rasch im Umfang vergrößernden Inhalte ist bemerkenswert. Aber die Unterstützung des Internets bei der Abfassung einer Hausarbeit, eines Referates hält sich in Grenzen. Mit Hilfe des Internets kann man kein Buch über Camus schreiben. Keinen Roman von Balzac analysieren. Und die Versuchung, ein Referat über die deutsch-französischen Beziehungen mit Versatzstücken aus dem WWW zu füttern, ist größer, als der tatsächliche Erkentnnisgewinn. „…bei der Schaffung von Inhalten [wird] zunehmend gemeinschaftlich gearbeitet“ (S. 215). Mit Recht sagt der Autor nicht, dass gemeinschaftlich gelernt wird. Trotz aller Errungenschaften wird auch künftig individuell gelernt werden. Und Die Beschaffung von Inhalten ist und bleibt wohl auch eine individuelle Leistung, da das Lesen keine Gemeinschaftsaufgabe werden kann. Die Gretchenfrage lautet daher, ob Wissen durch „soziale Prozesse geschaffen und erworben wird“ (S. 216) Natürlich und ohne Zweifel eröffnet das Web 2.0 mit seinen schon jetzt völlig unübersehbaren Angeboten ein riesiges Betätigungsfeld, für das aber Schüler auch künftig eine Anleitung benötigen werden. Diese Anleitung kann und muss ihnen die Schule vermitteln. Den Horizont für die Vielfalt der Angebote und Inhalte im WWW erwerben sie nicht im Netz selber, sondern durch Lehrer, die ihnen diese Welt öffnen.
Die „Bedeutenden Veränderungen“ (S. 218-226): Open Content. Lernen soll durch einen Unterricht nach dem Open-Source-Prinzip ersetzt werden. S. o., dahinter verbirgt sich ein Ruf nach gemeinschaftlichem utopischen Lernen. Lesen und Lernen kann man dem einzelnen Schüler nicht abnehmen.
Der Band ist wegen der vielen Hinweise auf Webprojekte jeder Art im Unterricht und in der Schule eine gelungene Einführung in das Thema „Web 2.0 im Unterricht“. Der Band ist auch gelungen, weil er er einen interessanten Diskussionsbeitrag zum Nutzen von Web 2.0 in der Schule mitliefert. Manchmal überwiegt hier die Begeisterung für die neuen Möglichkeiten.

 

Heiner Wittmann

Die Bildschirm-Gesellschaft

Divina Frau-Meigs,
Penser la société de l’écran.
Dispositifs et usages
Les fondamentaux de la Sorbonne Nouvelle,
Paris: Presse Sorbonne Nouvelle, 2011.
141 S. ISBN: 978-2-87854-512-8

Noch ein Blick in das > Schaufenster des Verlags Sorbonne Nouvelle. Ein weiterer Zufallsfund! Das Buch von > Divina Frau-Meigs mit einer grundsätzlichen Untersuchung des kleinen leuchtenden Rechtecks, das uns seit einigen Jahren in allen möglichen Größen ständig in unserem Gesichtsfeld auftaucht, bunte flackernden Bilder, viel Grafik und meist wenig Text zeigt und ständig unsere Daten haben will. „Inoffensif en apparence, il détient pourtant le potentiel descriptif de détroner durablement la culture textuelle de la culture visuelle,“ steht auf dem Klappentext dieses Buches und Frau-Meigs meint nichts anderes als die immer ärgerlichere Entwicklung jedes Webangebots, ob es zu Hause oder mobil unterwegs gelesen wird. Außer den gewünschten Texten gibt es immer viele Grafiken und eine Bilderflut, die mit dem gesuchten Text nichts zu haben, aber ständig unserer Aufmerksamkeit erheischen wollen.

Frau-Maigs beginnt mit einer historischen Darstellung und zeigt die Entwicklung vom Fernseher zum Computerbildschirm und demonstriert dabei die Eigenheiten, die das Medium hinsichtlich der Bilddarstellung für sich reklamiert.

Das Thema des zweiten Kapitel ist die Unterwerfung des Bildschirms unter die Konsumzwänge. Daraus entwickelt sie geschickt das dritte Kapitel „Imachiner une techno-logique – mit Lumanns Worten, > Das Medium ist die Massage. Im vierten Kapitel vertieft sie diese Ansätze und erläutert die Bildersprache, die der Bildschirm provoziert. Im fünften Kapitel analysiert sie die Auswirkungen auf die Zuschauer: Du citoyen au netoyen. (S. 111) oder De l’ouvrier au metayer (S.115). Ihre Anmerkungen zu > Blogs und Bloggern (der Autor dieser Zeilen ist auch einer) sind knapp, bündig und genau zutreffend. Blogs werden von den Medien imitiert. Frau-Meigs weiß aber auch, dass zum Beispiel bei Blogs die Technik weniger eine Veränderung der politischen Kultur bewirkt, sondern vor allem die Praxis der journalistischen Arbeit modifizieren wird.

Im Kern enthält ihr Buch alle Themen, die auch in den Schulen zu einem Fach Medienkunde gehören müssten, die die Autorin in ihrer Schlussbemerkung (S. 128) mit Nachdruck fordert. Früher lasen die S-Bahn-Reisenden ihre Zeitung, heute haben sie einen Knopf im Ohr und wischen mit dem Finger dauernd oft gelangweilt über die Oberfläche ihres Smartphones und lassen sich wie vor dem Fernseher mit Inhalten aller Art berieseln. Immer neue Apps werden geladen, die Kommunikation wird durch die Gewöhnung an SMS auf einige schnelle Bemerkungen reduziert.

Frau-Maigs nüchterne Art, die Geschichte und eine Art Phänomenologie des kleinen Bildschirms zu präsentieren, der sich zwischen uns und die Lebensrealität geschoben hat, ist sehr lesenwert, aber auch ein wenig nüchtern geschrieben. Sie hat auch die virtuelle Welt im Blick, auch wenn deren Gefahren und Abgründe nicht zum Thema ihres Buches gehören.

Das Kapitel „Navigation et posture interactive sur les réseaux“ (S. 101-104) ist beispielhaft für ihre Unterschung, die sich hier u.a. auf sozile Netzwerke wie Facebook, wozu Frau-Meigs sich auch im > Nouvel Observateur geäußert hat, konzentriert. Im interaktiven Modus wird der Bildschirm zum Vermittler und das Bld bekommt eine neue sehr komplexe Rolle: „Cette interaction ne relève pas d’une simple manipulation de scripts et de schèmes, mais au contraire d’une morphogenèse, qui s’ancre entre communication et corporéité, entre méditation et commutation.“ (S. 103) Dieser Ansatz geht weit aber weit über Frau-Meigs hier vorliegende Untersuchung hinaus. Eine erschöpfende Darstellung dieser Frage ist von ihr auch nicht beabsichtigt, aber sie weist die Richtung, und es lohnt sich, Kapitel 4 und 5 besonders genau zu lesen. Autoren künftiger Untersuchungen, zum Beispiel über die sozialen Netzwerke wie > Facebook finden in diesem Buch systematische Grundlagen für ihre Forschungen. Facebook erzieht seine Teilnehmer zu allen möglichen Aktivitäten und lässt sie nebenbei ein wenig kommunizieren, nur damit sie noch mehr persönliche Daten in das Werbesparschwein von Facebook schütten. „La médiatisation a révélé la dimenscion contrôlante et enveloppante de la représenation à l’écran et son impact sur la preformance et l’engagement du sujet,“ (S. 105) schreibt Frau-Meigs. Klar und präzise. Man wollte kommunizieren, mal eben so, aber man wid sofort auf dem öffentlichen virtuellen Platz gezerrt, kontrolliert, kann sowieso nur das machen, was alle anderen auch machen, ein Ausbrechen ist gar nicht vorgesehen und so kann Frau Meigs auch auf den Unterschied zwischen „usage planifié et usage effectif“ (ib.) hinwiesen. Früher bewirkte der TV-Schirm was in uns, und alle hatten sich gewünscht, endlich auch einmal aktiv werden zu können, statt immer nur gelangweilt vor dem Kasten sitzen zu müssen. Heute ist eigenes Engagement nur mit eigenen Websites und Blogs o.ä. möglich, alle anderen Web 2.0 Angebote spielen mit uns und unseren Daten. Die Gefahr, dass sich die Daten verselbstständigen und woanders wieder auftauchen, wird immer größer. Das Einrichten eines Facebook-Profils spricht Bände: Man richtet nicht ein, man schließt in einem neuen Profil aus, was Facebook default-mäßig alles mit unseren Daten machen will: „… l’utilisateur sent qu’il est guidé par une intentionnalité incarné par un autre sujet,“ bestätigt Frau-Meigs ohne Umschweife und beweist damit, dass die nüchterne wissenschaftliche Analyse eben doch immer um Kern des Problems vordringt.

Eine Bibliographe und eine Sitographie ergänzen ihr Buch.

> Divina Frau-Meigs ist Professorin für Anglistik an der Universität Sorbonne.

Heiner Wittmann
> Valérie Robert sur le site d’actualité des médias erwanngaucher.com
Entretien mené par Erwann Gaucher le 21/02/2012

Der Streit zwischen Sartre und Camus

Sartre and Camus. A Historic Confrontation.
Ed. and translated by David A. Sprintzen and Adrian van den Hoven, Humanity Books, an imprint of Prometheus Books, New York 2003. ISBN 1-59102-157-X

In diesem Band wird der Streit, der 1952 zwischen Camus und Sartre durch die in den Temps modernes erschienene Rezension von Camus‘ L’homme révolté (1951) durch Francis Jeanson ausgelöst wurde, dokumentiert und untersucht. Die Rezension beantwortete Camus mit einem Brief an Sartre „Monsieur le Directeur…“, der im Folgeheft der Temps modernes veröffentlicht wurde, und den Sartre seinerseits mit einem Brief an Camus „Mon cher Camus…“ beantwortete. Jeanson schrieb einen weiteren Artikel „Pour tout vous dire“ und Camus verfaßte eine Verteidigung seines Buches L’homme révolté, die erst 1965 veröffentlicht wurde. Diese Texte sind hier übersetzt worden. Sie werden von Aufsätzen der Autoren dieses Bandes begleitet, in denen die Konfrontation zwischen Sartre und Camus, die zum Bruch ihrer Freundschaft führte, dargestellt wird: „From Friendship to Rivals.“ W. L. McBride und J. C. Isaac untersuchen dann den Streit aus der heutigen Perspektive.

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Auf nach Paris!

GEO spezial
Paris Nr. 4 August/September 2010

Sie wissen schon alles über Paris? Und überhaupt Sie haben sowieso längst Ihre vertrauten Gewohnheiten in Paris? Und vielleicht würden Sie dieses Heft im Zeitschriftenladen nicht angucken, weil Hefte mit Fernreisezielen daneben liegen. Dachte ich zuerst auch. Aber betrachtet man die Themenvielfalt dieses Heftes, dann merkt man schnell, dass der Redakteur dieses Heftes, Michael Stührenberg, hier seine Paris-Kenntnisse auf lehrreiche und unterhaltsame Weise zugleich vermittelt. Doch der Reihe nach.

Den Eiffelturm kennt jeder, aber die Aufnahmen von Stéphane Compoint, der mit Hilfe einer ferngesteuerten Kamera an einem Helium-Ballon seine Fotos zum Beitrag über das Wahrzeichen von Paris geliefert hat, hat noch nicht jeder gesehen. 60 Tonnen Farbe werden zur Zeit auf dem Gerüst des Turms verteilt, um ihn wieder für mehrere Jahre vor den Wetterkapriolen zu schützen. Geo war mit dabei und hat die Arbeiter in windiger Höhe beobachtet. Man bekommt wieder richtig Vorfreude darauf, bald wieder auf den Turm zu steigen. – 397 Souvenirläden gibt es in der Stadt, und in einem der Arrondissements der Stadt gibt es nur einen. – Paris ist teuer und in den letzten Jahren immer teurer geworden, das stimmt. Aber der Gang abends um und über die erleuchteten Seine-Inseln ist immer noch kostenlos. Gehen Sie mal an einem Sommerabend auf den Pont des Arts: Foto: S. 32 f. Katharina Peters hat noch viel mehr ausprobiert. Folgen Sie ihren Vorschlägen auf S. 39, und Sie erleben mehr von der Stadt als bei einer teuren Stadtrundfahrt.

Michael Stührenberg nimmt uns in einige ausgewählte Museen mit. Kennen Sie die schon alle? Das Musée Carnavalet? Oder waren Sie schon mal im Maison de Balzac? Und Stührenberg verrät ihnen anschließend die besten Baguette-Adressen in Paris. – Am besten hat mir der Artikel über die Pariserinnen und ihre Fotos gefallen: Baudouin hat die Fotos gemacht und Hans-Heinrich Ziemann hat die Pariserinnen befragt.

Ulrich Fichtner fragt, ob das Klischee stimmt? Ist Paris die Stadt der Liebe? Der SPIEGEL-Rerporter hat sich an vielen Orten in Paris umgesehen: Ein richtiger Mini-Stadtführer auf drei Seiten. Sebastian Kretz hat einige Luxushotels der Stadt besucht. Und die Zahl der Luxushotels wird weiter zunehmen. Zum Trost für uns alle, die wir immer nur draußen daran vorbeischlendern, hat Kretz auf Seite 80 fünf schöne Hotels für unter 150 Eur/Nacht für uns notiert. Michael Stührenberg begleitet uns auch in die Banlieues: eine ganz andere Stadt mit ihren eigenen Problemen tut sich dort auf. Nicolai Ouroussoff zeigt uns die neuesten Architektur-Ideen, die auf Wunsch des Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy in Einklang mit dem Grand Paris, der Metropole der Zukunft, gebracht werden sollen.

Waren Sie schon mal in den Buttes Chaumont? Lou hat sich in den Kopf gesetzt, dass man dort mit den Bäumen reden kann. – Wie vermeidet man das ewige Schlangestehen? Rafael, Orlando, Stan und Tom Waldeck erklären Ihnen, wie man das vermeiden kann und trotzdem zu seinem Ziel kommt. Das Reise- und Service-Dossier im Anhang bringt alle Paris-Reisenden, ob sie nun zum 30. oder zum ersten Mal in die Hauptstadt reisen, hier auf den neuesten Stand: Der Serviceteil ist nach Quartiers geordnet, so müssen Sie ihre vertrauten Wege nicht verlassen und entdecken trotzdem viele neue Adressen, vorausgesetzt, Sie vergessen nicht, das Heft vor Ihrer nächsten Reise einzupacken. Heft und Fahrkarte für den TGV oder den Thalys nach Paris kaufen, und nach drei oder vier Stunden kommen Sie an und sind mit diesem Heft auf angenehmste Weise auf ihren Ausflug nach Paris vorbereitet.

Mein Tipp für einen Paris-Abend: Sollte Sie mal zufällig abends alleine in Paris sein:

Gehen Sie in die La Hune, so heißt die Buchhandlung zwischen dem Café Les deux Magots und dem Flore, die bis Mitternacht geöffnet ist, kaufen Sie sich ein Buch, das Sie immer schon mal habn wollten oder ein ganz neues, bestellen Sie im Deux Magots ein Glas mit einem guten Rotwein: Il est servi. / Es ist angerichtet heißt dieses Foto.

Leider zitieren die Autoren dieses Heftes meinen Frankreich-Blog nicht. Nicht schlimm. Sie kennen ihn jetzt ja: Juni 2010 in Paris oder Fin août: un week-end à Paris.

Geo-Spezial: Paris Nr. 4 August/September 2010

Heiner Wittmann

Georges Brassens und seine frühen Lieder

Im Verlag Nachlese Radebeul ist ein Band mit den frühen Liedern einschließlich ihrer deutschen Nachdichtungen aus der Feder von Ralf Tauchmann unter dem Titel Der starke Tobak des Monsieur Brassens erschienen. Kaum war das Buch hier angekommen, habe ich es mir am Schreibtisch bequem gemacht und eine CD von Brassens aufgelegt

Das Vorwort berichtet über Brassens Kindheit in Sète und erinnert an die allgegenwärtige Präsenz der Musik und die von Generation zu Genration vererbten Lieder. Er kommt ins Collège Paul-Valéry in Sète, dort begegnet er seinem Lehrer Alphonse Bonnafé, dem es gelingt dem jungen Georges die Dichtkunst näherzubringen und einen prägenden Einfluss auf den Schüler auszuüben. Eine erste wenn auch flüchtige Bekanntschaft mit der Polizei endet glimplich und die erwartete zusätzliche Bestrafung durch den Vater kommt nicht: „Willst Du was essen?“ fragt sein Vater stattdessen. Es folgt eien erste Reise nach Paris, der Kriegsausbruch, Arbeitsdienst in Basdorf. Im März 1944 gelingt es ihm, in Paris unterzutauchen. Er schreibt Artikel und Lieder und 1952 kommt sein Erfolg: “ Letztlich ist es die Kraft seiner anarchistisch angehauchten, tabubrechenden Texte, die ihm 1952 zum Durchbruch verhelfen.“ (S. 29). Diese Ausgabe enthält Lieder der Jahre 1952 bis 1950 und jetzt erinnere ich mich wieder daran, wie präsent die Dichtung in Brassens‘ Werk ist. Wie gut er die Gedichte von Baudelaire, Verlaine, Rimbaud und vielen anderen kannte.

Im Anhang seines Buches stehen Anmerkungen zu ausgewählten Liedern. Hier zeigt Tauchmann seine profunde Kenntnisse des Brassenschen Œuvres.

Die Übertragungen vermitteln den Spaß, die Lieder auch auf Französisch zu lesen und man merkt wie nach ihrer Lektüre beim Zuhören das Verstehen des französischen Textes immer leichter fällt. Wie schon mal > woanders gesagt, Französisch ist nicht schwer, und mit wenigen > Grundkenntnissen kann man diese zweisprachige Ausgabe zur Hand nehmen und spielend leicht mehr französische Begriffe und Redewendungen lernen. Und nebenbei erinnert Ralf Tauchmann mit gutem Recht an so manches vergessene Lied von Georges Brassens.

Heiner Wittmann
40 Lieder französisch-deutsch
NachLese Radebeul
September 2010
228 Seiten Paperback
ISBN: 978-3-9814895-0-7

Albert Camus und die Kunst

Albert Camus et le monde de l'art

Elisabeth Cazenave,
Albert Camus et le monde de l’art
Préface de Philippe Lejeune
140 illustrations couleur
Atelier Fol’Fer éditions
Co-édition Association Abd-El-Tif, Anet 2009.

Elisabeth Cazenave hat mit ihrem Band Albert Camus et le monde de l’Art (1913-1960) ein livre-témoin vorgelegt. Sie erinnert an die zahlreichen Künstler, denen Camus immer wieder begegnet ist und denen er – das ist diesem Band leicht zu entnehmen – grundlegende Inspirationen für sein Werk verdankt. Auch 50 Jahre nach seinem Tod werden immer noch Bücher und Aufsätze geschrieben, deren Autoren sich immer noch auf eine Analyse des Absurden und der Revolte beschränken, ohne die Kunst im Werk von Albert Camus in den Blick zu nehmen: „L’art et la révolte sont confondus chez Camus dans la recherche d’une unité universelle, ses amis partagent la même enquête.“ (S. 67) schreibt E. Cazenave.

Die vielen Abbildungen von Werken der Künstler, mit denen Camus freundschaftlich verbunden war, und von denen einige, wie Pierre-Eugène Clairin für Noces, auch die Illustrationen für seine Bücher geliefert haben, machen aus diesem Buch ein beeindruckendes Zeugnis für die enge Verbindung von Kunst und Literatur in seinem Werk. Nach einer kurzen biographischen Einleitung folgen Kapitel über das Mittelmeer mit Abschnitten über Tipasa und Djemila, die Villa Abd-El-Tif, in der von 1907-1962 87 Künstler gearbeitet haben und über Realtität und Mythos. La Maison de la culture, das 1936 in Algier gegründet wurde, zusammen mit dem Theater (1936-1939) und dann die Berichte über das journalistische Engagement von Camus illustrieren sehr nachhaltig seinen Hinweis auf die Kunst, so, wie er ihn in seiner Nobelpreisrede formuliert hat: Die Kunst gehört nicht dem einzelnen Künstler, sie muss sich an alle richten.

Im Anhang dieses Buches werden über sechzig Künstler von Maurice Adrey (18-99-1950) über Sauveur Galliéro (1914-1963), Richard Maguet (1896-1940) bis Marie Viton (avant 1900-1950) mit ihren Beziehungen zu Camus vorgestellt.

Nach der Lektüre dieses Bandes darf man sich zu Recht fragen, wieso die Bedeutung und die Tragweite der Kunst im Werk von Camus so lange unterbewertet oder gar übersehen wurde? Es ist der Autorin dieses Bandes in eindrucksvoller Weise gelungen, die in diesem Band versammelten Abbildungen von Kunstwerken keinesfalls als bloße Illustrationen vorzulegen, auch nicht immer wieder das Absurde als Lebensanschauung Camus‘ endlos zu wiederholen, sondern es nur als eine Diagnose zu erwähnen, nach der man sich wieder der Handlung und damit auch der Kunst als ein Mittel die Welt zu beschreiben zuwendet. Das Buch erscheint zum richtigen Zeitpunkt, ist es doch eine sehr treffende Ergänzung für viele Biographien Camus, die die Tragweite der Kunst, in Le mythe de Sisyphe, in La peste oder in L’homme révolté nicht ihrer Bedeutung entsprechend wahrnehmen. In seiner Nobelpreisrede hat Camus die Kunst unmißverständlich in das Zentrum seines Werkes gerückt. Er hat sich allerdings auch in ihr gegen den Mißbrauch der Ideologien verwahrt.

Man darf aber doch anmerken, dass Jean-Paul Sartre in diesem Band nicht erwähnt wird. Bedenkt man sein sehr ausgeprägtes Interesse für die Kunst, z. B. seine Rezension des L’étranger und an die Freundschaft, die beide bis zu ihrem Streit verbunden hat, so wie den Nachruf den Sartre im Januar 1960 formuliert hat, hätte er in diesem Band nicht fehlen dürfen. Er und Camus haben sich mit ihrem Gesamtwerk für die unaufhebbare Verbindung von Kunst und Freiheit eingesetzt. In bezug auf Camus ist die Kunst in seinem Werk von vielen Autoren nicht erkannt worden. Wird sie berücksichtigt, kann der eigentliche Gehalt und die Bedeutung seines Werks besser verstanden werden. Sartres La Nausée ist nur im Rahmen seiner anderen philosophischen Werke zu verstehen, L’étranger hingegen ist selbst ein Kunstwerk, das die Autonomie der Kunst auf eine sehr nachhaltige Weise illustriert. In diesem Sinn öffnet E. Cazenave neue Perspektiven zum Verständnis seines Werkes.

Heiner Wittmann

Crise écologique et crise sociale

Hervé Kempf,
Pour sauver la planète, sortez du capitalisme,
Paris, Editions du Seuil 2009.

Zwei Jahre nach seinem Band > Comment les riches détruisent la planète, hat Hervé Kempf, Journalist bei LE MONDE, den Titel seines neuen Buches auf den Punkt gebracht. Wollen Sie den Planeten retten, dann geben Sie den Kapitalismus auf, fordert er.

Eine Verschärfung der Umweltprobleme werde unsere Zivilisation zu einer schweren Existenzkrise führen. Er ist überzeugt, dass unsere natürlichen Lebenssystems sich bald schon nicht mehr selbst regenerieren können. Kempf will mit seinem Buch erklären, dass nur eine Reduzierung der sozialen Ungleichheit die Zivilisation vor Schlimmeren bewahren kann. Für ihn sind Umweltschutz und soziale Fragen eng miteinander verbunden.

Korruption, Spekulation wie ungebremstes Wachstum und der Triumph der Ungleichheit sind für ihn die Kennzeichen des Kapitalismus. Aber er erkennt eine Nervosität der Märkte, die u. a. auch durch die Ungleichheit ausgelöst wird. Kempfs Überlegungen erinnern an Richards Sennets Buch: Der Verfall des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Frankfurt/Main, S. Fischer Verlag 1998, das einen so viel schöneren englischen Titel The Fall of Public Man hat. Die Mitreisenden, die im Zug telefonieren: „Ja Schatz, ich sitze im Zug…“ und ihre Sorgen alle mitteilen, nehmen an dieser Gesellschaft nicht mehr teil. Die Solidarität in der Gesellschaft ist in Gefahr oder bereits verschwunden, und Kempf nennt einige Beispiele von der Werbung bis zur Sexualität, die er in seinem Kapitel Indoktrinierung notiert. Und wieder warnt er vor der RFID-Technik, die zur totalen Überwachung eingesetzt werden kann. Einen Austausch ohne Worte nennt er das. – So wie unsere Kuhlschränke sich eines Tages selber prüfen und die Bestellung zu ihrer Auffüllung verschicken können. –

Le Mirage de la croissance verte: Grünes Wachstum? Tschnernobyl hat keine Euphorie zugunsten der Abschaffung der Atommeiler ausgelöst, und die Atomenergie hält keine Lösung für den Klimawandel bereit. Die Windkraft wird nach ihrer Besichtigung von Kampf ebenfalls abgeschrieben. Das Abholzen der Wälder, wie die Versenkung von CO2 bei der Gasförderung, wie Erdölgewinnung in Canada aus ölhaltigen Sand sind für Kempf bemerkenswerte Misserfolge.

Kempf weiß, dass er auch Konferenzen nicht immer die besten Karten hat, und er berichtet davon, wie seine Ideen von den Skeptikern aufgenommen werden, S. 109 ff.: Sollen wir zum Kerzenlicht zurückkehren und unser Handy abgeben?

Im letzten Kapitel berichtet Kempf von alternativen Wirtschaftsformen und dem langem Atem, den diese Veränderungen erfordern. Er erwähnt die Siedlungs- und Wohnungsfragen unserer Zeit, die es mit sich bringen, dass Arbeitnehmer lange Anfahrtszeiten haben – die Eigenheimzulage und KM-Pauschale haben bei uns die Zersiedelung der Landschaft und den Bau von Rennpisten nachhaltig erfolgreich gefördert -. Kempf fordert eine neue Verdichtung in unseren Städten, wodurch ein neues Verhältnis zum Auto entstehen könnte. Richtig, wir brauchen keine > Hauptstätter Straße mit 14 Spuren. – Stattdessen lieber Versuche, den Feinstaub mit diversen Mitteln zu binden… -.

Das Buch sticht aus der Fülle an Diskussionsbeiträgen zum Klimawandel heraus. Der unbedingte Zusammenhang zwischen sozialen Fragen und Umweltfragen wird in dieser Schärfe und mit diesem Konsequenz nicht von allen geteilt. Mit seiner wohlbelegten Analyse (Nachweise, S. 135-152) hat Kempf einen interessanten Beitrag zur Klimadebatte vorgelegt.

Heiner Wittmann

> Hervé Kempf et Stefan Rösler: La crise du climat et la crise du capitalisme. La fin du progrès sans bornes
Veranstaltung im Institut français de Stuttgart am 17. November 2009

Sartre von A-Z

Cabestan, Philippe
Dictionnaire Sartre
Paris:   Editions Ellipses , 2009.
224 Seiten
ISBN 978-2-7298-4347-2

Cabestan weist in der Einleitung seine Leser daraufhin, dass die Einheit von Sartres Denken keinesfalls durch eine Aufzählung einzelner, isolierter Begriffe erklärt werden kann. Es geht nur darum, mit diesem Band Sartre-Lesern einige Brücken zum Verständnis anzubieten. Ein Leser, der sich nur auf die Lektüre von Cabestan Dictionnaire beschränkt, wird auch die Entwicklung der Begriffe im Werk Sartres übersehen. Damit meint der Autor auch die persönliche Entwicklung Sartres, die für manche Interpreten auf der Suche nach seinen ideologischen Veränderungen besonders wichtig ist. Ihnen gegenüber betont der Autor mit Recht die Beharrlichkeit Sartres, seine frühen Erkenntnisse, die die Einheit seines Werkes bestimmen, zu der seine Entwicklung gehört, eine totalisation, die erst mit seinem Leben endete. Allerdings erinnert Cabestan mit einem Beispiel an Sartres eigene Versuche, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: 1975 erklärter er in einem Gespräch mit M. Contat, dass die Freiheit ohne die Möglichkeit ihrer Entfremdungen nicht verstanden werden könne. (Situations, X, 13) Ob durch eine solche Aussage die Bedeutung der von Cabestan in diesem Zusammenhang zitierten Schriften L’existentialisme est un humanisme (1947) oder L’être et le néant, in ihrer Aussagekraft wirklich tangiert werden?

Jeder Sartre-Leser wird in diesem Dictionnaire nach den Stichworten suchen, die ihm vertraut sind. Eine Seite zum Stichwort Ästhetik im Werk von Sartre reicht natürlich nicht aus. Aber Passagen, die Cabestan zitiert oder resümiert, erinnern den Leser an wichtige Werke Sartres : Qu’est-ce que la littérature?, La responsabilité de l’écrivain und bestimmte Texte in Les Ecrits de Sartre. Stichwörter wie Analogon, Beau, Création, Esthétisme, Gestalttheorie, Image et Imagination, littérature engagée, Œuvre d’art, Perception, Phénoménologie, Prose et poésie, Psychanalyse existentielle, Regard, Sens et signification d’une œuvre d’art, Universel singulier u.a. belegen wie eng Sartres Ästhetik mit seiner Philosophie verbunden ist. Es ist nur zu leicht, Lücken in den einzelnen Beiträgen aufzuspüren. Die Lektüre der hier genannten Einträge gibt aber tatsächlich einen kompakten Einblick in seine Philosophie, und Cabestan vermittelt auf geschickte Weise Querverbindungen zu anderen Themen und erklärt, Abgrenzungen und Gegensätze Sartres zu anderen Autoren.

Natürlich habe ich in meinem eigenen Zettelkasten zu L’Idiot de la famille nachgesehen und nach Karteikärtchen mit wichtigen Stichwörtern gesucht. So scheint die literarische Seite seines Werkes in diesem Dictionnaire weniger stark als die Philosophie vertreten zu sein. Déréalisation, Individu, Laideur, Vérité, Artiste, Confiance, Nature, Activité passive, Appel hätten vielleicht einen eigenen Eintrag verdient, aber viele andere Begriffe, die möglicherweise auch noch fehlen, sind in den vorhandenen Einträgen zu finden. Die Suche nach fehlenden Stichwörtern war eine gute Übung, denn damit wurde deutlich, wie sorgfältig und mit welchem Sachverstand Cabestan die Auswahl der Stichwörter vorgenommen hat.

Einträge wie der zum Marxismus zeigen in aller Kürze Sartres Entwicklung. Nannte er ihn noch 1960 eine unüberschreitbare Philosophie unserer Zeit, so war er 1975 auf der Suche nach einer Philosophie, die ihn überschreitet. Nur den Marxismus von Marx hielt Sartre für unüberschreitbar, den seiner Anhänger kritisiert Sartre in scharfer Form, aber auch Marx gegenüber bewahrte er eine kritische Distanz. Beispiele wie diese zeigen, wie es dem Autor gelingt, auf zwei Seiten eine sehr komplexe Frage im Rahmen der zur Verfügung stehenden Seiten präzise darzustellen.

Die einzelnen Einträge sind alle nach einer ähnlichen Form gestaltet: Bien et Mal: „Libre, l’homme doit agir et par ses actions décider lui-même du bien et du mal. Le Bien ‚existe pas en dehors de l’acte qui le fait‘ (Cahiers pour une morale, p.573)“

Im ersten Absatz jedes Beitrags erscheint ein knapper Satz, der die Bedeutung des Stichworts umreißt, der dann von einem Zitat als Beleg gefolgt wird. Auf diese Weise vermittelt der Autor am besten sein Wissen und seinen Einblick in das Werk Sartres und macht aus den Beiträgen tatsächlich Bücken, die das Verständnis zwischen dieses Begriffen erleichtert. So auch im Artikel Responsabilité: „Reprenant l’acceptation courante de ce temre, Sarte définit la responsabilité comme la conscience d’être l’auteur d’un événement ou d’un objet.“ Et Cabestan ajoute une citation clé de Sartre: „En ce sens, la responsabilité du pour-soi est accablante.“ (L’être le néant, p. 612 f.)

Die anfängliche Skepsis weicht beim Ausprobieren dieses Buches der Überzeugung, ein nützliches Buch in der Hand zu halten.

Was die Website der Editions Ellipses betrifft, so ist es sehr schade, dass dort nicht mehr über dieses Buch zu erfahren ist. Immerhin, der Verlag hat einen Blog, auf dem kürzlich eine neue Version der Website angekündigt wurde.

Heiner Wittmann


Colloque Levinas et la philosophie du XX° siècle en France
organisé par Jean-Michel Salanskis (univ. Paris X) et Frédéric Worms
(univ. Lille III, CIEPFC, ENS)

Cogito et phénoménologie : Husserl, Sartre et Levinas
Philippe Cabestan (philosophe) [27 avril 2006 à 14h00]
Enregistrement audio de la conférence de Philippe Cabestan

Können Schüler mit Hilfe des Computers besser lernen?

Können Schüler mit Hilfe des Computers besser lernen?
Rolf Plötzner, Timo Leuders, Adalbert Wichert (Hrsg.)
Lernchance Computer.
Strategien für das Lernen mit digitalen Medienverbünden
> Waxmann, Münster 2009.
ISBN 978-3-8309-2216-2
Beim Konzipieren und Herstellen von Computerprogrammen für die Schule stießen wir schon in den 90er Jahren tagtäglich auf ein immer wieder kehrendes Problem. So ausgetüftelt diese PC-Programme auch waren, sie mußten immer möglichst viele Antworten des Schülers kennen, um ihm ein Feedback geben und dazu beitragen zu können, seine Lernleistung zu verbessern.

Dieses grundlegende Problem ist auch heute noch nicht perfekt gelöst worden. Aber die Lernforschung hat erhebliche Fortschritte gemacht, und der Band Lernchance für den Computer dokumentiert diesen Fortschritt im Bereich der Mediengestaltung und der Mediennutzung. Dazu kommen Medienverbünde, also die gemeinsame Nutzung von Texten, Bildern, Videosequenzen und Simulationen. Daraus werden Lernstrategien abgeleitet, die sich aber auch heute noch daran messen lassen müssen, inwieweit sie dem Schüler eine sinnvolle Rückmeldung geben können.

Helmut Felix Friedrich untersucht das Lernen mit Texten. Sein Beitrag macht den Verwendung des Computers im Lernprozess einsichtig. Der Schüler ist in diesem Fall von keinem Feedback abhängig, er benutzt die PC-Technik als ein echtes Hilfsmittel. Die vielen Anregungen für die Arbeit mit Texten und Lesestrategien vermitteln hier wichtig Einsichten in die Methoden, wie Schülern die Aneignung von Texten vermittelt werden kann. Tina Seufert untersucht das Verhältnis von Text und Bild: Lernen mit multiplen Repräsentationen – Gestaltungs- und Verarbeitungsstrategien. In diesem Sinn analysieren Maria Bannert und Peter Reimann das Metakognitive Fördern des Lernens mit digitalen Medien durch Prompting-Maßnahmen. Auch die beiden folgenden Beiträge über das Strategische Lernen mit interaktiven digitalen Medienverbünden lösen sich vom Problem des Programm-Feedbacks und konzentrieren sich auf die Initialisierung von Lernprozessen. Die Beiträge Lernen mit informierenden Bildern in Texten und Lernen mit illustrierten Texten können die Krux eines Sammelbandes nicht verbergen. Es entsteht hier der Eindruck einer gewissen Redundanz, die sich aber beim genauen Lesen wieder relativiert. Die Autoren dieser Beiträge stellen unterschiedliche Ansätze vor, die für die Entwicklung des Designs von Lernprogrammen sehr nützlich sein können. Ihre Anmerkungen gehen weit über bloße Designüberlegungen hinaus und stellen alle Facetten des komplizierten Verhältnisse von Texten und Bildern vor, das übrigens vom Fernsehen heute mit seinem ihm als Medium inhärenten Drang immer Bilder zu zeigen kaum noch beachtet wird. Besonders Berthold Metz und Adalbert Wichert zeigen, mit den Illustrationen ihres Beitrags wie Bilder in Texten funktionieren.
Die Animationen und Simulationen sowie Ausdifferenzierungen im Rahmen des kooperativen Lernen lösen sich ebenfalls von einschlägigen Lernprogrammen und nutzen den Computer als ein Medium unter anderen. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Zeit der Lernprogamme oder des programmierten Lernens vorbei ist. Dafür spricht auch das Lernen durch Gestalten von digitalen Medien, das Elmar Stahl erläutert. Das eigene Erstellen von Inhalten mittels der Computertechnik eröffnet neue didaktische Dimensionen, deren Wert für den Lernprozess von Stahl hier so einleuchtend dargestellt. Zum Abschluss untersuchen Alwine Lenzner und Wolfgang Stotz das Aktivieren von Lernstrategien durch Bilder. Vergleicht man diesen Beitrag mit den Ausführungen von Elmar Stahl beginnt man hier die Einbeziehung der Schülerperspektive zu vermissen. Die Lernstrategien mit Hilfe von Bildern werden hier in der Hoffnung vorgestellt, dass die Schüler auf sie ansprechen werden. Alle Erkenntnisse von Web 2.0, die vielleicht auch als Lernen 2.0 einmal in die Didaktik aufgenommen werden, regen die Beteiligung der Schüler schon bei die Initiierung von Lernprozessen an. Auf diese Weise fällt auf, dass das Web 2.0 in diesem Band keine Rolle spielt. Es muss aber auch nicht extra genannt werden, da alle hier vorgetragenen theoretischen Überlegungen sich als Grundlagen vorzüglich dazu eignen, auch den Einsatz des Internets für das Lernen 2.0 zu untersuchen. Vgl dazu:

 

 

> Französischunterricht 1.0 => 2.0 > www.france-blog.info

Heiner Wittmann

Die deutsch-französischen Beziehungen: Eine Bestandsaufnahme

Astrid Kufer, Isabell Guinaudeau, Christophe Premat (Hrsg),
Handwörterbuch der deutsch-französischen Beziehungen,
Nomos, Baden-Baden 2009, 245 S., Broschiert, 24,- €
ISBN 978-3-8329-4807-8

Dieses Handbuch ist kein Nachschlagewerk im eigentlichen Sinne. Rund 40 Wissenschaftler aus Frankreich und Deutschland, viele unter ihnen auf dem Weg zur Promotion, haben die wichtigsten Begriffe zusammengestellt, die von allen bemerkenswerten Facetten des deutsch-französischen Verhältnisses in historischer Perspektive und aus der Sicht von heute geprägt werden. Die vielen Querverweise und Ergänzungen innerhalb der einzelnen Beiträge lassen kaum Lücken erkennen. Von ARTE über den Deutsch-französischen Motor, Erbfeind, Existentialismus, Intellektuelle Kulturbeziehungen, Städtepartnerschaften und Weimarer Dreieck, um nur ein kleine Auswahl zu nennen, werden historische, kulturelle und politische Aspekte gründlich behandelt. Der interessierte Leser wird sich in kurzer Zeit mit Hilfe der Beiträge dieses Bandes einen Überblick über Grundbedingungen des deutsch-französischen Verhältnisses aneignen können.

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