„Diderot met notre esprit en mouvement“

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Esprit de Diderot. Choix de citationLaurent Loty et Éric Vanzieleghem

Editions Hermann, Paris 2013.
ISBN : 9782705684754
180 S.

Dieser Titel ist eigentlich zu bescheiden für dieses Buch. Es stimmt, Laurent Loty und Éric Vanzieleghem legen hier eine Auswahl von Zitatent aus dem umfangreichen Werk von Denis Diderot (1713-1784) vor. Unter anderem hat er 25 Jahre seines Lebens damit verbracht, Tausende von Artikel zu verfassen, mehr als 150 Mitarbeiter anzuleiten und von 1751 bis 1772, die 28 Bände des Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers herauszubringen.

Die Überschrift des Vorwortes „Libérer les esprit, associer les idées“ resümiert mit wenigen Worten die Visionen Diderots, die die beiden Heruasgeber uns mitteilen wollen. Seine Haft hat ihn dazu bewogen außer der Ezklopädie „eigentlich nichts zu seinen Lebziten zu veröffentlichen“

Loty et Vanzieleghem stellen fest: „Um diesem Preis ist der freiseste Geist seiner Zeit möglicherweise einer neuen Verhaftung entkommen. Aber diese Arbeit im Untergrund hat ihn wahrischeinlich auch der Selbstzensur entzogen und seinen Wunsch, sich direkt an die Leser zu wenden noch verstärkt. Dadurch haben wir dieses seltsame Gefühl, dasss Diderot unser Zeitgenosse und unser Freund ist.“ (p. 8)

Ihre Einleitung gibt zu verstehen, dass beide Heruasgeber Spezialisten von Diderot sind. Mit ihrer Auswahl der Zitate öffnen sie eine große Tür, die Leser direkt zu seinen Werken führt und zu dem „Geist von Diderot (der) nichts von oben erhellen will, sondern sich erhellt, um seine Zietgenossen zu erhellen. Das macht er mit einem Paradox. Sein Gedanke weicht von der Orthodoxie ab und überwindet augenscheinliche Widersprüche, indem er den Standpunkt verschiebt und noch unendeckte Perspektiven aufdeckt.“

Die Herausgeber haben die Zitate in mehrere Kapitel eingeordnet von „Amours“ u. a. „Grandeur“, „Mémoire“, Nature, „Passions“ bis „Unité“. Die Zitate sind mehr als nur isolierte Phorismen. Sie öffenen eine Eingang und erlauben Aosszitaionen und wecken die Neugier, seine Zitate im Zusammenhang der Werke aufzufinden. Kurz, Diderot zu lesen.

Ce livre est une trés belle contribution pour le tricenteanire de Diderot qu’on fête cette année.

A cette occasion, Eric Vanzieleghem a crée un site Denis Diderot.

<< (Diderot) Pensée sur l’interprétation de la nature, 1754, S. 24.
Avec un clic, on peut ouvrir le livre.

Les portrais de Diderot sont de Béatrice Turquand d’Auzay dont les desseins illustrent aussi
Un roman de réseau de Véronique Taquin.. Ce livre propose aussi une Chronologie e la publication de l’œuvre (dates des premières parutions imprimées et non anonymes).

Heiner Wittmann


Sur France-blog:
Nachgefragt: Denis Diderot parle de l’Encyclopédie

Die politische und wirtschaftliche Zukunft Europas

Christian de Boissieu, Jean-Hervé Lorenzi,
Et si le soleil se levait à nouveau sur l’Europe ?
Paris Fayard 2013. ISBN 9782213678177

Woher kommt es eigentlich, dass europäische Politik durch die Europäer selbst immer so pessimistisch betrachtet wird? Eurokrise, wirt-schaftliche, politische Krisen. Krisen überall! Aber warum eigentlich? Folgt man den Autoren der Beiträge dieses Bandes, so besteht dazu aufgrund des Reichtums unseres Kontinents nur wenig Anlass: „Il faut résolument dénoncer une vision défaitiste et fausse de l’Europe. Son prétendu déclin n’a rien de définitif, “ steht im ersten Satz auf dem Klappentext dieses Buches. Nichts ist verloren, aber an einigen Ecken müssen wir doch schon ein wenig aufpassen.Im übigen wird nach der Lektüre dieses Bandes deutlich, außer der Euro-Krise gibt es auch an einigen anderen Stellen Anlass zu Sorge, aber nur wenn nichts geschieht. Zuallererst wollen die Autoren dieses Bandes an die Chancen und die Trümpfe unseres Kontinentes erinnern. Und das ist dringend notwendig, da aus der Politik beiderseits des Rheins wenig Visionäres zu Europa kommt. Wir Europäer wuchern nicht mit unsere n Pfründen, sondern klagen auf einen ziemlich hohen Niveau.

Die beiden Herausgeber J.-H. Lorenzi und Ch. de Boissieu bezeichnen ihr Buch als eine Herausforderung, weil ihre Autoren die Europapoliitk gegen den gewohnten Strich bürsten. Es geht nicht um einen Blick zurück, sondern sie präsentieren das Zukunftsprojekt Europa. Besteht man auf einem Rückblick, darf man sich daran erinnern, dass dieser Kontinent die Demokratie erfand, die industriellen Revolutionen lancierte und damit ein Wissen schuf, dass heute mit einer besorgniserregenden Situation fertig werden muss: „Certitudes absurdes, incertititudes profondes, incohérences tragiques et convergences nécessaires,“ (S. 11) Absurd: Europäischer Anteil am BSP auf Weltniveau 5 % und damit einen Niedergang Europas als sicher darstellen. Die demographische gibt zu Sorgen Anlass, das muss Europa keineswegs von einem neuem Aufschwung abhalten. Incohérences tragiques: Man sieht den EuroO als Erfolg an und genießt Europa als erste Handlesmacht in der Welt, es gibt aber (noch) keine Regulierungsmechanismen für den Euro und Europa lernt die Haushaltsdisziplin erst langsam. Alle schlagen Lösungen vor, es gibt keine gemeinsamen Visionen. Konvergenz ist das Stichwort, dass die Autoren dieses Bandes dem üblichen europäischen Pessimismus, der für sie keine seriösen Begründung vorweisen kann, entgegensetzen wollen.

Drei Teile: I: Was wäre wenn der „Déclinisme“ das Gerede vom europäischen Niedergang ein Irrtum wäre?, II. Und wenn Europa widerstehen würde? und III. Wie wäre es wenn Europa sich eine Zukunft konstruieren würde?

Um es gleich zusagen. Europa hat alle Trümpfe. 28 Mitglieder, viele von ihnen haben eine gemeinsame Währung. Statt auf gemeinsame Perspektiven und Erfolge zu pochen, versuchen die Kritiker nationale Egoismen zu wecken.

Olivier Pastré stellt uns Europa 2025 vor. 2021 haben sich Frankreich und Deutschland vereint. Sein Aufsatz ist ein echter Fahrplan auf dem Weg zu diesem Ziel, das schließlich auch eine wirklich europäische Industriepolitik ermöglicht. (> www.france-blog.info/expertenkommission-das-grundgesetz-in-deutschland-und-die-verfassung-in-frankreich, 1. April 2013) Andrew Moravcsik fragt sich, warum Europa mit einem höheren Einfluß, 2. Militärmacht nach den USA in der Welt als China nicht mehr aus seiner Situation mache. Ordnung und Frieden in Europa machen die Macht seiner Zivilgesellschaft aus, die ihresgleichen in der Welt sucht. Aber die Europäer unterschätzen sich und den Euro, weil ihnen seine Erfolge nicht bewußtgemacht werden.

Anne-Marie Slaughter berichtet über die Beziehungen Europas mit Asien, so wie Manio Shankir Aiyar seinen Beitrag mit „L’Inde, fantasme d’une menace“ überschrieben hat. Masahiko Aoki berichtet aus China und Martin Ziguélé zeigt wie Europa aus afrikanischer Sicht gesehen wird: Er setzt auf den Wissenstransfer nach Afrika. Jean Pisani-Ferry erinnert daran, dass Europa schon immer eine Art Forschungsinstitut für die internationalen Beziehungen gewesen sei, in dem es alle nur denkbarne Regierungsformen ausprobiert habe. Europa habe einen Multitlateralismus entwickelt, der sogar dem der USA voraus sei. Außerdem habe sich Europa erfolgreich als globaler Regulierer betätigt, wo internationals Regeln fehlen, (Vgl. S. 81): „Aucun autre pays ou groupement de pays n’est aujourd’hui en mesure de contribuer de la même manière à la constuction de la gouvernance mondiale.“ (S. 83)

Patrick Artus dringt auf mehr Wachstumspolitik, da wo sie möglich ist, im Sinne eines Strategiewechsels in der Euro-Zone, die aber möglicherweise nicht eingeleitet wird, weshalb er mit einer Fortsetzung der Zinssatzpolitik rechnet. Auf diese Weise werde die Eurokrise nicht beendet. Pascal Lamy fragt, ob der Euro überbewertet sei? Christian de Boissieu fürchtet strukturelle Defizite, wenn der FMI nicht mehr Kompetenzen erhalte, während Jean-Paul Betgbèze die Schlüsselposition der EZB hervorhebt. Will die Euro-Zone überleben, wird man um die Steuerharmonisierung nicht herumkommen, meint Alain Trannoy. Hervé LeBras erinnert an die demographischen Entwicklungen und ihre Auswirkungen in Frankreich und Deutschland. Thierry Weil et Pierre-Noël Giraud plädieren für eine Industriepolitik und erinnern an den > Rapport Gallois.

Europa muss sich auf den Weg in die Zukunft machen und seine Entwicklung aktiver in die Hand nehmen, seine Trümpfe ausnutzen und sich nicht treiben lassen. Unsere Politiker sprechen von Krisen und verwalten Europa, was ihnen aufgrund unserer vielfältigen Ressourcen gut gelingt. Sie formulieren aber keine Visionen, wo die Reise hingehen soll. Diesen Defiziten setzt Philippe Aghion die Herausforderung einer besseren Bildung in den Hochschulen und im Sekundarbereich entgegen. Diese Ausbildungsstätten sind für ihn der entscheidende Wachstumsfaktor. Philippe Trainar ist der Überzeugung, Europa muss wieder lernen, Risiken auf sich zu nehmen. Jean-Louis Georgelin erinnert an die Notwendigkeit einer koordinierten Verteidigungspolitik in Europa. Aber bisher zögern die Nationen, Souveränitätsrechte abzugeben. Die Globalisierung stellt Europa vor neue Aufgaben, die es mit der aktuellen Situation nicht beantworten kann, zugleich profitiert Europa immer noch vom Atlantischen Bündnis. Auch Hubert Védrine wendet sich mit Nachdruck gegn die Unterbewertung einer einheitlichen europäischen Außenpolitik. Eine entscheidende Perspektive für den in diesem Band geforderten Aufbruch Europas sehen Jacques Mistral und > Henrik Uterwedde im deutsch-französischen Einverständnis. Sie beschreiben in Ihrem Beitrag die gemeinsamen Iinteressen der beiden Staaten wie auch ihre unterschiedlichen Wirtschaftsvorstellungen. Zugleich skizzieren sie auch, wie beide Staaten sich annähern werden: Präsident Hollande unternimmt alles, um das Gleichgewicht der öffentlichen Finanzen wiederzuerlangen, wobei die beiden Autoren sich nicht sicher sind, ob die französischen Anstrengungen in Berlin wirklich verstanden werden. Ihr Urteil über die Maßnahmen der Regierung in Paris führt sie zu der Forderung, dass es jetzt an der Zeit sei, den deutsch-französischen Motor wieder zu starten. (Vgl. S. 230) Kemal Dervis blickt auf die Wahlen zum Eurpopaparlament im Mai 2014: „Gérer la Grande Europe.“ Pierre Jaquet („Renouer avec la ‚grande politique'“) setzte sich für einen Ausgleich zwischen nationalen und internationalen Zielen ein.

Heiner Wittmann

Jacques-Pierre Gougeon, Frankreich – Deutschland

Jacques-Pierre Gougeon,
France-Allemagne. Une union menacée? Paris :
Armand Colin 2012. 216 p.,
ISBN : 978-2200257637

Der Umschlag des Buches von Jacques-Pierre Gougeon, France-Allemagne. Une union menacée? ist mit mehr als nur ein kurzer Blick wert. Betrachten wir die beiden Flaggen, die Trikolore und die Flagge von Deutschland, beide vor dem Hintergrund mit einer eingerissenen europäischen Flagge. Sicher kann man dieses Bild ganz unterschiedliche interpretieren. Wenn wir aufmerksam den Untertitel des Buches lesen, entdecken wir das Wort Union, womit die Europäische Union gemeint ist. Wenn das Einverständnis zwischen Frankreich und Deutschland beeinträchtigt, gestört oder sonst irgendwie beeinträchtigt wird, geht es Europa nicht gut, könnte man hinzufügen. Soweit sind wir noch nicht und der Autor will nicht dramatisieren. Er analysiert die Situation beider Länder hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Leistung und ihres je eigenen Blicks auf die nationale Geschichte. Aber dieser Vergleich zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg und der Selbst-Perzeption beider Länder wie ihr Blick über den Rhein zeigen immer mehr die Probleme der Konvergenz.

Ein Blick auf die beiden Länder zusammen zeigt immer mehr den Gegensatz zwischen einem „deutschen Modell“, das die Erfolge der deutschen Wirtschaft beschreibt und dem Gefühl des Niedergangs in Frankreich, das aus einer Reihe von Kennzahlen entsteht, wie der Rückgang der Wettbewerbsfähigung und Strukturproblemen, wie u. a. die deutlich niedrigere Anzahl von mittelständischen Betrieben im Vergleich zu Deutschland, dies zeigt.

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Albert Camus, ein Philosoph?

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Web 2.0 im Fremdsprachenunterricht

Jürgen Wagner, Verena Heckmann, Hg.,
Web 2.0 im Fremdsprachenunterricht
Ein Praxisbuch für Lehrende in Schule und Hochschule
Glückstadt: Verlag Werner Hülsbusch 2012, 290 S., 22 x 15 cm, Hardcover, zahlr. Abb. (S/W)
ISBN 978-3-86488-022-3

Um es gleich zu sagen. Die Ausstattung dieses Buches, richtig gebunden, Hardcover, das nicht wellig ist, Lesebändchen, super gemacht, da kann manch ein Verlag, der seine Autoren die Druckunterlagen anfertigen lässt, echt was lernen.

Das Inhaltsverzeichnis weist diesen Band als eine gelungene Einführung in das Thema Web 2.0 im Fremdsprachenunterricht aus. Die Autoren der 35 Beiträge sind auf ihren Gebieten offenkundige Spezialisten und zusammen mit ihren Erfahrungen aus dem Unterricht in der Schule, der Lehre und Forschung in der Hochschule gelingt es ihnen, einen spannenden Überblick zum Potential des Web 2.0 im Unterricht, besonders in den Fremdsprachen zu vermitteln. Web 2.0 steht für das Mitmach-Web, wie die beiden Herausgeber, diese schon bald seit zehn Jahren übliche Bezeichnung für das partizipative Internet sachgerecht definieren.

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Der Einfluss der digitalen Welt auf unsere Gesellschaften

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Die digitale Welt – Gibt es bald keine Bücher mehr?

François Bon
après le livre
Paris: Seuil, 2011.
275 S.
ISBN 978.2.02.105534.4

Ein spannendes Buch. François Bon beschreibt den Übergang zum digitalen Buch oder Informationsträger. Man kann sich seiner Passion kaum entziehen. Sein letzte Satz „Nous sommes déjà après le livre,“ duldet keinen Widerspruch, nachdem er im vorhergehenden Paragraphen erklärt hat, dass es wichtig sei, zu verstehen, dass der Beginn dieser Entwicklung, die noch im Anfangsstadium steckt genauso irreversibel und total wie ähnliche Entwicklung durch alle früheren Veränderungen des Schreibens und aller Formen des Lesens eingeleitet worden seien. (vgl. S. 270) Und auf der vorhergenenden Seite stellt Bon fest: „Nous venons d’être projetés dans un monde mouvant. Il s’ouvre tout juste.“ Er ist seiner Zeit wirklich voraus. Wenn Studenten heute ihre Seminararbeiten oder ihre Abschlussarbeiten ohen ein Buch schreiben könnten, müsste man Bons apodiktischen Behauptungen noch mehr oder überhaupt Glauben schenken. Solange aber das Internet z.B. bei literaturwissenschaftlichen Arbeiten überhaupt nicht hilft, sondern allenfalls die Ergänzung eine Bibliographie beschleunigt, ohne trotz der Vielfalt im Netz wirklich zu ihrer Vollständigkeit beitragen zu können, möchte man Bons Begeisterung noch nicht so recht teilen.

Lässt man sich aber auf Bons Argumente ein, ergibt sich ein anderes interessantes Bild, und es loht sich, seine Anmerkungen genauer zu lesen. Um es gleich zu sagen, die etwa 40 Abschnitte seines Buches sind möglicherwiese als kürzere oder längere Blogbeiträge entstanden. Ein Buch mit einer traditionellen Kapiteleinteilung könnnte sein Anliegen noch mehr verdeutlichen. So geht sein so interessanter literatur- und Buch – oder editionshistorische Ansatz zwischen einer gewissen Unordung zwar nicht verloren, aber er wird leider etwas unscharf.

Die Veränderung, die wir erleben, ist für ihn unwiderruflich und hat längst begonnen. Es geht um das Schreiben: „Accorder son traitement de texte,“ rät er seinem Leser und gibt zu erkennen, wie jeder Schreibprozess mit all seinen Erscheinungsformen und Formatierungen das Lesen beeinflusst. Lesen und das Schreiben gehört zu seinen Themen. Sein Anfang ist geschickt gewählt. Folglich ist auch das Lesen am Bildschirm etwas anderes als das Lesen einer Buchseite. Und er weiß auch, dass eine Liseuse auch mit einem dicken Buch ausgerüstet keinen dicken Buchrücken hat. Und das stört uns. (S. 25) Selbst das digitale Buch ist für Bon nur ein Übergang. IPad und PC, das Schreiben ändert sich, aber er bleibt dabei: „le corps écrit.“

Und dann erwähnt er die Menge der Websites, die Domainenamen, die er mehr oder weniger besitzt, und was er in den letzten 15 Jahren dort erlebt hat. Die Vielfalt erklärt er mit den Fleurs du Mal, dem Gedichtband Baudelaires, von dessen Editionen er eine ganze Bibliothek besitzt: Für Bon war das immer nur ein Buch. Nebenbei berichtet Bon über seine Erfahrungen im Web. „Nouvel axiome Web:“ Je mehr Türen (Links) sich nach außen öffnen, um so häufiger kommen die Besucher wieder. Und er lässt erkennen, dass man das Internet nur verstehen kann, wenn man am besten alles ausprobiert. Kaum ein Produkt ist in technischer Hinsicht so sophistiqué wie das moderne Buch. Vergleicht man damit das eigene Schreiben und das interne Chaos auf der häuslichen Festplatte, kann man gar nicht glauben, dass Bon, glaubt, wir hätten das Buch bald überwunden.

Bons literaturgeschichtlicher Exkurs z. B. über Balzacs Editionsarbeit ziegt, dass es schon zu Zeiten des Autors der Comédie humaine tiefgreifende Veränderungen des Schreibprozesses und folglich auch der Vermarktung von Literatur gegeben hat. Und mit seiner Druckerei ist > Balzac gescheitert, aber mit seiner Vermarktung in Richtung von Abonnements war er wegweisend. (S. 119). Bon weiß, dass die Lektürgewohnheiten das Schrieben beeinflussen und sich besonders zugunsten der kurzen Form auswirken. (Das sieht man an seinem Inhaltsverzeichnis.).

Zugegeben, auch bei langen Zeitungsaufsätzen, teilen wir uns mit einem Blick den Lesestoff ein. (S. 132) Heute: „La lecture aujourd’hui pass par un cadre et non plus un volume,“ (S. 146) schreibt Bon und meint damit alle Anfeindungen, die die Lektüre am Bildschirm stören. Au revoir, la concentration. Kann da noch der kleine Rahmen der persönlichen Bibliothek reichen, wenn der weltweite Internet-Rahmen so groß ist? Und wer kann sich dem meschlichen Abenteuer Wikipedia noch entziehen? (S. 147) – Nun, die schiere Masse ist eine Perspektive aber noch keine Lösung für literaturwissenschaftliche Hausarbeiten. Was für Bon folgt, ist eine andere Art des Denkens, eine andere Art des Gehens. Immerhin. Er empfiehlt, die eigenen Gewohnheiten zu überprüfen und auf die Konzentration zu achten. Wie viel unnütze Zeit vertut ein Student beim Surfen in der Hoffnung, etwas für seine Seminararbeit zu finden. Bons Erklärungen, wie in der Entwicklung zum Buch die Seite entstand, wie der Titel, die Kapiteleinteilung und schließlich der Begriff des Autors im XVII. Jh. entstand (S. 183), sind richtig spannend und lehrreich. Mit Rabelais kennt sich Bon so gut aus! Das verführt zum Lesen von Rabelais. Eine andere Kapiteleinteilung hätte der Lektor Bon doch empfehlen müssen! Bei der Daumenprobe in der Buchhandlung verrät das Inhaltsverzeichnis eher wenig über den „Plan“ seines Buches. Und dann gibt es all diejenigen, die beim Thema Web immer sagen: „Dazu habe ich keine Zeit,“ – „mettre les mains dans le cambouis pour se faire un site,“ antwortet Bon ihnen und erklärt ihnen was das Teilen im Netz bedeutet. Bons Abneigung gegen das Telefonieren ist seine persönliche Marrotte. Soit. – „… le Web est notre livre – une construction,“ (S. 201) das wäre ein Leben im Web, in der Hoffnung, dort das ganze soziale Leben wiederzufinden. Man kann da ganz schöne alleine sein, wenn nicht das macht, was die anderen auch alle machen. Manche gehen in die Bibliothek um dort zu lesen, zu arbeiten, orditer. Mit dem PC ist man immer weniger allein, meint Bon und vergleicht das PC-und Internetarbeiten mit dem Leben in einer Stadt. Bibliotheken sind nicht her nur Orte, wo Inhalte gehütet werden, sondern sie sind zu Orten geworden, wo diese Inhalte intelligent verteilt werden. Das ist ein interessanter Gedanke, den man weiterverfolgen sollte. Wie gestaltet sich das Verhältnis von Bibliothek und Internet? Eine Wechselwirkung?
> Vergrößert sich dafür in der Bibliothek die Distanz zu den Büchern?

Die neue Stadtbibliothek in Stuttgart

Den Tontafeln und das Lesetablett ist ein langes Kapitel gewidmet. Und ein letztes Kapitel gilt den Spuren, die der Autor bei der Erarbeitung seines Textes hinterlässt. Gibt es noch Brouillons? Oder nur noch das Online-Schreiben? Das digitale Werk zerstört die Grenze zwischen dem Objekt Buch und dem Lesevorgang, jedes brouillon ist ein Appell an den Leser.

Facebook, Website, Twitter und das Blog, Timeline, jeder schreibt „sans constitution symbolique de l’écrivain“ (S. 261) Gar nicht sicher, dass die Schriftsteller dabei viel verlieren werden. Die digitale Welt verändert die Art und Weise, wie wir die Welt perzipieren. Ob sie sich dadurch wirklich auch verändert, darf man sich auch weiterhin fragen.

Stimmt das alles? Es ist zumindest etwas dran. Seine riesige Bibliothek, die Bon in allen Einzelheiten beschreibt, wie Un Voyage autour de ma chambre zugleich mit seiner Vorliebe, auf Lesetabletts aller Art zu lesen, zeigt, wie er sich trotz seiner enormen Bücherstapel zu Hause von der digitalen Welt beeindrucken lässt. Und der Literaturstudent von heute? Was hat er vom Internet zugunsten seiner Seminararbeit? Zeitgewinn oder eher mehr Zeitverlust?

Heiner Wittmann

 

Eine neue Biogaphie über Machiavelli?

Reinhardt, Volker
Machiavelli oder Die Kunst der Macht
Eine Biographie

München: C.H.BECK, 2012.
400 S., mit 15 Abbildungen und 1 Karte. Gebunden

Der Buchrücken wirbt mit dem Text: „Volker Reinhardt legt mit diesem Buch die erste Biographie über Machiavelli seit Jahrzehnten vor. […] Das Ergebnis ist ein neues Bild von Machiavelli: hinter dem illusionslosen Zyniker verbirgt sich ein Idalist, der an die perfekte Republik und das gute Leben glaubt. Gerade dieser Machiavelli hat uns bis heute etwas zu sagen.“ Möglicherweise hat die Werbeabteilung des Verlags das Buch ihres Autors nicht richtig gelesen. Reinhardt hat keine „Biographie“ vorgelegt, sondern er resümiert vor allem die Legationsberichte Machiavellis, einige Passagen aus seinem Büchlein über den Fürsten, einige ausgewählte Passagen aus den Discorsi, und er entdeckt nebenbei, dass Machiavelli auch Dichter und Komödienschreiber war. Dazu kommen noch Zitate aus seiner Korrespondenz, die dieses Buch zu einer politischen Geschichte Florenz und Italiens von ca. 1480 bis 1527 machen, in der auch einige Lebensstationen Machiavellis genannt wird.

Im Prolog „Der Provokateur“ wird Machiavelli zum „Missionar im Spöttergewand“ (S. 11) und verkündet „Wahrheiten […] seiner Zeit“. Reinhardt zitiert einige ausgesuchte, – und aus dem Zusammenhang irgendwoher – entnommene Sätze wie „Erfolg ist das Maß aller Dinge,“ oder „Der vollendete Politiker muss nicht nur skrupellos vorgehen, sondern auch betrügen und Verträge brechen können.“ (S. 11-13) Es gibt keine Anmerkungen zu diesen Zitaten, Reinhardt kommentiert sie knapp und bestätigt so auf leichte und eingängige Weise, was alle schon immer über Machiavelli wussten, wofür sein Name steht, wie der Satz „In der Politik erweisen sich die Regeln der verbürgten Macht nicht nur als untauglich, sondern geradezu als kontraproduktiv.“ Reinhardt hält das an dieser Stelle Belege nicht für notwendig. Er bestätigt nur das traditionelle Machiavelli-Bild. Nichts Neues, ganz im Gegensatz zu dem eingangs zitierten Werbetext.

Machiavelli wird am 28. Mai 1498 vom Rat der Achtzig zum Sekretär der Florentinischen Regierung und zum Chef der Zweiten Kanzlei gewählt. Zu Recht darf man sich wie der Autor wundern, wieso ein nahezu Unbekannter im Alter von 29 Jahren diese ehrenvolle Aufgabe erhält, wenn man nicht vorher die Untersuchung der Tagebücher von seinem Vater Bernardo Machiavelli zur Kenntnis genommen hat: Catherine Atkinson, Debts, Dowries, Donkeys. The Diary of Niccolò Machiavellis’s Father, Messer Bernardo, in Quattrocento Florence, Reihe Dialoghi/Dialogues, hg. v. D. Hoeges, Bd. 5., Frankfurt/Peter Lang 2002.

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Vom Übersetzen zum Simultandolmetschen

Roger Willemsen (1955-2016) beginnt das Vorwort mit dem Satz „Dolmetscher sind Höhlenmenschen,“ und meint damit, man sehe sie selten, weil sie im Hintergrund oder im Verborgenen arbeiten. In Wirklichkeit sind sie aber „Zöllner und Mittler“, die uns beim Grenzübertritt helfen. Und er weiß, dass Übersetzer und Dolmetscher unseren „kostbarsten Rohstoff“ behandeln“ „Kommunikation und Vielsprachigkeit“.

Jetzt hat Jürgen Stähle, seit 1982 Inhaber von Stähle
Internationale Kommunikation in Stuttgart, bekannt durch seine Dolmetschertätigkeit mit Schwerpunkt Fernsehen, ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis für „herausragende Simultanübersetzungen im Fernsehen“, eine ausführliche Beschreibung seines Berufsbildes vorgelegt. Von wegen Höhlenmensch!

Zuerst geht es um die historische Einordnung seines Berufs, die feinen Unterschiede zwischen Übersetzen und Dolmetschen und schließlich das Entstehen des Beurfs des Simultandolmetschers mit den Abgrenzungen zum Konferenzdolmetscher. Übersetzen ist Entscheiden heisst es im ersten Leitsatz. Aber Simultandolmetschen steigert die Ansprüche und verlangt schnellere, blitzschnelle Entscheidungen, sagt der 2. Leitsatz. Schließlich ist Übersetzen aber auch Interpretieren, wie der 3. Leitsatz betont. Es geht nie um ein bloßes Umkodieren. Der Simultandolmetscher kann sich nicht einfach hinsetzen, und das Gehörte in einer anderen Sprache ausdrücken. Ein Teil der Übersetzungsarbeit findet vorher statt, wie es der 4. Leitsatz andeutet: Kein Übersetzen ohne Wissen und Verstehen und verweist auf die zwingend notwendige Vorbereitung für einen „Einsatz“.

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Es reicht mit der Oligarchie. Es lebe die Demokratie

Hervé Kempf,
L’oligarchie ça suffit, vive la démocratie
Paris : Seuil 2011.

Hervé Kempf, Journalist bei LE MONDE hat in zwei Büchern > Comment les riches détruisent la planète und > Pour sauver la planète, sortez du capitalisme seine Kritik an einem ungebremsten Kapitalismus vorgetragen, in seinem neuen Buch geht es um die Angriffe auf die Demokratie. Die kleinen Kreise und Gruppen, die sich die Entscheidungen in der Demokratie anmaßen, werden immer einflussreicher. Wir können den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts aber erst dann begegnen, wenn wir den oligarchischen Anspruch kleiner Gruppen erkannt haben. Solange wir das unterlassen, werden diese Gruppen weiterhin Privilegien zum Nachteil der dringendsten sozialen und ökologischen Fragen anhäufen. Nur wenn der Westen sich wieder an die lebendige Demokratie erinnert und bereit ist, die Welt mit den anderen Einwohners des Planets zu teilen, werden wir ein ökologisches Gleichgewicht erreichen. Diese enge Verknüpfung von Demokratie und Umweltschutz ist der rote Faden seines Buches. Wird diese Verbindung missachtet, so lautet seine These und Warnung, werden die Oligarchien uns in Gewalt und Autoritarismus führen. Das sind die Thesen, die auf dem Klappentext stehen.

Kempf sieht einen unauflösbaren Zusammenhang zwischen den Umweltproblemen und den immer kleinen oligarchischen Gruppen, die zum Schaden der Demokratie Entscheidungen und Lösungen allen anderen aufzwingen wollen. Erst die Analyse. Kempf untersucht die Versuchungen der Oligarchie, die Politik des Kapitals und der Lobbyisten, die Kunst der Propaganda und fragt, wie wird uns das alles verkauft? Aber es gibt noch Herausforderungen für die Demokratie, die wir aufgreifen sollten, um die Tugenden der Demokratie wiederzubeleben.

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