Bibiographie: Neue Bücher zur Geschichte


Am Mittwoch, 23. April 2008 wurde das deutsch-französische Geschichtsbuch im Rahmen einer Feierstunde im Großen Saal der Sorbonne in Paris von Bildungsminister Xavier Ducros und vom Bevollmächtigten für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit und Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, vorgestellt.


 Dialoghi / Dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs

Herausgeber: Dirk Hoeges – Band 8 und 9 sind erschienen
Dirk Hoeges, Niccolò Machiavelli. Dichter – Poeta. Mit sämtlichen Gedichten, deutsch/italienisch. Con tutte le poesie, tedesco/italiano, Frankfurt/M. u.a. 2006.   Peter Lang Verlag www.dirk-hoeges.de


Catherine Atkinson, Inventing Inventors in Renaissance Europe Polydore Vergil’s ‚De inventoribus rerum‘

Trotz der Bedeutung von Polydor Vergils enzyklopädischem Erfinder-Werk (De inventoribus rerum, Venedig 1499 und Basel 1521) hat sich die Humanismusforschung des Werks bislang nur zögerlich angenommen. Erstmals ist das gesamte Werk (Bücher I-VIII) nun Gegenstand einer eingehenden Untersuchung. Catherine Atkinson gibt Einblick in die Arbeitsweise des aus Urbino stammenden italienischen Humanisten. Ideenreich und unter Verwendung des in der antiken Literatur überlieferten Inventor-Topos verfaßte Vergil eine prototypische Kulturgeschichte (Bücher I-III). In dieser Lobpreisung der kulturschaffenden menschlichen Erfindungsgabe verzeichnet der Autor alle „Erfindungen“ seit der Schöpfung (alle Künste, Wissenschaften und Institutionen) und ordnet sie in einem erweiterten „ordo artium“ an. Ferner unternimmt der in England lebende Kurialer und Priester – am Vorabend der Reformation – eine Analyse der Institution Kirche. Er geht dem Ursprung, der Entstehung und damit der Legitimation ihrer Riten, Liturgie und Ämter nach und vergleicht sie mit religiösen Praktiken der Antike, womit er die Singularität der christlichen Religion hinterfragt. Die Autorin stellt Vergils Werk in ideengeschichtlicher, wissenschaftsgeschichtlicher und rezeptionsgeschichtlicher Perspektive dar und bietet eine diachronische Untersuchung des Begriffes „inventio“ sowie ein biographisches Kapitel über den Autor. Verlagstext

> Mohr Siebeck, 2007. XIII, 325 Seiten ( Spätmittelalter, Humanismus, Reformation / Studies in the Late Middle Ages, Humanism and the Reformation / 33).

ISBN 978-3-16-149187-0

> Polydore Vergil


Ekkehard Eickhoff
Venedig – Spätes Feuerwerk
Glanz und Untergang der Republik – 1700 – 1797
2. Auflage Klett-Cotta

 Leseprobe

Von der Macht zum Mythos – die kulturelle Glanzzeit Venedigs

Glücksspieler und Abenteurer, Adlige, Künstler und Kurtisanen zieht es immer wieder in die Stadt der Masken. Ein Leben voll extravaganter Lustbarkeiten und intellektueller Höhenflüge erwartet sie. In diesem fulminanten Meisterwerk wird die kulturelle Glanzzeit Venedigs zu neuem Leben erweckt.
Ekkehard Eickhoff läßt die Venezianer und ihr europäisches Publikum noch einmal auf ihrer »großen Bühne von Marmor und Wasser, schattigen Gassen und lichten Plätzen« tanzen.


Deutsch-französisches Geschichtsbuch „Histoire/Geschichte“

Die Verlage Ernst Klett (Stuttgart/Leipzig) und Nathan (Paris) bringen das gemeinsame Geschichtsbuch heraus: „Histoire/Geschichte – Europa und die Welt seit 1945“.

Zum 40. Jahrestag des Elysée-Vertrages schlug das deutsch-französische Jugendparlament im Jahr 2003 vor, ein gemeinsames Geschichtsbuch zu entwickeln. Die Regierungen beider Länder haben das Projekt auf den Weg gebracht, das von den Verlagen Ernst Klett (Stuttgart/Leipzig) und Nathan (Paris) realisiert wird. Peter Müller, Ministerpräsident des Saarlandes und Bevollmächtigter der Bundesrepublik Deutschland für kulturelle Angelegenheiten im Rahmen des Vertrages über die deutsch-französische Zusammenarbeit unterstützte das Projekt maßgeblich.

„Wir blicken auf eineinhalb hoch spannende Jahre zurück. Als der Klett Verlag sich zusammen mit Nathan Anfang 2005 um das Projekt zur Erstellung eines gemeinsamen Geschichtsbuchs bewarb, wussten wir noch gar nicht, was uns erwartet. Wir wussten aber, dass dieses Projekt ein sehr wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der deutsch-französischen Beziehung sein wird“, berichtet der Verleger Dr. h.c. Michael Klett am 10. Juli auf einer Pressekonferenz in Saarbrücken.

Druckbeginn des Geschichtsbuches

Inhaltlich identisch ist das gemeinsame Geschichtsbuch auf Französisch oder auf Deutsch erhältlich. Eine Expertenkommission hat eine Lehrplansynopse gebildet, damit das Buch auf die Anforderungen beider Nationen und aller Bundesländer zugeschnitten werden konnte – ein revolutionäres Unterfangen, denn gewöhnlich müssen in Deutschland für jedes Schulfach mehrere Regionalausgaben verfasst werden, die von jedem einzelnen Kultusministerium zu genehmigen sind. Klett Gruppe

Deutsche Ausgabe: Histoire/Geschichte – Europa und die Welt seit 1945
Seitenzahl: 336 Seiten, Preis: 25,00 €, ISBN: 3-12-416510-1
Ernst Klett Schulbuchverlag, Leipzig/Stuttgart

Französische Ausgabe: Histoire/Geschichte – L´Europe et le monde depuis 1945
336 Seiten plus CD-ROM BAC, Preis: 26,00 €, ISBN: 2-09-172790-3
Edition Nathan, Paris

Links:

Manuel d’histoire commun franco-allemand Wikipedia
Histoire/Geschichte Wikipedia

Deutsch-französisches Geschichtsbuch jetzt auch in Deutschland erschienen
Website der französischen Botschaft in Deutschland

Deutschland/Frankreich: Neue Sicht auf alte Nachbarn
Ein Gespräch mit dem Herausgeber Geter Geiss und Birgitta Mogge-Stubbe.
Rheinischer Merkur 20.7.2006


Sens public est une revue électronique internationale
http://www.sens-public.org.
Celle-ci compte aujourd’hui des rédactions en Italie,
Slovaquie et République Tchèque, mais aussi en Amérique latine (Brésil, Colombie). Elle dispose de correspondants autrichiens, allemands, britanniques et roumains, en Chine et au Japon, ainsi qu’aux USA. Créée voici trois ans, la revue a publié plus de 3500 pages à fort contenu de réflexion, pluridisciplinaire et internationale.


Sartre and Camus. A Historic Confrontation.
Ed. and translated by David A. Sprintzen and Adrian van den Hoven,
Humanity Books, an imprint of Prometheus Books,
New York 2003.
ISBN 1-59102-157-X

Der Band enthält englische Übersetzungen der Rezension von L’homme révolté (Francis Jeanson) in Les Temps Modernes und die Artikel mit denen Camus und Sartre ihren Streit öffentlich führten.        Rezension


Deutsch-Französisches Institut (dfi) (Hrsg.)
Frankreich Jahrbuch 2005. Bildungspolitik im Wandel
Mit Beiträgen von Hendrik Uterwedde, Frank Baasner, Georges Leyenberger, Werner Zettelmeier, Philippe Bongrand, Albert Hamm, Dieter Leonhard, Guy Haug, Albrecht Sonntag, Wolfgang Hörner, Alfred Grosser, Céline Caro, Dietmar Hüser, Peter Kuon
2006. 310 S. mit 8 Abb. u. 16 Tab. Br. EUR 34,90
ISBN 3-531-14923-7 Buchinformation und Bestellzettel

Rezension


Ingo Kolboom • Roberto Mann .

Akadien: ein französischer Traum in Amerika
Vier Jahrhunderte Geschichte und Literatur der Akadier

Mit Gastbeiträgen von Maurice Basque, Sandra Eulitz, Jacques Gauthier, Ingrid Neumann-Holzschuh und Thomas Scheufler sowie einer CD-ROM mit Materialien und Dokumenten und einer DVD mit dem Film Die Akadier – Odyssee eines Volkes von Eva und Georg Bense. Heidelberg 2005, XXVI u. 1014 Seiten, zahlr. Abb. u. Karten, Hardcover, Fadenheftung, € 58,80 ISBN 3-935025-54-8

Gilles Floret    Jetzt vollständig hier zum Download.
La Nausée dans la poésie est-allemande entre 1980 et 1989.
Deux figures exemplaires: Hans-Eckardt Wenzel & Steffen Mensching, Nancy 1993.


Heiner Wittmann, Die deutsch-französischen Beziehungen aus Verlagssicht
Hier als Download.
in : „Zwei europäische Völker und ihre Identitäten im Wandel. 50 Jahre deutsch-französische Beziehungen im Prisma des Carolus-Magnus-Kreises„, hrsg. von H.-G, Egelhoff und L. Rüstow unter Mitarbeit von R. Pfromm und C. Theiß. Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum des Carolus-Magnus-Kreises, 2004. ISBN 3-00-014330-0

Die deutsch-französischen Beziehungen aus Verlagssicht Linkliste


Hoeges, Dirk
Niccolò Machiavelli, Die Macht und der Schein,
C.H. Beck, München 2000.

—-, (Hrsg.), Frauen der italienischen Renaissance. Dichterin – Malerin – Komponistin – Herrscherin – Mäzenatin – Ordensgründerin – Kurtisane
2., überarbeitete und ergänzte Auflage.
Reihe Dialoghi / Dialogues   Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs,
Band 4., Peter Lang, Frankfurt/M., u.a., 2001. 358 S., 89.00 DM
ISBN 3-631-36753-8.


Pulman - Anthropologie et psychanalyse

Bertrand Pulman
Anthropologie et Psychanalyse. Malinowski contre Freud

Presses Universitaires de France, Paris 2002.
Coll “ Sociologie d’aujourd’hui „,
235 pages. Bibliographie      Links zumThema dieses Buches

Entre 1915 et 1918, Bronislaw Malinowski a mené une enquête aux îles Trobriand en Mélanésie. Au terme de ce séjour, considéré comme l’un des moments fondateurs de l’anthropologie moderne, Malinowski s’est engagé dans un débat critique avec la psychanalyse. => suite

Sartre und die Freiheit

Eros der Freiheit lautet der Titel des Plädoyers für eine radikale Aufklärung, die Ulrike Ackermann bei Klett-Cotta vorgelegt hat. Das Buch behandelt die historische Entwicklung der Freiheit und legt auf diese Weise auf knappem Raum eine politische Ideengeschichte vor, die auch Studenten wie auch Schülern interessante Anregungen auf lesenswerte Bücher nahe legt. Ihre Hauptthese, die ich auf dem Blog von Klett-Cotta vorstelle, dass die Freiheit mit ihrem Dilemma der Sehnsucht nach ihr und zugleich mit der Angst vor der Freiheit ringt, hat sie mit ausgewählten Zitaten der maßgeblichen Denker eindrucksvoll belegt.

Eine Lücke in ihrem Buch gibt Anlass nachzufragen. Es ist erstaunlich, dass sie in ihrer Darstellung an keiner Stelle die Überlegungen Sartres zu Freiheit auch nur streift. Sartre, der 1943 seine Untersuchung zur menschlichen Freiheit als eine ontologische Phänomenologie unter dem Titel Das Sein und das Nichts vorlegte, kommt bei ihr nicht vor. Ackermanns Hauptthese der Widersprüche, die der Freiheit inhärent seien und die zum Guten wie zum Bösen führen können, korrespondiert auf den ersten Blick nicht unbedingt mit Sartres Anspruch einer absoluten Freiheit, die den Menschen immer wieder vor eine Wahl stellt, für die er aber selber eine Verantwortung trägt. Ulrike Ackermann konzentriert ihre Darstellung auf die Entwicklung der Freiheit durch die Jahrhunderte, während Sartre die Freiheit des Menschen auf einer philosophischen Ebene von allen Seiten durchleuchtet.

Sartres Überlegungen zur Freiheit sind aber umso bedeutender, als er auf ihrem Hintergrund den Marxismus und auch die Psychoanalyse untersucht hat. Zunächst hat er die Verbindung zwischen diesen beiden Ansätzen theoretisch analysiert, danach mit einem praktischen Ansatz in seiner > Mallarmé-Studie evaluiert und beide aufgrund ungenügender theoretischer Grundlagen verworfen. Die Psychoanalyse kritisiert er, er der das Drehbuch zu Jean Hustons Film über Freud verfasst hat, weil für ihn das Unbewusste immer ein „Bewusstsein von etwas sei“, und dem Marxismus warf er eine „fehlende menschliche Dimension“ (Sartre, Fragen der Methode, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 194 et cf. passim) vor. Sein Engagement auf der Seite vieler linken Gruppierungen machte ihn für die Rechten suspekt, als Intellektueller wahrte er dennoch zu allen -ismen eine kritische Distanz und schrieb zahlreiche Künstlerporträts, um den unbedingten Anspruch der Freiheit zu illustrieren.

Bleibt immer noch die Frage, ob in dem Band von Ulrike Ackermann etwas fehlt, wenn Sartre nicht genannt wird? Jeder blättert ein neues Buch durch, schaut in das Literaturverzeichnis und stutzt, wenn die ihm vertrauten Werke dort fehlen. Ackermanns Ansatz aus der Geschichte der Freiheit eine Erinnerung an ihre Chancen und ihre Gefahren, die auch Angst machen, herzuleiten, benötigt nicht unbedingt Bezüge zum Werk Sartres. Wenn es aber darum geht, die Freiheit des Menschen als eine conditio sine qua non seiner Entwicklung darzustellen, darf eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts eigentlich nicht fehlen.

Sartre begründet mit dem für ihn absoluten Freiheitsanspruch des Menschen die Unabhängigkeit von allen Ideologien, die Warnung vor Totalitarismen jeder Art sowie die Fähigkeit des Künstlers etwas neues schaffen zu können. Bedenkt man aber, dass Sartre bei der Untersuchung der Freiheit, ihre beiden Seiten, ihre Chancen wie auch die Angst des Menschen vor ihr en détail analysiert: „…die meiste Zeit flieht er vor der Angst in die Unaufrichtigkeit,“ (Sarte, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, übersetzt von Hans Schöneberg und Traugott König, Reinbek bei Hamburg, 1991, S. 642) nennt, dann darf man doch zu der Meinung tendieren, dass Sartre im Band von Ulrike Ackermann nicht fehlen dürfte.

Heiner Wittmann
Ackermann, Ulrike, Eros der Freiheit. Für eine radikale Aufklärung
Klett-Cotta, 1. Aufl. 2008, 168 Seiten
ISBN: 978-3-608-94305-4

Eine Rekonstruktion der Denkwege Wittgensteins

Fabian Goppelsröder,
Zwischen Sagen und Zeigen. Wittgensteins Weg von der literarischen zur dichtenden Philosophie,
transcript Verlag, Bielefeld 2007.
168 S., kart., 18,80 € ISBN: 978-3-89942-764-6

Dieser Band legt eine knappe und einleuchtende Einführung in die Philosophie Ludwig Wittgensteins (1889-1951) vor. Es geht um seine philosophischen Grundsätze und um ihre Form, deren werkimmanente Bedeutung über seine rein philosophischen Argumente hinausragt. Auf diese Weise wird ein literarisch-poetischer Ansatz seines Werkes erkennbar, der sein eigentliches Werk eigentlich erst jenseits des Gesagten entfaltet. Verfolgt man die Entwicklung dieser Ankündigung in dem vorliegenden Buch, verspricht der Autor eine Einsicht in die „philosophische (Überzeugungs-) Kraft Wittgensteins, die nicht allein in seinen Argumenten zu suchen ist. Trotz den zwei deutlich voneinander getrennte Werkphasen will der Autor in seinem Buch das Vermögen, Kunstwerke angemessen wahrzunehmen, die Aisthesis nutzen, um den philosophischen Denkweg Wittgenstein darzustellen.

Es gibt im Werk Wittgensteins kein „abstrakt reduzierbares Denkgebäude“ (S. 7) stellt der Autor in seiner Vorbemerkung fest. Wenn nun berechtiger- und notwendigerweise nach einer Form für sein Werk gesucht wird, macht sich der Autor nach eigenem Bekunden eher widerwillig auf den Weg einer „Allgemeinheit ihrer Thesen zielenden Vorgehensweise“ (S. 7) Der Autor umgeht aber mögliche Klippen durch eine chronologisch an den Wittgenstein’schen Texten entlang geführte Darstellung, in die er „Zwischenglieder“ einfügt. In diesem Zusammenhang verweist der Autor auf den umfangreichen Anmerkungsapparat, in dem wichtige Beziehungen zu anderen Denkern untersucht werden. Das Kapitel über das Palais Stonborough in Wien nutzt der Autor geschickt als „eine Art Folie“, die die späteren philosophischen Probleme bereits erkennbar werden läßt.

Die Teilung des Werks Wittgenstein in zwei Teile – auf die „logische Idealsprache der Frühphase“ und der „linearen Denkweise“ des Tractatus folgt die täglich Umgangssprache und die „aossoziative, nur in Paragraphen geordnete“ Denkweise der Philosophischen Untersuchungen (S. 9) -, wird vom Autor als revisi-onsbedürftig dargestellt. Offenkundig diente diese Einteilung bisher oft als Versuch, sich dem Gedankengebäude Wittgensteins zu nähern. Allerdings hat Wittgenstein selbst die Beziehungen zwischen seinen Hauptwerken betont. Neben den inhaltlichen und formalen Erwägungen gilt es nun einen Weg zu finden, der den literarischen Charakter seines Werkes berücksichtigt. Der Autor, der diesem folgt, stellt dem Leser in Aussicht, daßss so nicht nur seine Philosophie sondern sein Philosophieren aufgedeckt wird. Dieser Ansatz eröffnet dem Autor den Weg, die Brüche und die Kontinuitäten im Werk Wittgensteins in einen Zusammenhang zu stellen.

Der Autor weiß sich zu Recht auf der sicheren Seite, da Wittgenstein im Vorwort des Tractatus logico-philosophicus (1921) sein Werk nicht als ein Lehrbuch bezeichnet, sondern vom Leser Vergnügen erwartet und nur Verständnis von den Lesern erwartet, die Ähnliches schon einmal gedacht haben. Für Goppelsröder ist der Tractatus auch ein literarisches Werk und damit auch als „Manifest einer neuen Philosophie“ (S. 17). Das Kapitel mit einigen wenigen biographischen Angaben zum Werdegang Wittgensteins „Von der Mathematik zur Logik – vom Paradox zur Philosophie“ erklärt einleuchtend die Grundlagen des Tractatus, dessen erster Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist,“ lautet.
Das zentrale Kapitel behandelt die „Ethnologische Wende am Leitfaden der Poesie“.

„Sprachphilosophie und Wahrnehmung“ sind die Stichwörter für die späte Philosophie Wittgensteins, die auf die Folgen aus der „,ethnologisch-poetischen Wende‘ seines Denkens“ (S. 63) zielt, wobei das Sprachspiel als Modell verstanden wird, das eine Entdeckung der Sprache mittels der Nennung nicht rational definierbarer Zusammenhänge nachzuvollziehen versucht, indem das philosophische Thema auf dem Umweg über die Infragestellung des Gewohnten erreicht werden soll. Schließlich ist „Wittgensteins eigene philosophische Praxis“ das Thema des letzten Kapitels, das die „Radikalisierung der litera-rischen zur dichtenden Philosophie“ darstellt.

Dem Autor dieses Bandes ist eine sehr lesenswerte Einführung in das Werk Wittgensteins gelungen, indem er die sprachlichen Schwierigkeiten des Tracta-us und der Philosophischen Untersuchungen keinesfalls etwa als schwierig oder gar obskur dargestellt hat, sondern ihren literarischen Anspruch aufgegriffen hat und den mit ihr verbundenen philosophischen Ideen einleuchtend dargestellt hat. Sein Kapitel über „Wittgenstein als Architekt“ ist viel mehr als nur ein dem Leser in der Einleitung versprochene Ruhepol, denn als eine praktische Interpretation des Zusammenhangs von „Sagen und Zeigen“ zu verstehen. Der Autor greift die Zweiteilung des Werkes wieder auf, aber nicht unter dem Aspekt der Trennung, sondern als eine Entwicklung, die an vielen Grundsätze, die den Bau des Hauses in der Kundmanngasse mitbestimmt haben, abzulesen sind. Archiktektur stellt in ihrer materiellen Form alle gegenseitigen Verweise und Abhängigkeiten vor, sie wird zu einer Geste, und der Autor kündigt nebenbei wenn auch indirekt sein nächstes Buch an.

„Das Sprachspiel ist nicht Resultat wissenschaftlichen Kommunizierens, (…) es ist ein Modell (…) welches sich (…) in die Situation hinein überwindet.“(S. 63) Die folgenden Kapitel zeigen die praktischen Seiten der Philosophie Wittgen-steins und nehmen ihr viel von dem Image schwer durchdringbar zu sein. Goppelsröders Art, die Entwicklung der Sprachphilosophie Wittgensteins mit verständlichen Beispielen zu illustrieren, zeigt auch, wie sich Wittgensteins Wunsch, seine Philosophie möge Vergnügen bereiten, hier erfüllen läßt. Aber gerade mit der Sprache zeigt der Autor, daß Wittgenstein die Unterscheidung von Sagen und Zeigen im Sinne der „gerahmten Wahrnehmung“ in den Philosophischen Untersuchungen keineswegs aufgibt, sondern sie um angemessene Aspektwechsel erweitert und so das Unaussprechbare thematisieren kann.

Es ist hier völlig unangemessen, diese gedrängte Einführung, die den Leser mit sicherer Hand durch das Labyrinth des Wittgenstein’schen Denkens lenkt, resümieren zu wollen. Mein kurzer Text geriet viel länger, weil die Kapitel des hier zu besprechenden Bandes so ausdrücklich zur genauen Lektüre einladen, die wiederum zur Lektüre von Wittgenstein selbst verführen. Das besondere Verdienst des Autors, der hier nicht ein einziges oder gar nur ein Spezialthema der Philosophie Wittgensteins aufgegriffen hat, eine Untersuchung vorgelegt zu haben, mit der es ihm gelingt, auf spannende Weise die Philosophie Wittgensteins vorzustellen, sollte auch Literaturwissenschaftler dazu bewegen, über den Rand ihrer Disziplin einmal hinauszuschauen.

Heiner Wittmann

Fabian Goppelsröder studiert Philosophie und Geschichte in Berlin und Paris. Zur Zeit arbeitet er an einer Dissertation in Stanford (CA). Er ist Herausgeber von Wittgensteinkunst. Annäherungen an ein Philosophie und ihr Unsagbares, diaphanes Verlag, Berlin 2006.