Wie arbeiten Paris und Berlin zusammen?

Demesmay / Koopmann / Thorel
Die Konsenswerkstatt
Deutsch-französische Kommunikations- und Entscheidungsprozesse in der Europapolitik
Herausgegeben von Claire Demesmay, Martin Koopmann, Julien Thorel
Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2013, 231 S., Broschiert,
ISBN 978-3-8487-0528-3

In den Medien werden die Aktivitäten der deutsch-französischen Kooperation meistens nur genannt, wenn der französische Präsident und die deutsche Bundeskanzlerin ihre halbjährlichen Treffen haben oder wenn sie sich zu anderen Gelegenheiten begegnen. Sehr oft wird dabei eine künftige engere Zusammenarbeit beschlossen und verkündet. Aber wurde sie auch umgesetzt?

Tatsächlich gibt es eine sehr enge Kooperation zwischen beiden Regierungen, auch auf allen Ebenen der Ministerien, worüber die Öffentlichkeit nur bei bestimmten Anlässen explizit informiert wird. Oft heißt es aus dem Bundeskanzleramt, die Kanzlerin habe sich mit dem Präsidenten abgestimmt, wobei Außenstehende nur ansatzweise vermuten können, wie die Abstimmungsprozesse tatsächlich verlaufen.

Der vorliegende Band, herausgeben von Claire Demesmay, der Programmleiterin Frankreich / Deutsch-französische Beziehungen in der DGAP, Martin Koopmann, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied “Europäischer Dialog” in der Stiftung Gernshagen und Julien Thorel, Enseignant-chercheur à l’Université de Cergy-Pontoise, vereinigt elf Beiträge, mit denen die deutsch-französische Kooperation auf den Feldern der Wirtschafts- und Finanzpolitik, der Außen- und Sicherheitspolitik, der Energie- und Umweltpolitik und schließlich auch unter den Gesichtspunkten Integration und Vertiefung untersucht werden.

In ihrer Einleitung umreißen die Herausgeber den thematischen Rahmen ihres Buches: “Die Institutionalisierung der bilateralen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich hat einen Grad erreicht, der in der Geschichte der internationalen Beziehungen einzigartig ist.” Der zweite Satz gibt zu verstehen, dass der Wille vorhanden ist, wobei an dieser Stelle noch offengelassen wird, inwieweit er realisiert worden ist: “Sie (die Zusammenarbeit, H.W.) ist Ausdruck des Willens beider Staaten, eine neue Form des Regierens zu schaffen, die im europäischen Mehrebenensystem zwischen der nationalen und der europäischen Ebene angesiedelt ist.”(S. 9) Betont werden hier die Absichten, zugleich wird aber auch das Ziel beschrieben, das, wie wir sehen werden, teilweise realisiert ist, da die “neue Form des Regierens” bereits anhand bestimmter Politikfelder gezeigt werden kann.

Es geht also um die bilateralen Entscheidungsprozesse, bei denen nach dem Élysée-Vertrag von 1963 verschiedene Organisationsformen wie der Blaesheim-Prozess sich entwickelten bis zu der seit 2003 immer stärkeren Verflechtung auf der Ebene der Ministerien.

Bei einer zunehmend intensiven Kooperation bleibt es nicht aus, dass Konflikte und Differenzen (vgl. S. 10 f) auch gelegentlich deutlicher in den Vordergrund treten. Die Herausgeber nennen “Unterschiede in der politischen Kultur und divergierende nationale Interessen” als zwei der Ursachen deutsch-französischer Meinungsunterschiede. Mit Recht weisen die Herausgeber daraufhin, dass “die Mechanismen und Prozesse bilateraler Kompromissfindung” bisher nur ungenügend untersucht wurden. Die Herausgeber wollen, anstatt nur Unterschiede aufzuzählen, das “institutionelle Gefüge der bilateralen Beziehungen und dessen tatsächliche Funktionsweise” analysieren. ( ib.) Das ist der Ansatz dieses Buches, an dem sein Fazit zu messen ist.

Im Kapitel über die Wirtschafts- und Finanzpolitik beschreiben Jean-François Jamet, Franck Lirzin, Joachim Schild und Daniela Schwarzer “Krisenmanagement und Governance Reformen in der Eurozone”. Der Untertitel ihres Beitrags untersucht den gemeinsamen deutsch-französischen Weg seit etwa 2008: “Enge Abstimmung bei divergierenden Lösungsansätzen”. Nationales Interesse, die spezifische Situationsdeutung und Innovationsfähigkeit beeinflussten die Positionen in den bilateralen Verhandlungen, von denen der Erfolg des Managements der Eurokrise in Europa abhängt. Jean-Nicolas Brehon und Robert Kaiser nehmen “Die Vorbereitung der mittelfristigen EZU-Finanzplanung – Ambivalente Rolle des institutionalisierten Bilateralismus” unter die Lupe und zeigen, wie unter dem Druck der Ereignisse und aufgrund des Einigungswillens auch Formen und Strukturen des Zusammenarbeit zugunsten des gemeinsamen Erfolges erfolgreich modifiziert wurden, zugleich geben sie Grenzen zu erkennen, weil die gemeinsamen Prozesse (Blaesheim-Prozess) sich nicht ohne weiteres auf Europa übertragen lassen.

Auf dem Gebiet der Sicherheits- und Außenpolitik bedauern Clare Demesmay und Katrin Sold die “Reaktionen auf den Arabischen Frühling – Kleinster gemeinsamer Nenner statt innovativer Kompromisse”. Hier gibt es Nachholbedarf, und man darf ihren Beitrag als Aufgabenkatalog für ähnliche künftige Situationen verstehen. Stephan Mertens und Julien Thorel untersuchen die “Dissonanzen bei der Union für den Mittelmeerraum – Politische Konflikte und diplomatische Lösungen” und unterstreichen die besondere Rolle des Élysée-Palastes und des Bundeskanzleramtes bei der gemeinsamen Entscheidungen und der Entschärfung von Spannungen in den diplomatischen Kommunikationskanälen. Auch bei der Abstimmung bei einem andern Konflikt, wie Laure Delcour und Elsa Tulmets zeigen: “Die deutsch-französischen Beziehungen im russisch-georgischen Konflikt – Parallel laufende diplomatische Initiativen”, werden gravierende Defizite im Rahmen der deutsch-französischen Kooperation erkennbar: “Schließlich scheinen die deutsch-französischen Kommunikationsmechanismen für internationale Krisensituationen nicht geeignet zu sein…” (S. 117)

Die Energie- und Umweltpolitik ist Anlass für Severin Fischer eine zunächst stärkere aber nach 2008 abnehmende Kooperation (S. 121) zu konstatieren. Das Thema Atomkraft scheint die Konsensbemühungen weiter zu schwächen. Michel Cruciani und Sabine von Oppeln loten in ihrem Beitrag “Deutsch-französische Gegensätze und europäische Kompromisse” aus: Der hohe Grad der Sicherheitsanforderungen beiderseits des Rheins sei den politischen Eliten bewusst, aber hinsichtlich der Grundausrichtung der Energiepolitik gibt es weiterhin erhebliche Gegensätze, die vor allem auf der Arbeitsebene notwendige und wohl auch aussichtsreiche Kompromiss- und Konsensfindungsfähigkeit nach sich ziehen. (vgl. S. 139) Auch bei diesem Themenblock gibt es eine Fallstudie: Stefan C. Aykut und François Michaux analysieren “Die EU-Verordnung zur Verminderung der CO2-Emissionen von Personenkraftwagen Deutschland und Frankreich zwischen Konfrontation und Kooperation”: Sie konstatieren, dass das institutionelle Gefüge der deutsch-französischen Institutionen wie die Botschaften oder der Deutsch-Französische Umweltrat bei der Lösung dieser Frage keine große Rolle gespielt haben. (vgl. S. 157) Erfolg kam vor allem durch vielfältigen Kontakte auf allen Ebenen, eben die personelle Verflechtung zwischen Berlin und Paris. Lena Bendlin untersucht den “Gipfel von Kopenhagen” (2009). Ihr Untertitel “Eine defensive deutsch-französische Partnerschaft” resümiert ihr Fazit.

Als Fazit dieses Bandes dient der vierte Teil: Integration und Vertiefung. Die “Lösung der Verfassungskreise” ging nur gemeinsam: “Vom französischen “Non” zum Vertrag von Lissabon”. Barabara Kunz und Maxime Lefebvre. Interessant mit welcher Behutsamkeit hier die Autoren das Gewicht und die Kooperationsfähigkeit der beiden Partnern in schwierigen Momenten analysieren und gewichten. Dabei fällt wieder auf, wie wichtig und bestimmend immer noch das persönliche Verhältnis von Präsident und Kanzlerin ist. Marion Gaillard und Nele Wissmann sind sich nicht ganz sicher, ob der “Vertrag von Prüm” (2005) wirklich das “Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich” ist. Die Spannungen und Missverständnisse bei diesem Prozess deuten auf Verstimmungen hin, die aber von den Autoren auch wieder als normale Begleiterscheinungen im prinzipiell erfolgreichen deutsch-französischen Dialog gewertet werden. Schließlich untersuchen Clarie Demesmay, Martin Koopmann und Julien Thorel die “Möglichkeiten und Grenzen einer Werkstatt: Perspektiven der institutionellen deutsch-französischen Zusammenarbeit in der Europapolitik. Ihr Urteil: Ein Befriedigend, aber auch kein Gut. Die beiden Partner verfügen über alle gemeinsamen Voraussetzungen, aber es mangelt in der strategischen gemeinsamen Planung. (vgl. S. 219) Der hohe Grad der gemeinsamen Verflechtung oder “Verzahnung der Institutionen” stößt immer wieder an Grenzen. Der Anpassungsprozess ist nicht immer auf der Höhe der aktuellen Notwendigkeiten. “Beide wissen viel, wollen, sollten viel, sie haben gute Voraussetzungen und müssen sich aber noch viel mehr anstrengen, um ihre gemeinsame Ziele zu erreichen, ” könnte man nach der Lektüre dieses Buches für Berlin und Paris in ihr Zeugnis schreiben.

Heiner Wittmann


Auf dem Frankreich-Blog:                       www.france-blog.info
62 Artikel zum deutsch-französischen Jahr 2012/2013
Angela Merkel und François Hollande gratulieren zum 50. Jahrestag des DFJW / OFAJ
Appell der deutschen und französischen Jugend an die Politik
Appel de la Jeunesse française et allemande aux responsables politiques
Discours du Premier ministre pour les 50 ans de l’Office franco-allemand pour la jeunesse


“Diderot met notre esprit en mouvement”

french german 

[de]

Esprit de Diderot. Choix de citationLaurent Loty et Éric Vanzieleghem

Editions Hermann, Paris 2013.
ISBN : 9782705684754
180 S.

Dieser Titel ist eigentlich zu bescheiden für dieses Buch. Es stimmt, Laurent Loty und Éric Vanzieleghem legen hier eine Auswahl von Zitatent aus dem umfangreichen Werk von Denis Diderot (1713-1784) vor. Unter anderem hat er 25 Jahre seines Lebens damit verbracht, Tausende von Artikel zu verfassen, mehr als 150 Mitarbeiter anzuleiten und von 1751 bis 1772, die 28 Bände des Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers herauszubringen.

Die Überschrift des Vorwortes “Libérer les esprit, associer les idées” resümiert mit wenigen Worten die Visionen Diderots, die die beiden Heruasgeber uns mitteilen wollen. Seine Haft hat ihn dazu bewogen außer der Ezklopädie “eigentlich nichts zu seinen Lebziten zu veröffentlichen”

Loty et Vanzieleghem stellen fest: “Um diesem Preis ist der freiseste Geist seiner Zeit möglicherweise einer neuen Verhaftung entkommen. Aber diese Arbeit im Untergrund hat ihn wahrischeinlich auch der Selbstzensur entzogen und seinen Wunsch, sich direkt an die Leser zu wenden noch verstärkt. Dadurch haben wir dieses seltsame Gefühl, dasss Diderot unser Zeitgenosse und unser Freund ist.” (p. 8)

Ihre Einleitung gibt zu verstehen, dass beide Heruasgeber Spezialisten von Diderot sind. Mit ihrer Auswahl der Zitate öffnen sie eine große Tür, die Leser direkt zu seinen Werken führt und zu dem “Geist von Diderot (der) nichts von oben erhellen will, sondern sich erhellt, um seine Zietgenossen zu erhellen. Das macht er mit einem Paradox. Sein Gedanke weicht von der Orthodoxie ab und überwindet augenscheinliche Widersprüche, indem er den Standpunkt verschiebt und noch unendeckte Perspektiven aufdeckt.”

Die Herausgeber haben die Zitate in mehrere Kapitel eingeordnet von “Amours” u. a. “Grandeur”, “Mémoire”, Nature, “Passions” bis “Unité”. Die Zitate sind mehr als nur isolierte Phorismen. Sie öffenen eine Eingang und erlauben Aosszitaionen und wecken die Neugier, seine Zitate im Zusammenhang der Werke aufzufinden. Kurz, Diderot zu lesen.

Ce livre est une trés belle contribution pour le tricenteanire de Diderot qu’on fête cette année.

A cette occasion, Eric Vanzieleghem a crée un site Denis Diderot.

<< (Diderot) Pensée sur l’interprétation de la nature, 1754, S. 24.
Avec un clic, on peut ouvrir le livre.

Les portrais de Diderot sont de Béatrice Turquand d’Auzay dont les desseins illustrent aussi
Un roman de réseau de Véronique Taquin.. Ce livre propose aussi une Chronologie e la publication de l’œuvre (dates des premières parutions imprimées et non anonymes).

Heiner Wittmann


Sur France-blog:
Nachgefragt: Denis Diderot parle de l’Encyclopédie

Die politische und wirtschaftliche Zukunft Europas

Christian de Boissieu, Jean-Hervé Lorenzi,
Et si le soleil se levait à nouveau sur l’Europe ?
Paris Fayard 2013. ISBN 9782213678177

Woher kommt es eigentlich, dass europäische Politik durch die Europäer selbst immer so pessimistisch betrachtet wird? Eurokrise, wirt-schaftliche, politische Krisen. Krisen überall! Aber warum eigentlich? Folgt man den Autoren der Beiträge dieses Bandes, so besteht dazu aufgrund des Reichtums unseres Kontinents nur wenig Anlass: “Il faut résolument dénoncer une vision défaitiste et fausse de l’Europe. Son prétendu déclin n’a rien de définitif, ” steht im ersten Satz auf dem Klappentext dieses Buches. Nichts ist verloren, aber an einigen Ecken müssen wir doch schon ein wenig aufpassen.Im übigen wird nach der Lektüre dieses Bandes deutlich, außer der Euro-Krise gibt es auch an einigen anderen Stellen Anlass zu Sorge, aber nur wenn nichts geschieht. Zuallererst wollen die Autoren dieses Bandes an die Chancen und die Trümpfe unseres Kontinentes erinnern. Und das ist dringend notwendig, da aus der Politik beiderseits des Rheins wenig Visionäres zu Europa kommt. Wir Europäer wuchern nicht mit unsere n Pfründen, sondern klagen auf einen ziemlich hohen Niveau.

Die beiden Herausgeber J.-H. Lorenzi und Ch. de Boissieu bezeichnen ihr Buch als eine Herausforderung, weil ihre Autoren die Europapoliitk gegen den gewohnten Strich bürsten. Es geht nicht um einen Blick zurück, sondern sie präsentieren das Zukunftsprojekt Europa. Besteht man auf einem Rückblick, darf man sich daran erinnern, dass dieser Kontinent die Demokratie erfand, die industriellen Revolutionen lancierte und damit ein Wissen schuf, dass heute mit einer besorgniserregenden Situation fertig werden muss: “Certitudes absurdes, incertititudes profondes, incohérences tragiques et convergences nécessaires,” (S. 11) Absurd: Europäischer Anteil am BSP auf Weltniveau 5 % und damit einen Niedergang Europas als sicher darstellen. Die demographische gibt zu Sorgen Anlass, das muss Europa keineswegs von einem neuem Aufschwung abhalten. Incohérences tragiques: Man sieht den EuroO als Erfolg an und genießt Europa als erste Handlesmacht in der Welt, es gibt aber (noch) keine Regulierungsmechanismen für den Euro und Europa lernt die Haushaltsdisziplin erst langsam. Alle schlagen Lösungen vor, es gibt keine gemeinsamen Visionen. Konvergenz ist das Stichwort, dass die Autoren dieses Bandes dem üblichen europäischen Pessimismus, der für sie keine seriösen Begründung vorweisen kann, entgegensetzen wollen.

Drei Teile: I: Was wäre wenn der “Déclinisme” das Gerede vom europäischen Niedergang ein Irrtum wäre?, II. Und wenn Europa widerstehen würde? und III. Wie wäre es wenn Europa sich eine Zukunft konstruieren würde?

Um es gleich zusagen. Europa hat alle Trümpfe. 28 Mitglieder, viele von ihnen haben eine gemeinsame Währung. Statt auf gemeinsame Perspektiven und Erfolge zu pochen, versuchen die Kritiker nationale Egoismen zu wecken.

Olivier Pastré stellt uns Europa 2025 vor. 2021 haben sich Frankreich und Deutschland vereint. Sein Aufsatz ist ein echter Fahrplan auf dem Weg zu diesem Ziel, das schließlich auch eine wirklich europäische Industriepolitik ermöglicht. (> www.france-blog.info/expertenkommission-das-grundgesetz-in-deutschland-und-die-verfassung-in-frankreich, 1. April 2013) Andrew Moravcsik fragt sich, warum Europa mit einem höheren Einfluß, 2. Militärmacht nach den USA in der Welt als China nicht mehr aus seiner Situation mache. Ordnung und Frieden in Europa machen die Macht seiner Zivilgesellschaft aus, die ihresgleichen in der Welt sucht. Aber die Europäer unterschätzen sich und den Euro, weil ihnen seine Erfolge nicht bewußtgemacht werden.

Anne-Marie Slaughter berichtet über die Beziehungen Europas mit Asien, so wie Manio Shankir Aiyar seinen Beitrag mit “L’Inde, fantasme d’une menace” überschrieben hat. Masahiko Aoki berichtet aus China und Martin Ziguélé zeigt wie Europa aus afrikanischer Sicht gesehen wird: Er setzt auf den Wissenstransfer nach Afrika. Jean Pisani-Ferry erinnert daran, dass Europa schon immer eine Art Forschungsinstitut für die internationalen Beziehungen gewesen sei, in dem es alle nur denkbarne Regierungsformen ausprobiert habe. Europa habe einen Multitlateralismus entwickelt, der sogar dem der USA voraus sei. Außerdem habe sich Europa erfolgreich als globaler Regulierer betätigt, wo internationals Regeln fehlen, (Vgl. S. 81): “Aucun autre pays ou groupement de pays n’est aujourd’hui en mesure de contribuer de la même manière à la constuction de la gouvernance mondiale.” (S. 83)

Patrick Artus dringt auf mehr Wachstumspolitik, da wo sie möglich ist, im Sinne eines Strategiewechsels in der Euro-Zone, die aber möglicherweise nicht eingeleitet wird, weshalb er mit einer Fortsetzung der Zinssatzpolitik rechnet. Auf diese Weise werde die Eurokrise nicht beendet. Pascal Lamy fragt, ob der Euro überbewertet sei? Christian de Boissieu fürchtet strukturelle Defizite, wenn der FMI nicht mehr Kompetenzen erhalte, während Jean-Paul Betgbèze die Schlüsselposition der EZB hervorhebt. Will die Euro-Zone überleben, wird man um die Steuerharmonisierung nicht herumkommen, meint Alain Trannoy. Hervé LeBras erinnert an die demographischen Entwicklungen und ihre Auswirkungen in Frankreich und Deutschland. Thierry Weil et Pierre-Noël Giraud plädieren für eine Industriepolitik und erinnern an den > Rapport Gallois.

Europa muss sich auf den Weg in die Zukunft machen und seine Entwicklung aktiver in die Hand nehmen, seine Trümpfe ausnutzen und sich nicht treiben lassen. Unsere Politiker sprechen von Krisen und verwalten Europa, was ihnen aufgrund unserer vielfältigen Ressourcen gut gelingt. Sie formulieren aber keine Visionen, wo die Reise hingehen soll. Diesen Defiziten setzt Philippe Aghion die Herausforderung einer besseren Bildung in den Hochschulen und im Sekundarbereich entgegen. Diese Ausbildungsstätten sind für ihn der entscheidende Wachstumsfaktor. Philippe Trainar ist der Überzeugung, Europa muss wieder lernen, Risiken auf sich zu nehmen. Jean-Louis Georgelin erinnert an die Notwendigkeit einer koordinierten Verteidigungspolitik in Europa. Aber bisher zögern die Nationen, Souveränitätsrechte abzugeben. Die Globalisierung stellt Europa vor neue Aufgaben, die es mit der aktuellen Situation nicht beantworten kann, zugleich profitiert Europa immer noch vom Atlantischen Bündnis. Auch Hubert Védrine wendet sich mit Nachdruck gegn die Unterbewertung einer einheitlichen europäischen Außenpolitik. Eine entscheidende Perspektive für den in diesem Band geforderten Aufbruch Europas sehen Jacques Mistral und > Henrik Uterwedde im deutsch-französischen Einverständnis. Sie beschreiben in Ihrem Beitrag die gemeinsamen Iinteressen der beiden Staaten wie auch ihre unterschiedlichen Wirtschaftsvorstellungen. Zugleich skizzieren sie auch, wie beide Staaten sich annähern werden: Präsident Hollande unternimmt alles, um das Gleichgewicht der öffentlichen Finanzen wiederzuerlangen, wobei die beiden Autoren sich nicht sicher sind, ob die französischen Anstrengungen in Berlin wirklich verstanden werden. Ihr Urteil über die Maßnahmen der Regierung in Paris führt sie zu der Forderung, dass es jetzt an der Zeit sei, den deutsch-französischen Motor wieder zu starten. (Vgl. S. 230) Kemal Dervis blickt auf die Wahlen zum Eurpopaparlament im Mai 2014: “Gérer la Grande Europe.” Pierre Jaquet (“Renouer avec la ‘grande politique'”) setzte sich für einen Ausgleich zwischen nationalen und internationalen Zielen ein.

Heiner Wittmann

Jacques-Pierre Gougeon, Frankreich – Deutschland

Jacques-Pierre Gougeon,
France-Allemagne. Une union menacée? Paris :
Armand Colin 2012. 216 p.,
ISBN : 978-2200257637

Der Umschlag des Buches von Jacques-Pierre Gougeon, France-Allemagne. Une union menacée? ist mit mehr als nur ein kurzer Blick wert. Betrachten wir die beiden Flaggen, die Trikolore und die Flagge von Deutschland, beide vor dem Hintergrund mit einer eingerissenen europäischen Flagge. Sicher kann man dieses Bild ganz unterschiedliche interpretieren. Wenn wir aufmerksam den Untertitel des Buches lesen, entdecken wir das Wort Union, womit die Europäische Union gemeint ist. Wenn das Einverständnis zwischen Frankreich und Deutschland beeinträchtigt, gestört oder sonst irgendwie beeinträchtigt wird, geht es Europa nicht gut, könnte man hinzufügen. Soweit sind wir noch nicht und der Autor will nicht dramatisieren. Er analysiert die Situation beider Länder hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Leistung und ihres je eigenen Blicks auf die nationale Geschichte. Aber dieser Vergleich zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg und der Selbst-Perzeption beider Länder wie ihr Blick über den Rhein zeigen immer mehr die Probleme der Konvergenz.

Ein Blick auf die beiden Länder zusammen zeigt immer mehr den Gegensatz zwischen einem “deutschen Modell”, das die Erfolge der deutschen Wirtschaft beschreibt und dem Gefühl des Niedergangs in Frankreich, das aus einer Reihe von Kennzahlen entsteht, wie der Rückgang der Wettbewerbsfähigung und Strukturproblemen, wie u. a. die deutlich niedrigere Anzahl von mittelständischen Betrieben im Vergleich zu Deutschland, dies zeigt.

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Albert Camus, ein Philosoph?

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Web 2.0 im Fremdsprachenunterricht

Jürgen Wagner, Verena Heckmann, Hg.,
Web 2.0 im Fremdsprachenunterricht
Ein Praxisbuch für Lehrende in Schule und Hochschule
Glückstadt: Verlag Werner Hülsbusch 2012, 290 S., 22 x 15 cm, Hardcover, zahlr. Abb. (S/W)
ISBN 978-3-86488-022-3

Um es gleich zu sagen. Die Ausstattung dieses Buches, richtig gebunden, Hardcover, das nicht wellig ist, Lesebändchen, super gemacht, da kann manch ein Verlag, der seine Autoren die Druckunterlagen anfertigen lässt, echt was lernen.

Das Inhaltsverzeichnis weist diesen Band als eine gelungene Einführung in das Thema Web 2.0 im Fremdsprachenunterricht aus. Die Autoren der 35 Beiträge sind auf ihren Gebieten offenkundige Spezialisten und zusammen mit ihren Erfahrungen aus dem Unterricht in der Schule, der Lehre und Forschung in der Hochschule gelingt es ihnen, einen spannenden Überblick zum Potential des Web 2.0 im Unterricht, besonders in den Fremdsprachen zu vermitteln. Web 2.0 steht für das Mitmach-Web, wie die beiden Herausgeber, diese schon bald seit zehn Jahren übliche Bezeichnung für das partizipative Internet sachgerecht definieren.

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Der Einfluss der digitalen Welt auf unsere Gesellschaften

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Die digitale Welt – Gibt es bald keine Bücher mehr?

François Bon
après le livre
Paris: Seuil, 2011.
275 S.
ISBN 978.2.02.105534.4

Ein spannendes Buch. François Bon beschreibt den Übergang zum digitalen Buch oder Informationsträger. Man kann sich seiner Passion kaum entziehen. Sein letzte Satz “Nous sommes déjà après le livre,” duldet keinen Widerspruch, nachdem er im vorhergehenden Paragraphen erklärt hat, dass es wichtig sei, zu verstehen, dass der Beginn dieser Entwicklung, die noch im Anfangsstadium steckt genauso irreversibel und total wie ähnliche Entwicklung durch alle früheren Veränderungen des Schreibens und aller Formen des Lesens eingeleitet worden seien. (vgl. S. 270) Und auf der vorhergenenden Seite stellt Bon fest: “Nous venons d’être projetés dans un monde mouvant. Il s’ouvre tout juste.” Er ist seiner Zeit wirklich voraus. Wenn Studenten heute ihre Seminararbeiten oder ihre Abschlussarbeiten ohen ein Buch schreiben könnten, müsste man Bons apodiktischen Behauptungen noch mehr oder überhaupt Glauben schenken. Solange aber das Internet z.B. bei literaturwissenschaftlichen Arbeiten überhaupt nicht hilft, sondern allenfalls die Ergänzung eine Bibliographie beschleunigt, ohne trotz der Vielfalt im Netz wirklich zu ihrer Vollständigkeit beitragen zu können, möchte man Bons Begeisterung noch nicht so recht teilen.

Lässt man sich aber auf Bons Argumente ein, ergibt sich ein anderes interessantes Bild, und es loht sich, seine Anmerkungen genauer zu lesen. Um es gleich zu sagen, die etwa 40 Abschnitte seines Buches sind möglicherwiese als kürzere oder längere Blogbeiträge entstanden. Ein Buch mit einer traditionellen Kapiteleinteilung könnnte sein Anliegen noch mehr verdeutlichen. So geht sein so interessanter literatur- und Buch – oder editionshistorische Ansatz zwischen einer gewissen Unordung zwar nicht verloren, aber er wird leider etwas unscharf.

Die Veränderung, die wir erleben, ist für ihn unwiderruflich und hat längst begonnen. Es geht um das Schreiben: “Accorder son traitement de texte,” rät er seinem Leser und gibt zu erkennen, wie jeder Schreibprozess mit all seinen Erscheinungsformen und Formatierungen das Lesen beeinflusst. Lesen und das Schreiben gehört zu seinen Themen. Sein Anfang ist geschickt gewählt. Folglich ist auch das Lesen am Bildschirm etwas anderes als das Lesen einer Buchseite. Und er weiß auch, dass eine Liseuse auch mit einem dicken Buch ausgerüstet keinen dicken Buchrücken hat. Und das stört uns. (S. 25) Selbst das digitale Buch ist für Bon nur ein Übergang. IPad und PC, das Schreiben ändert sich, aber er bleibt dabei: “le corps écrit.”

Und dann erwähnt er die Menge der Websites, die Domainenamen, die er mehr oder weniger besitzt, und was er in den letzten 15 Jahren dort erlebt hat. Die Vielfalt erklärt er mit den Fleurs du Mal, dem Gedichtband Baudelaires, von dessen Editionen er eine ganze Bibliothek besitzt: Für Bon war das immer nur ein Buch. Nebenbei berichtet Bon über seine Erfahrungen im Web. “Nouvel axiome Web:” Je mehr Türen (Links) sich nach außen öffnen, um so häufiger kommen die Besucher wieder. Und er lässt erkennen, dass man das Internet nur verstehen kann, wenn man am besten alles ausprobiert. Kaum ein Produkt ist in technischer Hinsicht so sophistiqué wie das moderne Buch. Vergleicht man damit das eigene Schreiben und das interne Chaos auf der häuslichen Festplatte, kann man gar nicht glauben, dass Bon, glaubt, wir hätten das Buch bald überwunden.

Bons literaturgeschichtlicher Exkurs z. B. über Balzacs Editionsarbeit ziegt, dass es schon zu Zeiten des Autors der Comédie humaine tiefgreifende Veränderungen des Schreibprozesses und folglich auch der Vermarktung von Literatur gegeben hat. Und mit seiner Druckerei ist > Balzac gescheitert, aber mit seiner Vermarktung in Richtung von Abonnements war er wegweisend. (S. 119). Bon weiß, dass die Lektürgewohnheiten das Schrieben beeinflussen und sich besonders zugunsten der kurzen Form auswirken. (Das sieht man an seinem Inhaltsverzeichnis.).

Zugegeben, auch bei langen Zeitungsaufsätzen, teilen wir uns mit einem Blick den Lesestoff ein. (S. 132) Heute: “La lecture aujourd’hui pass par un cadre et non plus un volume,” (S. 146) schreibt Bon und meint damit alle Anfeindungen, die die Lektüre am Bildschirm stören. Au revoir, la concentration. Kann da noch der kleine Rahmen der persönlichen Bibliothek reichen, wenn der weltweite Internet-Rahmen so groß ist? Und wer kann sich dem meschlichen Abenteuer Wikipedia noch entziehen? (S. 147) – Nun, die schiere Masse ist eine Perspektive aber noch keine Lösung für literaturwissenschaftliche Hausarbeiten. Was für Bon folgt, ist eine andere Art des Denkens, eine andere Art des Gehens. Immerhin. Er empfiehlt, die eigenen Gewohnheiten zu überprüfen und auf die Konzentration zu achten. Wie viel unnütze Zeit vertut ein Student beim Surfen in der Hoffnung, etwas für seine Seminararbeit zu finden. Bons Erklärungen, wie in der Entwicklung zum Buch die Seite entstand, wie der Titel, die Kapiteleinteilung und schließlich der Begriff des Autors im XVII. Jh. entstand (S. 183), sind richtig spannend und lehrreich. Mit Rabelais kennt sich Bon so gut aus! Das verführt zum Lesen von Rabelais. Eine andere Kapiteleinteilung hätte der Lektor Bon doch empfehlen müssen! Bei der Daumenprobe in der Buchhandlung verrät das Inhaltsverzeichnis eher wenig über den “Plan” seines Buches. Und dann gibt es all diejenigen, die beim Thema Web immer sagen: “Dazu habe ich keine Zeit,” – “mettre les mains dans le cambouis pour se faire un site,” antwortet Bon ihnen und erklärt ihnen was das Teilen im Netz bedeutet. Bons Abneigung gegen das Telefonieren ist seine persönliche Marrotte. Soit. – “… le Web est notre livre – une construction,” (S. 201) das wäre ein Leben im Web, in der Hoffnung, dort das ganze soziale Leben wiederzufinden. Man kann da ganz schöne alleine sein, wenn nicht das macht, was die anderen auch alle machen. Manche gehen in die Bibliothek um dort zu lesen, zu arbeiten, orditer. Mit dem PC ist man immer weniger allein, meint Bon und vergleicht das PC-und Internetarbeiten mit dem Leben in einer Stadt. Bibliotheken sind nicht her nur Orte, wo Inhalte gehütet werden, sondern sie sind zu Orten geworden, wo diese Inhalte intelligent verteilt werden. Das ist ein interessanter Gedanke, den man weiterverfolgen sollte. Wie gestaltet sich das Verhältnis von Bibliothek und Internet? Eine Wechselwirkung?
> Vergrößert sich dafür in der Bibliothek die Distanz zu den Büchern?

Die neue Stadtbibliothek in Stuttgart

Den Tontafeln und das Lesetablett ist ein langes Kapitel gewidmet. Und ein letztes Kapitel gilt den Spuren, die der Autor bei der Erarbeitung seines Textes hinterlässt. Gibt es noch Brouillons? Oder nur noch das Online-Schreiben? Das digitale Werk zerstört die Grenze zwischen dem Objekt Buch und dem Lesevorgang, jedes brouillon ist ein Appell an den Leser.

Facebook, Website, Twitter und das Blog, Timeline, jeder schreibt “sans constitution symbolique de l’écrivain” (S. 261) Gar nicht sicher, dass die Schriftsteller dabei viel verlieren werden. Die digitale Welt verändert die Art und Weise, wie wir die Welt perzipieren. Ob sie sich dadurch wirklich auch verändert, darf man sich auch weiterhin fragen.

Stimmt das alles? Es ist zumindest etwas dran. Seine riesige Bibliothek, die Bon in allen Einzelheiten beschreibt, wie Un Voyage autour de ma chambre zugleich mit seiner Vorliebe, auf Lesetabletts aller Art zu lesen, zeigt, wie er sich trotz seiner enormen Bücherstapel zu Hause von der digitalen Welt beeindrucken lässt. Und der Literaturstudent von heute? Was hat er vom Internet zugunsten seiner Seminararbeit? Zeitgewinn oder eher mehr Zeitverlust?

Heiner Wittmann

 

Eine neue Biogaphie über Machiavelli?

Reinhardt, Volker
Machiavelli oder Die Kunst der Macht
Eine Biographie

München: C.H.BECK, 2012.
400 S., mit 15 Abbildungen und 1 Karte. Gebunden

Der Buchrücken wirbt mit dem Text: „Volker Reinhardt legt mit diesem Buch die erste Biographie über Machiavelli seit Jahrzehnten vor. […] Das Ergebnis ist ein neues Bild von Machiavelli: hinter dem illusionslosen Zyniker verbirgt sich ein Idalist, der an die perfekte Republik und das gute Leben glaubt. Gerade dieser Machiavelli hat uns bis heute etwas zu sagen.“ Möglicherweise hat die Werbeabteilung des Verlags das Buch ihres Autors nicht richtig gelesen. Reinhardt hat keine „Biographie“ vorgelegt, sondern er resümiert vor allem die Legationsberichte Machiavellis, einige Passagen aus seinem Büchlein über den Fürsten, einige ausgewählte Passagen aus den Discorsi, und er entdeckt nebenbei, dass Machiavelli auch Dichter und Komödienschreiber war. Dazu kommen noch Zitate aus seiner Korrespondenz, die dieses Buch zu einer politischen Geschichte Florenz und Italiens von ca. 1480 bis 1527 machen, in der auch einige Lebensstationen Machiavellis genannt wird.

Im Prolog „Der Provokateur“ wird Machiavelli zum „Missionar im Spöttergewand“ (S. 11) und verkündet „Wahrheiten […] seiner Zeit“. Reinhardt zitiert einige ausgesuchte, – und aus dem Zusammenhang irgendwoher – entnommene Sätze wie „Erfolg ist das Maß aller Dinge,“ oder „Der vollendete Politiker muss nicht nur skrupellos vorgehen, sondern auch betrügen und Verträge brechen können.“ (S. 11-13) Es gibt keine Anmerkungen zu diesen Zitaten, Reinhardt kommentiert sie knapp und bestätigt so auf leichte und eingängige Weise, was alle schon immer über Machiavelli wussten, wofür sein Name steht, wie der Satz „In der Politik erweisen sich die Regeln der verbürgten Macht nicht nur als untauglich, sondern geradezu als kontraproduktiv.“ Reinhardt hält das an dieser Stelle Belege nicht für notwendig. Er bestätigt nur das traditionelle Machiavelli-Bild. Nichts Neues, ganz im Gegensatz zu dem eingangs zitierten Werbetext.

Machiavelli wird am 28. Mai 1498 vom Rat der Achtzig zum Sekretär der Florentinischen Regierung und zum Chef der Zweiten Kanzlei gewählt. Zu Recht darf man sich wie der Autor wundern, wieso ein nahezu Unbekannter im Alter von 29 Jahren diese ehrenvolle Aufgabe erhält, wenn man nicht vorher die Untersuchung der Tagebücher von seinem Vater Bernardo Machiavelli zur Kenntnis genommen hat: Catherine Atkinson, Debts, Dowries, Donkeys. The Diary of Niccolò Machiavellis’s Father, Messer Bernardo, in Quattrocento Florence, Reihe Dialoghi/Dialogues, hg. v. D. Hoeges, Bd. 5., Frankfurt/Peter Lang 2002.

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Vom Übersetzen zum Simultandolmetschen

Roger Willemsen (1955-2016) beginnt das Vorwort mit dem Satz “Dolmetscher sind Höhlenmenschen,” und meint damit, man sehe sie selten, weil sie im Hintergrund oder im Verborgenen arbeiten. In Wirklichkeit sind sie aber “Zöllner und Mittler”, die uns beim Grenzübertritt helfen. Und er weiß, dass Übersetzer und Dolmetscher unseren “kostbarsten Rohstoff” behandeln” “Kommunikation und Vielsprachigkeit”.

Jetzt hat Jürgen Stähle, seit 1982 Inhaber von Stähle
Internationale Kommunikation in Stuttgart, bekannt durch seine Dolmetschertätigkeit mit Schwerpunkt Fernsehen, ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis für “herausragende Simultanübersetzungen im Fernsehen”, eine ausführliche Beschreibung seines Berufsbildes vorgelegt. Von wegen Höhlenmensch!

Zuerst geht es um die historische Einordnung seines Berufs, die feinen Unterschiede zwischen Übersetzen und Dolmetschen und schließlich das Entstehen des Beurfs des Simultandolmetschers mit den Abgrenzungen zum Konferenzdolmetscher. Übersetzen ist Entscheiden heisst es im ersten Leitsatz. Aber Simultandolmetschen steigert die Ansprüche und verlangt schnellere, blitzschnelle Entscheidungen, sagt der 2. Leitsatz. Schließlich ist Übersetzen aber auch Interpretieren, wie der 3. Leitsatz betont. Es geht nie um ein bloßes Umkodieren. Der Simultandolmetscher kann sich nicht einfach hinsetzen, und das Gehörte in einer anderen Sprache ausdrücken. Ein Teil der Übersetzungsarbeit findet vorher statt, wie es der 4. Leitsatz andeutet: Kein Übersetzen ohne Wissen und Verstehen und verweist auf die zwingend notwendige Vorbereitung für einen “Einsatz”.

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